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Nora Platiel, geborene Block

Die erste in Bochum zugelassene Rechtsanwältin, Widerstandskämpferin, Emigrantin und Politikerin

1896-1979

Nora Block und Willi Eichler, Berlin 1925. Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung
Nora Block und Willi Eichler, Berlin 1925. Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung
"Sehr bald habe ich erkannt, daß der Sinn der Opfer für andere nicht sein konnte, selber zugrunde zu gehen in Elend und Hoffnungslosigkeit. Dass ein armer und elender Mensch nicht arm und elend ist, wenn er einem anderen, der noch ärmer und elender ist, helfen darf, das wurde die aufrichtige, kraftspendende Idee für viele in dieser Zeit der Prüfungen."
(Nora Platiel über ihre Arbeit im Exil von 1933 bis 1949)

Elenore Block, genannt Nora, wurde am 14. Januar 1896 als achtes von zehn Kindern in eine liberale jüdische Kaufmannsfamilie hineingeboren. Die Eltern, Bendix Block und Therese Mayer, heirateten 1885 in Bochum und unterhielten viele Jahre ein Herren- und Knabenkonfektionsgeschäft in der Oberen Marktstraße (heute Bongardstraße). Ein Jahr vor seinem Tod gab Bendix Block das Bekleidungsgeschäft auf und gründete die erste Bochumer Werbeagentur Reklame-Verwertung Bendix Block GmbH in der Bongardstraße 18. Die Familie wohnte lange Zeit in der ersten und zweiten Etage über dem Ladenlokal in der Oberen Marktstraße 26 und zog später in die Neustraße 18.

Nora besuchte zunächst die jüdische Volksschule, bevor sie wie ihre Schwestern zur evangelischen höheren Töchterschule wechselte. Sie war 16 Jahre alt, als der Vater 1912 starb. Nora musste das Lyzeum verlassen, um der Mutter im Betrieb zu helfen.
1914, mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges, meldeten sich drei ihrer Brüder freiwillig zum Kriegseinsatz. Als der elterliche Betrieb 1917 nicht mehr zu halten war, ging auch Nora freiwillig als Sekretärin für den Kriegshilfsdienst nach Rumänien.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges kam Nora Block nach Berlin und arbeitete als Sekretärin bei Helene Stöcker, die den Bund für Mutterschutz mitbegründet hat. Durch den frühen Tod des Vaters und den Ausbruch des Krieges war ihre Schulausbildung unterbrochen worden. Helene Stöcker ermutigte sie, das Abitur in Berlin nachzuholen. Nachdem Block zunächst kurze Zeit in Frankfurt Nationalökonomie studiert hatte, entschied sie sich für ein Studium der Rechtspflege und Rechtsphilosophie in Göttingen. Das Gesetz über die Zulassung der Frauen zu den Ämtern und Berufen in der Rechtspflege von 1922 eröffnete auch Frauen den Zugang zum Staatsexamen, zum Richteramt, zur Staatsanwaltschaft und zur Rechtsanwaltschaft. Nach der Promotion in Göttingen absolvierte Nora Block das Referendariat in Kassel.

Im Oktober 1931 eröffnete sie als erste Anwältin in Bochum eine Kanzlei in der Diekampstraße 3. Sie wohnte wieder bei der Mutter und arbeitete unter anderem als Strafverteidigerin in politischen Prozessen. Im Auftrag der Roten Hilfe, einer 1924 gegründeten laut Satzung überparteilichen Hilfsorganisation zur Unterstützung proletarischer Klassenkämpfer, verteidigte Nora Block im Januar 1932 in einem Prozess vor dem Bochumer Landgericht dreizehn Genossen (KPD, Reichsbanner und vier parteilose Arbeiter) aus Wattenscheid, die wegen schweren Landfriedensbruch angeklagt waren. Anlässlich einer Kranzniederlegung vor einem Kriegerdenkmal auf dem August-Bebel-Platz war es zu Zusammenstößen mit Mitgliedern der NSDAP gekommen.

Und sie gründete in Bochum eine Ortsgruppe des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) – dem Nachfolger des vom Philosophen Leonard Nelson in Göttingen gegründeten Internationalen Jugendbundes. Schon seit 1922 hatte sich Nora Block in der SPD engagiert. Im Studium hatte sie Leonard Nelson kennengelernt. Seine Idee des ethisch begründeten Sozialismus prägte Nora Block für ihre ganze weitere politische Arbeit.

Mit der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten im Januar 1933 drohte Nora Block die Verhaftung als politische Anwältin und Jüdin. Sie floh Anfang März nach Paris und arbeitete in der dortigen Exilgruppe des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes und in Flüchtlingshilfeorganisationen mit.
Am 2. Januar 1934 kam ihr Sohn Roger in Paris zur Welt. Sie musste ihn schweren Herzens aufgrund der politischen und finanziellen Situation in ein Heim für Emigrantenkinder geben.
1940, mit der Besetzung Paris, wurde sie verhaftet und im größten französischen Internierungslager Camps de Gurs (zeitweise 20.000 Juden) interniert. Sie konnte fliehen und lebte einige Zeit in der Illegalität in Südfrankreich. 1942 gelang ihr die Flucht in die Schweiz. Ihren Mann, Hermann Platiel, auch ein ISK-Mitglied, hatte sie in Südfrankreich geheiratet. In der Schweiz arbeitete sie zunächst ehrenamtlich und ab 1946 hauptamtlich für das Schweizer-Arbeiter-Hilfswerk. Doch der Aufenthaltsstatus in der Schweiz war für das Ehepaar Platiel unsicher, und sie überlegten nach Deutschland zurückzukehren.

"Nach Bochum will ich auf keinen Fall zurück, weil die Erinnerungen an meine Verfolgung durch die Nazis dort noch zu lebendig sind", schrieb Nora Block 1948 aus der Schweiz an den damaligen Justizminister Zinn in Hessen. Im November 1949 zog sie mit ihrer Familie nach Kassel, wo Freunde aus der Studienzeit und der gemeinsamen Arbeit für den ISK lebten. Sie arbeitete als Landgerichtsrätin an der Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Kassel. 16 lange Jahre hatte das Exil gewährt. 1951 wurde sie Hessens erste Landgerichtsdirektorin.

Politisch engagierte sich Nora Platiel wieder für die SPD und kandidierte 1954 für die Landtagswahl. Bis 1966 gehörte sie dem hessischen Landtag an, seit 1956 war sie auch stellvertretende Vorsitzende des Rechtsausschusses. Im Jahre 1960 übernahm sie, als erste Frau überhaupt, den stellvertretenden Fraktionsvorsitz in der SPD. In den Jahren 1967/68 gehörte sie dem hessischen Staatsgerichtshof an. 1969 wurde ihr mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille die höchste politische Auszeichnung des Landes Hessen verliehen, auch war sie Trägerin des großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland.

Nora Platiel starb am 6. September 1979 in Kassel, nur wenige Monate nach dem Tod ihres Sohnes Roger. In Kassel ist eine Straße nach ihr benannt.

Ihre Eltern sind auf dem jüdischen Friedhof an der Wasserstraße in Bochum begraben. Zu ihrer Mutter Therese ist auf dem Grabstein verzeichnet: ist am 21. März 1947 in Los Angeles (Californien) gestorben. Ihre Mutter war 1939 als 78-jährige allein in die USA emigriert.


Susanne Schmidt