Monatliche Reihe des Stadtarchivs - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte
Stadtarchiv
Das „Schaufenster Stadtgeschichte“ präsentiert einmal im Monat ein besonderes Dokument oder Objekt aus den Beständen des Stadtarchivs - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte.
Auf diese Weise werden nicht nur historische Ereignisse oder Persönlichkeiten vorgestellt. Das „Schaufenster Stadtgeschichte“ gewährt auch einen Einblick in die bunte Vielfalt der historischen Zeugnisse, die zum kulturellen Erbe Bochums gehören und die im Stadtarchiv - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte verwahrt werden.
Archivale des Monats
Akte über den Enthaltsamkeitsverein für den Kreis Bochum
„Fürwahr, der Branntwein mag wohl ‚Wasser des Lebens‘ genannt werden; hieß doch auch der Baum mitten im Garten Eden der Baum des Lebens, aber der Genuß seiner Früchte brachte den Tod.“
Mit derart biblischem Eifer nahm der Enthaltsamkeitsverein für den Kreis Bochum 1846 seine Arbeit auf.
Das erste Versammlungsprotokoll mit Unterschriften der Gründungsmitglieder (30. September 1846) (Quelle: Stadtarchiv - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte)
Die hier gezeigte Akte mit Laufzeit 1845-1848 stammt aus der Provenienz der Stadt Bochum und wurde vermutlich direkt im Büro des damaligen Bürgermeisters Max Greve gebildet.
Enthaltsamkeitsvereine, auch Abstinenz- oder Mäßigkeitsvereine genannt, waren eine Modeerscheinung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie stammten aus dem angloamerikanischen Raum („temperance movement“) und breiteten sich ab den 1840er-Jahren auch in Mitteleuropa aus. Die Protagonist*innen der Bewegung waren häufig durch ihren christlichen Glauben motiviert und stammten oft, aber nicht immer, aus kirchlichem Umfeld. In Westfalen waren Ende 1846 etwa 24.000 Menschen in Enthaltsamkeitsvereinen organisiert – bei einer Gesamteinwohnerzahl von etwa 1,4 Millionen eine nicht zu unterschätzende Größe.
Der Bochumer Kreisverein war in eine feste Hierarchie eingebettet: Über ihm stand ein „Centralverein für die Provinz Westphalen“, unter ihm je ein evangelischer und ein katholischer „Localverein“. Wie das Bochumer Kreisblatt am 3. Oktober 1846 berichtet, fand am 30. September die konstituierende Sitzung des Kreisvereins statt. Es waren 36 – ausschließlich männliche – Gründungsmitglieder anwesend: sechs Pfarrer, vier Lehrer, drei Kaufleute, zwei Ärzte, zwölf Landwirte, sieben Beamte und zwei Handwerker.
Im Visier hatten sie hochprozentige, billige Spirituosen, die damals in der Bevölkerung beliebt waren und zum Beispiel gern als Naturallohn an Arbeiter und Handwerker verteilt wurden. Der Verein trat aber keineswegs für völlige Abstinenz ein: So wurde auf einer Vorstandssitzung im Dezember 1846 ein „Bitterbier“ aus der Kartoffelbierbrauerei Dr. Keller (Berlin) verkostet. Es „zeigte sich ganz klar und hell von Farbe, schäumte stark, der Geschmack war durchaus rein und dem des bairischen Bieres ähnlich.“ Man hoffte, dass „dadurch dem Volke statt des unnützen und verderblichen Branntweins ein noch billigeres und in der That stärkendes Surrogat gewährt werden möge.“
Ob das Berliner Kartoffelbier es jemals in größeren Mengen nach Bochum geschafft hat, geht aus der Akte nicht hervor. Auch wie es nach 1848 mit dem Verein weiterging, wissen wir leider nicht – die erschlossenen Bestände des Stadtarchivs geben bisher keinen Hinweis darauf.