Kolonie Hannover

Erläuterungen

Die Zeche Hannover liegt im Norden der Stadt Bochum. Für die damalige Belegschaft wurden vom Krupp’schen Baubüro bis zum Jahre 1878 in einem ersten Bauabschnitt 35 Arbeiterhäuser mit insgesamt 136 Wohnungen errichtet. In einem weiteren Bauabschnitt zwischen 1885 bis 1890 wurden weitere 25 Häuser mit je vier Wohnungen in Ziegelfachwerk mit äußerer Brettverschalung erbaut. Der später Kolonie Hannover genannte Siedlungsbereich in Bochum-Günnigfeld umfasst das Gebiet nordöstlich der Alfredstraße, südöstlich der Ossenkuhle, südwestlich der Hofstraße sowie nordwestlich der Günnigfelder Straße. Er wurde im Jahr 1988 durch die Stadt Bochum unter den Schutz einer Erhaltungssatzung hinsichtlich des Abbruchs, der Änderung oder Nutzungsänderung sowie der Errichtung von weiteren Gebäuden gestellt. Die Gebäude selbst stehen unter Denkmalschutz. Insgesamt handelt es sich um ein frühes Beispiel einer Werkssiedlung, die lange im Besitz des Krupp-Konzerns bzw. der Nachfolgefirmen verblieb und erst in jüngster Zeit privatisiert wurde.

Die nahezu vollständig erhaltene Kolonie Hannover ist sowohl durch ihre gradlinige, von Nordwesten nach Südosten verlaufende, klare Zeilenstruktur in fünf Baufeldern gekennzeichnet als auch durch die prägnante Grundrissausbildung in kreuzförmiger Aufteilung. Die Gebäude selbst bestehen jeweils aus einem zweigeschossigen Haupthaus mit Satteldach sowie niedrigeren Anbauten mit Sattel- und Pultdächern, die je nach Haustyp etwas variieren. In diesen Anbauten waren ursprünglich Kleintierställe sowie Aborte untergebracht, erst später wurden dort Badezimmer eingerichtet.  Die schlichte Formensprache und einheitlich ruhige Gestaltung ist ebenso typisch für Bauzeit und Siedlungsart wie die sehr großen Grundstücke zum Anbau von Nahrungsmitteln.

Einige Gebäude wurden nach schweren Kriegsschäden wieder aufgebaut, wobei statt Fachwerkkonstruktionen verputztes Mauerwerk verwendet wurde. Die Grundrissstrukturen und Gebäudehöhen wurden jedoch nahezu unverändert wiederhergestellt.

Die hohe Wohnumfeldqualität der großzügigen Gärten sowie der Platanenalleen zwischen den Gebäudezeilen ergänzen das Gesamtbild zu einer damals typischen Bergarbeitersiedlung.

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich das Erscheinungsbild der Kolonie Hannover stark verändert, ohne dass jedoch der Gesamtcharakter verloren gegangen wäre. So wurden beispielsweise an vielen Giebelseiten Fassadenbekleidungen aus großformatigen Faserzementplatten angebracht, einzelne Haustüren und Fenster ausgetauscht sowie diverse Anbauten und Nebengebäude errichtet.

Zum heutigen Zeitpunkt sind noch 24 Gebäude mit je vier Wohneinheiten erhalten. Zwischenzeitlich wurden die Häuser privatisiert, wobei jede der vier Wohneinheiten des Gebäudes über rund 70 qm Wohnfläche und ein Grundstück von durchschnittlich 625 qm verfügt.

