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Lebenslauf

 Als Heinrich Schmiedeknecht 1906 selbständiger Architekt wurde, galt seine Familie als alteingesessen in der jungen Großstadt Bochum. Dabei waren seine Eltern erst in den Sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts als unternehmenslustige junge Leute in die kleine Ackerbürgerstadt gekommen, deren Aufstieg zur Industriestadt dank Kohleabbau und Eisenindustrie soeben erst begonnen hatte.

Die Zahl der Bochumer Bürger stieg durch Zuwanderung sehr schnell von 10.000 Einwohnern um 1860 auf 65.000 Einwohner um 1900 an. 1904 wurde nach den Eingemeindungen von Grumme, Hamme, Hofstede und Wiemelhausen dieser vielgestaltige industrielle Ballungsraum mit 116.000 Bürgern zur offiziell anerkannten Großstadt. An der bald verstärkt einsetzenden baulichen Entwicklung war Heinrich Schmiedeknecht mit vielerlei Projekten beteiligt.

Wichtige Voraussetzung für Schmiedeknechts Einbindung in seine Heimatstadt war seine Jugendzeit in einem noch streng patriachalisch geführten Elternhaus in der Mauritiusstraße. Das Haus lag in einer noch fast ländlich geprägten Umgebung im Südosten der Bahngleise, die den historischen Ortskern seit 1874 völlig umschließen. Louis Schmiedeknecht, der 1846 in Herschdorf am Thüringer Rennsteig geborene Vater, war als Tischlergeselle auf der damals noch üblichen Wanderschaft 1864 in Bochum in der Schreinerei Fröhling seßhaft geworden. Nach der Meisterprüfung machte er sich 1871 selbständig. Die Konjunktur war dafür günstig, denn in Bochum gab es 1864 erst etwa 800 Gebäude, 1885 aber bereits an die 2300.

Schon bald konnte Schmiedeknecht an der neuangelegten Mauritiusstraße Bauland kaufen. Er errichtete als Nr. 29a ein Fachwerkhaus, wie es in jenen Jahren am Ortsrande noch vielfach üblich war. Es enthielt eine Werkstatt und darüber die Wohnräume. In diesem Haus gründete er am 23.08.1873 eine Familie mit der 1854 im hessischen Allendorf geborenen Elisabeth Pauly. Kaum 19 Jahre alt war die Frau Meisterin, die dann nicht nur 5 Söhne aufzog, sondern auch für die ständig steigende Zahl von Lehrlingen und Gesellen zu sorgen hatte, die zu jener Zeit noch im Haushalt des Meisters wohnten. Das Beispiel dieses Elternhauses, in dem Werkstatt und Familienleben unter einem Dach miteinander verbunden waren, hat später auch den Lebensstil im Architektenhaus noch beeinflußt. Daß ich 1993 fast alle Mitarbeiter meines Vaters auf einem Foto von 1930 mit Namen kenne, ist der überraschende Beweis dafür.

Am 9. Mai 1880 wurde Heinrich als dritter Sohn der Schmiedeknechts geboren. Von seiner Jugend in der Mauritiusstraße hat er uns Kindern und später seinen Enkeln gerne erzählt. Immer betonte er die Bescheidenheit im elterlichen Hause, die Strenge des Vaters, die unermüdliche Fürsorge und persönliche Anspruchslosigkeit der Mutter sowie die Forderung an die Söhne, fleißig zu sein. Dabei legten die strebsamen Eltern Wert auf eine gute Ausbildung ihrer fünf Kinder, die trotz unterschiedlicher Berufe ihr Leben lang eng verbunden blieben. Louis, der Älteste, übernahm die Schreinerei und weitete das Unternehmen stark aus. Oskar wurde Lebensmittelkaufmann, Berthold und Paul waren Lehrer. Berthold war zudem ein sehr engagierter Organist. Heinrich machte nach der Schule zunächst eine Schreinerlehre in der väterlichen Werkstatt. Danach ging er aber nicht, wie ehemals der Vater, auf die Wanderschaft, sondern er besuchte die Baugewerkschule in Kassel. Die Studienjahre waren sicher wichtig für seine weitere Entwicklung. Aber weder von der Ausbildung noch von seinem persönlichen Erleben jener Zeit hat er später viel gesprochen.

