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Schlegel Scharpenseel Brauerei, Alleestraße 5

Die Schlegel Scharpenseel Brauerei war für Heinrich Schmiedeknecht sein Leben lang der wohl wichtigste Auftraggeber. Mit ihrem Ausbau war seine eigene Entwicklung eng verbunden, denn seit Beginn seiner Tätigkeit kurz nach der Jahrhundertwende hat er für dieses Unternehmen alle Anlagen entworfen sowie immer wieder modernisiert und ausgeweitet:


1906 Sudhaus (Büro Schwenger)

1908 Schwank und Pichhalle, weitere Ausbauten

1909 Kesselhaus Schillerstraße

1914 Flaschenbiergebäude, Humboldtstraße

1922 Technische Einrichtungen in Bochum und Herne

1926 Tiefbrunnen (40 m tief, 400 m3 tägliche Förderung)

1926 Ausstellungspavillon GESOLEI ( Gesundheit, Soziale Fürsorge und Leibesübungen)

1927 Malzsilo, 58 m Höhe

1929 Neues Kesselhaus Schillerstraße, Schornstein 80 m Höhe

1930 Verwaltungsgebäude, Alleestraße

1933 Schlör Apfelsaft in der Viktoriabrauerei (Schlegel-Eigentum)

1938/39 Planungen zu umfassenden Neubauten Schillerstr.-Humboldtdtr.-Alleestr.

1943/45 Ausbesserung von Kriegsschäden

1945f. Wiederaufbau

1956 Betriebsgebäude Westring, Verbindungstunnel


1921f. Ausbau der Schlegel-Betriebe in Herne, Recklinghausen, Giersleben

ohne Datum zahlreiche Gaststätten

ohne Datum Erholungsheim Neuenrade


1932/33 Projekte für mehrere Brauereien in den USA


1850 war J. J. Schlegel, der Firmengründer, aus Franken nach Bochum gekommen. Zunächst braute er "Bier Bayrischer Art" im Hause Hasselkuß an der Essener Chaussee - wie die Alleestraße damals noch hieß. 1857 erwarb er dann gegenüber ein 5.600 m2 großes Grundstück, um darauf eine Brauerei und Mälzerei zu errichten. Für die Genehmigung des Braugesuches machte die Regierung die Auflage "... daß durch die Anwendung geeigneten Brennmaterials auf eine weitgehende Verbrennung des Rauches hinzuwirken sei ... um Belästigung der benachbarten Grundbesitzer zu verhüten". Umweltschutz in Bochum Mitte des 19. Jahrhunderts!

Vier Jahrzehnte wuchs das Unternehmen parallel zur Entwicklung der Stadt. Als der Familienbetrieb 1899 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, standen hinter zwei Wohngebäuden Alleestraße 7 und 9 eine Mälzerei mit Darregebäuden, Sudhaus, Kühlschiffhaus, Eismaschinengebäude, Wasserturm, Kesselhaus und Kellereien. Eine Zeichnung von 1890 als Briefkopf hält die Situation fest.

Nach der besitzrechtlichen Umstrukturierung um die Jahrhundertwende entwickelte sich die Brauerei in ganz neuen Dimensionen. Die Schlegel AG übernahm bald in schneller Folge nicht nur mehrere andere Brauereien in Bochum und seiner nächsten Umgebung, sondern es wurden auch in Recklinghausen (1921), Giersleben (1921) und Herne (1926) Betriebe erworben und weitergeführt. Der Bierausstoß der Brauerei stieg von 66.000 hl 1898, über 100.000 hl 1913, auf 325.000 hl 1928 und 500.000 hl 1957. Seit 1933 wurde zudem in den Gebäuden der ehemaligen Bochumer Viktoriabrauerei zwischen Castroper- und Blumenstraße Schlör Apfelsaft hergestellt.

