Metanavigation

Die Stadt Bochum auf facebook
Folge der Stadt Bochum auf Twitter
Die Stadt Bochum auf YouTube
Folge der Stadt Bochum auf Instagram
Die Stadt Bochum auf flickr

Herbert Lorenz

"Beschreibung einer neuentdeckten alten germanischen Grabstätte..." Carl Arnold Kortum als Archäologe.

Eigentlich ein ganz alltägliches Ereignis: Arbeiter entdecken bei Bauarbeiten im Boden verborgene Mauerreste, Scherben von Tongefäßen, fragmentierte Metallobjekte und zerbrochene Knochen. Sie diskutieren, wie die Funde zu bewerten und zu behandeln sind. Läßt man sie liegen? Deckt man sie wieder mit Erdreich zu? Schiebt man sie beiseite, um den Fortgang der Arbeiten nicht zu behindern? Meldet man die Beobachtung? Man entschließt sich, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen, läßt aber auch den Kollegen gewähren, der einige dieser Dinge dann doch aufsammelt, mit nach Hause nimmt und sie bei nächster Gelegenheit Freunden und Bekannten zeigt. Er ahnt nicht, daß er hierbei auf jemanden trifft, der um die Bedeutung der Fundobjekte weiß, der nachfragt und schließlich doch archäologische Untersuchungen vor Ort veranlaßt.

Skizzierung eines Archäologenalltags, wie er sich gestern oder vorgestern ereignet haben könnte, doch der geschilderte Fall liegt bereits rund 200 Jahren zurück. Es ist Anfang Oktober 1803 als einige Arbeiter im Rauendahl, zwischen Bochum-Weitmar und Hattingen gelegen, eine Mauer zum Schutze einer Kohlenniederlage errichten wollen. Und es ist Carl Arnold Kortum, der von den Entdeckungen bei den Bauarbeiten hört und deren wissenschaftliche Erforschung initiiert. Die archäologische Untersuchung jeder entdeckten Fundstelle ist selbst heute noch nicht die Regel, damals waren Grabungen erst recht eine ungewöhnliche Angelegenheit. Auf die Veröffentlichung einer Ausgrabung muß man auch im günstigen Fall heute sehr lange warten; Kortum legte bereits wenige Monate nach dem Ende der Untersuchungen über seine Aktivitäten einen detaillierten Bericht mit dem Titel "Beschreibung einer neuentdeckten alten germanischen Grabstätte nebst Erklärung der darin gefundenen Alterthümer" vor. Für einen Archäologen am Ende des 20. Jahrhunderts ist es faszinierend zu lesen, wie "Kollege" Kortum seinerzeit wissenschaftlich vorgegangen ist, welche Schlüsse er aus den Grabungen und den dabei geborgenen Funden gezogen hat. Zum besseren Verständnis muß man allerdings zunächst einen kurzen Blick auf den Stand archäologischer Forschung im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert werfen.

Das Interesse an auffälligen, sonderbaren Dingen ist uralt. Bereits dem Neandertaler sind Versteinerungen aufgefallen, er hat sie mitgenommen und aufbewahrt; man findet sie gelegentlich bei Ausgrabungen seiner Siedlungsplätze.

Erste regelrechte Ausgrabungsaktivitäten sind uns von babylonischen Herrschern wie Nebukadnezar II. (605 - 562 v. Chr.) oder Nabonid (555 - 539 v. Chr.) überliefert. Von König Eumenes II. von Pergamon (197 - 159 v. Chr.) und dem römischen Kaiser Augustus (64 v. Chr. - 14 n. Chr.) weiß man, daß sie Altertumsfunde gekannt und gesammelt haben. Damals hat man diese Dinge jedoch nur als Kuriositäten aufbewahrt, jedoch nicht als Erkenntnisquelle für vergangene Zeiten genutzt.

