Borgholzwiese

Erläuterungen

Die Siedlung Borgholzwiese (Borgholzstraße) ist heute ortsprägend für den Bochumer Stadtteil Wiemelhausen. Sie wurde um 1910 von der Bergbaugesellschaft Prinz Regent erbaut und umfasste insgesamt 37 Häuser mit 145 Wohnungen die heute zum Teil zusammengelegt wurden. Sie erstreckt sich über die Borgholz-, die Wiemelhauser-, und die Bruchstraße. Die Gebäude sollten den Beschäftigten der Bergbaugesellschaft eine dauerhafte, gesunde und ausreichend dimensionierte Unterkunft bieten. Dies war dringend notwendig, da die Bergarbeiter hauptsächlich Einwanderer aus ländlichen Gebieten waren und aufgrund des Arbeitsangebotes in Bergbau und Industrie zusammen mit ihren Familien ins Ruhrgebiet immigrierten. Selten fanden diese Menschen geeigneten und bezahlbaren Wohnraum auf dem freien Markt und waren deswegen auf entsprechende Angebote angewiesen.

Die Gestaltung der Häuser der Siedlung Borgholzwiese lehnt sich an die bevorzugte Ausprägung des Duktus der Gartenstadt an. Die Idee der Gartenstadt, die ursprünglich aus England stammt, erreichte Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts und galt als Gegenpol zu den damals vorherrschenden monotonen und geometrisch starren Ausprägungen von Arbeitersiedlungen. Diese Grundidee spiegelt sich in der Siedlung Borgholzwiese wider.

Sechs unterschiedliche Gebäudetypen bilden die Siedlung. Fünf dieser Gebäudetypen weisen einen ähnlichen  Wohnungsgrundriss auf. Der sechste Gebäudetyp, ein Sondertyp, der ausschließlich aus Eckgebäuden besteht, hat einen unterschiedlichen Grundriss und war höchstwahrscheinlich für die Zechenbeamten bestimmt, die einen höheren Status als die einfachen Arbeiter hatten.

Die Gebäude heben sich trotz ähnlicher Grundrisse in ihrer Fassadengestaltung voneinander ab und schaffen so Individualität, ohne den Gesamtzusammenhang der Siedlung zu stören. Die jeweils für vier Familien konzipierten eineinhalbgeschossigen Häuser haben pro Wohneinheit einen separaten Eingang, der über eine kurze Treppe zu erreichen ist. Der Grundriss entspricht dem System der elsässischen Textilindustrie in der Cité Ouvrière in Mühlhausen. Die Fassaden sind durch Ziegelmauerwerk geprägt. Das Mauerwerk wurde, je nach Haustyp, entweder komplett sichtbar belassen oder erstreckt sich in Variationen bis in das Obergeschoss. Dort geht es in weißen Putz über. Oft finden sich an den Fassaden ebenfalls abwechslungsreich gestaltete, weiße ornamentale Putzfelder, die sich von dem roten Ziegelmauerwerk abheben. Der weiße Verputz, die Putzfelder und die hell belassenen Türen und Fenster stehen in deutlichem Kontrast zum Mauerwerk und machen das Besondere dieser Siedlung aus.

Ergänzend zu den abwechslungsreich gestalteten Gebäuden wurde bei dem Entwurf der Siedlung darauf geachtet, dass genügend Grün- und Freiflächen für die Bewohner vorhanden sind. So gehört zu jeder Wohnung ein eigener Garten, der den Bewohnern Erholungs- und Regenerationsmöglichkeiten als Ausgleich für die schwere, körperliche Arbeit untertage bieten sollte und zudem zur Selbstverpflegung genutzt werden konnte.

Obwohl ähnliche Gebäudetypen in der Siedlung Dreerhöhe (Bochum-Langendreer) und in der Siedlung Friedlicher Nachbar in Bochum-Linden realisiert sind, hebt sich die Siedlung Borgholzwiese aufgrund ihrer Vielzahl an  variationsreichen Haustypen ab und bietet nicht zuletzt auch aufgrund ihrer eindrucksvollen Eckgebäude ein einmaliges Erscheinungsbild.

Seit 1980 gibt es eine detaillierte Gestaltungssatzung, die die gestalterische Gesamtheit der Siedlung langfristig erhalten und vor unpassenden Veränderungen schützen soll.

Nicht zuletzt ist die Siedlung Borgholzwiese als bedeutendes Dokument der Vergangenheit zu betrachten, welches Einblick in die Wohn- und Lebensverhältnisse von Bergarbeitern im frühen 20. Jahrhundert gibt. Deswegen erhielt sie 1994 aus architektur-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen sowie städtebaulichen Gründen eine Eintragung in die Denkmalliste.

Text:
Linda Elaine Buresch (2010): Historische Siedlungen in Bochum - Ein Querschnitt von 1868 bis 1918