Metanavigation

Die Stadt Bochum auf facebook
Folge der Stadt Bochum auf Twitter
Die Stadt Bochum auf YouTube
Folge der Stadt Bochum auf Instagram
Informationen zum Wappen der Stadt Bochum

Gustav Seebold

"... und der Trieb zum bürgerlichen Gewerbe und Ackerwesen bei den Eingeseßenen den Vorzug hat."(1)

Aspekte der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bochums zur Zeit Carl Arnold Kortums

"... Nicht satt sehen konnte ich mich an der saftig frischen Vegetation, den prachtvollen Eich- und Buchenwäldern, die rechts und links die Berge krönen, zuweilen sich über die Straße hinzogen, dann wieder in weite Ferne zurückwichen, aber überall den fruchtbaren Boden begrenzten, braun und rot schattiert, wo er frisch geackert war, hell oder dunkelgrün schimmernd, wo junge Wintersaat und frischer Klee ihn bedeckten. Jedes Dorf umgibt ein Hain schön belaubter Bäume, und nichts übertrifft die Üppigkeit der Wiesen, durch welche sich die Ruhr in den seltsamsten Krümmungen sich schlängelt. Ich dachte lachend, daß, wenn einem prophezeit würde, an der Ruhr zu sterben, er sich hier niederlassen müsse, um auf eine angenehme Weise die Prophezeiung zugleich zu erfüllen und zu entkräften."(2)

Ist es eine Idylle, die der weitgereiste Hermann Fürst von Pückler-Muskau im September 1826 auf seinem Weg nach England im Ruhrtal unweit Bochums vorfindet, oder trifft die literarische Kritik eines Voltaire zu, der in seinem "Candide" knapp siebzig Jahre zuvor so wenig positives über den westfälischen Raum zu berichten wußte?(3) Die Wahrheit, sie wird zwischen den beiden Extrema liegen.

Trotz zahlreicher Darstellungen und der aktuellen Preußen-Renaissance sind Leben und Landschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert, den Jahrzehnten vor Französischer Revolution und Industrialisierung, die das Leben der Menschen und das Bild der Region zwischen Ruhr und Emscher von Grund auf ändern sollten, in der Zeit, als Carl Arnold Kortum als Arzt, Naturwissenschaftler, Künstler und Literat in Bochum lebte und wirkte, weithin in Vergessenheit geraten. Ein Blick in das Ackerbürgerstädtchen Bochum, einem Vorposten an der preußischen Westgrenze, auf seine politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse erscheint daher gleichermaßen reizvoll wie für das Verständnis der Epoche notwendig.

Preußischer Zentralismus contra kommunale Selbstverwaltung

Das Gesicht der Ackerbürgerstadt Bochum freilich unterschied sich wesentlich von dem des heutigen Oberzentrums: Mit ihren 350 Häusern und 1.663 Einwohnern erstreckte sich die Kleinstadt im 18. Jahrhundert lediglich auf den heutigen engeren Innenstadtbereich zwischen Propstei- und Pauluskirche in der Nord-Süd-Achse sowie zwischen Kortum- und Massenbergstraße in der West-Ost-Ausdehnung.(4) Nur wenige Häuser befanden sich später außerhalb dieses historischen Stadt- und Siedlungskerns an den Ausfallstraßen und im Bereich des früher die Stadt umgebenden und gegen 1750 verfallenen Walles. Um die Stadt zog sich ringförmig der zumeist als Garten- und Ackerland genutzte Individualbesitz der Bürger sowie die Vöde, die im Gemeineigentum stehende und traditionell als Weidegrund genutzte Allmende, in einer Größe von zusammen etwa 2,8 km².

Dennoch war die Stadt Zentrum und bis zur Mitte des 18. Jahrhundert Verwaltungssitz für das Amt Bochum, einem von Land- und Forstwirtschaft bestimmten Bezirk mit landesherrlichem Domanialbesitz, zahlreichen Adelssitzen und etlichen Bauerschaften, das in seiner räumlichen Ausdehnung weit über die Grenzen der heutigen Stadt hinausreichte. Im Zuge einer Verwaltungs- und Territorialreform ging das Amt Bochum 1753 in den neu gebildeten Kreis Hörde ein, einem von vier Landkreisen in der Grafschaft Mark.(5)

Politisch gehörte Bochum, nachdem die Stadt mit der Grafschaft Mark, dem Herzogtum Kleve und der Herrschaft Ravensberg im Zuge des Jülich-Kleveschen Erbfolgestreits 1614 an Brandenburg fiel, zu Preußen. Der Landesherr residierte zwar zumeist in gebührender Entfernung, dennoch gelang Brandenburg-Preußen, besonders unter dem Regiment Friedrich Wilhelms I., der Ausbau einer absolut regierten Monarchie, verbunden mit einer stark reglementierten und streng hierarchisch strukturierten Binnenverwaltung.(6) Der viel zitierte preußische Beamtenstaat ergriff Besitz von Territorien und Untertanen, wenn auch in Grenzlanden wie Kleve und Mark sich in den ersten Jahrzehnten der Zugehörigkeit zu Preußen noch ständische Elemente und städtische Freiheiten behaupten konnten.

Im 18. Jahrhundert war der Einfluß auch in den westlichen Territorien Kleve und Mark gesichert: Die Kleve-Märkische Regierung mit Sitz in der Hauptstadt Kleve zeichnete als zentrale Verwaltungsinstanz für Justiz-, Hoheits-, Lehns-, Kirchen- und Schulangelegenheiten verantwortlich, während die Kriegs- und Domänenkammer (KDK) die übrigen Bereiche der inneren Verwaltung, besonders des Haushalts-, Steuer- und Gewerbewesen, als kollegial strukturierte Behörde lenkte. Der wachsende wirtschaftliche Einfluß der Grafschaft Mark und auch wohl Abgrenzungsbestrebungen vom kleveschen Landesteil führten schließlich zur Einrichtung einer Märkischen Kammerdeputation in Hamm (1767), die zwanzig Jahre später zu einer eigenständigen Kriegs- und Domänenkammer aufgewertet wurde.(7)

Als untere staatliche Verwaltungsebene schließlich waren in der Grafschaft Mark zwei Steuerrätliche Kreise - einer für die Städte nördlich, ein weiterer für die südlich der Ruhr - eingerichtet, die mit dem jeweiligen Steuerrat oder Commissarius Loci eine weit intensivere und umfassendere Kontrolle der kommunalen Angelegenheit ausübten, als ihre Bezeichnung ahnen ließ.(8)

Entsprechend bescheiden waren die Gestaltungsmöglichkeiten im kommunalen Raum. Bochum zählte zudem nie zu den einflußreichen "Hauptstädten" der Grafschaft Mark (Hamm, Iserlohn, Kamen, Lünen, Schwerte, Unna), sondern mußte sich - neben Hattingen, Breckerfeld, Neuenrade und anderen Kommunen - mit der Rolle einer "kleinen Stadt" begnügen, deren faktische Einflußmöglichkeiten in den Landständen kaum größer waren als die der sogenannten Freiheiten wie Wattenscheid oder Blankenstein.

Das rathäusliche Reglement, eine 1731 für Rat und Verwaltung der Stadt Bochum erlassene Dienstanordnung, zeigte das Maß der preußischen Normierungs-, Aufsichts- und Kontrolltendenzen selbst in der zur damaligen Zeit eher unbedeutenderen Kommunen.(9) Das Reglement enthielt detaillierte Aufgabenbeschreibungen und Zuweisungen von Verantwortlichkeiten an sämtliche Mitglieder der Stadtspitze. Sie bestand aus einem Ersten und Zweiten jeweils auf Lebenszeit ernannten Bürgermeister sowie drei Senatoren, die zusammen als Magistrat ein - in der preußischen Verwaltung übrigens häufig anzutreffendes - kollegiales Führungsgremium bildeten. Ihnen nachgeordnet fand sich lediglich ein Secretarius oder Sekretär, der für Aktenführung und Archiv verantwortlich zeichnete. Selbst die Wochentage, an denen das Beamtenkollegium sich zur Beratung zusammenzufinden hatte, waren festgeschrieben, bei Androhung einer Geldstrafe im Falle des unentschuldigten Fernbleibens.(10)