Diese Einstellung hat sich auch im Mittelalter nicht geändert. In starkem Maße hat sich der Volksglaube mit solchen merkwürdigen Objekten beschäftigt. Da sind einmal die sichtbaren Geländedenkmäler, die den Menschen aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes nachdenklich gemacht haben. Man ist sich der Tatsache bewußt, daß beispielsweise die Großsteingräber keine Werke der Natur sein können, doch scheint es ebenso unvorstellbar, daß sie von Menschenhand errichtet worden sind. So sieht man in ihnen das Werk von Riesen, die einmal die Erde bewohnt haben. Eine Anschauung, die bis heute in der Bezeichnung "Hünengräber" lebendig geblieben ist. Gegenstände, die im Boden angetroffen werden, hat man hingegen durchaus als Werke der Natur angesehen. Erinnert sei an die geschliffenen oder unnatürlich geformten Steine, die gelegentlich beim Bestellen des Bodens gefunden wurden. Sie werden Donnerkeile genannt, denn man glaubt, daß der Blitz beim Gewitter in die Erde eindringen und dort nach seinem Erkalten als steinerner Keil zurückbleiben würde. Nicht viel besser als den Steinbeilen und -äxten ergeht es den Tongefäßen, die man für eine reine Laune der Natur hält. Nach Meinung des Bischofs Longinus von Lemberg (15. Jh.) entstehen sie im Boden, rein aus sich, ohne menschliche Einwirkung. Wie bereits in der Antike, so war auch im Mittelalter und der frühen Neuzeit das Interesse des Adels an derartig wundersamen Objekten sehr groß. Man sammelt sie und bewahrt sie in Raritätenkabinetten, in Wunderkammern auf. Der Adel ist es, der die systematische Suche nach derartigen Dingen veranlaßt und damit die ersten Ausgrabungen initiiert. Der Erzbischof und Kurfürst von Köln, Salentin von Isenburg (1567-1577), seines Zeichens auch Bischof von Paderborn, läßt in der Nähe von Borchen zwei Steinkistengräber ausgraben - die ersten überlieferten Grabungen in Westfalen. Die Deutung dieser Denkmäler als Grabkammern, als "private Familiengräber", wie sie Heinrich Harius 1578 vorgeschlagen hat, trifft im Kern sogar bereits das Richtige. Weitere Untersuchungen in unserem Raum sind für das frühe 17. Jahrhundert überliefert, sie werden von Johann von Velen im Auftrage des Münsteraner Bischofs Ferdinand von Bayern durchgeführt. Ganz entscheidende Impulse verdankt die Forschung aber vor allem den Aktivitäten von Jodocus Hermann Nünningh. Ergebnisse seiner Grabungen hat er im Jahre 1713 unter dem Titel "Sepulcretum Westphalico-Mimigardico-Gentile" veröffentlicht. Wenn er darin u.a. schreibt: "Entdeckt habe ich einige sehr alte Töpfe oder Gefäße, ziemlich schwer und übervoll, freilich nicht von sehr alten und silbernen Münzen aus des Nero- und der Trojanerzeiten, sondern von den Gebeinen und der Asche von Leichnamen" und an anderer Stelle liest, wie Nünningh aus der Struktur der gefundenen Holzkohle Rückschlüsse auf die holzartliche Zusammensetzung des Scheiterhaufen zieht, dann kommt in seiner Arbeit eine völlig neue, gewandelte Einstellung gegenüber den Fundobjekten zum Ausdruck; sie wird sich erst im Laufe des nachfolgenden Jahrhunderts durchsetzen.

Es ist das Zeitalter der Aufklärung, in dem abergläubische Vorstellungen rationalen Betrachtungen Platz machen. Durch Beobachtungen bei außereuropäischen Völkern lernt man, daß die Donnerkeile in Wirklichkeit Überreste von Steingeräten sind, deren einst vorhandene Schäftung aus organischem Material vergangen ist. Man begreift, daß die Tongefäße nicht im Boden gewachsen, sondern von Menschenhand geschaffen worden sind. Es sind meist Urnen, in denen frühere Generationen die Asche ihrer Toten gesammelt und bestattet haben. Auch die Vorstellung von den Bauten der Riesen wird aufgegeben, stattdessen denkt man an Grabstätten oder Versammlungsplätze der Ahnen. Nachdem man die historische Bedeutung der Funde erkannt hat, beginnt man, sie bestimmten Völkern zuzuweisen, von deren Existenz und Siedlungsraum man durch die Werke antiker Schriftsteller unterrichtet ist: Von Kelten, Germanen, Illyrern ist nun die Rede. Noch weiß man allerdings nichts Genaues über das wirkliche Alter der Funde, noch ist man verhaftet in Vorstellungen, wie sie beispielsweise James Ussher, Erzbischof von Armagh (Irland), in der Mitte des 17. Jahrhunderts geäußert hat. Er hat die Angaben der Bibel wörtlich genommen, glaubt an die Sintflut, an die siebentägige Schöpfungsgeschichte, an Adam als den ersten Menschen, rechnet alle diesbezüglichen Zeitangaben der Bibel zusammen und datiert die Erschaffung des Menschen auf Freitag, den 28. Oktober des Jahres 4004 v. Chr. Diese Vorstellung einer nur 6.000 Jahre umfassenden Menschheitsgeschichte dürfte auch Kortum noch gegenwärtig gewesen sein, denn in der zeitlichen Ordnung der Gegenstände erfolgen die entscheidenden Schritte erst im frühen 19. Jahrhundert.

Die von Kortum im Rauendahl veranlaßten Grabungen sind zwar nicht die ersten im rheinisch-westfälischen Raum, markieren aber wohl den Beginn archäologischer Aktivitäten in der Region, die wir heute als Ruhrgebiet bezeichnen; Kortums Publikation dürfte die erste zu diesem Themenkomplex sein. Woher sein Interesse an diesen Dingen kommt, läßt sich nicht erkennen. Vielleicht kommt darin ein Einfluß seines Lehrers und Freundes Leidenfrost zum Ausdruck, der bereits im Jahre 1750 im "Duisburger Adreß- und Intelligenz-Zettel" eine Arbeit über einen in der Lippe bei Gartrop gefundenen Elefantenknochen veröffentlicht hatte -vermeintliche Überreste des Elefanten Abulabatz, einem Geschenk an Karl dem Großen.

