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Porträts bedeutender historischer Bochumer Frauen

Karla Baer-Goldberg

22. Dezember 1920 - 18. September 2010

Porträts bedeutender historischer Bochumer Frauen

Karla Bär und David Goldberg mit Oberbürgermeister Stüber 2000 im Rathaus Bochum
Karla Bär und David Goldberg mit Oberbürgermeister Stüber 2000 im Rathaus Bochum (Quelle: David Goldberg)

In Bochum ist keine Straße, kein Platz und keine Schule nach ihr benannt. Und doch hinterließ sie Spuren. Sie manifestieren sich besonders in einem kleinen, in der Synagoge am Erich-Mendel-Platz ausgestellten Kunstwerk: dem Bronzerelief des „Löwen von Juda“. Es ist eng mit Karla Goldberg und der Bochumer Familie Baer verknüpft.

Am 22. Dezember 1920 wurde sie als Tochter von Else und Leo Baer in Bochum geboren. Karlas Bruder Werner kam 1923 zur Welt. Ihr Vater Leo Baer leitete die Isaac Baer OHG, einen gut florierenden Betrieb an der Gerberstraße 11, dessen Aufgabenspektrum vom Altwarenhandel bis zur Demontage ganzer Betriebsanlagen reichte. Der Familie ging es wirtschaftlich gut, gesellschaftlich war sie in Bochum fest verankert. Karla besuchte das Lyzeum Bochum und anschließend eine Gewerbeschule. Sie war künstlerisch talentiert und spielte Akkordeon. In der NS-Zeit geriet ihr Leben aus den Fugen. Sie sei als Jüdin beschimpft worden, erzählte sie später, und habe sich aus der Öffentlichkeit und von ihren nichtjüdischen Freunden zurückgezogen.

Relief "Der Löwe von Juda"
Der Löwe von Juda (Quelle: David Goldberg)

Einen traurigen Höhepunkt bildete der Novemberpogrom 1938, infolgedessen auch die einst prachtvolle Synagoge an der Wilhelmstraße in Trümmer fiel. Zusammen mit den anderen jüdischen Männern wurde Karlas Vater Leo Baer ins KZ Oranienburg-Sachsenhausen deportiert. Das war ein Schock für ihn, der deutschnational fühlte und als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg für seine Tapferkeit „vor dem Feind“ ausgezeichnet worden war. Daran mag sich der Mann erinnert haben, der kurz darauf bei Else Baer erschien und ihr ein „Geschenk“ für ihren Mann übergab. Es entpuppte sich als das Relief des „Löwen von Juda“. Für Leo Baer war es emotional bedeutsam, hatte es doch zu der 1921 im Eingangsbereich der Synagoge eingeweihten Gedenktafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Bochumer jüdischen Soldaten gehört, die er selbst initiiert und mitfinanziert hatte. Im Dezember 1938 wurde er aus dem KZ entlassen. Seine wirtschaftliche Existenz war vernichtet; der Familienbetrieb wurde 1939 liquidiert. Davon profitierte auch die Stadt Bochum, die den Zuschlag erhielt, als die Grundstücke an der Gerberstraße 1940 versteigert wurden. Im Januar 1939 gelang der Familie die Flucht nach Frankreich. Nicht Leo, sondern Karla Baer war es, die den aus der zerstörten Synagoge geretteten „Löwen“ außer Landes schmuggelte. Den Zweiten Weltkrieg überlebte die Familie Baer im Untergrund in Südfrankreich. Karla hatte den Mut, sich der Résistance anzuschließen, für die sie Kurierdienste und andere gefährliche Aufträge übernahm. An der Rettung mehrerer jüdischer Familien hatte sie entscheidenden Anteil. Nach Kriegsende lernte sie in Paris den Kanadier David Goldberg kennen, heiratete ihn 1947 und zog mit ihm 1948 nach Toronto. Sie hatte oft Heimweh nach Europa. Spät erst, im Jahr 2000, erreichte sie eine Einladung der Stadt Bochum. Sie kam in Begleitung ihres Mannes, ihrer drei Söhne und mehrerer Enkelkinder. Im Familienrat entstand die Idee, eine Kopie des „Bronzelöwen“ anfertigen zu lassen und Bochum zu schenken. Oberbürgermeister Ernst Otto Stüber nahm sie in Empfang, seine Nachfolgerin Dr. Ottilie Scholz überreichte sie während der Einweihungszeremonie der neuen Synagoge im Dezember 2007 der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen. Hier ziert der „Löwe“ nun das Foyer.

Karla Baer-Goldberg hatte das Glück, der Verfolgung im NS zu entkommen. Ihre künstlerische Begabung half ihr dabei, die „Ups and Downs“ in ihrem „zweiten“ Leben in Kanada zu verarbeiten. So formulierte sie es selbst.

Gemälde von Karla Bär von Karla Goldberg
Gemälde von Karla Bär von Karla Goldberg (Quelle: David Goldberg)

Als sie am 18. September 2010 starb, hinterließ sie ein umfangreiches künstlerisches Werk. Ihr Markenzeichen sei die Farbe gewesen, hieß es in einem Nachruf auf sie in der Canadian Jewish News. Ins Deutsche übersetzt, schließt er mit den Worten: „Karla wurde auf einem […] Friedhof im Norden Torontos zu ihrer letzten Ruhe gebettet. Einen Kontinent, einen Ozean und ein volles,
riskantes, bedeutsames, buntes Leben entfernt von der kleinen Industriestadt Bochum im Nordwesten Deutschlands, wo es vor 90 Jahren begann.“

Verfasserin: Ingrid Wölk