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5.4 Das Stadtbad Bochum

Der wichtigste Gestaltungsbereich der Neuordnung wurde der mit der Verlegung des Hauptbahnhofes entstandene Bahnhofsvorplatz und die ihn tangierende Ost-West-Achse. Wurde im allgemeinen Straßenbild die Korridorstraße mit durchlaufenden Baufluchten und gleichbleibenden Traufenhöhen bevorzugt, sollte hier im Wechselspiel von niedriger und hoher Bebauung eine Gruppe „harmonisch in ihren Maßen abgestimmter Baukörper" entstehen, „die den vom Bahnhof Kommenden eindrucksvoll in die Innenstadt wies". Mit dem vom Planungsamt und Hochbauamt in Zusammenarbeit mit dem Bäderamt entworfenen Stadtbad wurde 1952/ 53 das erste Gebäude in diesem Bereich fertiggestellt.

Die Errichtung öffentlicher Bäder und Bedürfnisanstalten gehörte zu den wichtigsten Bauaufgaben der Nachkriegszeit, da im privaten Bereich diese Anlagen entweder nie bestanden hatten oder aber im Krieg zerstört worden waren. Bauvorhaben dieser Art waren dementsprechend politisch und damit finanziell gut durchsetzbar.

Nach der Zerstörung des in der Stadtmitte gelegenen städtischen Hallenschwimmbades im Jahr 1944, wurde 1947 zunächst ein provisorisches Bad in einer Hotelruine eingerichtet. 1949 wurde dann der Bau eines „Zentralbades für die gesamte Bochumer Bevölkerung (beschlossen), das gleichzeitig geeignet sein sollte, größere Sportveranstaltungen durchzuführen". Zur Wahl des Standortes in Bahnhofsnähe führte Massenberg 1953 aus: „Man sollte die Badeanstalt bewußt als bedeutende öffentliche Anstalt in den Mittelpunkt der Stadt legen. Hier liegt das Bad im Gebiet des größten Verkehrszusammenflusses, das die Nahverkehrsmittel aus allen Richtungen berühren. Für die Besucher und die große Zahl der Beschäftigten in der Innenstadt ist das Bad hier am schnellsten zu Fuß zu erreichen."

Von den Sportveranstaltungen, aber auch von einer modernen und guten Ausstattung versprach man sich eine überregionale Attraktivität des Bades und infolgedessen auch eine wirtschaftliche Förderung der Innenstadt. Eine moderne und repräsentative Architektur sollte das „neue Bochum" bereits in der Außenansicht des Bades signalisieren. Man entschied sich darum für die moderne Stahlbetonskelett-Bauweise, die zudem Einsparungen bei den Baukosten mit sich brachte. Überlegungen aus sozialpolitischer, stadtplanerischer und wirtschaftlicher Sicht führten damit dazu, daß der traditionell von Wirtschaft und Verwaltung genutzte Standortvorteil „Bahnhofsnähe" direkt der Bevölkerung zugute kam.

Der erste Spatenstich erfolgte am 7. 12. 1950, am 17. 12. 1952 wurde der erste und 1953 der zweite und auch letzte Bauabschnitt fertiggestellt. Die Baukosten betrugen 6 Mill. DM. Aufgrund zahlreicher aufwendiger Neuheiten in Technik und Bauweise galt das Stadtbad Bochum einige Jahre als eines der modernsten Hallenbäder Europas. Mit 1200 Zuschauerplätzen auf einer Tribüne und den Beckenumgängen, sowie Aufzeichnungs- und Übertragungsmöglichkeiten für Film und Rundfunk, war es Ort der deutschen Schwimmeisterschaften und ähnlicher Großveranstaltungen. Diese damals vorausschauende Bauleistung Bochums wurde allgemein anerkannt, kritisiert wurde aber auch, „daß hier ein nach den modernsten technischen und architektonischen Gesichtspunkten erbautes kleines Wunderwerk entstand, während noch ungezählte Familien in Bunkern und Kellern ihr Dasein fristen".

Das Stadtbad wurde 1988 geschlossen und steht seit 1990 unter Denkmalschutz.

Im geplanten Gegensatz zum benachbarten neungeschossigen Gebäude der Stadtwerke wurde das Stadtbad mit nur zwei Geschossen über eine Länge von 63 m gestreckt und niedrig gehalten. Es ist ungefähr 4 m hinter die Fluchtlinie zurückgesetzt. Nur ein rückwärtig angeordneter Wasserhochbehälter überragt das Gebäude. Parallel zur Massenbergstraße liegt der Haupttrakt des Baus, der die Eingangshalle, sieben Ladenlokale und die Büros der Verwaltung enthält. Daran schließen sich rechtwinklig drei Verbindungstrakte mit Umkleide-, Bade- und einigen weiteren Betriebsräumen an. Sie gehen in den wieder parallel zur Straße verlaufenden Tribünentrakt über, der in die zwei nebeneinanderliegenden Schwimmhallen mündet, die durch versenkbare Glaswände getrennt werden können. In jeder Schwimmhalle befindet sich ein 15 x 25 m großes Becken.