Die stetige Expansion erforderte natürlich viele technische und bauliche Erneuerungen, bei denen Schmiedeknecht fast sechs Jahrzehnte lang mitgewirkt hat. Auch alle auswärtigen Betriebe wurden von Bochum aus betreut. Beim Hauptunternehmen in der Bochumer Innenstadt wurde der Ausbau schon bald recht schwierig, denn das Gelände konnte nur auf 7.600 m² ausgedehnt werden. Damit stand dem Architekten wenig Platz zur Verfügung für großzügige Planungen. Alle Erweiterungen mußten sorgfältig eingepaßt werden. Schmiedeknecht hat daher vielfach nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Tiefe gebaut, darauf wiesen Zeitzeugen mehrfach hin. Die höchst intensive Geländenutzung verdeutlicht ein Lageplan aus der letzten Epoche des Unternehmens.

Heinrich Schmideknecht begann seine Tätigkeit bei Schlegel als Bauführer von Schwenger zur Zeit der ersten großzügigen Erneuerungen der Brauerei. Dabei setzte er sich wohl so engagiert und eigenverantwortlich für die Bauten ein, daß ihm, als Schwenger 1906 starb, nicht nur die Vollendung der laufenden Arbeiten, sondern auch alle weiteren Planungen übertragen wurden. Diese hatten damals beachtlichen Umfang. Klaus Joachim Schlegel berichtet 1985, daß "1906 mit der Aufstockung von Gebäuden, Vergrößerungen von Lagerhallen und Stallungen, Verbesserungen der Maschinenanlagen und dem Bau eines Kesselhauses begonnen wurde, da das alte einem neuen Sudhaus weichen mußte." Für 1909 heißt es bei ihm, "die 1909 begonnenen Bauvorhaben konnten sämtlich fertiggestellt werden. Die Kosten beliefen sich auf 1.049731 (Gold) Mark." Aus dieser ersten Tätigkeit Schmiedeknechts blieb nur das Sudhaus erhalten.

Die Aussagen von Klaus Joachim Schlegel zum frühen Ausbau der Brauerei ergänzt ein Zeitungsartikel von etwa 1909 sehr anschaulich. Darin wird unter dem Titel "Die Neubauten der Schlegel-Brauerei" berichtet: "... Die Aktionäre besichtigten mit großem Interesse die in den letzten Jahren geschaffenen Neuanlagen des Betriebes. Der erweitere Pferdestall bietet nunmehr Raum für etwa 80 Pferde. Die Automobile ... entlasten den Pferdebetrieb gewaltig. Daß zur Automobilhaltung vom Kriegsministerium Beihilfe geleistet wird, ist bekannt. Dafür müssen die Kraftwagen stets in Stand gehalten werden für den Gebrauch im Kriegsfalle ... Durch Ankauf angrenzender Besitzungen (1.800 m²) ist das Brauanwesen vergrößert worden (auf 7.600 m²), um nach Abbruch verschiedener Gebäude Platz für eine neue Schwankhalle zu bekommen. Diese ist zweimal unterkellert und hat 7 Stück zum Teil 52 m lange Bierkeller. Darüber liegen noch große Keller, die als Lagerräume dienen. Im Erdgeschoß befindet sich eine große Schwank- und Pichhalle ... (es folgen weitere betriebliche Einzelheiten) ... Das Kesselhaus an der Schillerstraße faßt drei große Dampfkessel mit automatischer Feuerungsanlage ... Anschließend daran steht das Maschinenhaus mit zwei großen Dampfmaschinen ... Das zuletzt erbaute Gebäude ist das Sudhaus. Um den Bauplatz gut auszunutzen wurde unter dem Sudwerk Betriebsraum ein Gärkeller angelegt. Das Gebäude ist in der Hauptsache aus Eisenbeton hergestellt." Eisenbeton war ein um diese Zeit neu aufkommendes und darum noch erwähnenswertes Baumaterial.

