Metanavigation

Die Stadt Bochum auf facebook
Folge der Stadt Bochum auf Twitter
Die Stadt Bochum auf YouTube
Folge der Stadt Bochum auf Instagram
Die Stadt Bochum auf flickr

Name und Wappen der Stadt Bochum

Raimund Trinkaus

(Der Text ist gegenüber der gedruckten Version gemäß den Angaben des Autoren korrigiert worden. Einige Sonderzeichen zur Aussprache des „o“ in Bochum konnten nicht übernommen werden)

„In der Graffe Märkischen Stadt Bochum sind viele gelehrte Leute. Seht, wie die werthe Stadt so manchen Mann ernehrt, Der durch die Bücher ward verständig und gelehrt! Was Wunder, daß dann den Namen hat bekommen, Allwo die Bücher selbst den Ursprung hergenommen.“ Johann Kayser in seinem „Clivischen Musenberg“, einer Beschreibung der klevischen Lande von 1698, zu denen auch die Grafschaft Mark gehörte, zitiert von Karl Brinkmann.

An den Buchen lässt sich nicht rütteln

In unregelmäßigen Abständen befassten sich immer wieder Veröffentlichungen verschiedenster Art mit dem Namen Bochums samt seiner Vorsilbe sowie dem Wappen und beider Beziehungen zueinander, zum Teil in neuen Deutungen. Nicht jedem interessierten Bochumer sind alle Quellen bekannt bzw. leicht zugänglich. Daher soll hier ein Überblick gegeben werden über die wesentlichen, dem Autor vorliegenden Veröffentlichungen zu dieser Thematik nicht ohne Kommentierung und Wertung.
Kayser dürfte die älteste Quelle sein, in der Namen und Wappen Bochums auf einander bezogen wurden. Sein Reim wird gerne zitiert und meist als Fehleinschätzung verurteilt. Kann man aber nicht deutlich Ironie aus seinen Worten herauslesen? Zu den Recherchen für seine Schrift dürfte Kayser das Land bereist haben: somit könnte ihm, dem Lippstädter, das reale Bochum um 1700 durchaus vertraut gewesen sein. Aus dem weiteren Zusammenhang seines Textes geht hervor, dass Kayser sogar die Ableitung des Namens Bochum von Buche bekannt war. Da die Germanen ihre Runen auf Buchenrinde schrieben, wunderte er sich im Gegensatz zu J. D. von Steinen nicht über das Buch im Wappen. Zu von Steinens Deutung weiter unten. Franz Darpe schloss sich Kayser an und hatte für ein Bündel solcher Rinden-Seiten den Ausdruck Buch.
An kuriosen (Miss-)Deutungen des Namens unserer Stadt gibt es nicht nur eine. Pfarrer J. C. Fr. Petersen, der die Manie hatte, möglichst viele deutsche Wörter auf altgriechische Vokabeln zurückzuführen, fand 1823 eine nicht gerade häufig auftretende, die der niederdeutschen (plattdeutschen) Variante Baukum stark ähnelt: das Adjektiv baukós, angeblich = schön „wegen seiner angenehmen Lage“.
In Langenscheidts Enzyklopädischem Wörterbuch sucht man das Wort vergeblich. Allerdings findet sich baukós tatsächlich in W. Papes Griechisch-Deutschem Handwörterbuch, das auch Vokabeln auflistet, die nur bei einem einzigen antiken Schriftsteller auftauchen. Nur wird baukós dort völlig gegenteilig übersetzt mit spröde! Weiterhin sei darauf hingewiesen, dass sich die Aussprache des Altgriechischen in Deutschland immer noch nach Erasmus von Rotterdam richtet, die nach heutigen Erkenntnissen bei vielen Buchstaben sowie ihren Kombinationen nicht mit der Aussprache in der Antike übereinstimmen kann. Das Neugriechische kommt ihr viel näher, so dass man in Griechenland heute antike Texte wie neugriechische spricht. Demnach würde baukós ausgesprochen als vafkós (v wie w) und lautlich keinerlei Ähnlichkeit mehr aufweisen mit Baukum.
Leicht anfechtbare Autodidakten wie Petersen, die ohne konsequent durchgehaltene Quellennachweise und auf der Basis von Vermutungen vorgehen, gehören leider nicht allein der Vergangenheit an. Mit dem Weitmarer Pastor hatte Heinz Winter bisher gemein, dass auch er die Varusschlacht in seinen Kirchsprengel verlegen wollte. Anstatt von den ältesten bekannten Schreibweisen des Namens Boc-hem / Boc-hum auszugehen, findet auch er seine eigenwillige Deutung. Für ihn muss das heute in seinem Stiepeler Umfeld noch gepflegte Plattdeutsch herhalten.
Winter glaubt ernsthaft, die niederdeutsche Sprache habe sich 5000 Jahre lang fast unverändert erhalten. Andererseits hätten sich unsere Vorfahren einer dem (Alt-?) Isländisch ähnelnden Sprache bedient. Baukum leitet er vom isländischen baugum (= Bogen, Ring) ab. Sein Schritt von der Waffe zum Pergament-Bogen ist ein kurzer, um auf das Buch im Wappen hinzuweisen.
Dass die auch im Bochumer Raum vielfach nachgewiesenen Bandkeramiker und Siedler der Rössener Kultur wohl kaum unsere direkten Vorfahren sein dürften, scheint ihm nicht bekannt. Wir wissen weder, was in der Jungsteinzeit noch in der bronzezeitlichen Urnenfelderkultur gesprochen wurde, in der es umfangreiche Völkerwanderungen gab. Von Germanen wird erst seit der Eisenzeit geredet. Winter aber vollzieht unbekümmert einen kühnen Gedankensprung und bringt den neolithischen Ringgraben der Rössener Kultur (2500-2000 v. Chr.) aus Harpen, der zur Römerzeit, also rund 2000 Jahre später (!) „sicher noch gut zu erkennen war“, mit baugum und Baukum in Verbindung, damit wiederum den Ring im Altenbochumer Wappen, obwohl es Wappen erst seit Mitte des 12. Jahrhunderts n. Chr. gibt.
Welch eine immense Bedeutung muss Bochum besessen haben, wenn Winter es als Bogadium auf der Ptolemäus-Karte von 170 n. Chr. identifiziert! 170 statt 150 n. Chr. mag noch als Druckfehler durchgehen. Ptolemäus starb um 161. Die Sternbilder, in denen Winter Ringe sieht, nennt er in einem Atemzug mit dem Altenbochumer Wappen. „Das Wissen kam aus den Sternen“. Die logischen Zusammenhänge zu erkennen, fällt dem Leser schwer. Seine Ergebnisse fasst Winter in Reime, die einer gewissen unfreiwilligen Komik nicht entbehren, nicht nur weil er lediglich auf Endreime achtet und die Silbenzahlen willkürlich gewählt sind:

