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Tilde Hartmann

Porträt von Tilde Hartmann
geboren am 26. Februar 1922,
verstorben am 27. Januar 2013


Ein Leben für die Politik
Tilde Hartmann: Aktiv für Bochum

Interviewtermin: Juni 2012

90 Jahre, gefüllt mit Engagement - so könnte man Tilde Hartmanns Leben beschreiben. Seit 42 Jahren ist Tilde Hartmann aktives Mitglied der Bochumer CDU, hatte unzählige Ehrenämter und bekleidete politische Positionen. Vier Jahre war sie die einzige Frau in ihrer Fraktion. Was nicht immer einfach war.

"Frauen mussten drei Mal so viel leisten wie Männer, um anerkannt zu werden", sagt sie rückblickend. Ein "besserer Mann" wollte sie nie werden: "Frauen haben andere Stärken, darauf sollten sie sich besinnen." Wer mit ihr spricht, merkt schnell, dass sie eine Frau "mit Biss" ist. Für Dinge, die ihr am Herzen liegen, hat sie immer gekämpft. Ihre Erfolgsformel: "Man muss sich immer gut informieren und weiterbilden." Zu wissen, wovon sie spricht, war und ist ihr immer wichtig.

Sich einzusetzen für andere, das haben ihre Eltern ihr vorgelebt. Politik spielte in ihrem Elternhaus immer eine Rolle. Da wurde diskutiert und auch gehandelt. Während des Kriegs gewährte Tilde Hartmanns Vater einem jüdischen Mann Unterschlupf. Schon als Mädchen war der Bochumerin klar: Du musst etwas für andere tun.

Gerne hätte sie studiert, doch das war zu der damaligen Zeit nicht möglich. So machte sie eine Ausbildung zur Fernmeldebeamtin. Uni-Luft schnupperte sie erst später als Gasthörerin, als 1965 die Ruhr-Universität eröffnet wurde.

Ehrenamtlich engagierte sich Tilde Hartmann zunächst im Pfarrgemeinderat von St. Meinolphus-Mauritius. Für sie, die katholisch geprägt war, gehörte die Kirche immer zum Leben. Außerdem war sie als Mutter von vier Kindern, darunter ein Zwillingspärchen, im Kindergarten und in der Schulpflegschaft aktiv. Doch das reichte ihr nicht. Mit dem Eintritt in die CDU im Jahr 1970 startete sie ihre politische Karriere.

Über 20 Jahre war die heute 90-Jährige zweite Vorsitzende des CDU-Ortsverbands Ehrenfeld. Sie gründete die Ortsfrauenvereinigung in "ihrem" Stadtteil und war deren Vorsitzende. Und: Sie wurde in die Bezirksvertretung Mitte gewählt, Anfang der 80er Jahre wechselte sie in den Rat. "Meine Liebe galt immer dem Kulturausschuss" sagt sie, die Theater und Reisen liebt. Und in diesem Ausschuss landete sie auch.

"Eine meiner ersten Projekte betraf die Bücherei", erinnert sie sich. Früher wurden nämlich Bücher, die zu wenig entliehen wurden, geschreddert - und das kostete. Tilde Hartmann regte an, diese Bücher statt dessen für ein paar Pfennig zu verkaufen. So könne die Verwaltung Geld sparen, ein bisschen Geld verdienen und Menschen eine Freude machen. "Da stieß ich erst auf großen Widerstand", sagt sie. Doch: Die Politikerin blieb dran und setzte ihre Idee durch.

Neben der Kulturarbeit musste die Ratsfrau gleichzeitig auch die Themen Soziales und Gesundheit mit übernehmen. Dieses Dreier-Paket gefiel ihr gut - setzte sie sich ohnehin schon für Migrantinnen oder im Gefängnisbeirat für Frauen in der Justizvollzugsanstalt ein. Rund ums Soziale rankten sich auch ihre weiteren Ämter: sei es nun als ehrenamtliche Richterin oder Schöffin oder als Mitglied im Landesfrauenbeirat NRW, in der Arbeitsgemeinschaft berufstätiger Frauen oder im Sozialdienst Katholischer Frauen.

Bundesverdienstkreuz für Tilde Hartmann
Mitte der 90er Jahre überreichte der damalige Oberbürgermeister Ernst-Otto Stüber Tilde Hartmann das Bundesverdienstkreuz, auf das sie sehr stolz ist. Bis vor zwei Jahren war die Christdemokratin noch Mitglied im Seniorenbeirat der Stadt. Insgesamt drei Wahlperioden á fünf Jahren wirkte sie mit.

Wer in die Kammerspiele geht, sollte an Tilde Hartmann denken. Denn sie hat maßgeblich darauf hingearbeitet, dass es einen Handlauf gibt, der die Treppen hinunter ins Gebäude sicherer macht. "Das ist mein Verdienst", sagt sie, und es schwingt Freude in ihrer Stimme mit.

Ihr langes politisches Leben möchte sie nicht missen. Spricht man mit ihr, spürt man die Liebe zu dem, was sie getan und bewegt hat. Vor ihr liegen Fotos und Zeitungsausschnitte, die ihre Aktivitäten dokumentieren. "Ich finde, jeder sollte ein Ehrenamt haben", meint sie. Von einem Pflichtjahr hält sie jedoch nichts. Es solle von innen herauskommen, "dass andere Dinge wichtiger sind, als den eigenen Garten zu pflegen, oder Golf zu spielen." Da habe die Nazi-Zeit sie geprägt. Sie sei froh, frei zu sein und mitgestalten zu können.

Das hat sie auch ihren Kindern mit auf den Weg gegeben. Für die Zukunft wünscht sie sich zum einen, dass die Menschen lernen, die Umwelt nicht auszubeuten und zu zerstören. Und zum anderen dass mit ihren fünf Enkelkindern alles gut weitergeht. Denn vor allem heute, im Alter, zählt die Familie für die 90-Jährige - Politik hin oder her - am meisten.

Andrea Behnke