Der Bericht macht die Vielfalt der Aufgaben beim Bau einer Brauerei bewußt. Über Schmiedeknechts Anteil hinsichtlich der brautechnischen Ausrüstung ist nichts bekannt. Es ist aber nicht anders denkbar, als daß er es verstanden haben muß, den Anforderungen der Brauerei-Fachleute nachzukommen. Hinweise auf die architektonische Ausgestaltung der Brauereibauten, also zur stilistische Entwicklung des Architekten, geben uns außer den erhaltenen Bauten selbst ein Übersichtsbild von 1930 sowie zwei Zeichnungen mit jeweils zwei Bauten aus verschiedenen Epochen:

Sudhaus

Als 1988 das Sudhaus unter Denkmalschutz gestellt werden sollte, wurde im Auftrag des BDA eine Zeichnung von Sudhaus und Malzsilo angefertigt. Die Architektur des Sudhauses erinnert noch an Schwengers Augustakrankenhaus von 1891 (S. ) Das Baudatum, die intensive funktionale Gliederung und Einzelheiten in der Gestaltung lassen jedoch vermuteten, daß der junge Mitarbeiter bereits bei der Planung beteiligt war, zumal er nach Schwengers Tod den Bau selbständig vollendete. Als typisches Beispiel für ein Sudhaus jener Epoche, in der zahlreiche ähnliche Anlagen entstanden, soll es genauer besprochen werden. Inzwischen wurde der Bau sorgfältig überholt und die Innenräume 1988 für andere Nutzungen umgestaltet. Durch eine helle Verklinkerung des dunkelroten Ziegelmauerwerks ging dabei allerdings der zeittypische Industriebaucharakter verloren.

Das Sudhaus, ein intensiv durchgeformter Backsteinbau von 1906, hat im hohen Hauptgeschoß zur Hofseite drei mächtige, nach oben gerundete Fenster, hinter denen früher kupfernen Sudkessel zu sehen waren. Darüber liegen zwei Stockwerke mit schmalen Fenstern, die im Rythmus 2-1-2 angeordnet sind und von aufsteigenden Lisenen optisch zusammengefaßt werden. Es folgt ein Obergeschoß, das durch sehr viel niedrigere Fenster wie ein Querriegel wirkt. Die Fenster aller Geschosse haben einen sogenannte Korbbogensturz, einen Abschluß, der im damals aufkommenden Jugendstil beliebt wurde.

Am seitlichen, siebenstöckigen Turmtrakt, den ein Giebelaufsatz überhöht, wird die Vertikale intensiver betont. Die große, untere Fenstergruppe hat hier rechteckige Rahmungen. Die darüberliegenden Fenster mit Korbbögen werden in jedem Stockwerk schmaler. Sie sind in jeweils zwei Geschossen in Gruppen von 2 x 2 und 2 x 3 zusammengefaßt. Dadurch, daß der Bau nach oben hin immer feingliedriger wird und durch senkrechte Schmucklinien, wird der Blick in die Höhe zum krönenden Giebelaufsatz geleitet.

Siloturm

Neben dem Sudhaus ragt 58 m hoch der Malzsilo von 1927 auf. Schmiedeknecht hat den 1927 höchst modern konzipierten Silo trotz der Verwendung völlig anderer Stilmittel durch die Gliederung dem benachbarten Sudhaus von 1906 angepaßt.

Bei diesem über die Stadt schauenden "Schlegelturm" entsprechen die drei zum Hof schauenden Sockelgeschosse dem unteren Bereich des Sudhauses. Der darüber aufsteigende geschlossene und mächtige, eigentliche Silo wird durch vertikale Bänder ähnlich unterteilt, wie das Sudhaus durch Linsen. Bei der auskragenden, mehrstöckigen Turmkrone rahmen die wie Gitterwerk gestalteten Mauern Felder für Embleme, die in alle vier Himmelsrichtungen schauen. Fast 60 Jahre lang überragte das Wappen der Brauerei mit drei Schlegeln die Mitte der Stadt. Auf sie war die gesamte expressionistische Gestaltung abgestimmt. Inzwischen wurde das Schlegel-Zeichen vom Bochumer Stadtwappen abgelöst, einem Buch mit drei Turmzinnen. Das Innere des Silos ist genau wie das Sudhaus baulich umgestaltet.