Nach dem Examen kehrte Heinrich Schmiedeknecht um die Jahrhundertwende zurück nach Bochum in den elterlichen Haushalt. Im Garten vor dem Fachwerkhaus war inzwischen als Nr. 31 ein dreistöckiger, gründerzeitlicher Backsteinbau errichtet worden. Die Zeit der ländlichen Bauweise ging damals im Zentrum und in den Randbezirken Bochums zu Ende. In dem neuen, großen Haus fanden über nun recht weiträumigen Werkstätten nicht nur der Firmengründer und die Familie des ältesten Sohnes und Nachfolgers ausreichend Platz, sondern auch noch die unverheirateten jüngeren Söhne.

Schmiedeknecht arbeitete zunächst als "Techniker" bei der Firma Balcke. Bald schon wechselte er jedoch als "Bauführer" in das Architektenbüro von Baurat Schwenger. An den großen Projekten dieses angesehenen Baumeisters, der auch Stadtrat war, erlernte der junge Mann wohl schnell die Praxis des Berufes und den Umgang mit den recht unterschiedlichen Bauherren. Da er in Bauberichten aus jenen Jahren bereits mehrfach "unser Architekt" genannt wird, scheint er schon bald selbständig Aufträge betreut zu haben. Andererseits prägten Schwengers Stilvorstellungen die Arbeiten Schmiedeknechts auch noch in der ersten Zeit nach dem Tod des Baurates.

Als Heinrich Schwenger am 13.03.1906 verstarb, übernahm sein Bauführer Heinrich Schmiedeknecht das Büro. Unter welchen geschäftlichen Bedingungen er es zunächst als "Schwengers Nachfolger" führte, ist nicht bekannt. Im Adreßbuch von 1907 wird er erstmals als "Architekt Schmiedeknecht" geführt. Den Tag des Beginns seiner Selbständigkeit hat er sein Leben lang stets festlich begangen. Der recht junge Architekt muß bereits gut eingearbeitet gewesen sein, denn er konnte alle Projekte selbständig weiterführen. Die Bauherren, so die Professoren des Bergmannsheils, der Direktor der Schlegel-Brauerei, die Kirchengemeinden und private Auftraggeber, blieben ihm treu. Mehrere von ihnen wurden zunächst hilfreiche Förderer und einige später persönliche Freunde.

Männern aus allen Bereichen von Wirtschaft und Verwaltung gab ihm stets viel Anregung. Die moralischen und sozialen Forderungen der sich "Brüder" nennenden Gemeinschaft versuchte er praktisch zu verwirklichen. "Helfen, fördern, dienstbar sein" war eine der Lebensmaximen, die er nach Kräften befolgte und in der Familie weitergab. Durch die Loge blieb er dem Naziregime fern. Nicht ausbleibende berufliche Nachteile für seine Haltung nahm er in Kauf.

Auch der selbständige Architekt mit großen Aufträgen wohnte noch weiter im Elternhaus, wo ihn Mutter Liesbeth und Friedchen, die großzügige Frau von Bruder Louis, betreuten. Erst 1914 ging seine Junggesellenzeit dann recht plötzlich zu Ende. Im Januar begleitete der eigentlich keineswegs sportliche Schmiedeknecht einen Bauherrn zum Wochenende in den Schnee nach Winterberg.

