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Haus Langendreer und die sprechende Hand

Geheimgänge und Folterkammern, Ritterturniere, festliche Gelage, Jagden in den weiten Wäldern, Edelfalken und Minnegesang - prachtvoll soll es seit dem 13. Jahrhundert zugegangen sein auf Haus Langendreer. Aber "oftmals saß die Burgherrin einsam in ihrem Erker und ließ ihre Blicke sehnsüchtig in die Ferne schweifen". Einer ernsthaften Überprüfung hält dieses Bild vom Adelsleben in Langendreer nicht stand, immerhin bewahrte die schöne Vorstellung den historischen Turm, das Torhaus und die Wehrmauern des alten Adelssitzes vor dem Abriss. Es waren engagierte Bürger, die sich 1977 "allgemein und teilweise fast leidenschaftlich" für den Erhalt und Ausbau des Hauses Langendreer einsetzten.

Ritterlicher Wohnsitz

Die Existenz eines dauerhaften Hauses in Langendreer wird schon für die Zeit vor 884 durch das berühmte Werdener Urbar belegt, das Einkommensverzeichnis der überragenden Benediktiner-Abtei im heutigen Essen. Als "Threiri", so der alte Name Langendreers, wurde der kleine Hof dort noch bezeichnet. Mit Haus Langendreer hatte er noch keine Gemeinsamkeit außer der ungefähren Lage. Damals gaben hier und in der Region die Ritter von Ovelacker den Ton an.

Ende des 13. Jahrhunderts gelangte eine neue Familie zu Rang und Namen, die "Schulten von Drere". 1388 gehörten deren Familienmitglieder "Dyderich und Wessel" sogar zu den Rittern, die es wagten, der freien Reichstadt Dortmund die "Große Fehde" anzusagen. Es ist bekannt, das in dieser Fehde auch die Bochumer Maischützen ihren Ursprung sehen. Ende des 15. Jahrhunderts war das adelige Fräulein Bate das letzte Mitglied der Familie Drere. Sie heiratete 1448 Arndt von Borch aus einem ostwestfälischen Adelsgeschlecht, der Name der Drerer erlosch. Der letzten Drererin ist die Batestraße in Langendreer gewidmet, die gemeinsam mit der Straße "Am Leithenhaus" das historische Grundstück des Hauses Langendreer eingrenzt.

Wehrhafte Burg

Ursprünglich war der Adelssitz Haus Langendreer wohl kaum etwas anderes als ein Bauernhaus mit sicherndem Wassergraben, ein typisch westfälischer Gräftenhof des 13. und 14. Jahrhunderts. Außer seinem angestammtem Namen trug es auch den Namen Leithenhaus, abgeleitet von seiner Lage an der flach auslaufenden Anhöhe, die heute hinter dem Bahndamm zu den Opel-Parkplätzen ansteigt.

Irgendwann konnten es sich die adeligen Drerer leisten, auf eigene bäuerliche Arbeit zu verzichten. Also verpachteten sie ihr Gehöft und errichteten daneben ein so genanntes festes Haus, das nicht mehr aus Holz, Lehm und Stroh sondern aus Bruchsteinen bestand. Eine kostspielige Investition, die aber die alltäglichen Gefährdungen durch Brand und Überfälle minderte und erheblichen Zuwachs an Ansehen versprach. Wegen ihrer Wehrhaftigkeit wurde die Anlage dann auch schon mal Leithen-"Burg" genannt, so zum Beispiel bei einer Erbteilung 1436.

Wie genau sich das Baugeschehen abspielte und weiter entwickelte, ist nicht überliefert. Um 1640 muss sich die mittelalterliche Gräftenanlage aber in einem wohl eher traurigen Zustand befunden haben. Das änderte sich schlagartig, als der Borch'sche Besitz 1642 geteilt wurde. Der jüngere Borch-Erbe Allhard-Philipp (1602-1653) erhielt den Besitz in Langendreer und einen freiadeligen Hof zu Detmold. Nun galt es, Haus Langendreer für die damals modernen herrschaftlichen Ansprüche eines Adeligen umzurüsten. Ein Neubau musste her.