Flaschenbier-Gebäude

Zu einem Flaschenbier-Gebäude von 1914 gibt es ein Foto. Der Backsteinbau mit Mansarddach und abgerundeten Gauben stand an der Humboldtstraße und zeigt viel Ähnlichkeit mit dem Marthahaus der Augusta-Krankenanstalten (S. ) und den Konsum-Fertigungsanlagen aus dem gleichen Jahr (S. ). Einzelheiten sind jedoch anhand des Bildes schlecht zu beschreiben.

Kesselhäuser

Eine Zeichnung in der Festschrift der Brauerei von 1929 überliefert eine Vorstellung von zwei sehr unterschiedlich gestalteten Kesselhäusern an der Schillerstraße (heute Junggesellenstraße). Die Skizze trägt die Unterschrift von Schmiedeknecht und die Jahreszahl 1928. Abgebildet ist im rechten Bildteil das alte Kesselhaus von 1906. Seine Fassade hat einen völlig anderen Stil als das nur wenig ältere Sudhaus. Seine neuklasssizistischen Formelemente waren jedoch bereits angeklungen bei der Villa Schlegel von 1903 (S. ).

Der niedrige Putzbau des alten Kesselhauses ist bestimmt durch das harmonische Zusammenspiel von Stilelementen des Neuklassizismus. Bei dem wie ein Portal wirkenden etwas überhöhten linken Teil wird ein großes Mittelfenster von rustizierten Lisenenpaaren flankiert. Diese tragen kräftige Gesimse mit scharfen Kanten, die weit vorspringen. Über ihnen liegt ein niedriger Zwischenteil, welcher der rechts anschließenden Attika entspricht. Den Trakt bekrönt ein flacher Dreiecksgiebel. Beim rechts anschließenden, mehr in die Breite gelagerten Bauabschnitt mit großer Toreinfahrt wird das Dach von einer in sich gegliederten Attika oder Balustrade verdeckt. Dadurch wird die Horizontale betont.

Bei seiner Zeichnung von 1928 dürfte Schmiedeknecht die damals schon historischen, neuklassizistischen Formen bewußt herausgehoben haben als Kontrast zur neuen, sehr schlichten, rein funktional gegliederten Fassade des links anschließenden Kesselhauses von 1929.

Das 1929 fertiggestellte neue Kesselhaus der gleichzeitig insgesamt stark ausgebauten Brauerei ragt als betont schlichter Putzbau fast turmartig zwischen älteren Bauten an der Schillerstraße auf. Über einem mächtigen, rustizierten Sockelgeschoß mit drei nach oben gerundeten Kellerfenstern liegt ein hohes Stockwerk mit wiederum drei sehr großen, in sich unterteilten Fenstern. Das folgende Geschoß springt erkerartig vor und unterteilt die Fassade damit in zwei Bereiche. Nach oben folgen vier Geschosse. In ihnen werden gleichförmige Fenster rythmisch gereiht und als horizontales Band optisch zusammengefaßt. Darüber formt ein kräftiges Gesims den Abschluß vor dem flachen Dach. Einziger Schmuck ist ein Firmenemblem am Rande des Erkergeschosses. Diese Fassadengliederung ähnelt der ein Jahr später vollendeten Verwaltung.

Verwaltung

Repräsentiven Höhepunkt des Ausbaus der Brauerei in den Zwanziger Jahren bildete ein neues Verwaltungsgebäude an der Alleestraße. Seine Lage am zentralen Platz der Stadt war für den privaten Bochumer Architekten Schmiedeknecht eine Herausforderung, der er sich nach dem Urteil in der zeitgenössischen Presse mit Erfolg gestellt hat. Benachbart erhob sich der repräsentative neue Backsteinbau der Post, der 1926 - 30 von der Oberpostdirektion Dortmund gebaut wurde, und gegenüber entstand 1927/30 der monumentale Rathauskomplex nach Plänen von Prof. K. W. H. Roth aus Darmstadt, für den es einen Wettbewerb unter Beteiligung namhafter, auswärtiger Architekten gegeben hatte.

