Stahlhausen I / II

Erläuterungen

Die Siedlung Stahlhausen ist die älteste Stahlarbeitersiedlung in Bochum und bildete den Auftakt der Wohnungsbautätigkeiten des Bochumer Vereins für seine Mitarbeiter. In den 1860er Jahren entstanden die ersten Gebäude der „Colonie Stahlhausen“ – damals noch auf freiem Feld an der „Chaussee“ (heutige Alleestraße) von Bochum nach Essen. Ziel des Unternehmens mit dieser ersten Kolonie war es, den Arbeitern die Vorteile des ländlichen Wohnens mit einer kleinteiligen Bauweise in unmittelbarer Nähe zur Gussstahlfabrik zu ermöglichen. Mit dem Namen „Stahlhausen“ sollte die Verbundenheit zwischen dem Stahl erzeugenden Werk und dem Wohnort der sesshaft werdenden  Stammarbeiter deutlich werden. Bis heute ist der Name Stahlhausen untrennbar mit dem Bochumer Verein verknüpft.

Der ursprüngliche Siedlungsbereich lag in weiten Teilen im Gebiet der Gemeinde Weitmar, abgerückt von der heutigen Alleestraße, und wurde im Westen von der „Kanonenstraße“ (parallel zur Stahlhauser Straße im Siedlungsinneren), östlich  von der Gremmestraße und südlich von der Gemeinde Wiemelhausen begrenzt. Eine Ausdehnung der Fläche erfolgte in den 1890er Jahren nach Norden bis zur Alleestraße, nach Westen bis zur Stahlhauser Straße und nach Osten entlang der Baarestraße sowie östlich der Gremmestraße. Entgegen der im Stübbenplan von 1910 vorgeschlagenen Siedlungserweiterung nach Süden entstand hier ein weiteres Stahlwerk.

Die Architekten der Wohnbauten, O. Spetzler und A. Sartorius, bezogen sich in ihren Entwürfen auf die Erfahrungen in den „Cités Ouvrières“ in Mülhausen (Elsass), für die ein Haustyp mit einem Kreuzgrundriss entwickelt wurde. Dieser „Mülhauser Typ“ konnte sowohl für städtische als auch für ländliche Siedlungen verwendet werden. Grundlegende Idee war es, die Gebäude kreuzförmig für vier Wohneinheiten zu teilen und somit jede Einheit mit eigenem Eingang und über mehrere Etagen sowie zugehörigem Gartenbereich auszustatten. Die ersten acht Bauten der „Colonie Stahlhausen“ mit Zweiraumwohnungen in schlichter Ziegelbauweise wurden bis 1868 westlich der heutigen Gremmestraße realisiert und bereits um 1900 aufgrund hygienischer und sanitärer Mängel umgebaut, erweitert und mit zeitgemäßen  Fassadengestaltungen versehen. Über 40 Bauten entstanden bis in die 1890er Jahre in einer etwas breiteren Ausführung mit drei bzw. vier Räumen je Wohneinheit sowie ergänzenden Stallanbauten. Einzelne Bauten aus dieser Zeit befinden sich noch an der Stahlhauser Straße und östlich der Gremmestraße sowie vereinzelt im Siedlungsbereich.

