Bochum zeichnet Otobong Nkanga mit Peter-Weiss-Preis aus

Bochum zeichnet Otobong Nkanga mit Peter-Weiss-Preis aus

Den Peter-Weiss-Preis verleiht die Stadt Bochum 2019 an die Künstlerin Otobong Nkanga. Seit 1990 wird der städtische Kulturpreis, benannt nach dem Autor, Dramatiker, Maler und Filmemacher Peter Weiss, alle zwei Jahre an eine Persönlichkeit aus einer der Sparten Literatur, Theater, bildende Kunst und Film vergeben. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert.

Unter dem Vorsitz von Stadtrat Dietmar Dieckmann hat sich die 14-köpfige Jury zur Vergabe des städtischen Kulturpreises auf ihrer Sitzung am 19. August für die nigerianische Künstlerin Otobong Nkanga als Preisträgerin ausgesprochen. Die Jury sieht in der Arbeit Otobong Nkangas „eine Fortführung der ästhetischen Recherche, die das Werk von Peter Weiss auszeichnet: der unbedingte Wille zum Verständnis von Welt durch eine ästhetische Aneignung derselben. Eine Aneignung die politische Implikationen nicht erzeugt, sondern deren Voraussetzungen nachzeichnet.“

„Sehr subtil präsentieren ihre Arbeiten einen eigentlich kleinen Ausschnitt unserer Alltagswelt, mit dem Otobong Nkanga eindrucksvoll zeigt, wie uns Natur und Umwelt ihren Stempel einprägen, wie und mit welchen Fragen und Implikationen sich Gesellschaft und Politik darauf rückbeziehen lassen“, meint der Juryvorsitzende und Bochumer Kulturdezernent Dietmar Dieckmann.   

Die Jury begründet ihre Entscheidung zur Verleihung des Peter-Weiss-Preises an Otobong Nkanga wie folgt:

„Das erstmals 1965 veröffentlichte, autobiographisch geprägte Werk ,Fluchtpunkt‘ beendet der Autor, Filmemacher, Maler und Zeichner Peter Weiss (1916-1982) mit der Einsicht, dass ,es schwer war, an Worte und an Bilder heranzukommen‘, die sich entgegen seiner Annahme nicht entzogen, weil er allzeit der Fremde war, weil er nie dazugehörte, sondern, ,weil manche Worte und Bilder so tief lagen, daß sie erst lange gesucht ... werden mußten, ehe sie das Material hergaben, das sich mitteilen ließ‘ (Peter Weiss, Fluchtpunkt, Frankfurt am Main, 1965, S. 197).
Die diesjährige Preisträgerin des Peter-Weiss-Preises hat sich in einem Interview 2010 ganz ähnlich geäußert: ,Es ist ein sehr langsamer Prozess gewesen und ich bin immer noch mit dem Versuch befasst, verschiedene Wege des Arbeitens zu finden; verschiedene Wege um mit der Komplexität des Persönlichen in Bezug auf das alltägliche Lokale/Globale und die universalen Fragen unserer Gesellschaft und unserer Umwelt umzugehen‘ (CCA, Lagos / Newsletter Ausgabe Nr. 10 / September - Dezember 2010, S. 4).

Mit gutem Recht darf man in der Suche von Otobong Nkanga, geboren 1974 in Kano, Nigeria, eine Fortführung der ästhetischen Recherche sehen, die das Werk von Peter Weiss auszeichnet: der unbedingte Wille zum Verständnis von Welt durch eine ästhetische Aneignung derselben. Eine Aneignung die politische Implikationen nicht erzeugt, sondern deren Voraussetzungen nachzeichnet. Otobong Nkanga, Fotografin, Performerin, Plastikerin, Autorin, überwindet eine theoretische Ferne und Abstraktion und begreift ihre künstlerisch-anthropologischen Studien als den ganzen Menschen umfassende, konkrete Untersuchungen. Der Mensch sieht, fühlt, schmeckt, tastet und denkt. Die Zusammenhänge zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft sind ebenso vielfältig wie die Prägung des Einzelnen durch die Umwelt.

Ein Rohstoff wie das Mineral Glimmer, das in Nkangas Arbeit eine wichtige Rolle spielt, wird weltweit in der kosmetischen Industrie ebenso eingesetzt wie als elektrischer Isolator, als Schmiermittel, Oberflächenbeschichtung oder in der Farbindustrie. Dort, wo der Glimmer abgebaut wird – wie zum Beispiel in Nigeria – führt er aber nicht zu Wohlstand, sondern zu Armut, denn die Fährte des Verbrauchs führt aus dem Land und dem Kontinent hinaus. Wer dem Rohstoff folgt, wird in die Fremde geführt. Auf der Suche nach einer ,Ästhetik des Widerstands‘ sind wir im 21. Jahrhundert in Afrika angekommen, wo die Fäden, die Peter Weiss ausgeworfen hat, von Otobong Nkanga in der Gegenwart aufgenommen und zwischen Europa und Afrika weiter gesponnen werden.“ 

Die Verleihung des Preises in der Sparte Bildende Kunst erfolgt 2019 zum vierten Mal. Die vorherigen Preisträger in dieser Sparte waren Jochen Gerz (1996), Hans Haacke (2004) und zuletzt Rosemarie Trockel (2010).

