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Porträts bedeutender historischer Bochumer Frauen

Margarete Erzner

Porträts bedeutender historischer Bochumer Frauen

In der über 100jährigen Geschichte des Bochumer Jugendamtes war Margret Erzner eine Besonderheit. Sie war nicht nur die erste und bisher einzige weibliche Leiterin dieses Amtes, sondern zugleich auch die erste sozialpädagogische Fachkraft, der dieses schwierige Amt anvertraut wurde. Gleichzeitig wurde sie damit auch die erste weibliche Amtsleiterin innerhalb der Stadt Bochum. Leitungspositionen wurden bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich mit Männern besetzt.
Die Leitung des Jugendamtes in Bochum war seit 1906 (Gründung des Waisen- und Fürsorgeamtes) bzw. 1920/21 (Gründung des Jugendamtes) bis zum Amtsantritt von Margret Erzner durchgehend in der Hand von Verwaltungsbeamten. Damit war die Stadt Bochum nicht den fachlichen Empfehlungen auf Reichs-, Bundes- bzw. Landschaftsverbandsebene gefolgt, die die Ausübung dieses Amtes in die Hände von pädagogisch erfahrenen Fachkräften legen wollten. Mit dieser Haltung bildete die Stadt Bochum allerdings keine besondere Ausnahme, denn auch andere Städte handelten ähnlich.

Die 1970er Jahre waren geprägt von einer pädagogischen Aufbruchstimmung gepaart mit heftigen Generationskonflikten. Erziehungsfragen rückten in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses, die autoritären Erziehungsmethoden wurden heftig kritisiert. Gleichzeitig erfolgte eine Professionalisierung der sozialen Arbeit. Die Ausbildung erfolgte nun nicht mehr an Fachschulen für Sozialwesen, sondern an Höheren Fachschulen und schließlich Fachhochschulen. 

Margret Erzner war Sozialarbeiterin und verfolgte im Jugendamt das Ziel, die fachliche Arbeit mehr in den Mittelpunkt zu bringen und nicht lediglich dem Verwaltungshandeln unter zu ordnen. Sie traf auf ein Amt, das gerade völlig neu strukturiert worden war. Grund dafür war die Zusammenführung des Bochumer Jugendamtes mit dem Wattenscheider Jugendamt (1975). Tatsächlich wurde das Jugendamt nicht nur auf dem Papier neu gegründet. Auch inhaltlich veränderte sich eine Menge. So war die Abteilung Jugendförderung neu aufgebaut worden – unter heftigen Geburtswehen.

Margret Erzner widmete sich in ihrer Amtszeit verstärkt der fachlichen Entwicklung des Sozialen Dienstes. Dieser war erst 1975 aus dem so genannten ‚fürsorgerischen Dienst‘ entstanden und hatte begonnen, nicht mehr von der Bochumer Zentrale aus zu agieren, sondern auch dezentral in den Bochumer Stadtbezirken. Der dezentrale Arbeitsansatz des Sozialen Dienstes wurde in Langendreer / Werne mit der ersten Außenstelle begründet, in Wattenscheid bildete sich eine zweite Arbeitsgruppe, die vor Ort nahe an den Menschen blieb. 

Die heftigen Auseinandersetzungen zum Thema ‚Bo-Fabrik‘ und weitere Themen der Abteilung Jugendförderung überschatteten das Wirken von Margret Erzner. Das hoffnungsvolle Projekt, ein Jugendzentrum in der ehemaligen Werkshalle der Heintzmann-Hütte an der Stühmeyer Straße aufzubauen, scheiterte 1979 desaströs. Das Gebäude wurde nun vorübergehend vom Bochumer Schauspielhaus genutzt. Als Pläne der Stadt Bochum bekannt wurden, das Gebäude abzureißen, wurde es Ende 1981 mit der Forderung besetzt, dort ein ‚autonomes Kultur- und Jugendzentrum‘ aufzubauen. Mitglieder des Jugendwohlfahrtsausschusses schalteten sich ein, um zu deeskalieren. Am 10. Februar 1982 wurde die BO-Fabrik von einem Großaufgebot der Polizei mit Hubschrauberunterstützung geräumt. 

Zeitgleich hatten gravierende Probleme mit gewalttätigen Rockerclubs für Aufruhr gesorgt. Während eines Rocker-Krieges zweier verfeindeter Clubs kam es in einem städtischen Jugendheim zur Katastrophe: Am 16./17. Mai 1980 erschoss sich im Jugendheim Schattbachstraße ein Rocker beim Russisch-Roulette. Die WAZ titelte „Jugendheim Schattbach wie eine schwerbewaffnete Festung“  und kritisierte die Arbeit in der Abteilung Jugendförderung gleichzeitig in schärfster Form.  
Margret Erzner scheute sich nicht, direkt auf die Rocker zu zugehen. Sie begab sich in dieser Krise in das Jugendheim und sprach mit den Rockern. Es war ihr Ziel, die Szene zu befrieden und für Entspannung zu sorgen.

Die heftigen Konflikte innerhalb und außerhalb des Amtes mit gleichzeitig verheerender Außenwirkung setzten Margret Erzner gesundheitlich zu. Sehr frühzeitig musste sie aus diesen Gründen ihr Amt aufgeben. 
Sie blieb im Jugendamt bei vielen Mitarbeiter*innen als eine emphatische Leitungskraft in Erinnerung, die sich um die fachliche Entwicklung der Sozialarbeit kümmerte und vor allem im Sozialen Dienst viele Akzente setzte. 
  
(Dolf Mehring 02.07.2021)

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