Zurück zu den Entdeckungen im Rauendahl(1): "Anfangs Oktober 1803 waren einige Arbeiter mit der Anlegung einer Mauer zur Beschützung der Kohlenniederlage gegen die Gewalt des Ruhrwassers daselbst beschäftigt. Als sie etwa 5 Fuß tief in die Erde gegraben hatten, um den Grund zu legen, trafen sie zuerst auf eine dicke und feste Mauer, und neben derselben fanden sie noch eine. Sie gruben ungefähr 4 Fuß im Viereck und räumten die zwischen beiden Mauern liegende fette Erde fort. Als sie noch einige Fuß tiefer gegraben hatten, fanden sie etliche thönerne Krüge und zwischen und unter denselben mehrere Ziegelsteine und Dachschiefer. Einen einzigen Krug brachten sie ganz, von den anderen aber nur die Scherben heraus. Mehrere Stücke von verrostetem Eisen in mancherlei Form lagen auch dabei; sowie viele große und kleine Knochenstücke, auch Holzkohlen und ein sog. Donnerkeil. Der ganz gebliebene Krug war mit einer sehr schmierichten Erde, worunter Knochen und Holzkohle gemischt waren, angefüllt, und er hatte einen Deckel von Schiefer. Zwischen den Scherben der übrigen Krüge fand sich eben dasselbe. Die Arbeiter, welche sich von dem, was sie gefunden hatten, keinen Begriff machen konnten, wollten alles an Ort und Stelle liegen lassen. Einer von ihnen nahm aber doch den Krug nebst dem Donnerkeile und einigen Knochen und Eisenstücken des Abends mit nach Hause." Ob es Neugier gewesen ist oder ob er "Gewissensbisse" bekommen hat, läßt sich nicht mehr entscheiden, jedenfalls erzählte der Arbeiter Pfarrer Petersen aus Weitmar von den Funden. Der informierte sich seinerseits an Ort und Stelle, zögerte nicht, den ganz erhaltenen Krug als Urne anzusprechen und die Vermutung zu äußern, daß sich im Rauendahl eine alte Grabstätte befinden müsse. Die Funde packte er ein, sandte sie an Kortum und teilte ihm mündlich seine Bewertung der Befunde mit. Kortum nahm die Dinge in Augenschein, schloß sich den Ansichten Petersens an und vertrat die Meinung, daß hier nicht Römer, sondern Germanen begraben worden sind.

Kortum erkannte die Besonderheit der Entdeckungen und veranlaßte deshalb unverzüglich weitere Maßnahmen "Daß erste war, daß ich die Arbeiter ersuchen ließ, das offene Loch nicht zuzuwerfen, sondern frei zu lassen und mit dem Bau der Mauer um die Kohlenniederlage einige Zeit einzuhalten. [...] Hierauf gab ich gleich dem Königlichen Oberbergamt in Wetter, in einer besonderen Vorstellung, wozu ich die Abzeichnung der Urne, des Donnerkeils und einiger Eisenstücke fügte, von jener Entdeckung Nachricht, legte auch eine Situationskarte bei, soweit mir das Oertliche bekannt war. Ich theilte meine Vermuthung zugleich mit, daß die Grabstätte wohl recht alt sei und sich daselbst mehrere Urnen, sowie auch andere Sachen, z.B. Steine mit Inschriften und dergl. finden lassen müßten, welche ihren uralt germanischen Ursprung beweisen würden. Die Stellen im gedachten Thale, wo wahrscheinlich noch mehrere Grabstätten anzutreffen wären, waren zugleich in der Zeichnung bemerkt. Dem Oberbergamte stellte ich es übrigens anheim, ob es nicht der Mühe werth gehalten würde, durch geschickte und vorsichtige Arbeiter eine genaue Untersuchung zu verfügen um die etwaigen vergrabenen Alterthümer zu Tage zu fördern. Ich erbot mich endlich auch zur Beschreibung und Erklärung desjenigen, was gefunden wäre und noch gefunden würde."

Seinerzeit gab es noch keine staatliche Bodendenkmalpflege, die eine Nachgrabung hätte organisieren und finanzieren können. Um seine Pläne zu realisieren, machte Kortum das, was wir heute auch wieder tun, er begibt sich auf die Suche nach einem Sponsor. Und er hat Glück: "Meine Vorstellung wurde nicht allein mit Beifall aufgenommen, sondern auch gleich eine Summe Geldes zur Bestreitung der Arbeitskosten ausgesetzt und dem Herrn Bürgermeister Wünneberg [...] der Auftrag erteilt, durch etliche geschickte Bergleute zuerst die Stätte, wo die Urnen gefunden waren, weiter nach- und ausgraben zu lassen, alsdann auch anderwärts im Thale diese Arbeit fortzusetzen, alles Gefundene aber, es scheine auch noch so unbeträchtlich, verwahrlich aufzuheben."

