In der Pogromnacht vom 9. auf den 10 November 1938 wurde ihre Wohnung durch Nazis zerstört. Alles geplündert und zertrümmert. Nichts Zerbrechliches sei heil geblieben, erzählte Erna Philipp im Juni 1955 der Wiener Library in London 1. Mit einem Revolver sei sie bedroht worden.
Doch sie ließ sich nicht brechen, blieb mutig und widerständig. Erna Philipp ist eine Zeugin der nationalsozialistischen Gräueltaten, eine Zeitzeugin. Eine der wenigen Bochumer Jüdinnen und Juden, die die Shoah überlebt haben.
„Ich habe auch ohne Schule alle Hände voll zu tun, denn ihr wisst, dass ich viel sozial arbeite“, schrieb Else Hirsch am 23. November 1938 in einem Brief an Steffi und Gerhard Freimark in Amerika. „… und da Frl. Ph. gegenwärtig mit eigenen Anliegen überbeschäftigt ist, … bin ich den ganzen Tag unterwegs.“ Das, was die einstige Lehrerin der Jüdischen Schule in Bochum hier leicht rätselhaft schilderte, ist eben jene Pogromnacht, in der auch die Bochumer Synagoge niedergebrannt wurde. Es war Erna Philipp, die die Thora-Rollen und weitere Gegenstände noch am Tag zuvor geborgen hatte.2 Nachdem schon am 9. November Berichte über Zerstörungen die Runde machten, handelte sie entschlossen.
Erna Philipp wurde 1896 in Bochum geboren. In die Geschichte eingegangen ist sie als Gemeindesekretärin und als Geschäftsführerin der „Jüdischen Wanderfürsorgestelle Rheinland-Westfalen“, zuständig für die Region von Bielefeld bis Duisburg, sowie der „Jüdischen Arbeiterfürsorgestelle“, die 1920 in Bochum gegründet worden war. Die engagierte Frau kümmerte sich sowohl um jüdische Arbeiterinnen und Arbeiter in Bochum bei als auch um jüdische Menschen auf der Durchreise und Zugewanderte. Ende der 20er Jahre war die Arbeitslosigkeit groß und die Fürsorge unterstützte, wo sie nur konnte.
Die Geschäftsstelle befand sich in den Räumen der Jüdischen Volksschule. Nachdem die Innenräume der Schule in der Pogromnacht verwüstet worden waren, führte Erna Philipp die Wohlfahrtsaktivitäten in ihrer zerstörten Wohnung fort.
Außerdem stand Erna Philipp jüdischen Menschen bei, die zumeist wegen Geschlechtsverkehrs mit Nicht-Juden im Gefängnis waren – mit den Nürnberger Gesetzen hatten die Nazis solche Kontakte zwischen Juden und Nicht-Juden verboten.
Nach der Progromnacht kam eine weitere große Aufgabe auf sie zu - in Zusammenarbeit mit Else Hirsch: Die beiden Frauen organisierten die sogenannten „Kindertransporte“. Die „Kindertransporte“ waren eine Rettungsaktion jüdischer Kinder, die - ohne ihre Eltern - vor allem nach England, aber auch nach Holland oder Schweden ausreisen konnten. Fliehen vor den Nationalsozialisten. Viele der sehr verzweifelten Eltern sahen darin eine Chance, zumindest ihre Kinder in Sicherheit bringen zu können.
Die Vorbereitungen für die Ausreisen der Kinder waren sehr aufwendig und lagen hierzulande vor Ort zumeist in den Händen der Jüdischen Gemeinden. Else Hirsch und Erna Philipp waren sehr gefordert, um alle bürokratischen Vorgaben zu erfüllen. Die Kinder registrieren, Fragebögen ausfüllen, Fahrkarten und Visum besorgen, Zugplätze reservieren …
Während Else Hirsch das Organisatorische abwickelte, hatte Erna Philipp die „Kindertransporte“ begleitet. Die ersten Ausreisen aus Deutschland fanden Ende 1938 statt, in Bochum verließ der erste Zug im Januar 1939 den Hauptbahnhof. Da war die Gemeindesekretärin an der Seite der Kinder, die nur einen Koffer mitnehmen durften und nicht wussten, was ihnen bevorstand. Wie viele Kinder Bochum so verlassen konnten, ist nicht genau belegt. Im ersten Zug waren es 16 Jungen und Mädchen 3 - doch man geht davon aus, dass diese Zahl bei den weiteren „Kindertransporten“ nicht erreicht wurde.
Die Bochumerin berichtet 4, dass es ihr von der Gestapo untersagt worden sei, Deutschland zu verlassen, so lange sie in der Gefängnisfürsorge und in der Kinderauswanderung gebraucht würde. So hatte es geheißen.
Erna Philipp begleitete elf Züge in die Niederlande und nach Großbritannien mit jüdischen Kindern aus Bochum – und den letzten nutzte sie, um selbst zu fliehen und sich in England ein neues Leben aufzubauen. Dort starb sie 1989, in Camden.
Ihrer Mitstreiterin Else Hirsch ist die Flucht nicht mehr gelungen, sie wurde von den Nationalsozialisten im Ghetto Riga ermordet.
(Andrea Behnke)