Als Vertreter der Bürgerschaft nahmen 3 bis 4 sogenannte Ratsmänner an den Sitzungen des Magistrats mit ausschließlich beratendem Stimmrecht teil. Sie wurden offensichtlich, das genaue Verfahren ist nicht überliefert, als Vorsteher aus den Reihen der nach Wohnquartieren in Rotten eingeteilten Bürgerschaft delegiert. Demokratische Elemente sind allerdings weder bei der Wahl der Beamten noch der der Ratsmitglieder zu erkennen: Sie entstammten sämtlich der bürgerlichen städtischen Führungsschicht und gelangten in aller Regel durch Kooptation, verbunden mit der Sanktionierung durch die omnipräsente staatliche Aufsicht, in ihre Funktion.(11) Formal besaß der Bochumer Magistrat ebenso wie die übrigen preußischen Städte das 1765 durch Friedrich II. bestätigte Recht, seine Mitglieder aus den Reihen der Bürger zu bestimmen. Die klevesche Kriegs- und Domänenkammer freilich beeilte sich, dieses Privileg faktisch außer Kraft zu setzen, indem sie verfügte, keine anderen als die vom Commissarius Loci bestimmten Personen zu wählen.(12) Als das Konsistorium der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde im Januar 1773 die Wahl des bisherigen Senators Flügel zum Zweiten Bürgermeister beanstandete und geltend machte, aufgrund "uralter churfürstlicher und königlicher" Verordnungen müsse einer der Bürgermeister der reformierten Gemeinde angehören, schuf dieser Einwand bei Magistrat und Aufsichtsbehörde zunächst erhebliche Verwirrung. Die Argumente der Reformierten waren jedoch nur schwer zu widerlegen und so besann sich der zuständige Commissarius Loci auf das - zuvor außer Kraft gesetzte Privileg - und wies den Protest mit dem Bemerken ab, dem Magistrat der Stadt Bochum stehe aufgrund jüngeren Rechts das freie Wahlrecht zu.(13)

Die häufig in ärmlichen Verhältnissen lebenden Bochumer Handwerker und Tagelöhner waren faktisch von sämtlichen kommunalen Führungspositionen ausgeschlossen, kassierte doch der preußische Staat für die Anerkennung als Magistratsmitglied oder Ratsmann erhebliche Gebühren. So wurde die Ernennung Ernst de Boys als unbesoldetes Ratsmitglied im Dezember 1765 erst wirksam, nachdem er die fälligen Gebühren in Höhe von insgesamt 6 Friedrichs d'or oder 30 Reichstalern entrichtet hatte.(14)

Selbst subalterne Positionen in der Kommunalverwaltung oder im Staatsdienst - etwa bei Gericht oder der Steuerverwaltung - blieben dem Bochumer Durchschnittsbürger vorenthalten. Zum einen war der Analphabetismus trotz aller Bemühungen des preußischen Staates noch weit verbreitet, zum anderen wurden nachgeordnete Stellen in der Regel mit invaliden Soldaten besetzt. Der berühmt-berüchtigte preußische Unteroffizier, der in den Schulen neben Grundkenntnissen im Lesen und Schreiben auch die "Ideale" von Untertanengeist und Disziplin vermittelte, fand sich auch in anderen Verwaltungssparten.

Wiederholt hielten Regierung sowie Kriegs- und Domänenkammer in Kleve die nachgeordneten Behörden an, "bey sich ereignenden Vacanzien auf die Versorgung der approbirten Invaliden" zu sehen.(15) Die Militärbehörden ihrerseits statteten langgediente und invalide Soldaten häufig mit Empfehlungsschreiben aus, in denen um eine Anstellung als Ratsdiener, Nachtwächter oder in vergleichbarer Position nachgesucht wurde.(16) Ökonomische Gesichtspunkte dürften bei derartigen Vermittlungsversuchen entscheidend gewesen sein: Konnte ein Soldat keine Tätigkeit in der öffentlichen Verwaltung finden, so stand ihm bei ausreichend langer Dienstzeit als Pension der sogenannte Gnadentaler zu, der kaum mehr als ein Leben am Rande der Existenz ermöglichte und aus den staatlichen Steuereinnahmen, der Akzise-Kasse, gezahlt wurde.

Freiheit in der Stadt - Bürgerrechte und Bevölkerungsentwicklung

Wenn auch die Möglichkeiten der Bochumer Bürger, gestaltend auf die Kommunalverwaltung einzuwirken, durch restriktive staatliche Bestimmungen und die Oligarchie einer zahlenmäßig beschränkten bürgerlichen Führungsschicht beschnitten wurden, so war ihre rechtliche Stellung im 18. Jahrhundert dennoch ungleich besser als die der Landbevölkerung im preußischen Ostelbien, sie hob sich auch positiv von der der Bewohner der umliegenden Bauerschaften und Kirchspiele ab.

Die Bochumer genossen nach Ablegung des für erwachsene Männer obligatorischen Bürgereides, Entrichtung einer dafür vorgesehenen Gebühr und Stellung der geforderten Feuerlöschgerätschaften zunächst persönliche Freiheit, verbunden mit einem letztlich wohl tolerierbaren Maß an gegenüber der Stadt zu entrichtenden Diensten oder Gemeinschaftsleistungen.(17) Demgegenüber mußten die Bewohner des Bochumer Umlandes - soweit sie nicht als selbständige Handwerker oder Bauern mit Grundeigentum tätig waren - für die ihnen zumeist in Erbpacht überlassenen landwirtschaftlichen Nutzflächen persönliche Leistungen und Abgaben an den jeweiligen Grundherrn entrichten.(18)

Bürgerliche Pflichten, das waren in Bochum vor allem handwerkliche Arbeiten bei der Unterhaltung und Ausbesserung der Wege und Straßen in der Stadt sowie im städtischen Vorfeld. Sie befanden sich offensichtlich in einem chronisch schlechten Zustand; ihre Beschaffenheit hinderte vielfach Reisende, in Bochum Halt zu machen, und wurde nicht zuletzt für die geringe, nicht über den engeren Bereich hinausgehende Wirtschafts- und Handelstätigkeit verantwortlich gemacht.(19) Es scheint allerdings, als habe der Magistrat, demotiviert von der dauernden Einmischung der staatlichen Aufsichtsbehörden in ursprünglich kommunale Selbstverwaltungsaufgaben, die Straßenunterhaltung selbst innerhalb der Stadt vernachlässigt und die Bürger in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht mehr nachhaltig zu Ausbesserungsarbeiten genötigt.(20)

Die traditionell ebenfalls zu den Gemeinschaftsleistungen zählende Verpflichtung, die städtische Nachtwache zu stellen, war in Friedenszeiten ebenfalls fortgefallen. Als 1768 in der Stadt vermehrt Einbruchdiebstähle registriert wurden und die Gegend durch Bandenkriminalität unsicher gemacht wurde, rekrutierte der Magistrat die Nachtwache nicht aus den Reihen der hierfür dienstpflichtigen Bürger, sondern stellte sechs Wächter ein. Die an jährlichen Gehaltszahlungen notwendigen 130 bis 140 Reichstaler zog er mit ausdrücklicher Genehmigung der Hammer Kriegs- und Domänenkammer-Deputation und gegen die vehementen Proteste der Betroffenen im Umlageverfahren von den wohlhabenderen städtischen Bürgern ein.(21)

Auch die den Bürgern übertragene Aufgabe der Bewachung und des Transports von Gefangenen verlor im Laufe des 18. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung. Mit der vom Staat betriebenen Kodifikation allgemeingültigen Rechts und der seit Jahrhundertmitte forcierten Trennung von Exekutive und Jurisdiktion schwand der Einfluß des fortan subsidiären kommunalen Rechts und entsprechende Befugnisse gingen an die zuständigen Justizbehörden über.(22)

Den in ihrer Gesamtheit stark rückläufigen Bürgerpflichten stand, neben der schon erwähnten persönlichen Ungebundenheit eine Anzahl von Freiheiten gegenüber. Das wichtigste Privileg war zweifelsohne die Gewerbefreiheit. Da in Bochum weder Innungen noch Zünfte existierten, konnten die Bürger bei entsprechender Befähigung ohne weitere Restriktionen einem Handwerk nachgehen oder einen Handelsbetrieb eröffnen. Lediglich für Glaser bestand eine Zwangsinnung, deren Sprengel sich auf die gesamte Grafschaft Mark erstreckte.(23)

Daneben stand den Bochumer Bürgern das Recht der freien Jagd in der Vöde zu, das aber, wie Kortum mitteilt, zu seiner Zeit kaum genutzt wurde.(24) Selbst bei gutem Willen konnte der oft eintönige Speiseplan kaum durch Wildpret ergänzen werden, da durch laufende Überjagung der Bestand an jagdbarem Niederwild insgesamt wohl sehr gering war. Die Vöde selbst, für die dieses Jagdrecht galt, war für die Ackerbürgerstadt Bochum, in der fast jede Familie eine Kuh oder wenigstens eine Ziege besaß und zur Sicherung der Selbstversorgung mit landwirtschaftlichen Produkten ein mehr oder minder großes Areal an Garten- und Ackerfläche bewirtschaftete, von eminenter Bedeutung.(25) Die nördlich und südlich der heutigen Castroper Straße gelegene kleine bzw. große Vöde dienten in sechsjährigem Wechsel als Ackerfläche zum Anbau von Getreide sowie als Grasfläche zum Auftrieb des Viehs. Während der jeweiligen Weideperiode galt das traditionelle Allmenderecht, daß allen Bürgern freien Auftrieb gestattete. Demgegenüber hatten einzelne Bürger zu Zeiten der Getreidebestellung individuelle Nutzungsrechte an der jeweiligen Vödefläche inne, unterlagen allerdings dem allgemeinen Flurzwang.(26)

Als Dienstleistung für die Bürger hielt die Stadt schließlich einen Braukessel vor, der gegen eine Gebühr von 30 Stüber, dem Kesselgeld, zur Verfügung gestellt wurde. Familien mit einem eigenen Braukessel entrichteten als Brausteuer die halbe Gebühr. Das Bierbrauen scheint ebenso wie das Branntweinbrennen eine bevorzugte Beschäftigung der Bochumer gewesen zu sein, besaß doch fast jede 10. Familie einen eigenen Braukessel und jede 15. Familie verfügte über eine Destilliereinrichtung.(27)

Von den beschriebenen (Vor-) Rechten und Pflichten blieben die Einwohner Bochums ausgeschlossen, jene kleine Gruppe, die erst kurz in der Stadt lebte und den in der Regel binnen eines Jahres abzulegenden Bürgereid noch nicht geleistet hatte. Eine mindere Rechtsstellung besaßen auch die Frauen sowie die in der Stadt unselbständig tätigen Hilfskräfte wie Mägde, Knechte oder Gesellen.