Im Generalanzeiger vom 23.12.1930 heißt es zu Anfang eines längeren Berichtes anläßlich der Einweihung des Schlegel-Verwaltungsgebäudes: "Wie hat sich das Stadtbild des Rathausplatzes in den letzten Jahren gewandelt! Dort wo früher das schlichte Rathaus mit den Nebengebäuden stand, erhebt sich mächtig in hellen Muschelkalkquadern das wuchtige neue Rathaus. Wo ehemals die alte Bergschule und das alte Bergamt sich befanden, reckt sich nun in rötlichen Klinkern aufgeführt, der architektonisch eindrucksvolle Riesenbau der Post. Und nun ist da, wo früher das bescheidene Schlegelsche Haus und die angrenzende Veltensche Wirtschaft standen, das prächtige, fünf Stockwerke hohe Verwaltungsgebäude der Schlegel Scharpenseel Brauerei errichtet worden, das 38 Meter Straßenfront aufweist und mit seiner Muschelkalkverblendung in den beiden unteren Geschossen und mit Tuffsteinverblendung in den übrigen Geschossen vorteilhaft das großstädtische Stadtbild abrundet, das heute den Rathausplatz auszeichnet."

In einer Besprechung des Bochumer Anzeigers vom gleichen Tag ist zu lesen: "Ein dritter Bau schließt nun das Gesamtbild des Platzes vorteilhaft ab, das neue Gebäude der Schlegel Scharpenseel AG. Unter der sachkundigen Leitung des Architekten H. Schmiedeknecht ist hier ein neues Bauwerk entstanden, das in seiner ruhig wirkenden Außenfront und seiner zweckmäßigen Innenausstattung als Musterbeispiel neuer, sachlicher Bauweise bezeichnet werden muß. Die Front in ähnlich wirkenden Material wie das gegenüberliegende Rathaus und mit vielfacher Gliederung der Fenster, wirkt einfach und doch imponierend ... Ebenso zweckmäßig wie der äußere Aufbau ist auch die Ausnutzung des Innenraumes ... Die Beheizung des Gebäudes erfolgt durch Abdampf der Brauerei. Dafür wurde ein begehbarer Rohrkanal vom Kesselhaus zum Verwaltungsgebäude angelegt. Das elektrische Licht wird auch von der Brauerei selber erzeugt."

Über weitere technische Einzelheiten informierte der oben bereits zitierte Generalanzeiger: "Das Gebäude ist zweimal unterkellert. Die unteren Keller reichen bis Vorderkante Bürgersteig. Sie sind also etwa 6 Meter vor die Baufront gerückt und liegen mit der Decke etwa 2 Meter unter dem Bürgersteig. Sie dienen zur Erweiterung der Gärkeller, Aufnahme von großen Süßwasserreservoiren, Pumpräumen, Hefewaschraum, Be- und Entlüftungsanlagen usw. ... Die Ausschachtungsarbeiten gestalten sich sehr schwierig, weil der Boden bis auf eine Tiefe von 14 m unter Bürgersteig ausgehoben werden mußte, und dabei der Fuhrbetrieb der Brauerei nicht gestört werden durfte. Hinzu kam noch, daß an beiden Seiten der Baugrube befindliche Gebäude der Post und des früheren Zementverbandes unterfangen werden mußten. Die Ausschachtungs- und Unterfangensarbeiten waren als äußerst schwierig zu bezeichnen und es ist mir Recht besonders hervorzuheben, daß dabei weder Unfälle noch Schäden an den Nachbargebäuden vorgekommen sind."

