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Großes Herz und Kämpfergeist
Ingrid Borchert: Bochum im Blick - ein engagiertes Leben

Porträt von Frau Ingrid Borchert
Geboren am 18. April 1941 in Hannover

Interviewtermin 16. Mai 2013

Wenn man über Ingrid Borchert ein Buch schreiben müsste - und man könnte über sie ein Buch schreiben -, dann wäre der rote Faden ihr Engagement. Ihr Engagement für Frauen und Kinder und für Bochum. Müsste man sie als Hauptfigur des Buches charakterisieren, dann stünde da: Hilfsbereitschaft, Mut und Ausdauer.

Der Klappentext würde lauten: Ingrid Borchert ist - obwohl sie zugezogen ist - Bochumerin mit Leib und Seele. Sie ist eine Frau, die die Politik in Bochum mitgeprägt hat. Und die nicht nur die Gesellschaft im Großen, sondern auch die einzelnen Menschen im Blick hat. "Geht es der Stadt gut, geht es auch den Menschen gut", ist ihr Motto. Und das setzt sie in vielen verschiedenen Feldern um.

Politik ist ein großer Handlungsstrang im Roman um Ingrid Borchert: Seit 1980 ist sie Mitglied der CDU und seit 1984 aktiv in der Kommunalpolitik. Lange Jahre war sie schulpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. Gleichberechtigung von Frauen auf allen Ebenen ist ihr ein großes Anliegen. "Auch die Frauen selbst müssen mutiger und selbstsicherer werden", sagt sie. Außerdem sind Unterstützung von Eltern, die Förderung von Kindern und Bildung, gerade auch für Kinder mit Migrationshintergrund, ihre Themen. So hat sie den Verein "Förderturm" mitgegründet, der Kindern das Schulessen finanziert, und den Förderverein "Mückenstich", der verschiedene caritative Projekte in Wattenscheid unterstützt.

Doch zurück zum ersten Kapitel ihres Lebens: ihre Kindheit. Geboren 1941, wuchs Ingrid Borchert in einem kleinen Dorf mit 230 Einwohnern in Niedersachsen auf. In der Zwergschule saßen über 50 Kinder der Klassen 1 bis 8 in einem Raum. Als Tochter des Bürgermeisters musste sie schon damals soziale Aufgaben übernehmen. "Ich besuchte regelmäßig Flüchtlinge, die in unseren Ort gekommen sind", erinnert sie sich. Vielleicht legte das den Grundstein für ihren Einsatz für andere.

Im Dorf gab es nicht viel, was ein Mädchen machen konnte: So machte Ingrid Borchert bei der Landjugend mit. Später wurde sie Landesvorsitzende - durch dieses Amt sollte sie ihren späteren Mann kennenlernen. Denn der war Vorsitzender der NRW-Landjugend.

Zuvor gab es aber ein anderes prägendes Ereignis für die junge Ingrid Borchert: Neben der Landjugend hatte ihr damaliger Heimatort noch einen weiteren Verein: die freiwillige Feuerwehr. Doch da hatten nur Männer Zutritt. Ein Unding, wie Ingrid Borchert fand. „Ungleichbehandlung hat mich schon immer genervt“, sagt sie. Während die Feuerwehrmänner gönnerhaft meinten, als „Beiwerk“ könnten die Mädchen beim Feuerwehrfest ein paar Übungen machen, zeigten diese, was in ihnen steckt: Von überall her gab es Beifall für Deutschlands erste Feuerwehrdamengruppe. Das war ein Aha-Erlebnis für die damals 18-Jährige.

Als Ingrid Borchert – der Liebe wegen – auf den Pachthof ihres Mannes Jochen Borchert in Wattenscheid  kam, war ihr klar: Ich will etwas bewegen. Ihr Motor ist das Wissen, dass man nur durch Handeln weiterkommt, dass Engagement einem ganz viel zurückgibt. So wurde sie auch in ihrer neuen Heimatstadt aktiv – neben der Arbeit auf einem Hof mit 10.000 bis 12.000 Hühnern, den sie, als ihr Mann Bundeslandwirtschaftsminister wurde, als Betriebsleiterin führte, und neben ihrer Familienarbeit mit zwei Kindern, die 1972 und 1975 geboren wurden. Sie hatte in Hannover auf der Frauenfachschule Ökotrophologie studiert und später die Meisterprüfung zur Landwirtschaftsmeisterin gemacht. „Auf dem Hof konnte ich Familie und Beruf leichter vereinbaren als andere arbeitende Mütter“, meint sie. Und davon ab – ganz Ingrid Borchert: Sie baute ohnehin kurzerhand einen privaten Kindergarten im eigenen Haus auf.

Der Hof, der ist bis heute ein „Haus der offenen Tür“ im besten Wortsinn. Gastfreundschaft wird bei den Borcherts von jeher groß geschrieben: Seien es Politiker, Künstler oder Austauschschüler aus aller Welt oder Nachbarn, alle sind willkommen.

Jedoch die 72-Jährige weiß auch nur zu gut, dass manche Frauen kein sicheres Zuhause haben. Daher organisierte sie immer wieder Zufluchtsorte für  zwangsverheiratete Frauen in Not. Ingrid Borchert denkt zum Beispiel immer wieder an Leila (Name geändert), für die sie einen Unterschlupf gefunden hatte, oder an Nadifa (Name geändert) aus Somalia und andere Frauen aus der Türkei und Marokko, die sie vor der Abschiebung oder vor der Beschneidung bewahrt hat.

Es sind die Leilas und Nadifas, die die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes letztlich zu einer weiteren Lebensaufgabe führten: Ingrid Borchert gründete die Beratungsstelle „donum vitae Bochum“, eine Schwangerschaftsberatungsstelle. Und initiierte ein Patenschaftsprogramm für junge Frauen, die Mutter werden. Ein Straßenmädchen, das zum Schlafen hochschwanger nachts mit der S-Bahn hin- und herfuhr, ist ihr in bleibender Erinnerung. Letztlich setzte sich Ingrid Borchert dafür ein, dass das Mädchen in ein Mutter-Kind-Heim ziehen konnte und später sogar die Schule abgeschlossen hat.

Bei den Borcherts steht eine halbe Scheune voll mit Möbeln und Kleiderkisten. „Wir blicken oft hinaus in die Welt, aber die Armut in der Nachbarschaft sehen viele nicht“, sagt sie, die in den letzten Jahren 72 Zwillinge und sieben Drillinge mit auf die Welt begleitet hat. Mittlerweile beschäftigt die Beratungsstelle fünf Mitarbeiterinnen. Auch für das Babyfenster in Bochum hat Ingrid Borchert sich stark gemacht.

Kinder – bei diesem Wort strahlt Ingrid Borchert. Und das gerade aus einem ganz persönlichen Grund. Denn sie ist soeben zum zweiten Mal Oma geworden. Nun hat sie zwei Enkeltöchter. Darüber freut sie sich sehr. Auch für die beiden Enkeltöchter möchte sie weiter aktiv bleiben. Unter dem Buch Borchert würde stehen: Fortsetzung folgt.

Andrea Behnke