Bürgerrechte besaßen mithin im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts lediglich rund 300 erwachsene Männer bei einer Gesamtbevölkerung, die um 1.500 Personen schwankte.(28) Blickt man auf die Ergebnisse früherer Erhebungen, so fällt ein deutlich rückläufiger Einwohnerstand von 1722 bis 1775 um immerhin 167 Personen oder 10% ins Auge.(29) Preußens Entwicklung zur europäischen Großmacht, verbunden mit zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen vor allem unter der Herrschaft Friedrich II., forderte auch in den westlichen Provinzen ihren Tribut: Die Kriegsteilnahme junger Männer wirkte sich auf die Bochumer Wohnbevölkerung ebenso aus wie die durch Fouragelieferungen und Kriegsabgaben bedingte permanent schlechte Versorgungslage. Zudem dürfte die geographische Randlage des Bochumer Raumes, der von drei Seiten durch nicht-preußische Territorien, Stift Essen, Vest Recklinghausen und Reichsstadt Dortmund, umgeben war, mitverantwortlich sein für das trotz natürlicher Ressourcen geringe Wirtschaftswachstum und die damit verbundene weitgehende Bevölkerungsstagnation. Insgesamt waren Stadt und Bevölkerung in der frühen Neuzeit vom Anfang des 17. Jahrhunderts bis zur Französischen Revolution nur geringfügig gewachsen sein.(30) Die in einer Erhebung von 1789 festgestellte und unter anderem von Kortum überlieferte Einwohnerzahl von 1.474 machte kaum 1,1% der damaligen Bevölkerung der Grafschaft Mark aus und unterstreicht die relative Bedeutungslosigkeit des Ackerbürgerstädtchens Bochum.

Eine nähere Untersuchung der Bevölkerungsentwicklung zwischen 1774 und 1787 läßt die Auswirkungen der europäischen Politik deutlich erkennen. Als im Zuge des Bayerischen Erbfolgekrieges 1778 die preußische Armee in Alarmbereitschaft versetzt wurde, kamen die Werber auch nach Bochum und konnten, Mittel wie Entführung und Zwangsrekrutierung gehörten damals zu deren Tagesgeschäft und wurden von der Obrigkeit toleriert, 40 junge Männer und 9 Jugendliche für die Armee "gewinnen".(31) Die Zahl der "unsicheren Kantonisten", die vor den Werbern ins benachbarte nicht-preußische Ausland flohen - etwa in das Vest Recklinghausen oder in das Herzogtum Berg - verschweigt die offizielle Statistik. Nachdem Preußen mit diplomatischer Hilfe Rußlands die Gebietsansprüche Österreichs auf Niederbayern und die Oberpfalz kurzfristig abwehren konnte, wurde ein Großteil der Bochumer Rekruten wieder in die Heimat entlassen. Mit einer vergleichbaren Situation sah sich die Stadt 1787 konfrontiert, als eine Auseinandersetzung zwischen Österreich / Rußland und der mit Preußen verbündeten Türkei abermals das ausgesprochen labile Gleichgewicht zwischen den europäischen Großmächten zu stören drohte und preußische Werber in Bochum 44 Männer und 14 Jugendliche zur preußischen Armee preßten.

Es waren aber nicht nur kriegerische Auseinandersetzungen, die zu einer wenn auch nur vorübergehenden Abnahme der Wohnbevölkerung führten. Auch konjunkturelle Krisen, Mißernten und die beschränkten Möglichkeiten der Stadt Bochum, auf derartige Entwicklungen kompensierend einzuwirken, beeinflußten die Bevölkerungszahlen nachhaltig. Als der Bochumer Magistrat 1785 den vorgesetzten preußischen Behörden ein Minus von 47 Personen (und 11 Kühen) gegenüber der Personenstandsaufnahme von 1783 meldete, mußte er die Veränderungen detailliert nachweisen und dokumentierte so die Motivation zahlreicher Bewohner, die Stadt zu verlassen.(32) Neben der natürlichen Bevölkerungsbewegung durch Tod und Geburt sowie heiratsbedingten Zu- oder Wegzug ist eine Differenz von 9 unselbständig beschäftigten Hilfskräften, Knechten, Mägden, Lehrjungen und Gesellen, immerhin 8,6% dieser Personengruppe, ebenso signifikant wie der Abgang von 14 Söhnen und Töchtern, die außerhalb eine Beschäftigung als Dienstkraft annahmen.(33) Zusätzlich verließen sechs junge Männer die Stadt, um ein Handwerk zu erlernen oder ihre Kenntnisse als Gesellen zu vertiefen.

Der Grund für diese Abwanderung dürfte überwiegend in einer Verarmung weiter Bevölkerungskreise innerhalb der Stadt zu suchen sein. Von den 1784 in Bochum lebenden 1.038 Personen mit einem Lebensalter von mindestens 9 Jahren rechnete die Kommunalverwaltung nicht weniger als 304 oder knapp 30% zu den Armen. Sie wurden entweder als Bettler bezeichnet (114 Bochumer) oder zählten aus den verschiedensten Gründen - Alter, Invalidität, Arbeitslosigkeit - zu den Almosenempfängern (190 Personen), die durch den Armenfonds ernährt wurden oder auf Familienhilfe angewiesen waren.

Siedlungsgebiet Wall und Graben - Stadtentwicklung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

Die Bausubstanz der 350 Bochumer Wohnhäuser und 48 Scheunen dürfte, folgt man den Angaben Motzfelds in seinem "Historischen Bericht von der Stadt Bochumb" von 1722 eher bescheiden gewesen sein: 135 Häuser (38,6%) und 9 der insgesamt 48 Scheunen waren nach wie vor mit Stroh gedeckt. Die betroffenen Eigentümer waren entweder zu unvermögend, um ein Ziegeldach zu finanzieren, oder die Statik der Fachwerkhäuser ließ die höheren Dachlasten nicht zu.(34) Daneben gab es zu dieser Zeit in Bochum zahlreiche "wüste Plätze", verfallene Häuser oder Ruinen, die der staatlichen Verwaltung ein Dorn im Auge waren. Wiederholt forderte die Kriegs- und Domänenkammer den Magistrat auf, die jeweiligen Eigentümer zur Bewohnbarmachung oder zum Neubau anzuhalten. Da diese Auflage nicht hinreichend realisiert werden konnten, schritt man von 1745 an zu Enteignungsmaßnahmen: Die Grundstücke konnten, nachdem der Magistrat die Eigentümer vergeblich zur Abhilfe aufgefordert hatte, kostenfrei an Bauwillige vergeben werden.(35)

Bis 1780 konnte der Magistrat so die Zahl der wüsten Stellen bis auf vier reduzieren, verbunden mit einer großzügigen staatlichen Subventionspolitik, die über sogenannte Baufreiheitsgelder die Bau- und Renovierungstätgkeit finanziell förderte. Auch die Zahl der mit Stroh gedeckten Häuser ging dank der staatlichen Bemühungen zur Förderung des baulichen Brandschutzes auf 21 (entspricht 6,2%) zurück.(36) Erst in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts ist ein erneuter und zugleich signifikanter Anstieg der unbewohnten Häuser feststellbar. Da die wirtschaftlichen Rahmendaten wie Steuerertrag und Warenverbrauch der in der Stadt ansässigen Handwerker nicht auf eine konjunkturelle Krise sondern eher auf das Gegenteil schließen lassen, dürften zahlreiche Bürger ihre Häuser renoviert bzw. ausgebaut und während der Bauarbeiten das Haus nicht bewohnt haben.