Die Schwierigkeiten bei den Ausschachtungen für das Verwaltungsgebäude, in jener Zeit, als es die heutigen Baumaschinen noch nicht gab, schildert ein anderer Zeitungsbericht von 1929. Unter dem Titel "Bagger bei Nacht" heißt es: "Die Auschachtungen gestalten sich nicht leicht ... In der ersten Zeit mußte man, da die Ein- und Ausfahrt ungehindert bleiben sollte, im Baugelände einen Pfeiler stehen lassen ... Das Gelände wird bis zur Tiefe der (mehrstöckigen) Brauereikeller ausgehoben werden. ... Die interessanten Arbeiten lockten natürlich, vor allem an den Abendstunden, wenn der Bauplatz hell erleuchtet ist, viele Zuschauer an."

Zuschauer und Berichterstatter wußten nicht, daß der eigenartige Pfeiler im Baugelände das Zimmer des Generaldirektors trug. Dieses zu erhalten, hatte der alte Herr gefordert, denn er fürchtete, in ein neues Zimmer nicht wieder einzuziehen. Der Architekt lästerte zwar über diese verrückte Situation. Aber bei allem Gezeter lockte ihn doch die kniffelige Aufgabe, den vielstöckigen Bau um dieses Zimmer herum zu entwerfen. Die Wünsche des Bauherrn waren ihm zudem wie stets Befehl.

Einen anderen Aspekt beleuchtet ein Artikel zum Verwaltungsneubau unter der Überschrift "Gipfelleistung Bochumer Firmen". Im Text wird hervorgehoben, daß ausschließlich Bochumer Firmen am Bau beteiligt waren. In den damaligen Zeiten höchster Arbeitslosigkeit wurde dem Architekten damit für seine Auftragspolitik Anerkennung gezollt. Die stadtinterne Vergabe war natürlich zugleich Werbung für das Bochumer Schlegelbier.

Die Schlegel Verwaltung wirkt trotz ihrer fünf Stockwerke mit 22,5 m Höhe und einem höheren Seitenrisaliten durch die 38 Meter langen Straßenfront ausgesprochen breit gelagert. Die Fassadenverkleidung mit Muschelkalk und Tuffstein ist bereits erwähnt worden. Die Horizontale betonen vor allem im oberen Bereich querziehende platische Putzbänder als Rahmung der gereihten Fenster und eine Attika vor dem Flachdach. Im Kontrast dazu bringen aufsteigende Linien am Treppenturm links eine interessante Spannung in das Bild. In der Gesamtansicht fügen sich drei Raumeinheiten mit klar erkennbaren unterschiedlichen Funktionen zusammen zu einer sehr dezent gegliederten Fassade. Diese Kombination von Fensterbändern, klaren Wandflächen, markanten Linien und dem Flachdach entspricht im Grunde Bauhausvorstellungen, die Schmiedeknecht hier in sehr persönlicher Weise verwendet hat. Das Sockelgeschoß des Hauses ist leicht überhöht. In der Mitte bildet die Gaststätte den Blickfang durch Fenster, die doppelt so breit sind wie alle übrigen Fenster der Fassade. Rahmung gibt dem Bereich eine Toreinfahrt rechts und der Eingang zum turmartigen Treppenhaus der Verwaltungsetagen. Im ersten Stock springt in ganzer Breite der Gaststätte ein Erker vor. Hinter seinen normal breiten, aber ebenfalls überhöhten Fenstern liegen Gesellschaftsräume. Durch die gemeinsame Geschoßhöhe und den Erkerakzent wird der Gastronomiebereich optisch zusammengefaßt und vom darüber gelegenen Verwaltungsbereich abgesondert. In dessen drei Geschossen sind jeweils 18 einheitlich große Fenster als Band gereiht und durch Gesimse darüber und darunter großzügig zusammengefaßt. Eine ähnliche Gruppierung verwendete Schmiedeknecht auch beim Kesselhaus (S. ). Im Kontrast zur Querorientierung der Verwaltungsgeschosse verleihen aufsteigende Linien dem leicht vorgezogenenTreppenhaus den turmartigen Charakter. Die Linien leiten den Blick hoch zum vorspringenden Firmensymbol. Dieser Turmrisalit bietet zugleich eine markante Abgrenzung zur benachbarten Post.

