Erste Gleichstellungsbeauftragte Stadt Bochum (1986-1990),
ehem. NRW-Ministerin für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie
Birgit Fischer
Porträts zeitgenössischer Bochumer Frauen
Brücken bauen für Frauen und Gesundheit
Wenn zwei Bilder das Wirken von Birgit Fischer beschreiben müssten, dann wären das eine Brücke und ein Netz. Brücken bauen und Netzwerke schaffen, das ist es, was der Bochumerin in ihrer Karriere am wichtigsten war: sei es in der Politik, in der Verwaltung, im Bildungswesen oder in der Gesundheitswirtschaft.
Mit Bochum verbindet sie eine besondere Beziehung: 1953 hier geboren und aufgewachsen, verbrachte sie zwar auch Stationen anderswo, doch ist sie immer wieder gerne zurückgekehrt an den Ort, in dem ihre Eltern lebten. „Das Ruhrgebiet ist eine spannende Region“, sagt die 72-Jährige. „Sie ist alles andere als perfekt, aber sehr dynamisch mit sympathischen Menschen.“
Bochum ist auch die Stadt, in der Birgit Fischer vor 40 Jahren, nachdem sie neun Jahre in der Weiterbildung gearbeitet hatte, die erste Gleichstellungsbeauftragte war – vier Jahre, die sie nicht missen möchte. „Es war eine hochpolitische Aufgabe, Rollenbilder zu verändern“, sagt sie. „Frauenpolitik war eine Stellschraube für gesellschaftlichen Wandel.“ Sie erinnert sich an die Zusammenarbeit über Gruppen und Parteigrenzen hinweg. Es ging um die Sache, alle zogen an einem Strang.
„Dieses Miteinander machte uns stark, trotz aller Widerstände, mit denen wir es zu tun hatten.“
Besonders gerne denkt sie an die Gründung der Regionalstelle „Frau und Beruf“ zurück – die Regionalstellen im Land waren seinerzeit ein großer Meilenstein, institutionalisierten sie doch das Bestreben, Frauen im Berufsleben nicht länger zu diskriminieren. Auch der weitere Aufbau der Gleichstellungsstellen in NRW und die Vernetzung untereinander waren ein großes Thema.
1990 wurde die studierte Diplom-Erziehungswissenschaftlerin in den Landtag gewählt. Bereits nach anderthalb Jahren wurde die Sozialdemokratin parlamentarische Geschäftsführerin. Stark geprägt hat sie, wie sie erzählt, der damalige Landesvater Johannes Rau. Trotz der absoluten Mehrheit seiner Partei sei er stets bemüht gewesen, auch die Opposition ins Boot zu holen, fraktionsübergreifend zusammenzuarbeiten und den engen Kontakt zu Organisationen, Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunen zu suchen.
Schließlich folgte ab 1998 unter Ministerpräsident Wolfgang Clement und später unter Peer Steinbrück eine Zeit als Ministerin für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit bzw. Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie. Dass „Frauen“ explizit im Titel des Ministeriums genannt wurden, war neu. Das Landesgleichstellungsgesetz und die Etablierung von Brustzentren in der onkologischen Versorgung sind nur einige Errungenschaften aus diesen Jahren des Aufbruchs.
„Man darf nichts für selbstverständlich halten“, blickt Birgit Fischer heute auf die Verdienste der Frauenbewegung und Frauenpolitik zurück. „Fortschritt ist wie ein Gummiband. Wenn es nicht gespannt gehalten wird, schnackt es zurück.“ Inzwischen beobachtet sie teilweise eine Rolle rückwärts, strukturell sei immer noch viel zu verändern.
Der Weg ging weiter …
Nachdem die SPD 2005 die Landtagswahl verloren hatte, engagierte sich die Bochumerin, die ihr Direktmandat mit über 50 Prozent gewonnen hatte, im nordrhein-westfälischen Landtag als stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Zehn Jahre war sie im Parteivorstand und ab 2005 im Präsidium der Bundes-SPD in Berlin.
Doch 2007 lockten sie neue Aufgaben in NRW – und zwar bei der BARMERErsatzkasse als stellvertretende Vorstandsvorsitzende und später, nach der Fusion mit der GEK, als Vorstandsvorsitzende. „Die Gesundheitsthemen waren für mich schon als Ministerin ein wesentlicher Schwerpunkt“, sagt sie. „Ich wollte gerne gestalten, im Sinne der Versicherten.“
Etwas verändern zu wollen, etwas weiterzuentwickeln, das war auch der Motor für einen weiteren Wechsel 2011, als die Gesundheitsexpertin Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa) wurde. Damit ging es für sie wieder näher an die Politik, sie wollte Politik und Unternehmen zusammenführen. Eine Tatsache, die nicht jeder goutierte. Vor allem medial gab es Kritik für diesen „Seitenwechsel“. „Letztlich müssen alle Beteiligten im Gesundheitswesen kooperieren“, ist sie sich sicher. „Dieses Zusammenspiel von Ärztinnen, Ärzten, Pflegenden auf der einen Seite und Apotheken sowie Pharmaunternehmen auf der anderen Seite klappt in anderen Ländern weit besser als in Deutschland.“ Forschung der Unternehmen transparent machen, dabei europäisch denken und dabei durchaus regional handeln, das war und ist ihre Devise.
Auch heute, im offiziellen Rentenalter, ist Gesundheit und Forschung immer noch ihr Herzensthema. So sitzt sie im Beirat der Agentur Bochumer Gesundheitscampus‘ und ist in das Modellprojekt „Smart Health“ eingebunden. In Wattenscheid wirkt sie in einem Präventionsprojekt mit, das alle einbindet: nicht nur das Gesundheitswesen und die Gesundheitswirtschaft, sondern auch den Bildungsbereich mit Kitas und Schulen. Zudem ist Birgit Fischer als Vorsitzende des Hochschulrates der Ruhr-Universität Bochum aktiv.
„All diese Netzwerke sind für mich auch Energiequellen“, sagt sie. „Ich bin neugierig auf unterschiedliche Perspektiven, möchte Ideen, Projekte und Innovationen vorantreiben. Das gibt mir Kraft.“ Dass sie jetzt jedoch etwas mehr Zeit für Freundschaften und Familie hat, freut sie auch. Diesen Ausgleich möchte sie nicht missen.
(Andrea Behnke, Februar 2026)