Nur noch selten mußte der Magistrat wie im Falle des Posamentenmachers Ferdinand Ruhrman mit allen ihm zur Verfügung stehenden Rechtsmitteln vorgehen, um baufällige Häuser zu beseitigen. Ruhrmann hatte sich, von Werden a. d. Ruhr kommend, 1767 in Bochum angesiedelt. 1772 hatte er ein altes Haus im Weilenbrink erworben, mußte aber noch im gleichen Jahre einen Offenbarungseid leisten, da er nach eigenen Angaben ausstehende Forderungen nicht eintreiben konnte. Um 1790 war das Ruhrmannsche Haus schließlich so baufällig, daß der Magistrat, nachdem mehrere Reparaturaufforderungen nicht befolgt wurden, Handwerker beauftragte, Sicherungsarbeiten an dem Haus vorzunehmen: Der Giebel drohte herabzufallen und wurde von Zimmermeister Johanes Krugmann befestigt. Da die Stadtkasse die in Rechnung gestellten Lohn- und Materialkosten nicht übernahm, Ruhrmann in Rechnung stellte und laufend anmahnte, wandte sich dieser 1793 in einer Petition an den König und bat um finanzielle Unterstützung. Die mit der Prüfung der Angelegenheit beauftragte Kriegs- und Domänenkammer teilte dem Bittsteller schließlich mit, daß öffentliche Gelder nicht zur Verfügung stünden und führte seine persönliche Lage darauf zurück, "daß er sein Metier nicht ordentlich treibet und sich lieber dem Müßiggang widmet."(37) Die Kammer eröffnete dem Magistrat damit auch die Möglichkeit, die ausstehenden Reparaturkosten über eine Zwangsversteigerung der Ruhrmannschen Besitzung einzutreiben.

Eine Stadtmauer oder vergleichbar massive Befestigungen hat es in Bochum zu keiner Zeit gegeben. Ein Wassergraben, an dem sich stadteinwärts ein Wall anschloß, hatte im frühen 18. Jahrhundert allenfalls noch symbolischen Charakter und war der Stadtentwicklung eher hinderlich. Bereits um 1750 standen auf Teilen des ehemaligen Walles Bürgerhäuser und die zwischenzeitlich trocken gelegten Grabenteile dienten als Gartenfläche.(38) Der Magistrat beantragte bei der Kriegs- und Domänenkammer den de facto-Zustand zu sanktionieren und erhoffte sich aus dem Verkauf der Grundstücke Einnahmen zur Verbesserung der städtischen Haushalts- und Schuldensituation.

Der Verkauf verlief jedoch - wie kaum anders zu erwarten - nicht ohne Komplikationen und Intervention der Kriegs- und Domänenkammer sowie des Generaldirektoriums als oberste staatliche Aufsichtsinstanz. In einer ersten Versteigerung, bei der übrigens zahlreiche Parzellen von Verwaltungsbeamten ersteigert wurden, hatte der Bochumer Magistrat dem Monitum der staatlichen Aufsichtbehörde zufolge die Grundstückswerte zu gering angesetzt und daher nur unbefriedigende Verkaufserlöse erzielt.(39) Nach endgültiger Genehmigung des Verkaufs forderte das Berliner Generaldirektorium schließlich, daß sämtliche Grundstücke "mit einer wohl geschloßenen Mauer ohne Thüren" zu umgeben seien.(40) Auf den vehementen Protest der Käufer hin ermäßige die Behörde die Forderung zunächst auf einen Graben mit anschließendem rund 2,4 m hohem Holzzaun und akzeptierte endlich, nach erneutem Einspruch der Grundstückseigner, eine dichte Hecke.(41)

Nicht militärische, sondern steuerliche Gesichtspunkte veranlaßten die staatliche Verwaltung, den Zugang zur Stadt zu kontrollieren und zugleich die fünf ursprünglichen Stadttore, Beck-, Buddenberg-, Hellweg-, Bongard- und Brücktor, als Kontrollpunkte beizubehalten. Seit Einführung der Akzise, einer Verbrauchssteuer, der sämtliche Warenbewegungen in die Stadt und aus ihr heraus unterlagen, mußte zur Vermeidung von Steuerhinterziehungen der unbeaufsichtigte Zugang zur Stadt unterbunden werden.(42) Fünf Torschreiber und ein Akziseinspektor waren die örtlichen Repräsentanten der Steuerverwaltung und erfaßten akribisch sämtliche Warenbewegungen, zumal die Akzise die Vielfalt der früheren Steuern abgelöst hatte und nunmehr die einzige Verbrauchssteuer darstellte. Die Akziseeinnahmen bewegten sich zwischen 1774 und 1787 um 4.200 bis 4.800 Reichstalern pro Jahr und machten damit ein Vielfaches der städtischen Kämmereieinnahmen aus, die sich im gleichen Zeitraum zwischen 349 und 811 Reichstalern bewegten.(43)

Die Entwicklung der Stadt und ihr Wachstum wurden tendenziell durch die rigiden Zugangskontrollen behindert, und es waren nicht intern-preußische Ereignisse, die den Weg zur Stadtwerdung frei machten, sondern die infolge der französischen Revolution eingetretenen gesamtpolitischen Veränderungen. Daß die Kristallisationspunkte einer verstärkten Urbanisierung dennoch bereits in den letzten Dekaden des 18. Jahrhunderts erkennbar waren, beweist indessen ein Blick auf die Wirtschaftsstruktur der Stadt.

Trend zum tertiären Sektor - Bochum als Dienstleistungs- und Verwaltungszentrum

Differenziert man die Berufsangaben der Bochumer Bürger nach Wirtschaftssektoren,(44) so korrespondierte der geringe Anteil des primären Sektors mit dem Charakter der Ackerbürgerstadt; Land- und Gartenwirtschaft wurde überwiegend zur Selbstversorgung betrieben. Der gewerblich-produzierende Bereich machte im Jahre 1763 insgesamt 62,3% aus, während der tertiäre Sektor, Handel, Dienstleistungen und öffentliche Verwaltung, mit 34,9% der 212 Erwerbstätigen deutlich über dem damaligen statistischen Mittel lag.(45)

Im Bereich des produzierenden Gewerbes sind drei Gruppen von Handwerkern erkennbar, die das Wirtschaftsleben der Stadt Bochum dominierten: 29 der insgesamt 132 Handwerker beschäftigten sich als Bäcker, Brenner, Brauer oder Tabakspinner mit der Herstellung von Nahrungs- und Genußmitteln und produzierten dabei erheblich mehr, als in der Stadt benötigt und konsumiert wurde. Zwischen 1774 und 1787 führten sie zwischen 278 und 867 hl Bier sowie 804 bis 1712 l Branntwein pro Jahr ins "platte Land" aus, wobei die erheblichen Differenzen durch die unterschiedliche Zahl von Hochzeiten im Bochumer Umland mit einem augenscheinlich trinkfreudigen Publikum begründet wurden.(46) Die zweite Gruppe bestand aus Maurern, Steinhauern, Zimmerleuten sowie Schreinern und machte mit 17 Personen rund 13% der städtischen Handwerkerschaft aus. Wie bei der vorigen Gruppe beschränkte sich deren Tätigkeit nicht allein auf die Stadt Bochum mit einer über Jahren hinweg mäßigen Bau- und Reparaturtätigkeit, sondern diese Handwerker dürften überwiegend in den benachbarten Bauerschaften und Kirchspielen tätig gewesen sein.(47) Die letzte und mit 51 Beschäftigten (38,6%) umfangreichste Produzentengruppe des sekundären Sektors mit offensichtlich überörtlicher Bedeutung waren die Textil- und Bekleidungshandwerker. Die Leinenweber und Knopfmacher, Schneider und Schuster waren Vertreter des im westfälischen Raum und auch in Teilen der Grafschaft Mark traditionsreichen Textilgewerbes, das mit staatlicher Intervention bis Ende des 18. Jahrhunderts nachhaltig gefördert wurde.(48)

Der tertiäre Sektor umfaßte 1763 rund 35% oder 74 der 212 einer Branche oder einem Sektor zuzuordnenden Erwerbstätigen.(49) In diesem Bereich dominierte der öffentliche Dienst mit knapp 65% der Beschäftigten. Bochum, obwohl in den Kreis Hörde integriert, war zu einem Verwaltungszentrum avanciert, zuständig für das gesamte preußische Territorium im mittleren Ruhrgebiet. Allein das Landgericht beschäftigte drei Juristen und sechs weitere Bedienstete; neun Beamte waren für Steuererhebungen in der Stadt und im Amt Bochum zuständig; drei Bürger trugen für Postversand und -verteilung Sorge. Die übrigen dem tertiären Sektor zuzurechnenden Erwerbstätigen boten eine breite Palette der notwendigen Dienstleistungen für die Stadt und ihr Umfeld an.

