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Streit um die Schillerschule

Hans H. Hanke

Zur Zeit wird die denkmalwerte Schillerschule umgebaut. Die Hauptfassade erhält mittig zwei gebäudehohe Vorbauten, die Klassenzimmer aufnehmen sollen. Nach Angaben der Stadt Bochum wurden die politischen Gremien und die interessierten Bürger von den Planern unterrichtet, die Maßnahme sei "mit der Denkmalpflege" abgestimmt. Das stimmt nicht: die Anbauten sind nicht nur denkmalschädigend, sondern auch gesetzeswidrig, also "schwarz" errichtet worden. Auf unsere Anfrage informierte uns das zuständige Westfälische Amt für Denkmalpflege in Münster am 17. Dezember 2002 tatsächlich darüber, dass dort "die Bauarbeiten an der Schiller-Schule nicht bekannt sind. Nach Ihrer Beschreibung erscheint eine Erlaubnisfähigkeit auch zweifelhaft zu sein." Unsere kritische Einschätzung der Baumaßnahme haben wir gegenüber der Öffentlichkeit und Verwaltung durch eine Presseerklärung am 18. Dezember 2002 deutlich gemacht.
Wenn wir uns überhaupt noch für den Denkmalschutz in unserer Stadt einsetzen wollen, mussten wir unsere Meinung öffentlich vertreten, die wir eingehend geprüft und diskutiert haben. Sämtliche Beteiligte in der Stadtverwaltung sind von unserer Meinung weit vor der Pressemitteilung informiert worden. Das städtische Angebot, darüber ein Gespräch zu führen, haben wir gerne angenommen, allerdings lag der Termin im Vergleich zum dringenden Handlungsbedarf recht spät.
Selbstverständlich werden viele die gläsernen Vorbauten an der Schillerschule als modern und elegant empfinden. Etliche werden sich beklagen, dass "die Denkmalpflege" den dringend benötigten Neubau der Schulräume zu behindern versuche, was nicht stimmt. Und nicht wenige werden sich klammheimlich freuen, dass die Münsteraner Behörde außen vor gehalten worden ist. Aber das alles trifft nicht den Kern der Kritik, die hier vorzubringen ist.
Die ebenso sorgfältig wie charakteristisch proportionierte Fassade hätte unter keinen Umständen so zugestellt werden dürfen, denn die 1927 bis 1930 an der Königsallee erbaute Schillerschule gehört zu den acht wichtigsten Gebäuden Bochums aus der Zeit der Weimarer Republik. Die anderen sehr bedeutenden Bauten sind in chronologischer Reihenfolge schnell aufgezählt: Das Lueg-Haus/Union-Kino von 1924 bis 1925, die Sparkasse Bochum von 1925 bis 1928, das Finanz- und Zollamt, erbaut an der Uhlandstraße 1925 bis 1930, die BOGESTRA an der Universitätsstraße von 1926 bis 1928, die Volksschule Hiltroper Straße 1926 bis 1928, das Polizeipräsidium Schillerstraße von 1927 bis 1929 sowie nicht zuletzt das Rathaus von 1927 bis 1931. Nur etwa 30 Baudenkmäler dieser Epoche sind bisher überhaupt in die Bochumer Denkmalliste eingetragen worden. Darunter einige Wohnhäuser, der Schlegelturm (1927) am Rathaus, der Wasserhochbehälter (1927) an der Castroper Straße, die Brennerei Eickelberg (1920) und die Müser-Brauerei (1927/28) in Langendreer, die Krupp-Verwaltung (1924) in Höntrop sowie das ehemalige Hochbauamt (1925) an der Arndtstraße. Auch unser Vereinshaus von 1924 gehört in diese sehr überschaubare Baugruppe. Es ist also sehr wichtig, jedes dieser seltenen Objekte sorgfältigst zu bewahren.
Die seit 1926 geplante Schillerschule wurde 1929 eingeweiht und war der letzte Bochumer Schulbau in der Weimarer Republik. Entworfen wurde sie von Stadtbaurat W. Sohm, der auch die 1928 errichtete Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof entwarf. Sohm näherte sich mit seiner traditionellen Architektur den Prinzipien des schlichteren "Neuen Bauens" an.
Die Schillerschule diente als realgymnasiale Studienanstalt und Lyzeum II für Mädchen, bis sie 1942 durch die NSDAP als Hauptgebäude der "Gauleitung Westfalen-Süd" in Besitz genommen und in Eingangsbereich und Haupttreppenhaus umgebaut wurde. 1945 bis1952 zog dann die ARAL AG dort ein. Die Schillerschule konnte ab 1952 wieder als Schule dienen, einige Kriegsschäden am Flügel für den naturwissenschaftlichen Unterricht und der Turnhalle wurden beseitigt, die Aula innen erneuert, 1953 wurde eine Sternwarte ergänzt.
Der ausgedehnte Klinkerbau ist durch hellen Muschelkalk gegliedert. Sein Haupteingang weist Richtung Waldring, die Hauptfassade mit ihren kurzen Seitenflügeln erstreckt sich um eine sehr niedrige "Terrasse" in Richtung Königsallee. Ihre zeittypische Qualität erhielt sie durch den eigenartig wohlgeformten Turm, der die gesamten Fassade in spannungsvolle Proportionen setzte. Die Kunst, wie mit sparsamsten Stilmitteln eine charakteristische Architektur erzeugt werden kann, konnte an der Schillerschule betrachtet werden.