Bis dahin hatten Verwandte und Freunde vergeblich "passende Partien" vorgeschlagen. Wohl zur rechten Zeit fand er nun selber und sehr spontan eine für ihn sicher ausgezeichnete Ergänzung. Grete Kettler war am 29.09.1893 geboren, also rund 13 Jahre jünger als Heinrich Schmiedeknecht. Zunächst jugendlich beschwingt, setzte sie ihre vielseitigen Fähigkeiten ihr Leben lang erfolgreich ein, um ihrem Mann eine selbstlose Gefährtin zu sein. So hatte sie es als "Höhere Tochter" im Elternhaus und im Kasseler Pensionat gelernt und so wollte sie es auch; denn hatte Sie ihren Mann anfangs wohl mehr aus Bewunderung geheiratet, liebte sie ihn später aufrichtig. Heinrich nahm die stete Fürsorge seiner Frau nach kurzer Zeit als ebenso selbstverständlich hin, wie seinen eigenen, aufreibend unermüdlichen Arbeitseinsatz.

Am 9. August 1914 wurden Heinrich Schmiedeknecht und Grete Kettler in Witten getraut. Da acht Tage vorher der Erste Weltkrieg ausgebrochen war, gab es an Stelle des großen Festes nur eine kleine Feier, und das Paar fuhr nicht auf die vorgesehene Italienreise, sondern in einer Pferdekutsche nach Bochum ins neue Heim. Für die Sechzimmerwohnung im Geschäftshaus Mühlenstraße 4, gegenüber dem Rathaus, hatte der Bräutigam die Möbel im neuesten Stil anfertigen lassen.

Die junge Frau führte - zunächst mit Hilfe der von der Mutter angelernten "Perle" - einen recht großzügigen Haushalt. Mit Umsicht und warmer Herzlichkeit betreute sie nicht nur ihren Heinrich, die 1915 und 1917 geborenen Töchter Ingeborg und Marga sowie den 1927 hinzu kommenden Familienliebling Heintha, sondern sie sorgte auch unermüdlich für zahlreiche Gäste. Schmiedeknecht versammelte gerne zu allen Festen Familie und Freunde um seinen Tisch. Grete bewirtete zudem auch mit viel Charme geschäftliche Besucher und trug damit zum guten Verhältnis des Architekten zu seinen Bauherren bei. Den Haushalt mußte sie stets sie organisatorisch und finanziell völlig selbstständig leiten. Bei gelegenheitlichen Fragen an ihren Mann in dieser Hinsicht hieß es meist: "Laß mich mit sowas in Ruhe, ich habe anderes im Kopf!" Vieler Abstimmung bedurfte es aber nicht, denn Grete und Heinrich Schmiedeknecht waren sich darin einig, gegenüber anderen freigiebig, gegenüber sich selbst aber anspruchslos zu sein.

In den ersten kriegsbestimmten Jahren der Ehe war bald Schmalhans Küchenmeister. Aber Soldat zu werden, wie seine jüngeren Brüder und Schwäger, brauchte der Architekt wegen einer Bruchoperation nicht. Statt dessen organisierte er auf dem "Schützenhof", wohl auf Grund seiner Erfahrungen am Bergmannsheil, die Umschulung amputierter Soldaten. Größere Bauten sind in jenen Jahren natürlich nicht entstanden. Stolzer als auf seine Bauten war er auf das Patent einer Tasche, mit der Amputierte als Straßenbahnschaffner arbeiten konnten.

Bald nach Beendigung des Krieges begann jedoch für Schmiedeknecht trotz der französischen Ruhrbesetzung und Inflation die intensivste Schaffenzeit. Jahr für Jahr wurden sehr unterschiedliche, große Projekte zeitgleich ausgeführt. Dazu mußten immer mehr Mitarbeiter herangezogen werden. Das Büro arbeitete zunächst im Hinterhaus von Mühlenstraße 4. Als es dort zu eng wurde, bezog man Räume in der Deutschen Bank am Engelbertbrunnen.

