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Porträts bedeutender historischer Bochumer Frauen

Marlies Kutsch

Porträts bedeutender historischer Bochumer Frauen

Marlies Kutsch mit Helmut Schmidt und Antje Huber, Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit
Marlies Kutsch mit Helmut Schmidt und Antje Huber, Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit (Quelle: Stadt Bochum)

Es war Zufall, damals Anfang der 70er Jahre. Nach einer gewerkschaftlichen Fortbildungsveranstaltung wurde gefragt, wer kann Marlies Kutsch mit zum Bahnhof nehmen?

Marlies Kutsch war damals Leiterin der Abteilung Frauen beim Hauptvorstand der IG Bergbau und Energie in Bochum und hatte, mit dem was sie während der Veranstaltung vermittelte, meinen Nerv getroffen. Also meldete ich mich und überschüttete sie während der Fahrt zum Bahnhof mit meiner Unzufriedenheit im Beruf. 

Sie hörte zu und beim Aussteigen am Bahnhof sagte sie nur.
Ich melde mich, es gibt eventuell einen Weg, der dich interessieren könnte. 
Zwei Tage später hatte ich tatsächlich Post von ihr.

Diese kurze persönliche Begegnung während der Autofahrt und das Wahrmachen der Aussage "ich melde mich" war der Auslöser für meine weitere berufliche wie persönliche Entwicklung und eine lebenslange Verbundenheit mit dieser beeindruckenden, ja außergewöhnlichen Frau.

Für viele Frauen in Gewerkschaften, Politik und Verbänden war sie, wie für mich, Verbündete, Motor und Vorbild, wenn es um die Verbesserung/Veränderung der Lebenssituation von Mädchen und Frauen in Ausbildung und Beruf ging.

Strategien entwickeln, entsprechende Strukturen aufbauen, in den jeweiligen Bereichen verankern und kontinuierlich fortentwickeln.
Wie ein roter Faden durchzog dieses Prinzip ihr gesamtes Handeln.

Zu den Aufgaben von Marlies Kutsch, als erste Hauptamtliche für Frauenfragen in einer damals fast reinen Männergewerkschaft gehörte die Wahrnehmung der Anliegen der knapp 8.000 im Bergbau beschäftigten Frauen sowie die Betreuung der über 600.000 Bergarbeiterfrauen.

Trotz dieses zahlenmäßigen Ungleichgewichtes  in der Aufgabenstellung entwickelte sie in kurzer Zeit feste, verbindliche Strukturen für die Frauenarbeit in allen gewerkschaftlichen Entscheidungsgremien auf Orts- Bezirks-, und Bundesebene sowie deren Verankerung in der Satzung der IGBE. 

Ein Novum zu dieser Zeit und in dieser Organisation, denn dadurch wurde sichergestellt, dass zu den Aufgaben - der damals ausschließlich männnlichen Gewerkschaftssekretäre -  auch die Umsetzung der Frauenbelange gehörte. 

Unter ihrem Zutun wurden Anträge aus Frauenausschüsen schnell fester Bestandteil von Beratungen auf Kongressen der IGBE und des DGB. 
Die  daraus resultierenden Beschlüsse waren dabei oft auch Wegbereiter im politischen Raum für die  Entwicklung  und Verankerung  von institutionell verankerter Frauenpolitik.

Zu den ersten Fragestellungen gehörten damals beispielhaft die Abschaffung von Frauenlohngruppen und Abschlagsklauseln bei Lohn und Gehalt oder die Aufhebung der Zölibatsklausel, die besagte, dass das Arbeitsverhältnis einer weiblichen Beschäftigten endete, sobald sie sich verheiratete.

Parallel zu der Arbeit in der IGBE war Marlies Kutsch Mitglied des Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Gemeinschaft und unter ihrem Engagement im Präsidium entstanden die Richtlinien zur Lohngleichheit von Frauen (1975), zur Gleichbehandlung in der Beschäftigung (1976) und zur Gleichbehandlung in der sozialen Sicherheit (1978).

Die Mitte der Siebziger-Jahre entstandene  Diskussion nach mehr Einwirkungsmöglichkeiten von Frauen auf die Gestaltung von Gesetzen und Verordnungen und zur Verbesserung der Chancengleichheit von Mädchen und Frauen mündete in die konkrete Forderung von Gewerkschafts- und Parteifrauen nach Gleichstellungsstellen und Frauenförderplänen. Diesem breiten gesellschaftlichen Druck konnte sich die seinerzeitige Bundesregierung nicht entziehen.

Im Jahr 1979 wurde Marlies Kutsch Leiterin des neu gegründeten Arbeitsstab Frauenpolitik im damaligen Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit (später auch Frauen) und somit erste Gleichstellungsbeauftragte der Bundesregierung und in der Bundesrepublik.
Unter ihrer Initiierung kam es zu den ersten Frauenförderplänen in Deutschland. Zu den ersten gehörte dabei auch der Frauenförderplan der ARAL AG Bochum vom März 1981.

Auch nach ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben setzte sie sich bis kurz vor ihrem Tod im Vorstand des Deutschen Frauenrates - der Bundesvereinigung deutscher Frauenverbänden und -organisationen mit über 11 Mio. Mitgliedern vehement öffentlich für die Belange von Mädchen und Frauen ein.

Zu Marlies Kutsch gehört auch unverwechselbar die Aussage 
"Wo wir stehen ist Vorne"
In schweren, bedrückenden oder auswegslos scheinenden Situationen
hat sie vielen Frauen damit wieder Energie zum Weitermachen gegebenen. 

Marlies Kutsch, 1919 - 1989
1953 - 1979 Leiterin der Abteilung Frauen der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie, Bochum
1974 - 1978 Mitglied des Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Gemeinschaft, Brüssel
1979 - 1981 Leiterin des Arbeitsstab Frauenpolitik im Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit, Bonn
1983 - 1988 Vorstand Deutscher Frauenrat - Bundesvereinigung deutscher Frauenverbände und -organisationen, Bonn

Abkürzungen:
IGBE - Industriegewerkschaft Bergbau und Energie
DGB - Deutscher Gewerkschaftsbund

Beitrag von 
Dr. Heide Ott, Bochum