Das alte Bochum hieß früher Ring,
dort saßen noch die Alten und hielten Thing [...].

Eine mit dem Namen eines Urhebers nicht mehr zu verbindende, vor Jahrzehnten jedoch weit verbreitete Fehldeutung, mit der vor allem Grundschüler konfrontiert wurden, ging von der Aussprache Bochums im 20. Jahrhundert aus und erklärte Bochums Namen und sein Wappen scheinbar „nahe liegend mit Buch um(gekehrt)“. Diese naive Deutung dürfte bereits im 19. Jahrhundert entstanden sein, vielleicht zugleich mit der Veränderung der Aussprache des c-h in Boc-hum zu einem einzigen ch-Laut. (Silbentrennung alt: Boc-hum, neu: Bo-chum). Max Seippel versuchte schon 1901, diese banale Auslegung „entschieden zu bekämpfen“.

„Das Wapen oder Siegel der Stadt ist ein zugeschlagenes Buch. Es ist unstreitig wegen der Aehnlichkeit des Namens gewaehlt worden, und gehoert also unter die redende Wapen oder Siegel.“

„Die älteste Form des Ortsnamens ist nach den Werdener Heberegistern um das Jahr 900 Bochem so zu erschließen aus Aldanbochem [...].“

Seippel schließt sich Darpe an, drückt sich aber etwas missverständlich aus. Daher sei hier noch einmal klar gestellt: Im Werdener Urbar von 890 kommt der Name Boc-hem nur als Teil des Ortsnamens von Aldanbochem vor. In Darpes Schriften findet der Leser mit über 30 die meisten unterschiedlichen Schreibweisen von B chem (gesprochen: Bokhem). Für das lang gezogene o wurden verschiedene Dehnungszeichen eingesetzt, ohne dass die Aussprache von Bochem / Bockum stärker variierte, z.B. ein nicht mitgesprochenes westfälisches Dehnungs-e oder ein rheinisches i, je nach Ausbildungsort des Schreibers. Als Beispiel seien hier angeführt Soest, Coesfeld, Laer eigentlich auch Bochum-Laer, ursprünglich Lahari, bzw. Grevenbroich, Tiefenbroich, eigentlich auch Mülheim-Broich, das seit der Zuwanderung im 19. Jahrhundert von den Einwohnern wie Breuch (statt Brooch) artikuliert wird. Neben Boec-hem oder Boichem, beides gesprochen wie Bookhem, steht in manchen Urkunden auch Buochem oder Bouchem, wobei der eine Vokal auch klein über dem anderen stehen kann. Teilweise wurde das Dehnungs-e auch klein über den Vokal o gesetzt, den heutigen ä/ö/ü-Strichen ähnlich, was in den angeführten Werken von Kortum und v. Steinen durchgängig nachzuschlagen ist.
„Heimatbewußte Bochumer reagieren böse, wenn der betonte Vokal im Ortsnamen kurz gesprochen wird. Das war schon vor 500 Jahren so. Deshalb setzten die alten Schreiber hinter den Vokal (o) ein Dehnungszeichen. Sie schrieben Boechem, Boichem, was in der Orthographie der kölnischen Kanzleien, in denen sie gelernt hatten, vorgeschrieben war.“
Brinkmannn schloss sich 1950 Darpes Deutung des Namens Boc-hem als Buchenheim, Siedlung bei Buchenwäldern, an, brachte jedoch auch die mittelniederdeutsche Variante Boc = Bug, (Land-)Spitze, Abhang ins Spiel. Später distanzierte er sich von dieser Deutung als „nicht zwingend“.