Die Grabung scheint Kortum nicht laufend besucht zu haben, erst nach einem Zwischenbericht des Bergmeisters Wünneberg begibt er sich "an Ort und Stelle, um alles in Augenschein zu nehmen". Wenig später verfaßt er den erwähnten Bericht über die Untersuchungen und leitet ihn an die "Königliche Kriegs- und Domainenkammer" in Hamm weiter. Er unterscheidet sich in seiner Gliederung und seinem Aufbau nur wenig von einer guten Fundbearbeitung unserer Tage: Im Anschluß an einleitende Bemerkungen wird die Geschichte und Entdeckung der Grabstätte vorgestellt; in weiteren Kapiteln folgen die Vorstellung von Befunden und Funden - ein Teil des Materials wird sogar abgebildet.

Die Tatsache, daß Gefäßscherben und Knochenbruchstücke zusammen entdeckt worden sind, läßt weder bei Pfarrer Petersen noch bei Kortum Zweifel aufkommen, daß eine Grabstätte entdeckt worden ist. Berichte von ähnlichen Entdeckungen an anderen Orten waren offenbar beiden gegenwärtig, eine differenzierte Schichtenbeobachtung, die Frage von geschlossenen oder gestörten Fundzusammenhängen sind noch kein Diskussionsthema. Auffallend breiten Raum nimmt bei Kortum die Frage der ethnischen Zuweisung der Grabstätte ein, wurden hier Römer oder Germanen bestattet? Heute ist die Antwort kein Problem, denn man kann importiertes römisches und einheimisches Fundmaterial ohne weiteres voneinander unterscheiden, man weiß auch, wie sich das unterschiedliche Totenbrauchtum von Römern und Germanen im archäologischen Befund widerspiegelt; Probleme, beide voneinander zu unterscheiden, ergeben sich in der Regel lediglich dann, wenn Verstorbene nach den Bräuchen der jeweils anderen Gruppe bestattet worden sein sollten. Kortum hatte es da noch viel schwerer, so baut er verschiedene Argumentationsketten auf. Er verweist beispielsweise auf die historischen Zeugnisse, d.h. auf das, was Schriftsteller der Antike über das Totenbrauchtum von Römern und Germanen berichten. Er erinnert daran, daß die Römer niemals in dieser Region gesiedelt haben, daß römische Denkmäler und Gebäudereste, die man aus dem linksrheinischen Gebiet gut kennt, hier fehlen. Zudem weisen die heute gebräuchlichen Ortsnamen die Region seiner Meinung nach als Siedlungsgebiet germanischer Stämme aus. Hervorzuheben ist, daß in Kortums Argumentation auch die geborgenen Funde bereits eine wichtige Rolle spielen: "Die Gestalt der Urnen aus dem Ruhenthal kann ferner als Beweis dienen, daß die Grabstätte eine germanische sei. Die Form der römischen Urnen ist durchgängig zierlicher, wenigstens anders. Die im Ruhenthal gefundenen haben die genaueste Ähnlichkeit mit derjenigen, welche im Jahre 1674 an der polnischen Grenze gefunden [wurde]". Weitere Belege für eine Grabstätte von Germanen sind der sog. Donnerkeil, der von ihm als Opfermesser angesprochen wird und die nicht gefundenen Münzen. Zum "Messer" kennt Kortum Vergleichsstücke nur aus germanischen Gräbern, während in römischen Bestattungen seiner Meinung nach oft Münzen beigegeben worden sind.

Nach der ethnischen Zuweisung der Grabstätte an Germanen, stellt Kortum konsequenterweise die Frage, "Von welchem germanischen Volke ist dieses Grab?" Sie zu exakt zu beantworten, bereitet selbst der modernen Archäologie noch erhebliche Schwierigkeiten. Natürlich lassen sich zwischenzeitlich beispielsweise Formenkreise verschiedener Werkzeuge und Gerätschaften gegeneinander abgrenzen, inwieweit diese jedoch mit bestimmten Gruppen in Beziehung gebracht werden können, ist nach wie vor ein Thema der Diskussion. Am ehesten ist dies für die Jahrhunderte nach der Zeitenwende möglich, wo man zumindest auf pauschale Angaben bei Autoren der Antike zurückgreifen kann. Unsere Vorgehensweise ist somit durchaus mit jener von Kortum vergleichbar, denn auch er verweist auf diese schriftlichen Quellen, insbesondere auf Tacitus, und kommt zu dem Schluß: "Es ist also nicht daran zu zweifeln, daß die Ruhenthalsche Grabstätte eine uralte deutsche sicamberische, oder noch gewisser, eine brukterische sei."

