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Biotop Gondelteich: Von Riesen und Zwergen unter Wasser

Biotop Gondelteich: Von Riesen und Zwergen unter Wasser

Biotop Gondelteich: Von Riesen und Zwergen unter Wasser

Der Fang des Tages würde jedem Profi-Angler zur Ehre gereichen: 85 Zentimeter lang und sicherlich zehn Kilogramm schwer ist der Koloss, ein uralter, riesiger chinesischer Marmorkarpfen. Mit einem solchen Giganten hatte hier niemand gerechnet. Stefan Staas, Doktor der Biologie, der den Riesenfisch aus dem Gondelteich im Bochumer Stadtpark gezogen hat, ist ziemlich baff: „Der gehört jetzt aber wirklich nicht hierher.“ Der Karpfen spitzt beleidigt das Maul. Dann wird er wieder freigelassen.

Der Gondelteich im Stadtpark gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen in der Innenstadt. Familien picknicken hier, Spaziergänger und Freizeitsportler umkreisen ihn, Menschen allen Alters ruhen sich auf den ihn umgebenden Bänken aus. Schon daran sieht man, dass der Teich, nach behördlicher Klassifizierung als Regenrückhaltebecken definiert, weit mehr ist als nur eine mit Wasser vollgelaufene Kuhle im Boden. Er ist Lebensraum für Insekten und Wasservögel, für Amphibien und eben auch für Fische. Das war klar – und klar war seit dem hitzebedingten Fischsterben im Jahre 2018 auch, dass dieser Lebensraum für seine Bewohner mitunter zur tödlichen Falle werden kann, wenn nichts unternommen wird. Eine erste Sofort-Maßnahme der Stadtverwaltung gemeinsam mit der Technischen Hochschule Georg Agricola zum Schutz des Gewässers und der ansässigen Lebensformen war die permanente Überwachung der Wasserqualität. Als während der ersten Hitzewelle des Jahres die Temperaturen bedrohlich anstiegen und der Sauerstoffgehalt des Wassers absackte, konnte prompt reagiert werden: Der Technische Betrieb leitete tausende Liter Frischwasser in den Teich und installierte zwei Belüfter, die das Wasser mit Sauerstoff anreichern.

Aber das Problem des Teiches und seiner Fische ist nicht nur die Hitze. Weil der Gondelteich keinen natürlichen Zu- und Abfluss hat, ist die wachsende Schlammschicht aus verwelkten Blättern, Vogelkot und den Essensresten, die Unbelehrbare immer noch den Wasservögeln zuwerfen, eine ernste Bedrohung. Denn der Schlamm verbraucht Sauerstoff, wenn er sich zersetzt. Mindestens mittelfristig braucht der Teich eine Entschlammung.

Das geschieht üblicherweise mit einer Pumpe, die den Schlamm vom Grund des Gewässers saugt – aber auch alles andere, wenn es in die Öffnung passt. Und genau deshalb steht Dr. Stefan Staas in Wathose und Gummistiefeln in einem kleinen Kahn und wirft immer wieder einen Kescher ins Wasser, holt ihn ein und leert den Inhalt in einen großen Eimer im Bug des Bootes. Staas ist einer der Geschäftsführer der auf Fisch- und Gewässerökologie spezialisierten Firma Limnoplan aus Erftstadt bei Köln und schippert an diesem Morgen auf dem Gondelteich, um herauszufinden, welche Fischarten unter seinem Kiel schwimmen.

Als er das erste Mal wieder auf das Ufer zusteuert, grinst er breit: „Das sind ganz schön viele!“, ruft er der kleinen Gruppe Verwaltungsmitarbeiter zu, die ihm bei der Arbeit zusehen und auf erste Ergebnisse warten. Denn sie wollen die Lebensbedingungen im Teich dauerhaft verbessern und tüfteln daher an einem entsprechenden Konzept. Da ist es mehr als sinnvoll, sich anzusehen, was denn da genau unter der Wasseroberfläche los ist.

Und siehe da: Der Gondelteich ist überraschend fischreich, ganze Schwärme ziehen im Schatten unter den überhängenden Ästen der Parkbäume ihre Kreise. Der Experte entdeckt sogar mindestens zwei geschützte Arten, nämlich die seltenen, wenige Zentimeter großen Moderlieschen und Bitterlinge – seltsamerweise kommen sie im Gondelteich in großer Zahl vor, auch wenn ihre bevorzugte Umgebung üblicherweise anders aussieht. Staas zeigt noch andere Teichschwimmer, Barsche und Rotaugen. Und es gibt Brut im Wasser, der Teich ist also voller kleiner Lebewesen, das muss bei einer möglichen Entschlammung natürlich beachtet und Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Außerdem spielt die Art der Fische eine wichtige Rolle in Überlegungen, eventuell Wasserpflanzen zur Reinigung und Sauerstoffproduktion im Teich anzusiedeln – die sollten möglichst nicht sofort von den Fischen gefressen werden.

Die Bestimmung der Fischarten ist außerdem wichtig zur Einschätzung des Gefährdungspotenzials, denn je nach Art kommen sie mal besser, mal schlechter mit Sauerstoffmangel zurecht. Und sie lässt Schlussfolgerungen über mögliche nötige Eingriffe in die Populationen zu. Es kann durchaus sinnvoll sein, sie zu reduzieren oder ganze Arten zu entnehmen.

Womit Staas wieder auf den chinesischen Marmorkarpfen zu sprechen kommt. Diese Fische wurden in den 60ern und 70ern in deutschen Teichen ausgesetzt, weil sie die Wasserpflanzen abfressen sollten und verbreiteten sich rasch. Sie sind einheimischen Arten in fast allen Belangen überlegen – zum Beispiel vermehren sie sich deutlich erfolgreicher und verdrängen so nach und nach andere Fischarten. Wenn das Konzept zur dauerhaften Stabilisierung der Teich-Ökologie also einmal vorliegt, könnte einer der darin enthaltenen Punkte bedeuten, dass der mächtige Fisch, wenn er das nächste Mal aus dem Gondelteich gezogen wird, nicht wieder dahin zurückkehren darf.

(19. Juli 2019)