Neues Fliednerhaus öffnet für wohnungslose Übernachtungsgäste

Neues Fliednerhaus öffnet für wohnungslose Übernachtungsgäste

„Staunen, einfach nur Staunen“, beschreibt Chris Caldow die Reaktionen auf den Neubau des Fliednerhauses, das obdachlose Menschen für die Nacht aufnimmt. Caldow leitet bei der Diakonie die Wohnungslosenhilfe und übernahm das frisch fertiggestellte Gebäude am Samstag, 10. November, von der VBW Bauen und Wohnen GmbH und der Stadt Bochum.

Für Oberbürgermeister Thomas Eiskirch ist die moderne Notschlafstelle am Stadion ein Symbol dafür, was Bochum alles erreichen kann, wenn die Stadtgesellschaft zusammensteht und gemeinsam anpackt. Im Falle des Fliednerhauses „für die Menschen, die es schwieriger haben und ein Stück am Rande der Gesellschaft stehen“.

Nur neun Monate betrug die Bauzeit für das helle, dreigeschossige Gebäude, das 42 Menschen in der Regel in Doppelzimmern nächtlichen Schutz vor der Straße bietet. Das Besondere: Auf den 950 Quadratmetern finden im Erdgeschoss neben der Anmeldung zudem die Suppenküche und die Aufsuchende medizinische Hilfe für Wohnungslose Platz. Zwei Vereine, die bisher in der Innenstadt ihren Sitz hatten.

In der neuen Suppenküche können seit dem 12. November werktags bis zu 120 Menschen warm essen und sich mit Lebensmitteln von der Tafel für den Abend sowie das Frühstück eindecken. Eine Lampe in dem L-förmigen Speisesaal zeigt an, wenn der Arzt im Haus ist. Durch eine Verbindungstür gelangen wohnungslose Patientinnen und Patienten in den Wartebereich und zu dem komplett neu ausgestatten Untersuchungszimmer.

Damit ergänzen sich am Stadion nun ehren- und hauptamtliches Engagement unter einem Dach. „Die Menschen können hier essen, sich ärztlich versorgen lassen und abends unterkommen – das ist neu und einmalig“, sagt Jens Fritsch, Vorstand der Inneren Mission - Diakonisches Werk Bochum. Gleichzeitig sei es gelungen, das bewährte Modell dezentraler Versorgungsangebote für Wohnungslose zu erhalten.

Manche von ihnen sind auf der Durchreise und bleiben im Fliednerhaus nur eine Nacht. Einige kommen eine ganze Zeit wieder – so wie Tobias. „Ein halbes Jahr lang“, erzählt der 33-Jährige. Seit Juni schläft er wieder im eigenen Bett. Bei Mario waren es fast eineinhalb Jahre, bis auch der 38-Jährige mit Hilfe der Diakonie eine Wohnung fand. Beide sind trotzdem zur Eröffnung gekommen, haben sogar schon Tage vorher geholfen. „Betten und Matratzen reingeschleppt und bezogen“, zählt Tobias auf. Ihre Freude über das neue Gebäude ist fast greifbar. Das Schönste an dem Neubau für sie? „Die Sanitäranlagen“, lobt Mario. Auch die Anmeldung mit Pforte begrüßt er: „Das erhöht das Sicherheitsgefühl, das eigene und auch das der Mitarbeiterinnen.“ Denn nicht jeder käme nüchtern und friedlich.

Rein kommt prinzipiell erst einmal jeder – jedoch: „Er muss es noch selbst ins Bett schaffen“, sagt Chris Caldow. Bleiben darf nur, wer sich an die Hausregeln hält. Dazu zählt, kein Konsum von Alkohol und Drogen im Haus. Frauen haben in der ersten Etage einen eigenen Trakt, Tür an Tür mit den Diensträumen der Beschäftigten. Diese sehen durch eine weitere gläserne Pforte, wer hinein will. Sie haben von dort zudem nur wenige Schritte zu den zwei Übernachtungszimmern für Behinderte und zu dem Genesungszimmer für kranke Schlafgäste auf dem gegenüberliegenden Flur. Diese Einzelzimmer haben ähnlich wie im Krankenhaus unter anderem einen Notruf im Zimmer. Die restlichen Räume, alles Doppelzimmer, sind für junge 17- bis 23-Jährige; ältere Männer kommen im zweiten Obergeschoss unter.

Auf allen Etagen erstrahlen die Wände in klarem Weiß, die Türen und der Fußboden in hellen Grautönen. Viele Fenster und Lampen spenden Helligkeit. In den Zimmern stehen neue Betten aus hellgrauem Metall. Tische und Stühle sind ebenfalls neu. Die Stadtverwaltung hat die Möbel bereitgestellt, ihre Schreinerei unter anderem den Aufbau der Essensausgabe in der Suppenküche übernommen und passgenau gemacht. VBW-Geschäftsführer Norbert Riffel freut sich über die „überzeugende Qualität und den bundesweiten Ausnahmecharakter“ des Gebäudes. Durch die rückwärtigen Fenster fällt der Blick auf das alte, marode Fliednerhaus. „In diesem Bau war keine Zukunft mehr möglich“, kommentiert Jens Fritsch den Zustand. Was Bochum aber zu keinem Sonderfall mache. „Die Unterkünfte sehen eigentlich überall so aus“, sagt Chris Caldow aus ihrer Erfahrung in der Wohnungslosenhilfe. Sie strahlt, dass es in Bochum nun ganz anders ist: „Hier gab es den enormen Willen, das zu ändern, und dann geht das auch.“

(12. November 2018)