Nun zu Namenslexika und ihren unterschiedlichen Deutungen des Namens Boc-hem. Fr. E. Brandstäter, der die Silben in Einzelbuchstaben (Urlaute) zerlegte, erklärte Buek- als Begriff für ein sumpfiges Tal und leitete Bochum von Buekum ab, „Wohnort in kräftig hervortretendem Tiefbodenland“... „Allerdings gedeiht ja auf feuchtem kräftigem Boden die Buche besonders. Darum ist der Baum nach der Bodenbezeichnung benannt.“ Letztendlich würden Örtlichkeitsnamen wie Bochum, Bocholt / Buchholz aber doch von den Bäumen hergeleitet. Der kritische Leser empfindet Skepsis angesichts dieser gedanklichen Windungen.
Hans Bahlow sah in Bochum eine altkeltische Gegend und brachte die irische Silbe bocc = weich, modrig sowie das altbretonische buc = faulig, modrig ins Spiel. Diese Deutung ähnelt der von Brandstäter, doch Bahlow weist eine Gleichsetzung von Boc-hem mit Buchenheim zurück.
Die zweite Silbe, das Grundwort -hem, war in seiner Deutung als Heim, Siedlung nie strittig. Sie kommt in mitteleuropäischen Ortsnamen nicht gerade selten vor: Mülheim, Hildesheim, Mannheim, Arnheim/Arnhem u.v.“. mehr. Ferdinand Holthausen kennt das altsächsische -hem aus dem Heliand als Begriff für Heim, Heimat; gotisch: haim. Mehrere Autoren wie Darpe lagen falsch mit der angeblichen Herkunft des -hem aus dem Fränkischen. Schon vor der Frankenherrschaft trugen Orte des Sachsenlandes die Endsilben -hem im Namen, z.B. Aldanbochem. In vielen Ortsnamen wandelte sich das Grundwort -hem in das lateinisch klingende -(h)um, z.B. bei Boc-hum, Bockum, Beckum (Beckehem), Styrum (Stierhem), Stockum u.v.“.
Nach Hermann Jellinghaus wandelte sich die Bedeutung des heim (altsächsisch hem, gotisch heim) von Herdstelle zu Haus, schließlich zu Dorf. Zu Boc-hems erster Silbe findet sich bei ihm dem Werktitel gemäß nichts.
Dieter Berger bestätigt Holthausen und Jellinghaus im Duden geographischer Namen: Das gemeingermanische Substantiv heim, altsächsisch hem (Wohnort), alt- und mittelhochdeutsch heim (Haus, Wohnort), gotisch haim (Dorf), schwedisch hem (Haus, Wohnung, Heimat), englisch home, „hat verschiedene Bedeutungen entwickelt, doch ist die [...] des gotischen Wortes die ursprüngliche; sie gilt wohl auch für die deutschen Ortsnamen auf -heim, die [...] alte Gruppensiedlungen bezeichnet haben. [...] Die auffälligen Gruppen mit gegensätzlichen Bestimmungswörtern [...] weisen auf planmäßige Gründungen in der Frankenzeit hin. Jedoch kann man nicht, wie es früher oft geschah, alle -heim-Orte als fränkisch ansehen.“ Gegensätze finden sich u.“. bei (Alt-)Beckum, Neubeckum, Aldanbochem, Cofbochem, Oberlahnstein, Niederlahnstein.
Vor allem Bahlow, aber auch Jellinghaus finden bei heutigen Wissenschaftlern der Germanistik mit dem Spezialgebiet Etymologie, wie Paul Derks von der Gesamthochschule Essen, der sich in den letzten Jahren kompetent und intensiv wie kein anderer mit der Namenkunde unserer Umgebung befasst hat, keine Anerkennung. („Bahlow können Sie wegwerfen.“) Einzig W. Förstemanns umfangreiche Lexika lässt Derks als wissenschaftliches Werk älteren Datums gelten, das im Großen und Ganzen seine Gültigkeit behalten hat. Förstemann stellt Bochum in eine Reihe mit Ortsnamen wie Bochum, Buchheim u.v.“..