Die neue Adresse brachte Schmiedeknecht Glück, denn auf Drängen der Damen vom Bankschalter kaufte er einige Wertpapiere. Sie waren das einzige, was von seinem beachtlichen Vermögen die Inflation überlebte - so stellte er es jedenfalls später dar. Der mit Leib und Seele schöpferische Architekt konnte zwar bei seinen Bauten so gut kalkulieren, daß seine Kostenvoranschläge selten über - gelegentlich sogar unterschritten wurden; Geschäftsmann für die eigene Tasche war er aber nicht. Um Geld in Häusern oder Grundstücken anzulegen, wie viele seiner Kollegen, nahm er sich nicht die Zeit. Aus Prinzip und persönlicher Bedürfnislosigkeit hat er immer nur fleißig gespart und dadurch zweimal alle Rücklagen verloren. Bis ins hohe Alter tätig zu sein, war daher nicht nur berufliches Engagement, sondern auch harte Notwendigkeit, denn Altersversorgung durch Versicherungen hat es für die Selbständigen seiner Generation noch nicht gegeben.

Anfang der Zwanziger Jahre beschlossen Schmiedeknechts, ein eigenes Haus zu bauen. Wichtiger als der Wunsch seiner Frau Grete nach einem Haus mit Garten für die Kinder war wohl die immer größere Zahl der Mitarbeiter im Büro. Vermutlich kam dazu ein gewisses Repräsentationsbedürfnis, das Heinrich Schmiedeknecht aus geschäftlichen Gründen für angebracht hielt. Obschon die Geldentwertung alles Ersparte verschlang, entstand 1923/1924 - wohl mit Hilfe der damals beachtlichen laufenden Einnahmen - nahe dem Stadtpark ein Haus mit ausreichend Platz für Büro und Familie. Über das Haus Zeppelinstraße 18 werde ich noch genauer berichten.

Zum 50. Geburtstag von Schmiedeknecht am 09.05.1930 ließen die Mitarbeiter ein Foto der Belegschaft machen, das eine Mappe mit den Bildern der großen Bauten, an denen damals gearbeitet wurde, einleitete. Auf dem Bild gruppieren sich die verschiedenen Spezialisten des Büros Schmiedeknecht, so der Statiker Kröger, der Rechner Dressler, und für die Innengestaltungen der Düsseldorfer Künstler Erich Koch. Ruhender Pol war lange die umsichtige Sekretärin Elsbeth Lammers. Auch die Bauführer sind mir in Erinnerung, sie überwachten die Handwerker vor Ort. Bei ihnen machte der Chef täglich seine Runde. In den Jahren der großen Aufträge wurde dafür ein Auto mit Fahrer angeschafft, und zu einigen auswärtigen Baustellen wurde sogar geflogen.

Im Büro gab Schmiedeknecht sich nicht mit Einzelheiten ab. Aber er schaute den "Herren" wie die Mitarbeiter genannt wurden, immer wieder beratend und korrigierend über die Schulter und oft hieß es: "Kerlchen, Kerlchen, da stimmt etwas nicht!" Mit einem Blick erfaßte Schmiedeknecht Zeichnungen und Zahlenkolonnen und verbesserte oder regte Details an. Korrespondenz erledigte Schmiedeknecht auf- und abgehend: Baubeschreibungen, Anträge und Korrespondenz mit Bauherren und Firmen diktierte er der Sekretärin, wichtige persönliche Briefe der Ehefrau.

Insgesamt muß "das Büro" gut harmoniert haben. Nur so ist es vorstellbar, daß alle Bauten in erstaunlich kurzer Zeit fertiggestellt wurden, wie viele Berichte hervorheben. Das stete Delegieren sämtlicher Arbeiten an Spezialisten machte es Schmiedeknecht allerdings in den Jahren mit nur kleineren Aufträgen schwer, die Zahl der Mitarbeiter einzuschränken. Zeitweise fraßen daher die Gehälter den Großteil seiner Einnahmen auf.