Mit Ziegelfassaden und einer insgesamt aufwändigeren Gestaltung sowie großzügigeren Grundrisszuschnitten entstanden in den 1890er Jahren sechs Gebäude im Bereich der Pinagelstraße und der heutigen Lerschstraße. Drei dieser Bauten sind erhalten und stehen seit 1991 unter Denkmalschutz. Insgesamt wurden bis etwa 1905 in der Siedlung Stahlhausen über 90 Wohngebäude mit über 460 Wohneinheiten in unterschiedlichen Haustypen realisiert. Die in den 1870er Jahren entstandenen Geschosswohnungsbauten entlang der Jacob-Mayer-Straße und der Siepmannstraße sowie die so genannten „Schweizer Häuser“ im nordwestlichen Siedlungsbereich existieren nicht mehr. Ebenso wurden das zentral an der Baarestraße gelegene Schulgebäude sowie das östlich des Siedlungsbereichs liegende Logierhaus
durch Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Erste Instandsetzungen und Wiederaufbauten erfolgten ab Ende der 1940er Jahre entlang der Alleestraße im Geschosswohnungsbau. Hier, wie auch im Wiederaufbau der Siedlungsbauten entlang der Stahlhauser Straße, wurde zwar die Struktur der Vorkriegszeit aufgenommen, aber mit baulichen Änderungen umgesetzt. So erfolgten beispielsweise gestalterische Anpassungen und Vereinfachungen in den Dächern und Fassadengliederungen an der Alleestraße oder die Aufstockung von Siedlungsbauten an der Stahlhauser Straße, mit denen die Einmündung der Baarestraße städtebaulich akzentuiert ist.

Der zentrale und nahezu vollständig zerstörte Siedlungsbereich, annähernd das Areal des Bauabschnitts „Stahlhausen I“, wurde ab Anfang der 1950er Jahre durch die Rheinisch-Westfälischen Wohnstätten AG, die im Auftrag des Bochumer Vereins auch für den Siedlungsbereich Stahlhausen tätig war, wiederaufgebaut bzw. neu errichtet. Im Zuge der städtebaulichen Überarbeitung des Areals wurde unter Rücknahme der Straßenzüge Thomasstraße, Martinstraße, Windhausstraße (in Nord-Süd-Ausrichtung), Loewestraße (der südliche Abschnitt), Capellenstraße und Rosendahlstraße an der Grundstruktur des Straßenrasters festgehalten. In lockerer Bauweise wurden die neuen Gebäude mit größeren Abständen zueinander realisiert. Neben zwei- und dreigeschossigen Wohnbauten in unterschiedlichen Haustypen entstanden an der Brandenburg- und der Siepmannstraße zweigeschossige Reihenhäuser. Gemäß den damaligen städtebaulichen Leitbildern wurden die neuen Bauten frei ohne begrenzende Einfriedungen zwischen die Straßenzüge gestellt. Zudem forderte die Stadt Bochum die Anlage von größeren Freiflächen mit Spielwiesen und -plätzen sowie ein Wohlfahrtsgebäude und einen Kindergarten im Siedlungsbereich. In den Planungen aus dieser Zeit wurde diesen Forderungen Rechnung getragen: Noch vorhandene Siedlungsbauten aus der Vorkriegszeit sollten nicht nur zugunsten von Geschossbauten, sondern auch für Freiflächen abgebrochen werden, wobei südlich des Bunkers eine Grünfläche als Quartiersplatz und ein Gebäude für soziale Einrichtungen entstehen sollte.

Mit der aufgelockerten Bebauung wurde die Einwohnerdichte in Stahlhausen deutlich reduziert; lag sie vor der Siedlungszerstörung bei rund 400 Einwohner je Hektar, so waren es nach dem Wiederaufbau rund 270 je Hektar. Vereinzelt erfolgte bis 1965 eine Nachverdichtung innerhalb des Siedlungsbereichs mit Wohngebäuden sowie dem solitären viergeschossigen Wohnhaus Baarestraße 61, das auf dem ursprünglich für eine Gemeinschaftseinrichtung
vorgesehenen Standort entstand und als städtebauliche Dominante gegenüber dem Bunker fungiert. Zudem entstanden Ende der 1950er Jahre Garagenanlagen an der Siepmannstraße, der Windhausstraße und der Gremmestraße.