In den folgenden 27 Jahren, bis Carl Arnold Kortum die wirtschaftliche Situation vergleichbar detailliert analysierte, traten einige Veränderungen ein. Bei nahezu stagnierender Einwohnerzahl und einem wohl konjunkturell bedingten Anstieg der eindeutig klassifizierbaren Erwerbstätigen von 212 auf 285 blieb der primäre Sektor für den städtischen Wirtschaftsraum nach wie vor unbedeutend. Der sekundäre Sektor verlor bei absolutem Wachstum mit rund 60% leicht an Bedeutung. Auffällig waren in dieser Branchengruppe der Rückgang des Textilgewerbes um rund 5% und der des Nahrungs- und Genußmittelgewerbes um ca. 3%. Die Ursache dürfte im Bereich des Bekleidungshandwerks in einer zunehmenden Produktivität bei gleichzeitig günstig verlaufender Konjunktur zu suchen sein, hatte sich doch die Menge der in Bochum verarbeiteten Wolle von 1774 bis 1787 fast versiebenfacht. Bei der Produktion von Nahrungs- und Genußmitteln war lediglich ein leichter Produktionsrückgang durch eine geringere Festfrequenz im städtischen Umland erkennbar.(50)

Der tertiäre Sektor wuchs bis 1790 absolut und prozentual; Bochum konnte seinen Charakter als Verwaltungs- und Dienstleistungszentrum weiter ausbauen und damit einen überaus günstigen Ausgangspunkt für die spätere industrielle Entwicklung im 19. Jahrhundert schaffen, die die Stadt zu einem wirtschaftlichen Zentrum im mittleren Ruhrgebiet werden ließ. Bezeichnend für diesen Sektor war zur Zeit Kortums bereits eine breite Palette von Händlern, die Waren und Genußmittel des gehobenen Bedarfs anboten. Die Liste des Bochumer Stadthistorikers enthält unter anderem zwei Galanteriewarenhändler, drei Specerey- und einen Weinhändler. Daneben hatte sich ein differenziertes Gesundheitswesen mit zwei Apothekern, zwei Hebammen, sieben Chirurgen und zwei Ärzten mit Universitätsausbildung etabliert. Die Zahl der im öffentlichen Dienst Beschäftigten blieb mit 46 relativ konstant (1763: 48); allerdings ging ihr Anteil am tertiären Sektor auf rund 43% zurück.

Bei der Betrachtung der Beschäftigungsstruktur in der Stadt Bochum stellt sich die Frage, ob und in welchem Umfang staatliche Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung erfolgreich waren und ob die starke Ausprägung des tertiären Sektors das Ergebnis einer gezielten Förderung war. Staatliche Eingriffe in Handel und Gewerbe waren nach dem patriarchal-absolutistischen Selbstverständnis Friedrich II. gleichermaßen notwendig und legitim. Bereits 1748 wurden im Rahmen einer wirtschaftspolitischen Untersuchung die Entwicklungsmöglichkeiten im Bezirk der Kriegs- und Domänenkammer zu Kleve analysiert. Man befand damals unter anderem die Ausweitung des Textilhandwerks, des Tabakanbaus und seiner Verarbeitung sowie der Eisen- und Stahlverarbeitung für sinnvoll, zumal neben der lokalen und regionalen Nachfrage nach diesen Artikeln überaus gute Exportmöglichkeiten in benachbarte Territorien bestanden.(51) Zweifelhaft bleibt allerdings, ob derart zukunftweisende und wohl auch progressive Anregungen durch geeignete Maßnahmen auf sämtlichen Verwaltungsebenen gestützt wurden, zumal die Ansiedlung ausländischer, d.h. nicht-preußischer Handwerker häufig an der Flexibilität und Engstirnigkeit der Behörden scheiterte, die nur allzu oft allein die lokalen Bedürfnisse berücksichtigten. Friedrich II. beklagte sich folgerichtig in einer Kabinettsordre vom 24. April 1755, "daß Ausländer, welche sich mit ihren Familien und Vermögen hier im Lande etabliren wollen, allerhand Schwierigkeiten darunter gemachet, noch solche wohl gar gedrucket, und chicaniret, oder sonst ihnen ubel begegnet wurde".(52)

Zum anderen darf nicht vergessen werden, daß das besondere Interesse Friedrich d. Gr. der Textilproduktion und den Textilmanufakturen galt, die er durch zahlreiche Verfügungen und Anregungen, seien es Ratschläge für die farbliche Gestaltung von Tuchen, die nach Ungarn und Siebenbürgen exportiert wurden, oder Hinweise auf eine steuerbegünstigte Ausfuhrmöglichkeit über den Hafen von Emden, unterstützte und mit freilich wechselhaftem Erfolg auszuweiten suchte, wie das Beispiel der Seidenproduktion zeigt.(53) Bereits 1742 forderte Friedrich II. den Ausbau der Seidenherstellung in allen preußischen Landesteilen und propagierte daher die Anlage von Maulbeerbaum-Pflanzungen.(54) Eine jährliche Prämie von stattlichen 50 Reichstalern, gezahlt über zehn Jahre für die Anstellung eines Gärtners und die Bestreitung notwendiger Kosten, winkte allen Eigentümern von Plantagen mit mehr als 1.000 Bäumen. Obwohl die klimatischen Bedingungen in der Bochumer Gegend für die Maulbeerbaum- und Seidenraupenzucht alles andere als günstig waren, hatte der Magistrat bis 1797 verschiedentlich Bericht zu erstatten, sah sich in diesem Jahr jedoch genötigt, die Kriegs- und Domänenkammer eindringlich darauf hinzuweisen, "daß niemand ... zum Seiden Baue eine Neigung bezeige."(55)

Beschäftigungsstruktur in Bochum in den Jahren 1763 und 1790
Sektor / Jahr 1763

abs.

1763

rel.

1790

abs.

1790

rel.

Veränd.

abs.

Veränd.

rel.

primärer Sektor 6 2,8 5 1,8 -1 -1,0
sekundärer Sektor 132 62,3 172 60,4 40 -1,9
- Nahrungsmittel 29 22,0 33 19,2 4 -2,8
- Textil 51 38,6 58 33,7 7 -4,9
- Bauhandwerk 17 12,9 31 18,0 14 5,1
- sonstige 35 26,5 50 29,1 15 2,6
tertiärer Sektor 74 34,9 108 37,9 34 3,0
- öffentl. Dienst 48 64,9 46 42,6 -2 -22,3
- Gesundheitswesen 3 4,1 11 10,2 8 6,1
- Wirte 4 5,4 9 8,3 5 2,9
- sonstige 19 25,7 42 38,9 23 13,2
Summe 212 100,0 285 100,1 73 -

Staatliche Interventionen in Handwerk und Gewerbe waren regelmäßig zu befürchten, wenn durch fehlende oder verminderte Produktion Versorgungsengpässe auftraten. So gewährte die Kriegs- und Domänenkammer-Deputation im März 1760 allen Handwerkern, die, aus Furcht zum Kriegsdienst eingezogen zu werden, ins benachbarte Ausland geflohen waren, bei Rückkehr und Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit Straf- und Werbungsfreiheit.(56) Die Befreiung vom Militärdienst war auch in Friedenszeiten eine beliebte Maßnahme, um auswärtigen Handwerkern einen Anreiz zum Zuzug in preußisches Territorium zu geben. Letztere wiederum machten ihre Ansiedlung häufig von der sogenannten "Enrollementsfreiheit" für sich und ihre Nachkommen abhängig.(57)

Unabhängig von der staatlichen Wirtschafts- und Gewerbeförderung hatte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts, basierend auf einer Initiative der Familie Kampmann, ein neuer Manufakturzweig in Bochum etabliert: die Produktion von Kaffeemühlen. Während um 1790 die Beschäftigungslage der sechs Strumpfweber in Bochum überaus schlecht war, konnte die Kampmannsche "Fabrique" mit ihren 25 Mitarbeitern immerhin 18.000 Kaffeemühlen im Wert von 9.000 Reichstalern produzieren, und der Magistrat schätzte die Vermögenssituation Kampmanns als sehr gut ein.(58)

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war, das Textilgewerbe und verschiedene, nur teilweise erfolgreiche Versuche zur Verbesserung des noch in handwerklicher Tradition betriebenen Steinkohlenbergbaus im unmittelbaren Einzugsbereich der Ruhr ausgenommen, eine gezielte und zukunftsorientierte Wirtschaftsförderung, wie sie zur Jahrhundertmitte bereits einmal kurz diskutiert wurde,(59) im Bochumer Raum nicht erkennbar. Innovationen wie der erste mit Koks betriebene Hochofen (1796) fanden sich nicht im westfälisch-märkischen Wirtschaftsraum, sondern im strategisch sichereren Schlesien, das dann auch in den folgenden Jahrzehnten seinen technologischen Vorsprung bewahren konnte.(60) Ein Innovationsschub, der zugleich eine Abkehr vom Manufakturwesen darstellte und den Übergang zur Industrieproduktion markierte, trat im preußischen Westen erst ein, als mit dem Ende der napoleonischen Kriege und der europäischen Neuordnung durch den Wiener Kongreß die preußischen Territorien ausgeweitet und zugleich die Vormachtstellung Preußens in Westdeutschland gesichert wurde. Als zudem neue technische Verfahren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Abbau der unterhalb der Mergelschicht liegenden Steinkohlenvorräte durch Tiefbauzechen zuließen, konnte sich der nicht mehr länger durch zahlreiche Territorialgrenzen zersplitterte Wirtschaftsraum, das rheinisch-westfälische Industriegebiet, sprunghaft zur dominierenden europäischen Industriezone entwickeln.(61)

