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Als die Demokratie (ein bisschen) weiblicher wurde: 100 Jahre freie, gleiche Wahlen in Bochum

Als die Demokratie (ein bisschen) weiblicher wurde: 100 Jahre freie, gleiche Wahlen in Bochum

Als die Demokratie (ein bisschen) weiblicher wurde: 100 Jahre freie, gleiche Wahlen in Bochum

Der Ratssaal im Alten Rathaus
(Archivmaterial der Stadt Bochum, Stadtarchiv)

Die Leserinnen und Leser der „Westfälischen Volks-Zeitung“ mussten beim Anblick der Titelseite am Samstag, 1. März 1919, den Eindruck gewinnen, als sei der eben überstandene Erste Weltkrieg das kleinere Übel im Vergleich zu dem, was nun bevorstand. „Am morgigen Sonntage entscheidet sich das Schicksal unserer Stadt Bochum“, drohte es aus der kirchennahen Zeitung, die immerhin aber auch gleich eine Lösung anzubieten hatte: „Am morgigen Wahltag wird Zentrum gewählt!“

Der Wahltag war Sonntag, der 2. März – und er war in der Tat so etwas wie ein Schicksalstag für Bochum und die übrigen Kommunen Deutschlands. Zum ersten Mal wählten die Bürgerinnen und Bürger ihre Stadtparlamente in allgemeiner, freier, unmittelbarer und geheimer Verhältniswahl. Bis dato galt das Drei-Klassen-Wahlrecht, das die unteren Einkommensklassen, die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, stark benachteiligte. Wahlberechtigt waren nur die Männer. Nun standen erstmals auch die Frauen auf den Wahllisten, gingen in die Wahllokale, gaben ihre Stimmen ab – und sollten am Ende auch acht Vertreterinnen in das Bochumer Stadtparlament entsenden, die ersten weiblichen Abgeordneten in der Geschichte dieses Gremiums.

Die Stadt Bochum bestand damals aus der Altstadt und den Stadtteilen Wiemelhausen, Hamme, Hofstede und Grumme, 70 Prozent der Berufstätigen arbeiteten in Bergbau und Industrie. Bochum wuchs in dieser Zeit rasant, explodierte förmlich von rund 65.000 Einwohnern im Jahr 1900 bis auf rund 320.000 im Jahr 1929 – alles war in Bewegung, das Wahlrecht und die Zusammensetzung der Parlamente waren nur eine von vielen umfassenden Neuerungen, die auf die Menschen in dieser Zeit zukamen.

Ottilie Schönewald

Für die Bochumerinnen und Bochumer war die Kommunalwahl auch schon die dritte Wahl im noch jungen Jahr 1919, alle nach den neuen demokratischen Regeln. Zunächst hatte man abgestimmt für die verfassungsgebende Nationalversammlung in Weimar, dann für die verfassungsgebende Landesversammlung, nun also die dritte Abstimmung in zwei Monaten – vielleicht erklärt das die eher moderate Wahlbeteiligung von 67,6 Prozent (zum Vergleich: Bei der Kommunalwahl fünf Jahre später lag diese bei 83,3 Prozent).

Dabei hatte nicht nur die „Westfälische Volks-Zeitung“ für ihre Kandidatinnen und Kandidaten bei der „Schicksals-Wahl“ getrommelt, auch die anderen Lager hatten im Vorfeld in den Zeitungen kein gutes Haar am politischen Gegner gelassen. Vom SPD-nahen „Volksblatt“ über den bürgerlichen „Bochumer Anzeiger“ bis zum nationalkonservativen „Märkischen Sprecher“ flatterten den Bochumerinnen und Bochumern Wahlaufrufe ins Haus, abgefasst in zum Teil schrillsten Tönen. Tief verfeindet standen sich die politischen Lager gegenüber, nicht nur das Vokabular, auch der Umgang miteinander war ruppig, körperliche Auseinandersetzungen auf Partei-Kundgebungen waren nicht unüblich. Teile der Bürgerschaft waren bis an die Zähne bewaffnet (eine Liste aus dem Jahr 1920 zählt aus den Beständen der Bochumer „Einwohnerwehr“ unter anderem 3750 Gewehre, 22 leichte Maschinengewehre und 300 Handgranaten auf), Anzeigen wie für die „Heda-Gerthe“, eine Art Schlagstock, in Zeitungen gängig: „Nichts scheut der Räuber und der Dieb / so sehr, wie einen „Heda“-Hieb!“

Bis zuletzt hatte es gegen die kommunalen Wahlen Widerstand gegeben: Die bisherigen Abgeordneten hatten sich sogar für einen „Wahlstreik“ ausgesprochen, mussten davon aber Abstand nehmen, nachdem ihnen die Landesregierung klargemacht hatte, dass sie damit nicht durchkommen würden. Und so wählten die Bochumerinnen und Bochum am 2. März 1919 fünf Parteien in die Stadtvertretung: Das Zentrum mit 37,6 Prozent der Stimmen, auf die SPD entfielen 35,4 Prozent. Die Wahlvereinigung aus Deutsch-Nationaler Volkspartei und Deutscher Volkspartei erreichte 18 Prozent, die Deutsche Demokratische Partei erreichte 4,6 Prozent und die Polenpartei 4,4 Prozent. Acht Frauen waren im insgesamt 66 Sitze umfassenden Stadtparlament vertreten: Maria Brück, Maria Loosen und Johanna Köhler für das Zentrum, Alma Römer und Gertrud Czappa für die SPD, Hedwig Hoffmann und Klara Ulrich für die DNVP und Ottilie Schönewald für die DDP.

100 Jahre später sind im Rat der Stadt 25 Frauen vertreten – bei insgesamt 84 Sitzen.

(28. Februar 2019)