Dass das Gymnasium ein Denkmal ist, sieht jeder, der sich für Architektur und Geschichte interessiert. Da die Schulen der Stadt Bochum seit ein oder zwei Jahren auf ihren Denkmalwert untersucht werden, steht offiziell und damit gesetzlich fest, dass auch bei der Schillerschule vor so durchgreifenden Maßnahmen wie dem Klassenanbau die fachliche Meinung des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege einzuholen gewesen wäre.
Unsere Kritik setzt hier an: Diese feinen, wohlausgewogenen und in Bochum einmaligen Proportionen werden an dieser Stelle des Gebäudes durch keinen noch so sorgfältig geplanten Anbau bewahrt. Selbstverständlich ist erkennbar, dass hier gründlich nachgedacht wurde, bevor die neuen Türme Gestalt annahmen. Aber das Ergebnis beweist nur, dass selbst dieser durchdachte Anbau die Fassade unzulässig verfremdet er macht den vorher dominierenden Turm zu einem jetzt wenig verständlichen Fassadenanhängsel. Es war eine grundsätzlich falsche Entscheidung, an so zentraler Stelle der optisch empfindlichen Fassade anzubauen.
Die Schillerschule benötigt zusätzliche Räume, das ist nun schon seit mindestens zehn Jahren klar und wird von uns nicht bestritten. Das großzügige Gelände hätte aber sicherlich andere Möglichkeiten geboten, diesem Bedarf nachzukommen wobei selbstverständlich ein klarer und moderner Nebenbau im Stil der jetzigen Türme nur zu begrüßen gewesen wäre. Schaut man sich ähnliche Bauvorhaben zum Beispiel bei Berliner Regierungsbauten an, so wurden dort artverwandte Ergänzungsbauten meist in untergeordneter und nicht in beherrschender Erscheinung angeordnet. Das gilt sogar für die neue Reichstagskuppel. Den Anbauten an der Schillerschule ist vorzuwerfen, dass sie die Hauptfront des Baudenkmals unangemessen dominieren, statt sich unterzuordnen. Und diesen Fehler hätte der Rat des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege, neutrale Gutachter-Behörde mit überregionalem Blick, wohl verhindert zugunsten unserer Bochumer Geschichte.
Die Stadtverwaltung Bochum hat es anscheinend vorgezogen, lieber nicht zu fragen, und hat nach unserer Meinung ein hervorragendes historisches Gebäude entstellt. Und dieser Fall steht anscheinend nicht alleine da: Auch ein Anbau an die denkmalgeschützte Annette-von-Droste-Hülshoff-Schule am Lohring wurde soeben gegen die gesetzlich verlangte Zustimmung des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege ausgeführt. Überdies wurde die Unterschutzstellung der - von innen! - wunderschönen Verwaltungsakademie an der Wittener Straße von der Verwaltung aktuell zurückgezogen: BP will dort bauen. Ohne langes Zaudern wird von der Stadt öffentlich bekannt gegeben, dass dieses Baudenkmal abgerissen werden wird.
Dass aber Gehorsam gegenüber Investorenwünschen kein wirtschaftliches Allheilmittel ist, bewies zuletzt der Skandal um den Umbau des Kaufhauses Kortum, das unter den Augen der Behörden vom gelobten Investor so verbaut wurde, dass es nun fast leer steht.
Wir fordern eine Überprüfung, welche Gutachten zu Baudenkmälern noch uneingelöst in Schubladen schlummern, damit ähnliche Fehlentwicklungen in Zukunft verhindert werden.
Wir fordern aber auch Konsequenzen für die Schillerschule. Dort werden sicherlich neue Klassenräume benötigt - aber es gibt andere und denkmalgerechte Lösungen für diesen Bedarf. Für den wohl flotten, aber leider total verfehlten Schwarzbau an der Schillerschule fordern wir gleiches Recht wie für alle Bürger, die gegen Bauauflagen verstoßen: Baustopp und denkmalgerechte Neuplanung, auch bis hin zum Rückbau der nun entstandenen Türme.
Ein wichtiger Fakt steht dem Weiterbau an der Schillerschule sowieso schon im Weg: Es ist nicht vorstellbar, dass das Land NRW seine Fördermittel dem widerrechtlichen Bauvorhaben ohne Neuplanung weiterhin zugesteht.
Was ist also los mit der Denkmalkultur in unserer so gern beschworenen "Kulturhauptstadt Bochum"?!

Hans H. Hanke
Unter Verwendung der gemeinsamen Presseerklärung von Vorstand und Beirat der Kortum-Gesellschaft vom 18. Dezember 2002.