Die Verbindungstrakte und Haupttrakte umschließen zwei begrünte Innenhöfe, die von den Schwimmhallen und der Eingangshalle aus betretbar sind. Wegen des bestehenden Geländegefälles wurde das gesamte Bad auf einen Ausgleichssockel gesetzt, der über Treppen zugänglich gemacht ist. Dieser Sockel beginnt an der Fluchtlinie und vermittelt so zwischen dem zurückliegenden Bau und der Straße. Diesem Zweck dienen auch die in der Fluchtlinie angeordneten „schmückenden und überleitenden Vitrinen".

Der langgestreckte, zweigeschossige Baukörper bildet zur Massenbergstraße die Hauptfassade, die durch sichtbare, tragende Stahlbetonstützen in 14 gleichgroße Wandflächen unterteilt ist. Mit Ausnahme des Eingangsbereiches ist jede Wandfläche aus vier Feldern aufgebaut: dem verglasten Ladenbereich mit Schaufenstern, Schriftband und gegebenenfalls Ladentür sowie dem Obergeschoß mit zwei massiven Mauerfeldern und einem dazwischenliegenden Fenster. Gezeigt wird hier also ein Wechsel zwischen Glas- und Mauerfeldern. Abgeschlossen wird die Front durch einen bündig auf den Stützen ruhenden Fries und ein vorkragendes Flachdach.

Die Mauerfelder sind mit stehend angeordneten, „lederfarbigen Keramikplatten von ca. 20 auf 40 (cm)" verkleidet. Stützen und Fries wurden mit einem ockerfarbenen Kieselwaschputz versehen, der fugenlos und „scharfkantig" geputzt und anschließend geschliffen worden ist. Alle Glaseinfassungen sind aus weiß gestrichenem Stahl. Jedes Schaufenster erhielt eine senkrecht rot-weiß gestreifte Markise.

Aus der additiven Reihung der Wandflächen bzw. der einzelnen Felder ergeben sich vier horizontal verlaufende Zonen aus Glas und Keramik, die die niedrige Lagerung des Gehäuses unterstreichen. Nur der stark hervorgehobene Haupteingang unterbricht den Gleichtakt der Fassadengliederung. Im vierten und fünften Wandfeld asymmetrisch zum Gesamtbau angeordnet, liegt er exakt in der Mittelachse der Eingangshalle und eines Innenhofes. Im unmittelbaren Bereich des Eingangs ist zwischen Windfang, Vordach und Sockel zu unterscheiden. Dieser Bereich ist in sich axialsymmetrisch gestaltet.

Der Windfang ist in Glas aufgelöst und etwas vorgezogen. Durch einen rückführenden Viertelkreis findet die Windfangfront wieder Anschluß an die Fassade. Im Glasfeld über zwei Doppeltüren befindet sich der Neon-Schriftzug „Stadtbad". Das Vordach beginnt zwischen den Seitenflächen der Stahlbetonstützen und reicht vor bis in die Fluchtlinie. Es wird von vier schlanken Rundstützen getragen, die weit nach innen gestellt sind. Die vordere Kante des Vordachs nimmt den Vollkreis dieser Stützform und den Viertelkreis des Windfangs wieder auf. Die gesamte Kante wird von einem umlaufenden Lichtband begrenzt. Die vorwiegende Farbe im Eingangsbereich ist weiß, so daß im Zusammenklang mit Glas und Licht ein transparenter Eindruck entsteht. Die auf den Eingang in seiner vollen Breite zuführende granitfarbige Treppe und die mit Klinker verkleideten, flankierenden Teile des Sockels heben diese Wirkung teilweise auf. Sie verstärken aber den symmetrischen Eindruck und verleihen dem Eingangsbereich einen erhabeneren Charakter.

Bei der Innengestaltung der Schwimmhallen, der Innenhöfe und der Eingangshalle ist versucht worden, durch farbige Glasuren der Wand- und Bodenfliesen, durch große Fensterflächen, Sitzgruppen und Begrünungen die „strenge Zweckmäßigkeit der Räume zu beleben". Die Eingangshalle ist über beide Stockwerke geführt und erschließt über eine Treppe und eine Empore die im Obergeschoß gelegene Milchbar. Im Untergeschoß wird die Halle durch eine geschwungen gestaltete Blumenbank mit aufgesetztem Raumteiler aus kannelierten Rundstäben und zwei auf einer mittig gelegenen Stufe aufgesetzten schmalen Rundstütze gegliedert. Die Rundstützen gleichen denen des Vordachs und finden sich noch einmal auf der Tribüne. In der Eingangshalle tragen sie die Empore, die sich in symmetrisch geschwungenen Linienführungen zur Eingangshalle öffnet. Die an den Innenhof grenzende Wand der Eingangshalle ist zwischen den auch hier gezeigten Stahlbetonstützen voll verglast und ermöglicht einen Blick durch den Innenhof bis in die Schwimmhallen.