Zwischen Adler und Tricolore - Bochum und die Bochumer bis 1816

Bevor die Industrialisierung die wirtschaftliche Entwicklung des Bochumer Raumes derart begünstigte, war eine Zeit der politischen Umwälzungen und konjunkturellen Krisen zu durchstehen: Die Französische Revolution und die in ihrer Folge geführten kriegerischen Auseinandersetzungen beeinflußten nachhaltig das Leben der Bochumer Bürgerinnen und Bürger. Ausgangspunkt war der Abschluß der Pillnitzer Konventionen, in der die früheren Rivalen Österreich und Preußen - nunmehr im Schulterschluß vereint - zur Intervention gegen Frankreich aufriefen. Diese Erklärung mußte das nachrevolutionäre Frankreich provozieren und veranlaßte die französische Gesetzgebende Versammlung am 20. April 1792, Österreich den Krieg zu erklären. Friedrich Wilhelm II. zog an der Seite Österreichs in den ersten Koalitionskrieg und sicherte die preußische Westgrenze, das Herzogtum Kleve und die Grafschaft Mark, durch die Entsendung zusätzlicher Truppen.(62)

Hiervon profitierten zunächst unmittelbar die Bochumer Schuhmacher. Durch eine Verfügung der Kriegs- und Domänenkammer angehalten, ermittelte der Bochumer Magistrat am 2. November 1792 bei den 18 in der Stadt ansässigen Schustern deren Produktionskapazitäten und gab schließlich zwei Tage später insgesamt 208 Paar Militärschuhe verschiedener Größe in Auftrag, die für eine Aufstockung der Arsenale vorgesehen waren. Statt des pro Paar gebotenen Preises von 1 Reichstaler und 2 Silbergroschen forderten die Bochumer Schuhmacher zunächst unter Hinweis auf die stark gestiegenen Lederpreise einen um 3 Silbergroschen höheren Erlös, zogen sich damit aber die harsche Kritik der Kriegs- und Domänenkammer zu, die dieses Ansinnen ablehnte und betonte, "... daß die Schuster im ganzen Herzogthum Cleve und sogar in Lippstadt jedes Paar gegen 1 R[eichstaler] 2 [Silber]g[roschen] oder 5 S[tüber] berl[iner] cour[ant] zu liefern sich freiwillig offeriret hätten, und wenn die zu Bochum eben künftig nicht für den Preis zu arbeiten aus Vaterlandsliebe sich entschließen wollen, sie daran zu arbeiten, aufhören könnten."(63)

Als jedoch in der Folgezeit immer wieder preußische und mit ihnen verbündete Truppen auf ihrem Marsch nach Westen durch Bochum zogen und hier Station machten - später auch in umgekehrter Richtung auf ihrem Rückzug vor der französischen Armee - litt die Bevölkerung der Stadt und der umliegenden Bauerschaften stark unter den Einquartierungen und der damit verbundenen Pflicht, die Soldaten zu beköstigen.(64) Verschärft wurde die Lage der Bochumer durch die überaus schlechten Ernteergebnisse im Jahre 1793, die die Grafschaft Mark an den Rand einer Hungerkatastrophe führten und staatliche Interventionen wie Handels- und Exportverbote für Getreide und Kartoffeln notwendig machten.(65) Die Einschränkungen blieben in den folgenden Jahren selbst bei besseren Ernteergebnissen in Kraft, um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern, Vorräte für die Truppen anzulegen und schließlich einem durch Verknappung bedingten Preisanstieg entgegenzuwirken.(66)

Waren es geschlagene preußische Truppen und ihre Verbündeten oder französische Revolutionsheere, die seit 1806 gegen Preußen vorrückten, die Auswirkungen unterschieden sich für die Bochumer Bevölkerung nur tendenziell: Einquartierungen, die Pflicht, Nahrungsmittel für die Soldaten und Futter für die Pferde zu stellen, sowie Kriegssteuern dezimierten Vorräte und Ersparnisse der Bochumer. Erst als sich 1808 eine Zivilverwaltung nach französischem Vorbild etablierte und die Hammer Kriegs- und Domänenkammer aufgelöst wurde, kehrte für einige Jahre relative Ruhe ein.(67) Im Bereich der öffentlichen Verwaltung freilich änderte sich wenig; man griff auf bewährte Strukturen zurück. So blieb der bisherige Bürgermeister Jacobi im Amt, wechselte lediglich Amtsbezeichnung (Maire) und Amtstracht. Auch bei der Besetzung der übrigen Spitzenpositionen in der Kommunalverwaltung wählte die französische Aufsichtsbehörde erfahrene preußische Beamte wie den Postfiscal Bordelius, den Landrichter Bölling, den Akzise-Inspektor Kautz oder den Justizkommissar Elscheid.(68)

Die Einführung französischer Rechtsnormen und Rechtssysteme hatte für die Bürger der Stadt Bochum eher nachrangige Bedeutung: Die Leibeigenschaft, die Napoleon im Dezember 1808 aufhob, war im Westen unbekannt. Lediglich im städtischen Umland waren sogenannte Erbpachten üblich. Die persönliche Bindung und Ablösung der Reallasten, die nun notwendig wurden, war für die betroffenen Pächterfamilien jedoch sehr kostspielig. In der Regel war der 20- bis 25-fache Jahresbetrag aufzuwenden, um die bislang in Erbpacht bewirtschafteten Flächen als Eigentum übertragen zu bekommen.(69)

Wesentlich bürgerfreundlicher gestaltete sich demgegenüber das französische Privatrecht, das zum 1. Januar 1810 das erst 1794 eingeführte Allgemeine Landrecht ablöste. Letzteres war zwar in Teilen von Gedanken der französischen Revolution beeinflußt worden, es wurde aber den bürgerlichen Verhältnissen in geringerem Maße als der "code civile" gerecht und kodifizierte immer noch traditionell-feudale Abhängigkeitsstrukturen.(70)

Trotz aller Innovationen, die während der französischen Besatzungszeit eintraten und zweifelsohne dazu beitrugen, die bürgerliche Emanzipation zu beschleunigen, blieben die Bochumer überzeugte Preußen und begrüßten überschwenglich die Truppen des Majors v. Arnim, die im November 1813 Bochum besetzten und die französische Herrschaft beendeten.(71)

Bochum zur Zeit C. A. Kortums - eine Stadt zwischen den Epochen

Kortum, der von 1770 bis zu seinem Tod im Jahre 1824 in Bochum als Arzt praktizierte, als Künstler produzierte und als Wissenschaftler in den verschiedensten Disziplinen publizierte, erlebte eine Stadt im Umbruch, die zunächst noch den Charakter einer verschworenen Gesellschaft hinter Wall und Graben hatte, der sich nach 1820 allerdings sämtliche Möglichkeiten für eine rasche und umfassende Entwicklung zur Industriestadt boten. Das Spannungsfeld von traditionellen Strukturen und innovativen Entwicklungen mag abschließend in einigen Thesen angedeutet werden.(72)
  1. Die Entwicklung vom Ackerbürgerstädtchen im preußischen Westen zur Industriemetropole des 19. Jahrhunderts wurde erst durch die nachnapoleonischen Neuordnungen ermöglicht. Die preußische Wirtschaftsförderung setzte im 18 Jahrhundert kaum innovative Akzente und unterstützte einseitig die im Bochumer Raum traditionell vorhandenen Handwerke und Gewerbe.

  2. Die staatliche Wirtschaftspolitik förderte nicht die freie Marktwirtschaft, in der Angebot und Nachfrage den Markt regulieren, sondern festigte das System eines weitgehend zentralgeleiteten, kameralistisch-merkantilistisch orientierten Wirtschaftssystems mit geringen Gestaltungs- und Entscheidungsfreiräumen. Das Beispiel des Ruhrbergbaus, wo staatliche Organe die Führung privater Unternehmungen anstrebten und teilweise auch übernahmen, mag hierfür als (freilich überzogenes) Beispiel dienen.(73)

  3. Der Stadt und ihrem Umfeld fehlten, basierend auf der exponierten Lage an der preußischen Westgrenze und bedingt durch zahlreiche Zollgrenzen in ihrer unmittelbaren Umgebung, ausgeprägte Handelsbeziehungen in entferntere Gegenden. Die Erzeugnisse des sekundären Sektors orentierten sich an der Nachfrage in der engeren Region.