Ein Schloss entsteht

Im Jahr 1643 begannen die Arbeiten am mittlerweile verlorenen barocken Herrenhaus. Es entstand ein stattlicher zweiflügeliger Bau mit einem Turm, der von einer geschweiften Haube bekrönt wurde. Dieses Baudatum gehört zu den wenigen exakten Angaben zur Baugeschichte, die überliefert sind. Nicht zu klären ist die Verwendung eines verschwundenen "Lütken Hus" neben dem Adelshof, das als Altenteiler gedient haben mag und eine E-förmigen Grundriss besaß. Wann die heute tatsächlich noch vorhandenen Gebäude entstanden sind, können wir nur schätzen.

Der kleine Turm könnte mittelalterlichen Ursprungs sein. Die Torhaus-Scheune scheint der Renaissance zuzugehören, ist also vielleicht einhundert Jahre vor dem Herrenhaus gebaut worden. Eine Glocke im Dachreiter der Scheune soll das benachbarte malerische Fachwerkviertel "Klockerigge" - die Glockerei - ihren Namen verdanken. "So oft als gebottelt würde" mussten über viele Generationen Bewohner aus diesen Kötterhäusern zur Pflichterfüllung gegenüber den Herren auf Haus Langendreer eilen. Die lange verschollene Glocke hat vor kurzem die Schulleitung des Hauses Langendreer im Märkischen Museum Witten aufgefunden.

Vielleicht existieren auch noch Reste des rätselhaften unterirdischen Ganges zu einem turmartigen Bau, der in erheblicher Entfernung vom Haupthaus an der heutigen Hauptstraße gestanden hat. Dieser Geheimgang zu Haus Langendreer ist durch Augenzeugen ebenso belegt, wie er in Bochumer Märchen präsent ist. Die Aufzeichnungen zum Urkataster von 1823 nennen den geheimnisvollen Turm "Arrangenhaus", also Orangenhaus, Orangerie. Dann hätte Haus Langendreer zu seinen besten Zeiten sogar eine ausgedehnte Gartenanlage mit einem solchen Wintergarten besessen. Ohne archäologische Grabungen bleibt das aber Spekulation.

Am Ende des 18. Jahrhunderts waren die Anlagen von Haus Langendreer wahrscheinlich noch vollständig. Man erreichte de Adelsitz über einen Weg an einem kleinen Wohn- und Wachhaus vorbei, dem "Rothehaus". Brücken führten über zwei Gräften und durch das Tor, dessen Pfeiler heute noch erhaltenen sind. Im ummauerten Hofraum, der Vorburg, gab es einen Brunnen. Der beherrschende, lang gestreckte und jetzt restaurierte Bau enthielt auch Gerichtsräume. Möglicherweise handelt es sich hier auch um das "Brauhaus" mit Gesindeküche , das noch im 19. Jahrhundert erwähnt wird. In ihm waren dann auch Werkstatt, Vorratsraum und Speicher für Saatgut zu finden. Seine prägnanten Treppengiebel, der Dachreiter und die breite Tordurchfahrt mit einer eigenen Brücke über die Gräfte zeigen gleichermaßen seinen Verzicht auf Wehrhaftigkeit wie den umso stärkeren Anspruch auf Repräsentation. An dieser prächtigen Scheune vorbei gelangte man zum "neuen" Schloßbau von 1643.

Anfang des 18. Jahrhunderts wurden vom Haus Langendreer mehr als die Hälfte der 80 Langendreer Höfe regiert. Seit 1611 waren die Schlossherren bereits Gerichtsherren, sieben Jahre nach ihrem Einzug in das neue Herrenhaus hatten sie 1650 das Patronatsrecht an der Langendreer Dorfkirche erworben. 1766 erstreckte sich der Einfluss des Hauses auch auf die Bauerschaften Werne, Somborn und Stockum.

Der Adel zieht aus, der Bergbau zieht ein

Als in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts der einstmals im Erbgang getrennte Besitz der Familie Borch durch Heirat wieder zusammenkam, verließ die Familie 1792 ziemlich schnell Langendreer und kehrte zu ihren ostwestfälischen Wurzeln zurück. Lang gehegte Pläne, Haus Langendreer zu einer ausgedehnten barocken Schlossanlage umzubauen, waren damit endgültig erledigt, die Gebäude verwahrlosten zunehmend. Die Verwaltung der Liegenschaften übernahm die Rentmeister-Familie Buschmann vom Thöne-Hof in Querenburg. Das sich selbst überlassene Herrenhaus verfiel.