Die ab Anfang der 1950er Jahre errichteten Bauten sind insgesamt durch eine zurückhaltende Gestaltung gekennzeichnet. Neben pragmatischen Erwägungen wie der kurzfristigen Schaffung von Wohnraum für die Belegschaft des Bochumer Vereins entspricht die Ausführung mit einfachen hellen Putzoberflächen den damaligen Gestaltungsvorstellungen. Akzentuierungen an den Fassaden bezogen sich im Wesentlichen auf Betonungen der Eingangsachse oder die Anbringung von Klappläden in den Erdgeschosszonen und im Bereich von Balkon- und Terrassentüren. Da die Bauten im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus (im Stahlarbeiterprogramm) öffentlich gefördert wurden, lagen der Errichtung Auflagen hinsichtlich der Wohnungsgrößen und Ausstattungen zugrunde. Dachgeschosswohnungen wurden nicht realisiert, da die Stadt Bochum dies untersagte. Die Bauten der ersten Neubauphase wiesen insgesamt kleine Wohnungsgrößen bis ca. 50 qm auf, ab Ende der 1950er Jahre wurden dann auch Größen von über 60 qm Wohnfläche realisiert. Im Zuge umfassender Sanierungen in den 1970er und 1980er Jahren wurden die Haustechnik und die Fassaden inkl. Fenster erneuert sowie in einigen Gebäuden Wohnungen zusammengelegt.

Obwohl die Siedlung im Krieg stark zerstört wurde und die Gesamtanlage bauliche und gestalterische Änderungen erfuhr, hat sie bis heute ihren Charakter einer geschlossenen Siedlung erhalten. Damals wie heute grenzt sich die Siedlung deutlich aufgrund ihrer städtebaulichen wie architektonischen Merkmale von der Umgebung ab. Die von Beginn an erfolgte Eingrünung mit Straßen begleitenden Bäumen, Hecken und Grünflächen ist bis heute bestimmend für die Siedlung Stahlhausen. Sie ist wie eine „grüne Enklave“ im industriell geprägten Umfeld, das im Norden von den Anlagen des Bochumer Vereins sowie den ehemaligen industriellen Produktionsstätten im Westen und Süden des Siedlungsbereiches bestimmt wird. Die bauliche Abgrenzung von Wohnund ehemaliger Produktionsstätte ist heute u. a. an der Werksmauer entlang der Windhausstraße sowie dem Gebäude „Tor 7“ am südlichen Abschluss der Jacob-Mayer-Straße erfahrbar. Der Siedlungsbereich selbst wird im Inneren von einer aufgelockerten Bauweise bestimmt, der durch dichte Bebauung entlang der Alleestraße abgeschirmt wirkt. Die Bauten sind bis auf wenige Ausnahmen Straßen begleitend ausgeführt, die Gebäudehöhen variieren zwischen ein- bis zweigeschossig im Bestand aus der Zeit bis 1905 und zwei- bis dreigeschossig aus der Bauphase nach 1945. Einzelne markante Bauten, beispielsweise das viergeschossige Punkthaus und der Bunker, befinden sich an der Baarestraße und setzen städtebauliche Akzente im zentralen Siedlungsbereich.

Die Siedlung Stahlhausen dokumentiert in herausragender Weise die Entwicklung der sich wandelnden Wohn- und Lebensverhältnisse im montanindustriell motivierten Arbeiterwohnungsbau, nicht nur in der Stadt Bochum sondern im gesamten Ruhrgebiet. Bereits 1991 wurden erste Bauten im Siedlungsbereich aus der Zeit um 1900 unter Denkmalschutz gestellt, weitere Gebäude wurden 2008 in die Denkmalliste aufgenommen; eine  Denkmalbereichssatzung, die den gesamten Siedlungsbereich in seinem Zusammenhang schützen soll, ist derzeit
in Vorbereitung.  (Die Denkmalbereichssatzung ist am 20. Januar 2012 in Kraft getreten.)


Text:
Yasemin Utku (2010): Historische Siedlungen in Bochum - Ein Querschnitt von 1868 bis 1918


Denkmalbereichssatzung Stahlhausen

Der Rat der Stadt Bochum hat am 29. November 2011 die Denkmalbereichssatzung Stahlhausen beschlossen. Sie ist am 20. Januar 2012 in Kraft getreten.

Näheres zur Denkmalbereichssatzung finden Sie hier.