Nach ihm steht bok (althochdeutsch buohha, niederdeutsch böke, mittelniederdeutsch boke, altnordisch bok, angelsächsisch boeciae und boc, althochdeutsch buochahi, mittelhochdeutsch buoch, niederdeutsch bok) nicht nur für die einzelne Buche, sondern für Buchenwald. Süddeutsche Formen (puoch, puach, buch) sollen für Wald, Gehölz schlechthin gestanden haben. Nebenher kannte Förstemann eine geringe Anzahl von Ortsnamen, die sich vom niederländischen bok, vom niederdeutschen buck oder vom althochdeutschen bocch im Sinne von Rehbock herleiten. Bei einer ebenso geringen Zahl von Ortsnamen leitete er bok vom Personennamen Bocco ab.
P. Derks stellt fest: „An der Buchensiedlung in Boc-hem kann kein Zweifel sein. [...] Die Deutung des heutigen Ortsnamens macht keine Schwierigkeiten. Er stellt sich zwanglos zu as. [altsächsisch] boka Buche und as. hem, ahd. heim Siedlung. [...] Dies ist ein vorzüglich belegter Ortsnamen -Typus mit einem Siedlungsort als Grundwort und einer Geländebeschaffenheit als Bestimmungswort. Gerade Baumnamen als Bestimmungswörter sind in unserem Gebiet nicht selten: zu vergleichen sind etwa (Essen-) Bochold ..., Eickel < Eclo Eichenwald.“
In einer Fußnote bezeichnet Derks dort Brinkmanns Deutung boc = Abhang (vgl. oben) als „abwegig“, offenbar in Unkenntnis des oben angeführten WAZ-Artikels von Brinkmann aus dem Jahre 1971. Derks geht auch noch auf einen älteren Deutungsversuch von Winter ein, der das mhd. bouchen (=bezeichnen) mit bocken (= kämpfen) bezeichnet und es mit dem französischen Schimpfwort für einen Deutschen, bouch, in einen Topf wirft. Dazu Derks: „Ganz hirnrissig [...] Mit solchen Albernheiten muß sich noch immer der Philologe herumschlagen [...].“
Es fällt auf, dass von allen zitierten Autoren nicht einer die erste Silbe von Boc-hem mit boc = Buch in Verbindung bringt, wenn wir einmal vom wohl ironisch gemeinten Eingangszitat des I. Kayser absehen. F. Holthausen unterscheidet in seinem allgemeinen Wörterbuch, das sich nicht nur auf Ortsnamen beschränkt, zwei altsächsische Vokabeln, die für Bochums erste Silbe in Frage kommen könnten: boka = Buche und aus dem Heliand bok (gotisch boka) = Buch. Schon im Altsächsischen war die Ähnlichkeit frappierend.
Nach D. Bergers Duden heißt Buche altsächsisch boke (ahd. buohha), was in unserem Zusammenhang keine gravierende Abweichung darstellt. Auch die Varianten von W. Sturmfels widersprechen nicht der Übersetzung Boc-(hem) mit Buche(nheim): althochdeutsch bouhha, mittelhochdeutsch buoche; vgl. altnordisch bok, gotisch boka. Seine Übertragung des Gotischen auf slawische Sprachen kann hier nicht erörtert werden.