Die Auszeichnung soll Schriftstellerinnen und Schriftstellern, bildenden Künstlerinnen und Künstlern, Theatermacherinnen und Theatermachern sowie Filmschaffenden Ansporn und Förderung sein, ihre Arbeit im Sinne eines humanistischen Engagements fortzuführen, für welches das Gesamtwerk von Peter Weiss beispielhaft steht.

Die feierliche öffentliche Preisverleihung an Otobong Nkanga findet am 15. Dezember 2019 im Kunstmuseum Bochum statt.

Unter dem Jury-Vorsitz von Bochums Kulturdezernenten Dietmar Dieckmann berieten die Fachjuroren Claudia Dichter, Dr. Hans Günter Golinski, Dr. Barbara Könches, Catrin Lorch, Prof. Hartmut Neumann, Prof. Dr. Änne Söll und Jan Wentrup sowie die Vertreterinnen und Vertreter der Fraktionen im Rat der Stadt Bochum Dr. Hans Hanke (SPD), Lothar Gräfingholt (CDU), Barbara Jeßel (Die Grünen), Horst Hohmeier (Die Linke), Klaus-Peter Hülder (UWG), Jacqueline Kraemer (FDP/Die Stadtgestalter) sowie Regina Wüstefeld (AfD).

Kurz-Vita

Otobong Nkanga (*1974 in Kano, Nigeria)

Studien:

2005 – 2008   DasArts, Advanced Studies in the Performing Arts, Amsterdam
2002 – 2003   Rijksakademie van beeldende kunsten, Amsterda
1995 – 2001     Ecole Nationale Superieure des Beaux – Arts (ENSBA), Paris
1992 – 1994     Obafemi Awolowo University, (OAU) Ile – Ife, Osun State, Nigeria.

Otobong Nkanga unterrichtete 2010 bis 2012 an der Gerriet Rietveld Academy, Fine Arts Department in Amsterdam. Sie nahm an verschiedenen Stipendiats- und Residenzprogrammen teil. So war Nkanga Residenz-Künstlerin beim DAAD, Berlin (2014) und ist aktuell Artist-in-Residence beim Martin Gropius Bau, Berlin.

Zur Zeit bereitet sie Einzelausstellungen für Tate St Ives (Großbritannien) und für das Zeitz Museum of Contemporay Art Africa in Cape Town (Südafrika) vor.

Sie hat eine rege internationale Ausstellungstätigkeit sowohl mit Einzel- als auch Gruppenausstellungen.

Ihre letzten Einzelausstellungen waren:

2018
 “A Lapse, a Stain, a Fall”, Ar/geKunst, Bozen
“To Dig a Hole that Collapses Again”, Museum of Contemporary Art (MCA), Chicago

2017
“Voices” (Wetin You Go Do?), “The Tanks” at Tate Modern, Blavatnik Building, London
“The Breath from Fertile Grounds”, Temple Bar Gallery, Dublin
“The Encounter That Took a Part of Me”, Kunsthal Aarhus, Aarhus

2016
“The Encounter That Took a Part of Me”, Nottingham Contemporary, Nottingham
“MATRIX 260”, University of California, Berkeley Art Museum and Pacific Film Archive (BAMPFA)
“Landversation Beirut, Beirut Art Center (2016)

2015
“Diaoptasia”, Tate Modern, London
“Bruises and Lustre”, Museum voor Hedendaagse Kunst Antwerpen  (M HKA), Antwerpen
„Comot Your Eyes Make I Borrow You Mine”, Kadist Art Foundation, Paris
“Crumbling Through Powdery Air”, Portikus, Frankfurt (2015).

Gruppenausstellungen:

2019-2020
58. Biennale, Venedig
Black Refractions, San Francisco CA, Charleston SC, Kalamazoo MI, Northampton MA, Seattle WA, Salt Lake City UT

2018-2019
Hand Drawn, Action Packed, Hayward Gallery Touring, St. Albans, Wolverhampton, Glasgow, Swansea

2018
Laid Bare in the Landscape, Nevada Museum of Art, Reno
Cosmogonies, au gré des éléments, Musée d'art moderne et d'art contemporain (MAMAC), Nizza
General Rehearsal, Moscow Museum of Modern Art, Moskau

2017
Documenta 14, Athen / Kassel
“I am a native foreigner”, Stedelijk Museum Amsterdam
“Take Me (I’m Yours)”, Pirelli Hangarbicocca, Mailand

2016
“Life Itself”, Moderna Museet, Stockholm
Museum on/off, Centre Pompidou, Paris

2015
13. Biennale de Lyon, La vie moderne, Lyon

2014
31.Bienal de São Paulo, São Paulo
8. Berlin Biennale, Berlin
 

(26.  August 2019)