Während man heute sehr großen Wert auf die genaue zeitliche Einordnung einer Fundstelle legt, wird diese Frage bei Kortum eher beiläufig behandelt. Dies gilt sowohl hinsichtlich ihrer relativchronologische Einordnung in eine bestimmte Epoche, als auch bezüglich deren genauen zeitlichen Fixierung. Kortum läßt sich von einem Gedanken leiten, der bis in unsere Zeit die archäolgische Forschung sehr stark prägt: Das Einfachere ist stets das Ältere. "Je simpler solche gefundenen Leichenreste sind, desto sicherer kann man auf das größere Alterthum der Gräber und daß sie den Zeiten des Cäsars und Tacitus näher sind, schließen. [...] Deswegen findet man dann auch in den Gräbern der Deutschen, welche nahe Nachbarn der Gallier waren, dergleichen Putzsachen, wenn etwa in einem solchen Grabe eine weibliche Leiche beigesetzt war. Sind diese Putzsachen nicht von Werth, sondern einfach und schlicht, so ist zu vermuthen, daß das Grab sehr alt sei; denn die alten Deutschen hatten wenig Kostbarkeiten. Im Gegentheil, wenn die in einem Grabe gefundenen Sachen kostbar sind, so muß man auf ein jüngeres Alter desselben schließen. [...] Vor Odins Zeiten war vermutlich diese Mitgift der Leichen nicht kostbar, aber nachher wurden sie kostbarer, weil man glaubte, daß Odin diejenigen am gnädigsten in Valhalla aufnähme, welche reichlich ausgestattet zu ihm kämen." Und wann waren "Odins Zeiten"? Kortum meint damit das 3. Jahrhundert, als Odin noch "menschlicher König" war. "[Die Grabstätte] muß entweder noch vor, oder bald nach Christi Geburt angelegt sein. Aelter als die Zeit Karls des Großen und des von demselben hier eingeführten Christentums und des gegebenen Verbots die Leichen zu verbrennen, ist sie gewiß."

Nicht nur bei seinen Überlegungen zur zeitlichen Einordnung der Grabstätte verfolgt Kortum Gedankengänge, die Archäologen des ausgehenden 20. Jahrhunderts durchaus vertraut sind, sondern auch bei seinen Überlegungen über die mögliche soziale Stellung der Bestatteten. Nach wie vor geht man davon aus, daß reichhaltige Beigaben, wertvolles Material oder ein erhöhter Aufwand bei Anlage und Konstruktion der Grabanlage als Anzeichen für eine herausgehobene Stellung des Bestatteten in der Gemeinschaft der Lebenden gewertet werden können. Man wird an unsere Diskussionen um sog. Fürsten-, Adels- oder Prunkgräber erinnert, wenn man bei Kortum liest: "Ein gemeines Begräbnis ist es gewiß nicht, sonst würde es inwendig von allen Seiten nicht solche feste Mauern haben, als es wirklich hat [...]. Die vielen Gebeine und Urnen, welche sich in diesem gemauerten Behälter beisammen fanden, bestätigen solches gleichfalls. Die silberne Schale, wenn sie, wie ich fest glaube, eine Opferschale ist, sowie das schöne steinerne Opfermesser lassen vermuten, daß ein Druidenoberhaupt hier begraben und dessen Körperrest in der großen zerbrochenen Urne aufbehalten gewesen sei, und daß die anderen kleineren Urnen entweder für seine Verwandten oder einiger Unterpriester Asche bestimmt gewesen. Aus den gefundenen weiblichen Zierathen könnte man auch schließen, daß eine prophetische Jungfrau oder Alrune hier zugleich beigesetzt sei. [...] Es ist aber auch ebensowohl möglich, daß hier ein alter germanischer Fürst oder Held, nebst seiner Familie, sein Grab habe. Die Pferdegebeine bei seiner Urne und besonders die vielen verrosteten Eisenstücke von Waffen, welche nur ein Attribut der Vornehmen und Reichen waren, weil die gemeinen Germanen nur blos Spieße und keine Schwerter noch Harnische hatten, scheinen solches zu bezeugen."

Nach der kulturhistorischen Einordnung der Fundstelle wendet sich Kortum im zweiten Teil seiner Publikation der "Beschreibung der Ruhenthalschen Grabstätte und Erklärung der darin gefundenen Sachen" zu.