Graf Cobbo oder die abgeschlachtete Kuh

„Rätselhaft ist noch immer die Vorsilbe Cof- aus der ältesten Bezeugung.“
Wenn man den Namen von Aldanbochem (890) nicht berücksichtigt, tritt der Ort Bochum zum ersten Mal 1041 in einer Urkunde auf als Cofbuokheim: „Am 17.VI.1041 schenkt Erzbischof Hermann II. von Köln der Abtei Deutz XI mansus cum omnibus utilitatibus inde venientibus et XL mancipia in pago Saxonie iuxta villam publicam Cofbuokheim dictam , 11 Höfe und 40 Hörige bei dem Reichshof (?) Bochum.“
Danach findet man in Urkunden des Mittelalters die unveränderte Vorsilbe Cof-/Kof- ebenso wie gleichzeitig die Verkürzung Co-/Ko-. Darpes Ableitung aus dem Mittelniederdeutschen, kauw/kow, die weite Verbreitung fand, lässt Derks nicht gelten und spricht von einer (volksetymologischen) Umdeutung.
Er moniert, dass Darpe zur Unterstreichung seiner eigenen Theorie ein Bild Kortums missbrauchte, obwohl Darpe hätte wissen müssen, dass Kortum zur Cobbo-Variante v. Steinens tendierte (s. u.). „Weiset doch Kortum in dem Holzschnitt [...] mit der Mutzenpfeife und einer Kuh zur Seite [...] geradezu auf Kau-Baukum hin.“
Brinkmann unterstrich 1971 noch einmal, was er 1950 als mündliche Äußerung („Vermutung“) Bernhard Kleffs übernommen hatte: Die Vorsilbe Co- in „Coboc-heim, Cofbuockheim“, die im Mittelalter parallel zum zweisilbigen „Boc-hem“ existierte, geht höchstwahrscheinlich auf eine Hervorhebung des Ortes und seine Unterscheidung vom benachbarten „Aldanboc-hem“ sowie einer ganzen Reihe von gleichnamigen Örtlichkeiten zurück. Statt Neu-Bochem wählte man „Go-Bochem“, woraus „Co-Bochem wurde. Go = Gau, Gericht des Gaus, vergleichbar mit dem Vest Recklinghausen. Mit der Entwicklung zur Stadt fiel in der Folgezeit dank eines gewissen Bekanntheitsgrades von Bochum die Vorsilbe zumindest in amtlichen Urkunden weg. Im Volksmund hielt sie sich länger, veränderte sich zum niederdeutschen „Kaubaukum“ und wurde letztlich aus Unwissenheit falsch als „Kuhbochum“ interpretiert, eine heute noch weit verbreitete Auffassung. Selbst Darpe war darauf hereingefallen (s.o.). Die Existenz eines Grafen Cobbo bestritt Brinkmann: „[...] ein Graf Cobbo ist nicht ernsthaft nachzuweisen [...].“