Das Stadtbad Bochum ist in seiner gesamten Gestaltung eine erste deutliche Darstellung des vom Planungsamt propagierten „neuen Raum- und Proportionsgefühls". Die künstlerische Verwendbarkeit von Stahl und Beton wurde hier ebenso veranschaulicht wie das Prinzip von „Einheitlichkeit und Rhythmus" oder die „Betonung der Senkrechten". Alle Grundsätze spiegeln sich im einzelnen Wandfeld, das selbst im Muster der Fliesen das hochstehende Rechteck zeigt und in der Addition der Wandfelder den liegenden Baukörper widerspruchsfrei mit der Senkrechten kombiniert. Auf einige dennoch vorhandene Unstimmigkeiten soll im folgenden hingewiesen werden.

Ein erster Widerspruch, der auch am ARAL-Bau zu bemerken ist, scheint zwischen der demonstrativen Zurschaustellung des Stahlbetonskeletts und seiner Verkleidung mit Putz zu bestehen. Putz war hier aber nur ein Mittel, die zu Beginn der fünfziger Jahre noch unbewältigten Schwierigkeiten bei der Herstellung eines hinreichend gleichmäßigen Sichtbetons zu kaschieren. Ein strukturähnlicher Putz sollte Sichtbeton vortäuschen.

Nicht konsequent ausgenutzt wurde die der Stahlbetonkonstruktion eigene Möglichkeit, weite und ineinander übergehende Räume zu schaffen. Die Absicht, ein solches Konzept der „fließenden Räume" zu verwirklichen, ist in der Abfolge Eingangshalle - Empore - Milchbar - Innenhof erkennbar. Sie bleibt aber Ansatz -- zu deutlich werden hier noch die Raumgrenzen markiert, wie zum Beispiel durch die Rahmungen der Durchgänge.

Ein charakteristischer Widerspruch zeigt sich in der Beziehung der Fassade zum Innenraum. In der zur Massenbergstraße gelegenen Milchbar im Obergeschoß des Stadtbads wird durch überhohe Brüstungen der Blick auf das künftig „großstädtische" Bochum verwehrt, für das doch bei den Besuchern des Stadtbads Reklame gemacht werden sollte. Rein konstruktiv stand der sich dafür anbietenden großflächigen Verglasung nichts entgegen, sie ist auch in den Innenhöfen und an der Rückfront vorgenommen worden.

Bestimmend für die Höhe der Brüstungen wurden hier anscheinend die ebenfalls zur Massenbergstraße gelegenen Saunaräume, in die der Einblick verwehrt werden sollte. Die so vorgegebene Brüstungshöhe wurde dann auch in der benachbarten Milchbar beibehalten. Die Ursache für dieses funktional nicht zu begründende Beibehalten einer unzweckmäßigen Form ist in den Folgen zu sehen, die eine Änderung der Brüstungshöhe bzw. Fenstergröße auf die Fassade gehabt hätte. Die Fassade sollte ein erstes Beispiel der neuen, einheitlichen Architektur geben, und hätte in diesem Sinne durch uneinheitliche Formate gleicher Gestaltungselemente unruhig gewirkt. Es zeigt sich also, daß die Fassade des Stadtbads wesentlich von außen konzipiert wurde und nicht etwa das Äußere nur den inneren Funktionen des Raumprogramms folgte.

Zuletzt ist darauf hinzuweisen, daß in allen Bereichen des Stadtbades eine geometrisch lineare Gestaltung zu beobachten ist. Die Verwendung spitzer und rechter Winkel, des Voll- und des Viertelkreises erfolgt besonders im Eingangsbereich, mit Vordach, „Stadtbad"-Schriftzug, schlanken Rundstützen und schmalen Fensterprofilen. Erkennbar sind auch einige geschwungene Linienführungen an der Empore, der Blumenbank und in der Milchbar. Keine dieser beiden Typen schmaler Linienführung kann aber bereits als übergreifendes Gestaltungsmerkmal bezeichnet werden, dazu befinden sich die geometrischen und geschwungenen Elemente in einem zu indifferenten Verhältnis zueinander und stehen in zu starkem Kontrast zu den massiven Wandflächen.

Die Verwendung verputzter Stahlbetonstützen, die nicht konsequente Ausnutzung der gestalterischen Möglichkeiten der Skelettkonstruktion, das nicht befriedigende Verhältnis der Fassade zur inneren Funktion des Gebäudes und die noch nicht als übergreifende Gestaltung ausgeprägte schmale Linienführung weisen die Architektur des Stadtbades als Übergangsform aus, bei der zwar ein neues Prinzip der Gestaltung gefunden im Detail aber noch nicht voll ausgeformt worden ist.

Hatte also das ARAL-Gebäude mit seinem repräsentativ gestalteten Stahlbetonskelett erstmals in Bochum einen neuen Weg in der Architektur gezeigt, so wurde mit dem Stadtbad - trotz einiger Unschlüssigkeiten - bewiesen, daß hier neue Architektur im dichter bebauten City-Bereich genauso verwendungsfähig war. Im Zusammenhang mit dem neuen städtebaulichen Raumkonzept der wechselnden Höhen und der erstmals gezeigten Möglichkeiten der schmalen Linienführungen in der Detailgestaltung war das Stadtbad 1952 ein Prototyp der „Architektur der Fünfziger".