Vom Flachdach des Hauses bot sich ein guter Blick über die Stadt. Später wurde hier ein Erholungsbereich für die Belegschaft angelegt. Er ist durch eine Abbildung in der Festschrift von 1939 überliefert. Die Schlegel-Verwaltung wurde im Kriege stark beschädigt. Zum Deutschen Katholikentag 1949 wurden nur die drei unteren Stockwerke wiederaufgebaut und dienten als Hotel - 600.000 Gäste erwartete man damals in der kriegszerstörten Stadt. Da man die Schlegel-Verwaltung nicht mehr zur vollen Höhe erneuert hat, verlor der Bau seine ursprünglich harmonischen Proportionen. Durch Umgestaltung der Erdgeschoßfenster und farbigen Putz ist in den letzten Jahren der einst so dezent repräsentative Eindruck des Hauses heute kaum noch nachvollziebar.

In den Zeitungen wird auch auf die hervorragende Ausstattung des neuen Schlegellokals ausführlich eingegangen. Sie war dem Architekten ein besonderes Anliegen, nicht nur als Aushängeschild für die Brauerei, sondern auch aus persönlicher Freude an der Innenarchitektur. Mehrere Räume hatten Wände mit Holzverkleidung. Holz hat Schmiedeknecht, der ja in einer Schreinerei aufgewachsen war, immer gerne verwendet. Andere Wände ließ er mit Szenen aus der Brauereigeschichte ausmalen. Diese Wandmalerei wurde bald auch in anderen Lokalen beliebt. Die verschiedenen Gasträume wurden recht unterschiedlich möbliert und damit den sozial breit gestreuten Benutzergruppen angepaßt. So wurden für das Braustüberl "Stühle in alter westfälischer Form mit Binsengeflecht gewählt". Die Hauptgaststätte hatte einen großen Raum für das Wirtshauspublikum und ein kleineres Zimmer für gehobene Ansprüche, dem ein Wandgemälde mit der Zeche Präsident, dem Bochumer Verein sowie der Schlegel Scharpenseel Brauerei Lokalkolorit verlieh. Leider wurde bei der jüngsten Neugestaltung des Lokals zu einem südländischen Fantasiegewölbe (1990) die bodenständige Erinnerung nicht wieder aufgegriffen.

Weitere Bauten für Schlegel

Außer dem Stammlokal der Brauerei hat Schmiedeknecht für Schlegel zahlreiche weitere Gaststätten gestaltet. Um neue Ideen zu sammeln, ging er bei seinen Reisen in anderen Städten gerne durch die Lokale. Bedächtig umherschauend spazierte er bis in die hintersten Winkel "auf Suche nach Vetter Fritz", wenn ihn der Wirt ansprach. Seinem beruflichen Engagement gab eine gewisse Pfiffigheit oft humorvollen Schwung.

In den Dreißiger Jahren hat Schmiedeknecht für Schlegel neben technischen Erneuerungen im Stammbetrieb und den angegliederten Unternehmen zahlreiche soziale Einrichtungen geschaffen.In den Bereich der Sozialbauten gehört auch ein Werkserholungsheim auf dem Kohlberg bei Neuenrade in der Form eines typischen Landgasthauses des Sauerlandes, das Schmiedeknecht in den Dreißiger Jahren gestaltete. Die Sozialeinrichtungen waren wohl wichtige Voraussetzung für die Auszeichnung der Schlegel Brauerei als "Nationalsozialistischer Musterbetrieb" am 01.05.1937. Sie werden charakteristischer Weise in der Festschrift von 1939 ausführlich vorgestellt, während in den Festschriften von 1929 und 1954 vor allem bauliche und wirtschaftliche Entwicklungen besprochen werden.