Wann, wo und wie Schmiedeknecht seine Pläne entwarf, ob am Reißbrett im Zeichensaal, in knappen Skizzen in seinem Büro, "oben" am Wohnzimmerschreibtisch oder gleich nach Besprechungen mit den Bauherren als Notizen, die dann im Büro in Zeichnungen übertragen wurden, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich hat sich sein Arbeitsstil auch im Laufe der Jahre mehrfach gewandelt. Bei all seinen Planungen ging Schmiedeknecht jedoch von der Funktion der Bauten aus und kombinierte sie mit den Wünschen der Auftraggeber. Auf Grund seiner Aufgeschlossenheit nicht nur für technische, sondern auch für stilistische Neuerungen, hatte er dabei bis ins hohe Alter die Gabe, sich zwar den praktischen Belangen und den Wünschen der Bauherren anzupassen, diese dann aber in wechselnden Zeitstilen und zumeist auch ästhetisch reizvoller Architektur zu verwirklichen.

Anpassung war eine von Schmiedeknecht beherrschte Kunst nicht nur bei den Projekten und im Umgang mit den Auftraggebern, die ja in ihrer Art sehr unterschiedlich waren. Er fand auch den rechten Ton für seine Angestellten, die Handwerker am Bau und bei den Behörden. Noch 1990 hoben mehrere ehemalige Bauherren gerade diese Seite des Architekten aus der Erinnerung heraus ungefragt und anerkennend hervor. Typisch waren die drei Sorten Zigarren in seiner Westentaschen, die er so gerne verteilte und dabei stets nach Größe und Qualität individuell auswählte. Sich selber genehmigte er die beste Sorte nur zu besonderen Gelegenheiten. Schmiedeknechts betonte Bescheidenheit erschien seiner Familie manchmal übertrieben. Seine persönliche Selbstbeschränkung dürfte aber mehr als ihm selbst, seiner Frau und uns Kindern bewußt war, darauf beruht haben, daß er durch seine zahlreichen Bauten für soziale Einrichtungen der Inneren Mission immer wieder die Sorgen benachteiligter Menschen erlebte und davon beeinflußt wurde.

Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 ging die Zeit der vielen ganz großen Aufträge zu Ende. Nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 wurde Schmiedeknechts Situtation zunehmend schwieriger. Große Projekte für die Bochumer Schlegel-Brauerei und für ein Krankenhaus in Hattingen wurden nicht ausgeführt. Kirchliche Organisationen konnten im Sozialbereich kaum noch bauen. Neue Kunden aus der Wirtschaft zu bekommen, war jedoch für Schmiedeknecht kaum noch möglich, der - wie gesagt - kein "Parteigenosse" war. Um für noch laufende Planungen wenigstens die wichtigsten Mitarbeiter halten zu können, mußte der Architekt von seinen Ersparnissen zeitweise "zubuttern", wie er bei seiner Familie klagte. Dabei stiegen die die privaten Ausgaben durch das Studium der einen und die Aussteuer der jüngeren Tochter. Vor allem aber, weil er für die Schwiegereltern sorgte: die Nazis hatten dem Schwiegervater und Logenbruder die Pension unter nichtigem Vorwand gesperrt.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verschärfte die Situation weiter, und mit den Bombenangriffen ging alles kreative Bauen zu Ende. Viele Jahre lang wurde nur noch geflickt. In Schmiedeknechts Werkdokumentation zeigt sich eine fast zehnjährigen Lücke an neuen Bauten. Pfingsten 1943 zerstörte dann eine Sprengbombe das Haus Zeppelinstraße 18. Außer allem persönlichen Hab und Gut gingen auch die Büroräume mit ihrem Inventar verloren. Schmiedeknecht wurde mit seinem Sohn und mir im Keller verschüttet und erlitt einen Schock, den er aber erstaunlich schnell überwand. Schon bald machte sich der ausgebombte Architekt wieder an die Arbeit. Immer findiger wurde er in der Kunst des Improvisierens. Bis Berlin reiste er für die Genehmigung von Eisenträgern, so überliefert eine dort von ihm besprochene Schallplatte. Schmiedeknecht blieb aber in Bochum und bei seinen Flickereien und das sogar, als seine verschiedenen Notunterkünften wiederholt zerstört wurden. Seine Grete hielt mit ihm aus.