Im Wesentlichen weicht der heutige Bestand in folgenden Punkten vom Ursprung ab:

  • Die Wiederaufbauten der im 2. Weltkrieg zerstörten Gebäude erfolgten nicht mehr in Fachwerkbauweise sondern in Mauerwerk mit Putzfassade.
  • Auf den Grundstücken wurden diverse einfache Anbauten und Nebengebäude ohne gestalterische Qualität errichtet, die teilweise nachhaltig die klare Baustruktur stören.
  • An den Gebäuden selbst wurden vielfach ohne Berücksichtigung des Denkmalschutzes neue Fassadenbekleidungen und Anstriche aufgebracht oder nicht denkmalgerechte Fenster und Türen eingebaut, wodurch das Erscheinungsbild teilweisenegativ verändert wurde.
  • Im Inneren der Gebäude wurden Veränderungen vorgenommen, insbesondere wurde in fast allen Häusern der ursprünglich als Stall genutzte Anbau zu Badezimmern umgebaut.
Da insgesamt jedoch die städtebauliche Struktur mit allen Baukörpern und den großzügigen Freianlagen einschließlich der charakteristischen Platanenalleen vollständig erhalten ist und darüber hinaus die Gebäude im Wesentlichen dem denkmalgeschützten Bestand entsprechen, bietet sich hier die große Chance, das Gesamtbild der Siedlung zu erhalten, wiederherzustellen, zu verbessern und langfristig zu sichern. Ein wesentlicher Faktor ist hierbei eine hohe Wohnqualität für die jetzigen und zukünftigen Nutzer sicherzustellen und den heutigen, veränderten Ansprüchen an Wohnformen Rechnung zu tragen.
 
Um die zukünftige Entwicklung der Kolonie Hannover insbesondere auch unter Berücksichtigung der veränderten Eigentümerstruktur zu steuern, wurde im Vorfeld der Privatisierung ein Gestaltungshandbuch [vgl. Miksch Rücker Architekten 2006] mit festen Rahmenbedingungen formuliert, die einerseits der Qualitätssicherung des  Gesamterscheinungsbildes dienen, aber andererseits den individuellen Ansprüchen der Bewohner genügend Spielraum lassen. So sind im Rahmen dieser eng mit den Denkmalschutzbehörden abgestimmten Vorgaben auch energetische Modernisierungen sowie die Erweiterung um einen eingeschossigen Anbau möglich, um die nach heutigen Vorstellungen zu knapp bemessenen Wohnflächen vergrößern zu können.

Auch rund 120 Jahre nach der Erbauung kann somit die hohe städtebauliche und gestalterische Qualität der Kolonie Hannover gesichert bzw. wiederhergestellt, aber auch fortentwickelt werden.

Text:
Georg Biskup | Miksch | Rücker | Architekten (2010): Historische Siedlungen in Bochum - Ein Querschnitt von 1868 bis 1918


Übersichtskarte

Übersichtskarte der "Siedlung Kolonie Hannover"




Erhaltungssatzung | Gestaltungshandbuch

Die Siedlung ist ein bedeutendes Beispiel einer Arbeitersiedlung mit charakteristisch großen Gartenparzellen und prächtigem alten Alleebaumbestand. Zur Erhaltung des zusammenhängenden maßstäblichen Siedlungsgefüges, dessen Einheitlichkeit durch die Privatisierung der Häuser gefährdet ist, werden an die baulichen Anlagen und Freiflächen besondere Anforderungen gestellt. Im Jahre 2006 wurde in Zusammenarbeit mit der Unteren Denkmalbehörde und dem damaligen Eigentümer ein Gestaltungshandbuch entwickelt.

Dieses Gestaltungshandbuch unterstützt Eigentümer und mögliche Erwerber indem es Klarheit, Transparenz und Gleichbehandlung bei eventuellen Baumaßnahmen oder Veränderungen am Bestand gibt. Durch das Handbuch werden Möglichkeiten und Grenzen aufgezeigt.

Zur weiteren Abstimmung ist ein Kontakt zur Unteren Denkmalbehörde der Stadt Bochum unerlässlich.

Ansprechperson: 
Corinna Tschäschke
Telefon 0234 / 910-1670
Zimmer: 1.5.630, Technisches Rathaus
E-Mail: CTschaeschke@bochum.de