  4. Führungspositionen in der Stadt wurden mit ausdrücklicher Billigung der staatlichen Aufsichtsbehörden aus den Reihen einer oligarchisch strukturierten bürgerlichen Finanz- und Bildungselite besetzt, in die Zuwanderer und Außenstehende, auch wenn sie über eine entsprechende Ausbildung verfügten oder ein ausreichendes Vermögen besaßen, nur selten kooptiert wurden. Insgesamt war die bürgerliche Führungsschicht traditionellen Strukturen verhaftet, streng monarchistisch und antimodernistisch ausgerichtet.

  5. Kommunalverwaltung bedeutete in Preußen bis zum Inkraftreten der Steinschen Städteordnung staatliche Auftrags- und Interessenverwaltung, der es untersagt war, selbst einfachste Angelegenheiten in eigener Zuständigkeit und ohne Genehmigung zu regeln. Ein Gesaltungsfreiraum war in der Kommunalverwaltung nicht erkennbar.

  6. Ihren Aufschwung verdankt die Stadt Bochum weniger wirtschaftlichen denn politischen Veränderungen. Die Folgen der französischen Revolution und die (längst überfälligen) preußischen Reformen veränderten die traditionellen Strukturen und territorialen Grenzen im rheinisch-westfälischen Raum, so daß zusammen mit umfangreichen staatlichen Investitionen in die Infrastruktur die natürlichen Ressourcen besser genutzt werden und sich die Wirtschaft und damit auch die Stadt Bochum im 19. Jahrhundert sprunghaft entwickeln konnte.

Anmerkungen:

  1. Zitiert nach einer Stellungnahme des Magistrats der Stadt Bochum zum Fabriken- und Gewerbewesen aus dem Jahre 1787. In: StadtA BO, B 1852; vgl. auch Anm. 58

  2. Tagebucheintrag Hermann von Pückler-Muskaus vom 20.09.1826, in: Mettin, Hermann Christian (Hrsg.): Fürst Pückler reist nach England. Aus den Briefen eines Verstorbenen. Stuttgart 1955, S. 22-23

  3. Vgl. Sander, Ernst (Bearb.): Voltaire. Candide oder die beste der Welten. Stuttgart 1971, 1. Kap., S. 3ff. Eine Wertung der zeitgenössische Beschreibungen Westfalens findet sich bei Wallthor, Alfred Hartlieb von: Das Verhalten der Westfalen in den geistigen Umwälzungen der Neuzeit bis zur Mitte des 19. Jhs. In: Aubin, Hermann u. a. (Hrsg.): Der Raum Westfalen. Bd. 4. Wesenszüge seiner Kultur. Münster 1958, S. 295 - 390, hier S. 341 ff. sowie bei Huge, Walter: Literatur bis 1800. In: Kohl, Wilhelm (Hrsg.): Westfälische Geschichte. Bd. 1. Düsseldorf 1983, S. 781 - 803

  4. Statistische Angaben nach Motzfeld, Historischer Bericht von der Stadt Bochumb (1722). In: GStA Preuß. Kulturbesitz, Rep. 92, Nr. 54, S. 6 - 7

  5. Die folgenden Ausführungen beziehen sich lediglich auf das Gebiet der Stadt Bochum in seiner jeweiligen territorialen Ausdehnung, nicht aber auf die nicht zu ihr gehörenden Landgebiete, die heute als Stadtteile zur kreisfreien Stadt Bochum zählen.

  6. Vgl. hierzu u.a.: Baumgart, Peter: Wie absolut war der preußische Absolutismus? In: Manfred Schlenker (Hrsg.): Preußen. Beiträge zu einer politischen Kultur. Berlin 1981, S. 89 - 105, hier S. 89 f. (= Preußen. Versuch einer Bilanz. Bd. 2)

  7. Zu den Verwaltungsstrukturen in Kleve-Mark siehe die ausgezeichnete Darstellung von Klosterhuis, Jürgen: Fürsten, Räte, Untertanen. Die Grafschaft Mark, ihre lokalen Verwaltungsorgane und die Regierung zu Kleve. In: Märker, 35 Jg. (1986), S. 3 ff.

  8. Vgl. Rothert, Hermann: Westfälische Geschichte. Bd. 2. Absolutismus und Aufklärung. 2. Aufl. Gütersloh 1962, S. 299 ff.

  9. Vgl. Rathäusliches Reglement vom 13.09.1731. In: StadtA BO, B 1791

  10. Ebenda, § 9

  11. Vgl. hierzu Hanschmidt, Alwin: Das 18. Jahrhundert: In: Kohl, Wilhelm (Hrsg.): Westfälische Geschichte. Bd. 1. Düsseldorf 1983, S. 605 - 685, hier S. 635 f.

  12. Vgl. Darpe, Franz: Geschichte der Stadt Bochum nebst Urkundenbuch, einer Siegeltafel und einer Ansicht der stadt aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts. Bochum 1894, S. 402 f.

  13. Dieser Vorgang ist dokumentiert in: StadtA BO, B 1777

  14. Verfügung der Kriegs- und Domänenkammer (KDK) Kleve vom 23.12.1765. In: StadtA BO, B 1778. Zur Einschätzung des Betrages sei vermerkt, daß der hauptamtliche Erste Bürgermeister im Jahre 1773 ein Jahresgehalt von 46 Reichstalern bezog, das freilich zum Lebensunterhalt nicht ausreichte und eine Nebentätigkeit bzw. ein ausreichendes Vermögen voraussetzte.

  15. Vgl. hierzu u.a. Erlaß der Regierung Kleve vom 04.12.1780. In: StadtA BO, B 1882

  16. Beispielhaft sei hier das Empfehlungsschreiben für den 40 Jahre alten, aus Bochum stammenden Conrad Coburg vom 08.03.1776 genannt. In: StadtA BO, B 1882

  17. Vgl. Darpe (1894), S. 44

  18. Zum Problem der bäuerlichen Abhängigkeit sei verwiesen auf die komprimierte Darstellung bei Henning, Friedrich-Wilhelm: Die Industrialisierung in Deutschland 800 - 1800. Paderborn 1977, S. 253 ff.

  19. Vgl. Motzfeld (1722), S. 14 - 15

  20. Vgl hierzu u.a. Hanschmidt (1983), S. 634 und 669

  21. Vgl. Magistratsbeschluß vom 28.12.1768 und die entsprechende Verfügung der KDK-Deputation Hamm vom 06.03.1769. In: StadtA BO, B 1865

  22. 1753 wurden in der Grafschaft Mark sechs Landgerichte eingerichtet. Das Bochumer Gericht war auch für die Ämter Bochum, Blankenstein und Hattingen zuständig. Vgl. Darpe (1894), S. 386

  23. Darpe (1894), S. 362

  24. Kortum, Karl Arnold: Nachricht vom ehemaligen und jetzigen Zustande der Stadt Bochum. Bochum 1990 [Jubiläumsnachdruck des Stadtarchivs Bochum zum 200jährigen Erscheinen der Erstausgabe, hrsg. von Johannes Volker Wagner], S. 134

  25. Vgl. StadtA BO, B 1877. Bei 341 Familien gab es in Bochum zwischen 1775 und 1790 rund 300 Kühe; die Zahl der Ziegen ist nicht überliefert.

  26. Kortum (1790), S. 114 - 115; Henning (1977), S. 250

  27. 1775 wurden bei rund 320 Familien 31 private Braukessel und 22 sog. Branntweinblasen gezählt. Wie weiter unten ausgeführt wird, dürften Brennen und Brauen Einnahmequelle von Bedeutung gewesen sein. Nach StadtA BO, B 1877

  28. Vgl. die exakten Bevölkerungsaufnahmen für die preußische Landesstatistik in StadtA BO, B 1878

  29. Motzfeld (1722), S. 7 - 8 sowie statistische Angaben in StadtA BO, B 1877

  30. Vgl. hierzu die Thesen Hennings (1977), S. 245

  31. Die Zahl der Männer betrug insgesamt 322, die der männlichen Jugendlichen über 9 Jahren 105. Nach StadtA BO, B 1877

  32. Siehe hierzu: "Detaillierte Nachweisung woher das Minus von 47 Personen und 11 Kühen bei conscription des Salz Probe Registers pro 1784/85 gegen die Historische Tabelle pro 1783 in der Stadt Bochum entstanden." In: StadtA BO, B 1877

  33. Einem Abgang von 12 Personen steht bei der ersten Gruppe ein Zugang von 3 Personen gegenüber; bei der zweiten Gruppe beträgt das Verhältnis 14 : 3. Vgl. StadtA BO, B 1877

  34. Motzfeld (1722), S. 7

  35. Verfügung der KDK Kleve vom 28.11.1745. In: StadtA BO, B 1850

  36. Angaben nach StadtA BO, B 1877

  37. Der Fall Ruhrmann ist überliefert in StadtA BO, B 1850

  38. Siehe Darpe (1894), S. 384

  39. Vgl. hierzu Verfügung der KDK Kleve vom 01.02.1751. In: StadtA BO, B 1785

  40. Vgl. hierzu Verfügung des Commissarius Loci (Steuerrat) vom 23.09.1751. In: StadtA BO, B 1785

  41. Vgl. hierzu Verfügung [des Berliner Generaldirektoriums ?] vom 02.05.1752. In: StadtA BO, B 1785. Siehe auch Darpe (1894) S. 385

  42. Die Akzise wurde im Jahre 1717 in Bochum eingeführt.

  43. Vgl. StadtA BO, B 1877. Die als Servis bezeichnete Grund- und Gebäudesteuer bewegte sich im Vergleichszeitraum zwischen 232 und 526 Reichstalern.