Das Ende des Krieges kam dann nach einem neuerlichen schweren Angriff während eines Besuches bei den Töchtern in Thüringen. Tochter Marga hatte 1938 Hans Schmiedeknecht aus der Herschdorfer Brauerei und damit in die Heimat der Familie zurückgeheiratet. Ich selbst wurde 1941 nach abgeschlossenem Geschichtsstudium die Frau des Geographen Felix Monheim und wurde 1942 Lehrerin an der Bochumer Freiherr-vom-Stein-Schule. Nachdem diese 1943 zerstört worden war, lebte ich als "Bombenflüchtling" mit zwei Kindern bei der Schwester. Ehe die zunächst amerikanische Besatzung Thüringen den Russen auslieferte, machten sich Schmiedeknechts auf die mühselige Rückreise nach Bochum. Dort hatte inzwischen ein ehemaliger Mitarbeiter des Architekten einige von den bisherigen Kunden selbständig übernommen. Ein zunächst harter Schlag für den jetzt 65jährigen. Aber bald gab es vielerlei zu erneuern.

Auch in den ersten Nachkriegsjahren wurde noch in mehrfach wechselnden Notunterkünften gearbeitet und gehaust. Schmiedeknecht kämpfte zäh um Raum für das Büro. Für Wohnraum waren jedoch nur wenige Quadratmeter erlaubt. Unter anderem gibt ein Antrag an das Wohnungsamt Auskunft über nie verwirklichte Planungen, über die sonst nichts mehr bekannt ist.

Zu Weihnachten 1945 kam die traurige Nachricht vom Tode des Sohnes Heintha. Mit seinem jugendlichen Optimismus hatte er die arg belasteten Eltern in den ersten Kriegsjahren wohltuend aufgemuntert. 1943 mußte der noch nicht Sechzehnjährige mit seinen Klassenkameraden eine Flakstellung beziehen. Schule bei Tage, Schießen in der Nacht! Am 1. April 1945 wurde er als Soldat eingezogen und am 14. April ist er gefallen. Der Abschiedsbrief des früh Vollendeten, eine von ihmgeschaffene Tonmaske sowie ein Selbstporträt - gezeichnet in der Nacht vor seinem Abschied von der Familie - sind die letzten Erinnerungen an diesen vielgeliebten Sohn und Bruder.

Es war wohl nur die unermüdliche Fürsorge seiner Frau, die es Schmiedeknecht möglich machte, weiter tätig zu sein. Fast zum Skelet abgemagert, eilte er hin und her zwischen den Baustellen, wo zunächst nur geflickt wurde, und den Ämtern, die das Material genehmigen mußten. Der Aufbau des eigenen Hauses wurde erst begonnen, nachdem 1948 Schwiegersohn Hans nach einem Panzereinsatz in Afrika und amerikanischer Gefangenschaft in Bochum landete, da er sich nicht zu den Russen nach Thürigen traute. Die Trümmer des Hauses konnten geräumt werden, aber als durch die Währungsreform 1948 erneut alle finanziellen Altersreserven verloren gingen, reichte das Geld nur noch zum Aufbau eines halben Hauses. Das wichtigste waren natürlich die Büroräume im Erdgeschoß. Darüber lebten der Architekt mit seiner Frau höchst notdürftig in zunächst nur zwei Zimmern, die mit Spendensammelsurium möbliert worden waren.

