Am Ruhrort I / II

Erläuterungen

Die Siedlung Am Ruhrort befindet sich in Bochum-Dahlhausen und wurde bereits im Jahr 1872 von der Firma Dr. C. Otto & Co. GmbH erbaut. Die Firma war damals bahnbrechend auf dem Gebiet des Kokereiwesens und im Besonderen auf deren Nebenproduktgewinnung spezialisiert.

Dahlhausen wurde erst im Jahr 1929 zu einem Stadtteil Bochums und war bis dahin eine eigenständige Gemeinde, deren wichtigster Industriebetrieb das Otto-Werk war. Aufgrund der besonderen Bedeutung dieses Betriebes für Dahlhausen ist es nicht verwunderlich, dass vor Ort eine Siedlung speziell für die Arbeiter der Firma errichtet wurde.

Heute gehören die Grundstücke Am Ruhrort 15 bis 76 zu der gleichnamigen Siedlung, die drei verschiedene Häusertypen aufweist. Diese Haustypen unterscheiden sich sowohl aufgrund der äußeren Gestaltung als auch aufgrund der verschiedenen Grundrisse deutlich voneinander.

Bei dem wahrscheinlich ältesten Bautyp der Siedlung handelt es sich um Gebäude, die mit Schieferplatten verkleidet sind, für mehrere Familien konzipiert waren und sich in ihrer Fassadengestaltung geringfügig voneinander unterscheiden: Manche Häuser dieses Bautyps weisen nur eine Wetterseite mit Schiefer auf, wohingegen andere komplett mit Schiefer verkleidet wurden. Bis auf diese von Haus zu Haus jeweils variierenden Fassaden sind die Gebäude baugleich. Sie verfügen jeweils über zwei Geschosse, ein Satteldach und stehen auf einem Gebäudesockel. An der rechten und linken Seite der Häuser befindet sich je ein Hauseingang, der über eine kurze Treppe mit Handlauf zu erreichen ist.

Dieser Gebäudetyp erinnert an die sogenannte Bergische Bauweise, da typische Stilelemente wie zum Beispiel der weiße Anstrich von Türen und Fenstern oder die Verkleidung der Fassaden mit Schieferplatten übernommen wurde, um das Gefache vor Witterungseinflüssen zu schützen.

Ein zweiter, vor Ort häufig auffindbarer Baustil, setzt sich aufgrund der anderen Farbigkeit und Gebäudeform deutlich von den Schieferbauten der Bergischen Bauweise ab: Hierbei handelt es sich um einen Haustyp, der aus Backstein gefertigt wurde und ursprünglich für jeweils vier Familien konzipiert war. Heute sind diese Wohnungen jedoch zum Teil zusammengelegt worden, um den Bedürfnissen unserer Zeit gerecht zu werden.

Alle Backsteingebäude sind eingeschossig mit Satteldach und haben sowohl zur Vorder- als auch zur Rückseite einen unterteilten Garten. Somit hatte jede Familie ihre eigene Grünfläche, die ursprünglich zur Selbstverpflegung, zur Haltung von Tieren und zur Entspannung und Regeneration der Arbeiter vorgesehen war. Zusätzlich zu dem eigenen, großen Garten verfügt jede Wohnung über ihren eigenen Eingang, der über eine kurze Treppe zu erreichen ist. Aufgrund dieser architektonischen Trennung, bei der jede Wohnpartei sowohl ihren eigenen Garten als auch ihren eigenen Eingang hat und aufgrund des Kreuzgrundrisses kann man bei diesem Gebäudetypen von einem typischen Arbeiterwohnhaus der frühen Industrialisierungsphase sprechen.

Der dritte Gebäudetyp setzt sich deutlich von den anderen Haustypen ab. Es handelt sich ausschließlich um aufwendig gestaltete Häuser mit aufgesetzten Zierfachwerken, dekorativen Formen wie beispielsweise Rundbögen, auffällig gegliederten Fenstern und Fensterläden. Diese Häuser waren ebenfalls für mehrere Familien bestimmt.

Obwohl sich die Gebäude aufgrund ihrer unterschiedlichen Formen und Gestaltungsweisen deutlich voneinander unterscheiden, bilden sie sowohl aufgrund ihres historischen Bezugs zueinander als auch aufgrund ihres städtebaulichen Zusammenhanges eine Einheit, die auch heute noch nachvollziehbar ist.

Seit ihrer Errichtung im Jahr 1892 hat die Siedlung zahlreiche Änderungen erfahren. So wurden beispielsweise Stallanbauten durch Zwischenwände miteinander verbunden oder Toiletten, Bäder und Heizungen eingebaut, um die Wohnungen an heutige Standards anzupassen.

Um den langfristigen Erhalt der Häuser zu gewährleisten und aufgrund ihrer Bedeutung für die Stadt Bochum, wurde die Siedlung Am Ruhrort 1994 unter Denkmalschutz gestellt. Auch wenn sich die Wohngebäude aufgrund der vielen  Veränderungen im Detail nicht mehr im Originalzustand befinden, ist das Siedlungsgefüge intakt und auch heute noch deutlich ablesbar. Die Siedlung ist ein bedeutendes Zeugnis für die Geschichte der Arbeits- und Produktionsverhältnisse sowie für die Sozial-, Industrie- und Architekturgeschichte, da der Standort, die Bauweise sowie die Ausstattung mit Gartenland ein lebendiges Zeugnis für die Wohn- und Lebensverhältnisse von Arbeitern der Zeit um 1870 sind. Die Siedlung ist zudem ortsbildprägend für den Stadtteil Bochum-Dahlhausen und hat aufgrund des engen Zusammenhangs mit der Firma Dr. C. Otto, die deutlich an der industriellen Entwicklung der Stadt beteiligt war, eine besondere Bedeutung. Die Siedlung Am Ruhrort gehört somit zu den zeugniskräftigen Arbeitersiedlungen Bochums und ist bedeutsam für den gesamten Bochumer Raum.


Text:
Linda Elaine Buresch | Patrick Voss (2010): Historische Siedlungen in Bochum - Ein Querschnitt von 1868 bis 1918