Auch dem Erklärungsversuch von Kleff/Brinkmann kann Derks nicht zustimmen, da es keine frühmittelalterlichen Belege für eine Veränderung des g im altsächsischen go (Gau) zu k im Anlaut gebe; außerdem sei das f weiter ungeklärt, denn um 1041 hatte das altsächsische ko (Kuh) niemals einen Auslaut w oder f. Derks geht jedoch „unbedingt von der Stammhaftigkeit des –f“ aus. Das altsächsische / althochdeutsche w (kow) konnte zwar wegfallen (ko), sich aber nie zu f (Kof / Cof) verhärten! „Also muß das -f stammhaft sein.“ Es kann auch kein veränderter mittelniederdeutscher Gleitkonsonant -w- gewesen sein, der sich oft zwischen Vokale an Silbengrenzen schob. So wurde z.B. aus Matthäus, (Mat-)thäus: Tewes. Das altsächsische ko (Kuh) ergäbe in Ko-Bokhem keine Notwendigkeit für einen w/f-Einschub.
Wie erwähnt, verwies noch Brinkmann die Ableitung des vollständigen Ortsnamens von einem Grafen Cobbo ins Reich der „Phantasie“. Auf diesen wollte von Steinen „Cobbonisheim“ (Cobochem) zurückführen, was schon Darpe wegen der Verbindung eines lateinischen Genitivs mit der deutschen Sprache des Mittelalters in einem Wort als „Purzelbaum“ bezeichnete und keiner Widerlegung für würdig hielt. Von Steinen schlug allerdings einen kühnen Bogen vom Hof Kabeisemann (Cobeisem u.ä.) zum Adelsgeschlecht „von Cobbenheim“ mit Sitz auf dieser Hofesstelle an der Wattenscheider Straße. In diesem Punkt ging v. Steinen in der Tat die Fantasie durch; Belege blieb er schuldig.
Kortum übernahm voller Überzeugung „Cobbonisheim“ und die Auffassungen v. Steinens. „Von gedachtem Schlosse soll also die Stadt selbst den Namen Cobucheim [...] erhalten haben. Ich habe indessen in alten Nachrichten gefunden, daß hieselbst wuerklich ein großer Buchenwald gewesen sey. [...] obgleich keine einzige Bueche hier mehr vorhanden ist; so glaube ich daß der Name [...] Kobucheim daher entstanden sey, weil der Graf Cobbo hieselbst einen großen Buchenwald gehabt, bey welchem er seyn Schloß erbauet [...].“ Auch Seippel, der Darpes Irrtum erkannte, schenkte der Theorie vom Grafen Cobbo Glauben.
Ein altsächsisches Auslaut -f kann entweder schon im Germanischen ein f gewesen oder aus dem germanischen b entstanden sein. (ahd. liob, alts. liof = lieb). Dies lässt sich bis ins Niederdeutsche, Niederländische oder Englische weiter verfolgen: geven, geven, to give = geben; ahd. lip, libes zu alts. lif = das Leben, niederd. / niederl. leven, engl. life/lives. „Auslautend -f kann also aus -b entstehen, niemals aber aus -w. [...] So kann ein nicht belegtes kow nicht zu Kof- werden.“

