Monatliche Reihe des Stadtarchivs - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte
Stadtarchiv
Das „Schaufenster Stadtgeschichte“ präsentiert einmal im Monat ein besonderes Dokument oder Objekt aus den Beständen des Stadtarchivs - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte.
Auf diese Weise werden nicht nur historische Ereignisse oder Persönlichkeiten vorgestellt. Das „Schaufenster Stadtgeschichte“ gewährt auch einen Einblick in die bunte Vielfalt der historischen Zeugnisse, die zum kulturellen Erbe Bochums gehören und die im Stadtarchiv - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte verwahrt werden.
Archivale des Monats
Akte „Bewerbungen um die Musikdirektorstelle“, D St / 38
Foto der Akte (Quelle: Stadtarchiv - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte)
Als nach dem 1. Weltkrieg das „Städtische Orchester“ 1919 neu gegründet wurde, stellte man den aus Würzburg stammenden Rudolf Schulz-Dornburg als ersten Leiter an. Er, genauso wie sein stärkster Mitbewerber Ewald Lindemann, wurde im Bewerbungsverfahren zu Probedirigaten eingeladen - am Ende wurden beide als gleichwertig erachtet und ein Losverfahren musste entscheiden.
Das erste Konzert unter der neuen Leitung fand am 20.Mai 919 statt. Schulz-Dornburg war ein entschiedener Förderer der zeitgenössischen Musik und ließ mit den Bochumern zum Beispiel Werke von Paul Hindemith, Ernst Krenek oder Erwin Schulhoff aufführen. Er verschaffte damit der Stadt auch überregional den Ruf als ein Zentrum für moderne klassische Musik.
Als Schulz-Dornburg das Orchester 1925 verließ, um Chefdirigent in Münster zu werden, schrieb die berühmte Opernsängerin Henny Wolff per Postkarte aus Berlin an den Bochumer Kulturdezernenten Wilhelm Stumpf: „… eben lese ich, daß Rudi sich also endgültig für Münster entschieden hat, ob er das nicht nochmal bereuen wird?“
Obwohl das städtische Orchester unter „Rudis“ Leitung gewiss künstlerisches Profil und Strahlkraft erworben hatte, gab es aus konservativen Kulturkreisen den Wunsch nach einem klassischeren Repertoire. So schrieb ein anonymer Kommentator im „Märkischen Sprecher“ vom 1. April1925: „Ich denke, die Stadt Bochum hat für die Hebung der sogenannten modernen Musik auf Jahre hinaus genug gestiftet. (…) Sollte nicht dieses Uebermaß an „Modernem“ die Konzertsäle mehr und mehr geleert haben? (…) Ich bin überzeugt, daß ein neuer Leiter der städtischen Musikveranstaltungen das dankbarste Publikum in Bochum finden wird, wenn er aus der Ueberfülle herrlicher deutscher Musik nur das Allerbeste herausgreift …).“
Wie man der vorliegenden Akte des Kulturdezernats aus den Jahren 1924-1925 entnehmen kann, bewarben sich insgesamt 69 Herren im Alter von 26 bis 47 Jahren auf die Musikdirektorenstelle. Die meisten von ihnen sind heutzutage ziemlich vergessen. Hervor sticht allein Anton von Webern, der als wichtiger Komponist der Zweiten Wiener Schule in die Musikgeschichte eingehen sollte. Warum man zum Beispiel Webern nicht in die engere Auswahl genommen hatte, geht aus der Akte nicht hervor. Es ist allerdings davon auszugehen, dass man dieses Mal eher auf einen Traditionalisten an der Spitze des Orchesters setzte.
Diesen fand man in Leopold Reichwein, der sich zuvor in Wien als Dirigent an der Hofoper und der Gesellschaft der Musikfreunde einen Namen gemacht hatte. Unter ihm pflegte das Orchester in Bochum ab 1925 eher die Werke des klassischen und romantischen Repertoires.
Als überzeugter Nationalsozialist trat er schon 1932 in die NSDAP ein und verfasste unter anderem einen antisemitischen Aufsatz im „Völkischen Beobachter“. 1938 wurde er von Adolf Hitler zum Generalmusikdirektor in Wien ernannt und verließ damit Bochum.
Rudolf Schulz-Dornburg trat zwar nie der NSDAP bei, wurde aber zumindest zum „Trittbrettfahrer“ im NS-Staat. Er trat mit Orchestern zu Propagandazwecken auf und verabschiedete sich von modernen, im NS-Staat als „entartet“ geltenden Stücken zugunsten eines von der Parteispitze akzeptierten Repertoires.
Die vorliegende Akte illustriert das Bewerbungsverfahren von 1925, einer spannungsvollen Zeit zwischen Avantgarde und Rückschritt. Sie enthält neben Korrespondenz zu Bewerbungsschreiben und kommentierenden Zeitungsartikeln auch viele Empfehlungen bedeutender Künstlerpersönlichkeiten wie zum Beispiel Walter Braunfels oder Bruno Walter.