Am 9. Mai 1950 wurde jedoch im erneuerten Zeichensaal der 70. Geburtstag von Heinrich Schmiedeknecht als Beginn einer neuen Epoche groß gefeiert. Man schaute wieder nach vorne. Eine große Zahl von Kindern der Nachbarschaft gratulierte dem alten Herren mit bunten Wiesensträußen. Sein ganzes Leben lang hatte der Architekt gute Beziehungen zur Jugend. Die Enkel, die Kinder der Zepplinstraße, aber auch die Kinder in den Heimen der Inneren Mission, für die er baute, liebten ihn, weil er so spontan auf sie einging und immer "Klümkes" in der Tasche hatte. Er selber aber holte sich aus diesem Kontakt mit der jungen Generation viel neue Kraft für das eigene, tätige Leben.

Trotz seines Alters bekam Schmiedeknecht nach dem Krieg Aufträge auch zu neuen Bauten. Diese waren zwar zumeist bescheidener als in früheren Jahren und es gab wenig Material aber vielerlei Vorschriften auch für die formale Gestaltung. Der Architekt konnte sogar neue Mitarbeiter einstellen. Seine Frau übernahm jetzt nicht nur, wie gewohnt, alle Alltagsaufgaben. Sie sprang auch vielfach als zweite Sekretärin ein. Dabei war sie wohl im Grunde weniger vital als ihr so viel älterer Ehemann. Sie litt sicher sicher auch anhaltender unter dem Verlust des geliebten jüngsten Sohnes Heintha. Nachdem sie den an einer Lungenentzündung schwer erkrankten Heinrich aufopfernd gepflegt hatte, begann Ende September ein plötzlicher Verfall all ihrer Kräfte, dessen Ursache die Ärzte nicht erklären konnten. Zu Weihnachten 1956, weinige Tage nach der Geburt ihres sechsten Enkelkindes, das sie unnlötig besorgt erwartet hatte, ist sie für alle überraschend gestorben - an "völliger Erschöpfung", so lautete die Diagnose der Ärzte.

In erstaunlicher Gelassenheit fügte sich der Vereinsamte in die neue Situation. Hilfe gab ihm sicher sein Bauen, der so gerne bejammerte Streß des Berufes. Zum anderen war er durch seine warmherzige Art nicht nur vielgeliebter und häufiger Gast bei den Familien der Tochter in Thüringen und den inzwischen nach Aachen gezogenen Monheims, sondern auch stets willkommen bei den vielen Bochumer Freunden. Für sein Wohl sorgte zudem mit großem Engegement "Fräulein Elisabeth", die bereits Grete Schmiedeknecht lange Jahre im Haushalt geholfen hatte.

1961 konnte Heinrich Schmiedeknecht nochmals der Gebende. Seine Tochte Marga floh kurz vor dem Mauerbau mit ihrer Familie aus Thüringen. Bis der Schwiegersohn nach einem Jahr endlich eine neue Existenz fand, wohnten die vier bei ihm in der Zeppelinstraße. Bei aller drangvollen Enge hat er die Nähe der Kinder im Grunde des Herzens genossen.

Auftrieb gab dem Architekten ein Auftrag zum Bau des großen, neuen Marthahauses an der Teylestraße. Bei dem neunstöckigen Bau mit Fertigbauteilen verwendete der inzwischen 80jährige noch einmal neue Formen und Techniken. Wenige Wochen nach Einweihung dieses Hauses ist Heinrich Schmiedeknecht am 04.08.1962 nach kurzer Krankheit gestorben. Seine letzten Worte waren ein Dank für sein reiches Leben.

Im Nachruf der "Bochumer Blätter" (Jg. 13) heißt es: ... Es sind bemerkenswerte Bauten, die von dem sicheren Stilgefühl seiner Hand zeugen ... Seit er im Jahre 1906 sein Architektenbüro in Bochum eröffente, hat er stets zu den maßgeblichen Bochumer Architekten gezählt, und er konnte sich weit über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus auf dem Spezialgebiet der Industriebauten einen besonderen Ruf erwerben ... Jeder, der ihm in seiner langen Berufstätigkeit begegnet ist, wird ihn nicht nur wegen seines bedeutenden fachlichen Könnens, sondern auch um seiner hervorragenden persönlichen Qualitäten willen schätzen ..."