Da Bochums Vorsilbe jedoch rein wortgeschichtlich nicht restlos zu klären ist, greift Derks auf historische Überlieferungen der Deutung zurück. Er schließt die Ableitung von Kauf (Lacomblet) aus, weil Bochum im altsächsisch-westfälischen Gebiet liegt, in dem das unverschobene k pon, mittelniederd. k pen gilt.
Darpe und Kaufmann irrten zwar, wenn sie bestritten, dass im Altsächsischen ein inlautendes -b- zum Auslaut -f werden kann und dass Cof-/Cob- nach Kampschulte auf (Sankt) Jacobus (Kurzform Cobus) zurückzuführen sei; doch diese Deutung trifft aus anderen Gründen nicht zu. Der hl. Jakob war zum einen nie Kirchenpatron in Bochum, zum anderen hat „die Unzahl deutscher Ortsnamen dieser Zeit mit einem Personennamen als Bestimmungswort [...] nicht einen Heiligen -, sondern einen Namen eines realen Grundherren. [...] Die große Schwemme der [...] Heiligennamen ist erst im Hochmittelalter nach Deutschland gekommen.“ Als Beispiele seien Orte aufgezählt wie St. Anton und St. Jakob oder Orte mit Bestimmungswort von einem weltlichen Herrn: Düsseldorf-Gerresheim von Gericus sowie im 18. Jahrhundert: Karlsruhe, Ludwigshafen.
V. Steinens Ableitung von „Cobbonisheim über Bonsheim zu Bockum, Baukum nennt Derks „etymologisch [...] gewiß abstrus , die erwähnte gräfliche Familie von Cobbenheim „dubios“, „aber damit wird der historische Kern freigelegt.“
Darpe schalt v. Steinens etymologische Ableitung zwar „Purzelbaum“, machte jedoch selbst den größeren mit seiner Kuh. Übersah er Kleingedrucktes bei v. Steinen? Der berichtete von dem letzten Spross aus dem Hause v. Cobbenheim, Hermann II., Erzbischof zu Köln, der sein Erbe der Kölner Kirche vermachte, einen Teil aber auch dem Kloster Deutz. Eine Verwandtschaft Hermanns mit Cobbo ist allein infolge dieser Schenkung denkbar. (Vgl. obigen Auszug aus der Urkunde von 1041!) V. Steinen versieht sein Zitat daraus mit einer wichtigen Fußnote: „In einem alten M.S. stehet: Bauckum oppidum cum aula Principis, fuit olim singularis Comitatus Cobonis Comitis.“ Die Stadt Bochum mit einem Fürstenhof (Reichshof?), einst gewesen die Einzel- (einzige?) Grafschaft des Grafen Cobbo. „Singularis“ könnte wegen eines früheren Mitregenten Ekbert erwähnt sein; später mehr darüber.
Nur vergaß v. Steinen leider, die Quelle anzugeben, obwohl das seinerzeit schon üblich war. Kortum, der v. Steinens Deutung mit einem weiteren Beleg untermauern wollte, beging die gleiche Unterlassungssünde: In einer Handschrift zu Paderborn heiße es, so Kortum: „Anno 1243, 1. Maji per transactionem eo deventum est, quod Henricus Dux Limburgensis & Comes Montensis tutor Theodorici Isenburgici Adolpho Comiti de Marca concesserit comitatum, jurisdictionem & Villam Cobbonis, vul- gariter dictam Bokum.“ ... Grafschaft, Gerichtsbarkeit und Stadt (Dorf) des Cobbo, gewöhnlich Bokum genannt.