Die Anzahl der erhaltenen oder in Scherben nachweisbaren Gefäße gibt Kortum mit acht an. Die abergläubischen Vorstellungen, die man bis in die Neuzeit hinein mit den im Boden gefundenen Tongefäßen verbunden hat, sind ihm zwar durchaus noch geläufig, seine Beschreibung der Gefäßscherben verrät jedoch den Geist der neuen Zeit. Wie wir heute, so untersucht auch Kortum beispielsweise die Farbe, die Oberflächenbeschaffenheit und die Herstellungstechnik der Scherben: "Die im Ruhenthal gefundenen Urnen sind alle von einer festen, gut ausgebackenen Erde; fast wie das sogenannte Kölnische oder Koblenzer Steingut, noch sehr hart und fest. Ihre Scherben geben mit dem Stahl Feuer. [...] Nur eine große, zwischen den anderen angetroffene, war dicker und runder [...]; auch ihre Farbe war schwarz, dahingegen die Farbe aller übrigen weißgrau und blaßgeblich ist. An einigen ist eine Art rötlicher Glasur an der äußeren Fläche sichtbar, welche durch die große Hitze des Feuers, worin sie gar gebacken worden entstanden zu sein scheint. Sie sind gewiß nicht aus freier Hand, sondern auf der Töpferscheibe verfertigt; denn sonst wären sie nicht so regelmäßig. [...] Der Boden der meisten war flach, bei einigen aber war er konvex. Die meisten haben einen Henkel gehabt. [...] Oben um den Hals herum sind verschiedene Kreise oder Reife, ebenso auch um den Bauch. Der Boden ist am Rand zackenförmig eingedrückt. Die große Urne, deren Bauch sehr weit und dick gewesen sein muß, hat sicherlich mehr als viermal so viel enthalten können als die übrigen. Der Boden derselben war ganz geblieben und hatte im Durchmesser ungefähr einen halben Fuß. Die Scherben derselben waren durch und durch schwarz und ohne merkliche Glasur. [..] Auf jeder Urne hat, als Deckel, ein Stück von gemeinem Schiefer gelegen." Wenn wir heute auf solchen Daten aufbauen, Vergleiche zu anderen Fundkomplexen ziehen, um beispielsweise etwas über die Produktionsstätte der Gefäße in Erfahrung zu bringen, Fragen von Handelsverbindungen o.ä. zu erörtern, so waren derartige Überlegungen Kortum seinerzeit kaum möglich, da eine entsprechend breite Materialbasis noch fehlte. Besonderes Interesse schenkt Kortum dem Inhalt der Gefäße: "In den Urnen befand sich ein schmierichter, fetter, mit Erde vermischter Klumpen, welcher die ganze Höhlung derselben ausfüllte, einen moderigen Erdgeruch hatte und sich wie eine harte Seife anfühlen ließ. Diese Masse war von braungrauer Farbe, es ließen sich aber weiße Fettklümpchen darin erkennen." Bei der Bestimmung dieser "Masse" würden wir heute unsere Kollegen der Naturwissenschaften um Rat fragen und nach entsprechenden Laboruntersuchungen sicher auch konkrete Aussagen erhalten. Dies war Kortum natürlich noch nicht möglich, und deshalb ist seine Interpretation eher ein Zirkelschluß: Da die Gefäße seiner Meinung nach Urnen gewesen sind, muß der Inhalt notwendigerweise menschlichen Ursprungs sein, dies wiederum bestätigt die Ansprache der Gefäße als Urnen: "Sie [d.h. die "Masse"] ist ohne Zweifel von den aus den Knochenresten durch Länge der Zeit entwickelten Fetttheilen entstanden, welche sich mit der laugenhaften Asche des verbrannten Körpers und Scheiterholzes vermischt hatten und folglich eine Art von Seife bildeten." Weitere Schlußfolgerungen beleuchten schlaglichtartig eine andere Facette jener Zeit und des Menschen Kortum: "Aber das so viele Jahrhunderte lang das Fett in den Urnen sich unverweslich in der Erde zusammengeronnen erhalten hat, ist eine merkwürdige Erscheinung und läßt auf Unzerstörbarkeit desselben schließen. Könnten nicht unsere Theologen solchen Umstand gegen diejenigen anwenden, welche die Auferstehung des Fleisches aus demjenigen Grunde leugnen, weil der Körper ganz verweset, ohne einen materiellen Keim zu einem künftigen neuen zurückzulassen?"

Zwischen den Gefäßscherben wurden größere und kleinere Holzkohlenbruchstücke gefunden. Natürlich müssen sie in der logischen Konsequenz der Befundinterpretation für Kortum Reste des Scheiterhaufens sein, auf dem die Toten seinerzeit verbrannt worden sind. Wie vor ihm Nünningh, so stellt auch Kortum die Frage nach den vorliegenden Holzarten; Fichten- oder Tannen- und Wachholderholz kann er unterscheiden. Es ist eine auffällige Zusammensetzung, die er mit Hinweis auf Tacitus erklärt, schreibt dieser doch, daß die Germanen besondere Holzarten für den Aufbau eines Scheiterhaufens verwendet haben.

Abgesehen von den vermeintlichen völlig zersetzten Knochenresten in den Gefäßen wurden noch weitere Knochen gefunden, menschliche wie tierische. Die Menschenknochen sind zwar größtenteils verbrannt, dennoch kann der Mediziner Kortum Schädel- und Schulterknochen, Wirbel, Rippen, Hüftbein- und Mittelhandknochen bestimmen. Er nutzt die Fragmente sogar, um Größenberechnungen anzustellen und kommt zu dem Ergebnis: "...daß die alten Deutschen im mindesten nicht größer von Statur des Körpers gewesen, als wir jetzt noch sind." Dies widerspricht seiner Meinung nach den Angaben, die bei Schriftstellern der Antike zu finden sind, die den Germanen eine außerordentliche Körpergröße zuschreiben. Kortum hat bei seinen Überlegungen nicht bedacht, daß die Knochen bei hohen Temperaturen im Feuer einem Schrumpfungsprozeß unterliegen, so daß sie nicht unmittelbar zur Körpergrößenberechnung herangezogen werden können. Tatsache ist auch, daß die historischen Quellen keine konkreten Zahlenangaben mitteilen und die Körperlänge - sofern sie denn überhaupt gemeint ist - somit eine relative Größe bleibt. Dennoch ist bemerkenswert, daß Kortum die aus archäologischen Funden gewonnenen Informationen benutzt, um historische Quellen zu korrigieren. Im Boden angetroffene Hinterlassenschaften werden zu einer Informationsquelle, die in ihrer Beweiskraft schriftlichen Zeugnissen nicht nur ebenbürtig, sondern durchaus überlegen sein kann.