  44. Eine erste verläßliche Aufstellung datiert aus 1763. Unberücksichtigt bleibt hier wie bei den weiteren Ausführungen der Zuerwerb Bochumer Bürger in der Garten- und Landwirtschaft.

  45. Um 1800 zählten im Reichsdurchschnitt 62% der Beschäftigten zum primären, 21% zum sekundären und 17% zur tertiären Sektor. Nach: Henning (1977), S. 20

  46. Zahlen nach StadtA BO, B 1877. Als Umrechnungsfaktor für die dort genannten Hohlmaße wurde gewählt: 1 Tonne = 100 Quart = 114,503 l

  47. Zahlen nach StadtA BO, B 1877. Zwischen 1774 und 1787 wurde in Bochum 1 Haus neu erbaut; 31 Häuser wurden repariert; 8 Häuser wurden abgerissen und auf den Grundstücken anschließend ein neues Haus errichtet.

  48. Vgl. auch Hanschmidt (1983), S. 663 - 665

  49. Bei der Statistik blieben Bürger unberücksichtigt, die entweder keinen Beruf angegeben hatten (47) oder mit dem Charakteristikum "pauper" als beschäftigungslos eingestuft wurden. Der relativ hohe Prozentsatz dieser beiden Gruppen resultiert aus der wirtschaftlichen Baisse infolge des siebenjährigen Krieges.

  50. In diesem Sample bleiben ebenfalls die nicht eindeutig einem Sektor zuzuordnenden unselbständig beschäftigten Knechte (18) und Mägde (86) unberücksichtigt. Nach: Kortum (1790) S. 124 - 125

  51. Verfügung der KDK Kleve vom 30.09.1748 an den Steuerrat Göring, "die manufacturen zu poussiren". In: StadtA BO, B 1852

  52. Zitiert nach einer Verfügung der KDK Kleve vom 30.04.1755. In: StadtA BO, B 1849

  53. Vgl. hierzu StadtA BO, B 1852

  54. "Edict wegen Anlegung der Plantagen von Maulbeer-Bäumen" vom 12.11.1742. In: StadtA BO, B 1851

  55. Zitiert nach einem Briefentwurf des Bochumer Magistrats vom 21.08.1797. In: StadtA BO, B 1851

  56. Verfügung der KDK-Deputation Hamm vom 11.03.1760. In: StadtA BO, B 1852

  57. Vgl. hierzu die Bemühungen um die Ansiedlung des Elberfelder Buchbinders Schmitz in Bochum. In einer Stellungnahme des Commissarius Loci (Steuerrat) heißt es hierzu: "Wenn gleich das Etablissement eines geschickten Buchbinders für die Stadt Bochum wünschenswert ist, so kann doch der Antrag um Enrollementsfreiheit für die im königl. Lande erzeugt werdenden Söhne Peter Schmitz aus Elberfeld ... durchaus nicht stattfinden."

  58. Nach StadtA BO, B 1852. Aufgrund der napoleonischen Kontinentalsperre, durch die der Import von Kaffee und der Export der Mühlen unterbunden wurden, kam es zur Einstellung der Kaffeemühlen-Produktion in Bochum. In einer für die KDK Hamm bestimmten Aufstellung führte der Bochumer Magistrat 1787 zur wirtschaftlichen Lage der Stadt im weiteren u.a. aus: "... Da die Fabriquen und Manufacturen hier in der Stadt unbeträchtlich, auch weil solche an keinem Fluße gelegen, und der Trieb zum bürgerlichen Gewerbe un Ackerwesen bei den Eingeseßenen den Vorzug hat ..."

  59. Vgl. Anm. 51

  60. Vgl. Henning, Friedrich-Wilhelm: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 - 1914. 4. Aufl. Paderborn 1978, S. 76

  61. Zu Fragen der Industrialisierung des Ruhrgebiets siehe u.a.: Eyll, Klara von: Aspekte der Industrialisierung des Ruhrgebiets im 19. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der Eisen- und Stahlindustrie. In: Düwell, Kurt; Köllmann, Wolfgang (Hrsg.): Von der Entstehung der Provinzen bis zur Reichsgründung. (= Rheinland und Westfalen im Industriezeitalter. Bd. 1) Wuppertal 1983, S. 186 - 196; Weber, Wolfhard: Entfaltung der Industriewirtschaft. In: Wolfgang Köllmann u.a. (Hrsg.): Das Ruhrgebiet im Industriezeitalter. Bd. 1. Düsseldorf 1990, S. 199 - 336; Wischermann, Clemens: An der Schwelle der Industrialisierung. In: Kohl, Wilhelm (Hrsg.): Westfälische Geschichte. Bd. 3. Düsseldorf 1984, S. 41 - 162; Zunkel, Friedrich: Aspekte der Industrialisierung des Ruhrgebiets im 19. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung des Ruhrbergbaus. In: Düwell, Kurt; Köllmann, Wolfgang (Hrsg.): Von der Entstehung der Provinzen bis zur Reichsgründung. (= Rheinland und Westfalen im Industriezeitalter. Bd. 1) Wuppertal 1983, S. 175 - 185

  62. Darpe (1894), S. 437. Eine informative Darstellung der Zeit zwischen 1800 und 1816 in Westfalen liefert auch die Arbeit von Lahrkamp, Monika: Die französische Zeit. In: Kohl, Wilhelm (Hrsg.): Westfälische Geschichte. Bd. 2. Düsseldorf 1983, S. 1 - 43

  63. Verfügung der KDK Hamm vom 16.11.1792. In: StadtA BO, B 1889. In dieser Akte ist der gesamte Vorgang dokumentiert

  64. Bochum war häufig das Etappenziel bei Truppenverschiebungen in Ost-West- und West-Ost-Richtung. Allein die Stadt mußte Übernachtungsmöglichkeiten für bis zu 800 Soldaten bieten, während im städtischen Umfeld - beispielsweise in Hiltrop, Harpen, Gerthe, Riemke und Grumme - weitere 1.600 Soldaten Halt machten. Siehe hierzu: StadtA BO, B 1868

  65. Verfügung der KDK Hamm vom 16.10.1793. In: StadtA BO, B 1868

  66. Verfügung der KDK Hamm vom 26.11.1795. In: StadtA BO, B 1868

  67. Vgl. Darpe (1894), S. 445 - 446

  68. Vgl. hierzu u.a.: StadtA BO, B 1910, B 1912, B 1946

  69. Lahrkamp (1983), S. 33

  70. Vgl. Lucas-Dubreton, Jean: Das Leben. In: Heinz-Otto Sieburg (Hrsg.): Napoleon und Europa. Siegburg, Köln 1971, S. 30 - 56, hier S. 37

  71. Vgl. Darpe (1894), S. 456 ff. Erinnert sei an dieser Stelle auch an die von Stein und Hardenberg betriebenen preußischen Reformen (u.a. Städteordnung mit ausgeprägter kommunaler Selbstverwaltung, Neugliederung der staatlichen Verwaltung und territoriale Umstrukturierungen), die hier nicht weiter ausgeführt werden können. Vgl. dazu u.a.: Behr, Hans-Joachim: Die Provinz Westfalen und das Land Lippe 1813 - 1913. In: Kohl, Wilhelm (Hrsg.): Westfälische Geschichte. Bd. 2. Düsseldorf 1983, S. 45 - 164

  72. Der Autor provoziert hiermit bewußt die Diskussion um eine Epoche der Bochumer Stadtentwicklung, die in der historischen Forschung der letzten Jahrzehnte kaum berücksichtigt wurde. Themen wie die Industrialisierung und Darstellungen zur Geschichte des 20. Jhs. fanden bei stadt- und regionalgeschichtlichen Studien deutlich den Vorzug.

  73. In diesem Zusammenhang sei lediglich an die - zunächst allerdings nicht in vollem Umfang durchsetzbare und realisierte - "Revidirte Bergordnung für das Herzogthum Cleve, das Fürstentum Meurs und die Grafschaft Mark" vom 29.04.1766 erinnert, nach der die Bergbehörde die einzelnen Zechen leitete, Belegschaftsmitglieder einstellte oder entließ, deren Löhne festsetzte und letztlich Unternehmerentscheidungen, wenn sie sie schon nicht selbst traf, doch als Aufsichtsbehörde genehmigen mußte.

Rathauskalender