Bis 1905 blieb das Gelände unverändert. In diesem Jahr verkaufte der königliche Kammerherr Alhard Freiherr von der Borch auf Schloss Löseck bei Hannover den alten Familienbesitz mit sämtlichen Ländereien an die Zeche Bruchstraße. Er hatte bereits 1892 und 1893 Grundstücke an die Zeche abgetreten. Der Kaufpreis des 138 ha großen restlichen Besitzes betrug 10.200 Mark.

Um die Abbaurechte der Zeche Bruchstraße hatte sich schon 1796 Freiherr von der Borch sogar mit Friedrich dem Großen gestritten. In Betrieb kam die Zeche aber erst, als im Jahr 1852 der Wittener Industrielle Gustav Mühlensiefen die staatlichen Kohlefelder "Bruchstraße" erwarb, wobei ihm alteingesessene Bochumer finanziell zur Seite standen. 1872 begannen die Teufarbeiten für den ersten Schacht und mit 60 Mann Belegschaft nahm die Zeche 1874 die Förderung auf. 1895 wurde ein zweiter Schacht niedergebracht und im Jahr 1905 förderten 1400 Bergmänner rund 190.000 t Kohle zutage.

Der Kauf des Hauses Langendreer spiegelte über die Ausweitung der Abbaurechte der Zeche hinaus auch den dringenden Bedarf an Baugrund für weitere Arbeitersiedlungen wider. Ein deutlicher Mangel an Wohnungen für ihre Bergarbeiter hatte die Direktion der Zeche schon 1884 veranlasst, eine erste Arbeitersiedlung an der Stephanstraße, den heutigen Kernberg, zu errichten. Auf Haus Langendreer selbst, besonders aber auf den umliegenden Ländereien, entstand in der Zeit um 1910 ansehnlicher Wohnraum für die Familien Arbeit suchender Bergmänner. Die Siedlung am Kernberg und um die Dreerhöhe steht heute ebenso unter Denkmalschutz wie Haus Langendreer.

Das Herrenhaus von 1643 konnte der Denkmalschutz nicht mehr erreichen. Der Bergbau mit seinen Grundwasserabsenkungen hatte dem von Anfang an schwachen Holzfundament wahrscheinlich endgültig den Garaus gemacht. Im Jahre 1908 wurde das verfallene Gebäude abgerissen.

Neue Nutzung

Zeche Bruchstraße wurde 1962 geschlossen, 1969 kaufte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe das Haus Langendreer. Erste Überlegungen, wie mit der historischen Bausubstanz von Haus Langendreer umzugehen sei, gingen eher in Richtung Abriss. Im weiteren Verlauf gewann das Engagement der Langendreer Bürger Gewicht. Schließlich restaurierte man das Äußere des Torhauses. Auch die Mauern mit den Torpfeilern wurden erhalten. Der kleine Eckturm blieb ungefähr von 1977 bis 1982 in der Pflege des "Clubs Deutscher Burgenfreunde, Abt. Haus Langendreer". Alle Bauten des 19. Jahrhunderts wurden beseitigt.

Dass hier trotz des großen Substanzverlustes die Geschichte und das Aussehen des Hauses Langendreer beschrieben werden können, liegt im Wesentlichen an den Forschungen von Clemens Kreuzer, dessen Ergebnisse in seinem 1999 erschienenen Band zur Geschichte Langendreers und Wernes nachzulesen sind. Sie führten auch dazu, dass das Familienarchiv der Familie Borch gefunden und dem Stadtarchiv Bochum zugeführt werden konnte.

Umfangreich ergänzt wurden die historischen Bauten von Haus Langendreer nach 1969 um eine der dringend benötigten Westfälischen Schulen für Schwerhörige. Der Umbau der adeligen Scheune zur Schulverwaltung wurde 1981 in Angriff genommen. Die "Schule am Haus Langendreer" besuchen nun schwerhörige Kinder und Jugendliche, die auch mit einer Hörhilfen dem Unterricht in der allgemeinen Schule nicht folgen können. Selbst im Internet verbreitet die Schule Kenntnisse über Haus Langendreer (members.aol.com/kbbochum96).

Zu dem erst in den letzten zehn Jahren offiziell rehabilitierten Mittel der Verständigung gehört gelegentlich auch die Gebärdensprache mit all ihren virtuosen Handzeichen. Damit ist die Erwähnung einer sprechenden Hand in der Überschrift als verbindende Geste von mittelalterlicher Burgenromantik und lernender Gegenwart in Haus Langendreer enttarnt.

Hans H. Hanke / Zeiten, Redaktion Gegenwart und Geschichte, Bochum