Die Palette der weiterhin geborgenen Fundobjekte ist groß, die meisten erfahren jedoch nur eine eher kursorische Behandlung. Es ist von stark verrosteten Eisenstücken die Rede, hinter denen sich Bruchstücke von Schwertern, Pferdegeschirr und ein kleiner eiserner Knopf verbergen, sowie von dem Rest einer kleinen silbernen Schale. Gefunden wurden auch eine zinnerne (?) Nadel, ein Schleifstein, ein Feuerstein, ein Spinnwirtel, ein knöcherner Pfriem, zwei Tierzähne, eine Tierkralle und einige Gramm eines weißen Pulvers, das als Perlenkalk angesprochen wird.

Eine besondere Aufmerksamkeit finden zwei Fundobjekte: Ein großer, würfelförmiger Sandsteinblock, der mit Linien und Furchen verziert ist, die als Schriftzeichen gedeutet werden und ein sog. Donnerkeil: "Er ist 4 Zoll lang, oben rund abgestumpft, in der Mitte beinahe 1 Zoll dick, unten 2 Zoll breit und platt, und scharf zugeschliffen. Er ist schön polirt, von weiß-bläulich-grüner Farbe." Auch dieses Mal erinnert sich Kortum noch an die ehemals mit solchen Objekten verbundenen abergläubischen Vorstellungen. Er weiß aber, daß es kein Naturprodukt, sondern ein von Menschenhand geschaffenes Werkzeug ist. Aber er hat noch Schwierigkeiten dieses Steinbeil in seiner Funktion richtig zu bewerten: "Der [...] Ceraunit eignet sich weder zum Keil, noch zur Axt, zur Pflugschar ist er zu klein und zu schön; ebenso wenig kann er eine Axt oder ein Hammer sein, weil er ohne Loch ist, durch welche ein Stiel hätte gesteckt werden können. Seine Schärfe am platten breiten Ende zeiget, daß er als Messer gedient habe."