Eine architektonische Sonderaufgabe für Schmiedeknecht war ein Ausstellungspavillon für die Schlegel-Brauerei auf der GESOLEI in Düsseldorf 1926. Die "Ausstellung für Gesundheitspflege, Soziale Fürsorge und Leibesübungen" fand von Mai bis Oktober 1926 statt und erregte reichsweit Aufmerksamkeit, sollte sie doch nach der Ruhrbesetzung im nationalen und sozialen Sinn zum "Gesundbrunnen" des deutschen Volkes werden. Die von Wilhelm Kreis zur Ausstellung entworfenen Ehrenhof-Gebäude existieren heute noch, die anderen zahlreichen Bauten waren temporärer Natur. Schmiedeknecht gestaltete sein kleines Projekt als zierlichen, eleganten Achteckbau. Einzelheiten der etwas scharfkantigen Formgebung entsprachen den Art Déco Vorstellungen jener Jahre, wie der Architekt sie auch beim Haus Kurfürstenstraße 20 (S.   ) und bei der Ausstattung von Café Döhmann (S. ) verwendet hat.

1939 brachte der Krieg einen Stopp für alle Bauplanungen, die damals von der Schlegel AG vorgesehen waren. Auf diese Projekte weist Schmiedeknecht in einem Antrag an das Kriegsschädenamt vom 10.03.1945 hin, in dem er den Verlust aller Unterlagen meldet. Es heißt darin: "Auch für die Schlegel-Scharpenseel-Brauerei hatte ich ein großes Vorprojekt, unter Einschluß sämtlicher alter Wohnhäuser an der Schiller-, Humboldt- und Alleestraße einschließlich Bochumer Hof für Brauereizwecke angefertigt. Hierzu waren eine Menge Vorskizzen vorhanden, die bei jeder vorzunehmenden Erweiterung und größeren Instandsetzung wieder richtunggebend waren."

"1945 war die Brauerei ein Trümmerhaufen ... Aber in einer Zeitspanne von wenigen Jahren entstand das Werk wieder neu" berichtet Klaus-Joachim Schlegel. Neben der Initiative des Generaldirektors Hövelhaus trugen wohl Schmiedeknechts tatkräftiger Einsatz, seine Erfahrungen, seine Kenntnis der Bausubstanz und wohl auch seine stets guten Beziehungen zu Behörden und Handwerkern dazu bei, daß 1954 zum 100jährigen Firmenjubliäum der Wiederaufbau nahezu vollendet war. 1956 entstanden dann noch neue Betriebsgebäude auf der anderen Seite des heutigen Westrings. Sie wurden durch einen 7 m unter der Straße angelegten Tunnel mit der übrigen Brauerei verbunden.

Obschon die Schlegel-Brauerei 1956 mit 429.000 hl Ausstoß die achtgrößte bundesdeutsche Brauerei war, wurde nun nicht weiter ausgebaut. 1971 übernahm die Dortmunder Union (Schultheiß) den Stammbetrieb. Er wurde 1980 stillgelegt und das Gelände 1983 an die Landesentwicklungsgesellschaft LEG-NRW verkauft. Anschließend begann der Abriß der meisten Gebäude und die Bebauung mit Wohnblöcken und Bürobauten.

Inzwischen ersetzen auf dem Schlegel Brauereigelände Etagenhäuser die von Schmiedeknecht geschaffenen Werksanlagen, während an der nahen Mühlenstraße die Reste der gründerzeitlichen Wohn- und Geschäftshäuser modernen Geschäftsbauten weichen mußten. Erstaunlich schnell hat sich hier die Struktur der Innenstadt gewandelt. Statt der beherrschenden Industrieanlage erfüllt die neuangesiedelte Wohnbevölkerung, ähnlich wie in anderen Städten, die Stadtmitte wieder mit neuem Leben.

Es soll Bochumer geben, die den Duft von Malz und Maische sowie den Dampf, der den Schlegel-Turm umwogte, ein wenig vermissen.