So beeindruckend das Engagement Kortums gerade aus heutiger Sicht ist, so präzise seine Beschreibungen von Funden und Befunden sind, so logisch die Interpretation des Fundensembles selbst noch für den unvoreingenommenen Leser unserer Zeit sein mag, Tatsache ist, daß man heute eine andere Deutung des Fundkomplexes vornehmen würde. Natürlich ist eine Bewertung allein auf der Grundlage der vorgelegten Publikation schwierig; gerne würde man die geborgenen Funde in Augenschein nehmen und auch einen Blick auf die Aufzeichnungen werfen, die Kortum an das Königlich Preußische Oberbergamt in Wetter und die "Königliche Kriegs- und Domainenkammer" in Hamm schickte, doch scheinen diese beiden Informationsquellen verlorengegangen zu sein. Unzweifelhaft ist, daß seinerzeit Fundgegenstände entdeckt worden sind, die verschiedenen Zeitepochen angehören. Die Tongefäße datieren in das späte Mittelalter, es ist Siegburger Steinzeug, das möglicherweise eine Datierung in das 14. Jahrhundert erlaubt. Die "schmierichte Masse", die Kortum in den Gefäßen beobachtet hat, läßt sich nicht mehr bestimmen, es dürfte sich um Rückstände von Flüssigkeiten handeln, denn als Urnen hat man solche Gefäße seinerzeit nicht benutzt. In die gleiche Zeit könnten auch die Silberschale und die verschiedenen Eisenfragmente, die Teile von Schwertern, das Pferdegeschirr und der Knopf gehören. Diese Objekte sind mit Sicherheit einige tausend Jahre jünger als das steinerne Beil, das in die jüngere Steinzeit datiert werden kann - möglicherweise sind auch der Feuerstein, der Spinnwirtel, der knöcherne Pfriem, das Klümpchen weißen Pulvers, die Fischzähne und die Tierkralle in diese Epoche zu datieren, dies müßte im Einzelfall geprüft werden. Es erhebt sich die Frage, weshalb diese zu ganz unterschiedlichen Zeiten hergestellten und benutzten Dinge nun an einer Stelle zusammengefunden werden konnten? Die Fundstelle beschreibt Kortum als 18 Fuß langen, 3,5 Fuß breiten, Ost-West orientierten Gang oder Behälter, der rund 5 Fuß tief unter der Erdoberfläche liegt. Es ist von dicken, auf der Innenseite gerade behauenen Sandsteinmauern die Rede und von mächtigen Schlußsteinen auf beiden Schmalseiten. Der östliche hat eine Dicke von 4 Fuß, der schmalere westliche besitzt eine Öffnung von einem Fuß Breite. Hinter ihm setzt sich der Gang in gleicher Breite und Konstruktion fort; er ist nicht mehr untersucht worden, so daß die Gesamtausdehnung der Anlage unbekannt bleibt. Denkbar ist, daß die Mauerreste zu der Burganlage Ruwendahl gehören, einem Stützpunkt des Kölner Erzbischofs und Herzogs von Westfalen; Ruinen dieser Burg sind seinerzeit noch im Rauendahl sichtbar gewesen. Auch wenn Kortum keine Verbindung zwischen den angetroffenen Mauerresten und Haus Ruwendahl herstellte, ist sie vorstellbar und würde die mittelalterlichen Funde erklären; die anderen wollen allerdings nicht so recht in dieses Bild passen, oder sollten sich die frühen Bewohner des Hauses bereits als Sammler von Kuriositäten betätigt haben? Die steinzeitlichen Funde, der schmale, unterteilte "Behälter" mit seinen mächtigen Mauern, dies weckt andererseits Assoziationen an jungsteinzeitliche, etwa 5000 Jahre alte Grabanlagen, wie man sie u.a. im östlichen und südöstlichen Westfalen kennt. Es handelt sich um etwa 12 bis 30 Meter lange, in den Boden eingetiefte schmale, rechteckige Steinkammern, erbaut aus Kalk- oder Sandsteinplatten. Sie besaßen ursprünglich eine Decke aus Steinplatten oder Holzbalken, die heute nicht mehr erhalten ist. Die Kammern sind oft unterteilt, in einen kleineren Vor- und den eigentlichen Grabraum; den Übergang markiert eine Steinplatte, in die ein großes ovales oder rundes Loch gehauen ist. Es sind Kollektivgräber, in denen Reste von bis zu 200 Toten gefunden werden konnten; hierbei handelt es sich allerdings in aller Regel nicht um Brandbestattungen. Zur Ausstattung der Toten gehören u.a. Tongefäße, verschiedene Feuersteingeräte, Beilklingen, Bernstein- und Knochenperlen, Knochengeräte, Spinnwirtel und durchbohrte Tierzähne. Sollte Kortum im Rauendahl vielleicht auf eine solche steinzeitliche Grabanlage gestoßen sein? Sie wäre dann der westlichste Vertreter einer Denkmälergruppe, deren nächste Parallelen man derzeit erst aus dem Raum Soest kennt. Eine mittelalterliche Nutzung einer solchen Kammer wäre nichts Außergewöhnliches. Ohne die Spekulationen weiter fortführen zu wollen, wird klar, daß die Grabungen im Rauendahl, über die uns Kortum so ausführlich berichtet, noch eine Fülle von Fragen aufwerfen, denen nachzugehen, es sich auch nach rund 200 Jahren noch lohnt. Möglicherweise lassen sich ja doch noch weitere Aufzeichnungen von Kortum finden, vielleicht sogar die Funde (wieder)entdecken? Eventuell gibt es ja auch noch Berichte über die Grabungsaktivitäten, die während der Drucklegung der Schrift stattgefunden haben. Sollte sich der augenblicklich nur vage Verdacht auf eine steinzeitliche Grabanlage erhärten, würde es sich lohnen, der weit zurückreichenden Besiedlungsgeschichte des Rauendahls im Rahmen eines Forschungsprojektes nachzugehen, denn ganz in der Nähe müßte auch die Siedlung der Menschen gelegen haben. Eine Fortführung seiner Aktivitäten wäre sicherlich im Sinne von Kortum und ein von ihm zu seinem 250. Geburtstag gern angenommenes Geschenk, wollte er doch seine Publikation als "Aufmunterung" verstanden wissen, "[...] daß man künftig mehr darauf achten werde, als bisher geschehen ist."

Die Beschäftigung mit dem "Altertumsforscher" Kortum ist aber nicht nur wegen der offenen Fragen von einem besonderen Reiz. Es ist schon beeindruckend, wie Kortum vor rund 200 Jahren die Bedeutung eines archäologischen Fundes als Informationsquelle über die schriftlosen Zeiten unserer Geschichte erkennt und nutzt. Natürlich sind die Schlüsse, die er aus seinen Beobachtungen gezogen hat, eingebunden in den Kenntnisstand seiner Zeit, geprägt von dem persönlichen Weltbild. Aber ist dies heute in der Archäologie denn so viel anders? Ein Blick in die Forschungsgeschichte kann zur Bescheidenheit in der Bewertung eigener Forschungsergebnisse führen und zur Toleranz gegenüber abweichenden Ansichten von Kollegen.

Anmerkungen:
  1. Die Textpassagen sind dem Nachdruck der Kortum'schen Publikation bei Jägersberg, Gustav: Geschichte der Stadt und des Kreises Hattingen. Bd. 1. Köln 1896, S.42 - 118 entnommen.