Beide Zitate sind bis heute noch nicht identifiziert. Dennoch sollte man sie nicht voreilig als Fälschungen einstufen, wie Darpe das bei v. Steinen suggerieren wollte. Zum einen lag Bochum seinerzeit tatsächlich in der Grafschaft dem Verwaltungsbezirk, Komitat des Cobbo, und für eine Fälschungsabsicht ist bei v. Steinen kein triftiger Anlass auszumachen. Zum anderen sind auch Kortum, der die ihm von Darpe unterschobene Kuh-Interpretation nicht mehr kennen konnte, keinerlei Interpolationsabsichten zu unterstellen. Er wollte lediglich v. Steinen bestätigen und dürfte wohl kaum „villa Cobbonis“ eingeschoben haben in einen Text, der ansonsten historisch zweifelsfrei ist.
„Diese Stelle ist die einzige überhaupt interpolationsfähige, denn der mitgeteilte Inhalt, daß im Jahre 1243 Heinrich Herzog von Limburg und Graf von Berg als Vormund des Dietrich von Isenburg dem Grafen Adolf von der Mark Grafschaft und Gerichtsbarkeit in Bochum überläßt, ist historisch vorzüglich bezeugt. Dieser Vergleich zwischen Isenburg und Mark [...] ist eines der Eckdaten in der Territorialgeschichte der aufstrebenden Grafschaft Mark [...].“
Die beiden lateinischen Texte, die Derks für glaubwürdig hält, legen für Bochum mit dem Synonym „Villa Cobbonis“ und der Situation in der „comitatus Cobonis“ den historischen Kern frei: Cobbos Siedlung und die Grafschaft des Cobbo.
Bochum zählt Derks zu den seltenen mittelalterlichen Orten mit namengebendem Grundherrn, bei denen dieser noch historisch fassbar ist. „Grafen sind im Raum Bochum früh bezeugt.“
Nachdem das Essener Archiv verbrannt war, bestätigte Otto I. 947 dem Stift seine Rechte, unter anderem auch eine Schenkung König Ludwigs des Deutschen (843-876, Enkel Karls d. Gr.): „[...] et „ Luduuico, curtem 1 Hucrithi nuncupatam et quicquid habuit in comitatu Ecberti et Cobbonis.“ ... und von Ludwig, einen Hof, (Dortmund-)Huckarde genannt, und was auch immer er (Ludwig oder der Hof?) besessen hat in der Grafschaft Ecberts und Cobbos.
Derks legt ausführlich dar, dass diese Schenkung an den Essener Stiftungsgründer Altfried zwischen 860 und 870 erfolgt sein musste, es demnach zu dieser Zeit bereits einen Bezirk gegeben haben musste, „in dem Ekbert und Cobbo Grafenrechte ausübten.“ „Das ist also der in von Steinens Textauszug gespiegelte comitatus Cobonis.“
Aus den Forschungen nach der Frage, warum der sächsische Hochadel (Liudolfinger, Ottonen) schon gut 100 Jahre nach Ende der Sachsenkriege die Karolinger im deutschen Königshause ablösen konnte, ergab sich die Blutsverwandtschaft (im dritten und vierten Grade) der Herforder Äbtissin Haduini (858-887) mit König Karl dem Kahlen. Für diese wiederum konnte man aus der „Translatio sanctae Pusinnae“, dem Bericht von der Überführung der Reliquien der gallischen Heiligen Pusinna nach Herford, einen Bruder Cobbo (d. J.) ausmachen sowie beider Oheim Cobbo (d. Ä.), der ein Vertrauter des Königs war.

Ida sollte aus vornehmer fränkischer Familie stammen. Ob sie eine Tochter König Karlmanns, des Bruders Karls d. Gr., war, wie Derks vermutet, ist unter den Wissenschaftlern strittig. Ebenso bleibt ungeklärt, ob Ekbert Franke oder Sachse war. „Wie dem auch sei: an der Existenz mehrerer Grafen Cobbo im Familienverband der Ekbertiner im altwestfälischen Raum ist nicht zu zweifeln.“

Auch in den Reichenauer Verbrüderungsbüchern ist unter den Namen der Ekbertiner / Cobbonen ein Choppo (= Cobbo) eingetragen. Schwieriger als der Beweis der Existenz eines Grafen Cobbo gestaltet sich die Entscheidung, welchem Cobbo die Namensgebung unseres Co(f)bochem zuzuordnen ist. Ihm müsste ein Bruder, Ekbert genannt, an die Seite gestellt werden können, mit dem er die Verwaltung in der Grafschaft ausübte. Eine gemeinsame Amtsausübung durch Vater (Ekbert) und Sohn (Cobbo) scheint Derks auszuschließen. Noch heute ist es in manchen Adelshäusern üblich, dass die Eltern bei Heirat ihres Erben vom Stammsitz auf Zweitbesitz wechseln. Ist jedoch nicht auch eine Übergangsphase in der Ablösung von der Herrschaft denkbar, während der Vater Ekbert und Sohn Cobbo nebeneinander in der Urkunde Ottos I. Erwähnung fanden, zumal später Ekberts Name nicht mehr in Zusammenhang mit dem comitatus und dem Namen Bochum auftrat? Ekbert könnte natürlich auch durch frühen Tod oder Besitzteilung aus dem Umfeld Bochums ausgeklammert worden sein.

Die oben genannte Translatio sanctae Pusinnae spricht von mehreren Brüdern des Abtes Warin, nennt mit Cobbo (d. Ä.) aber nur einen beim Namen. Folglich könnte durchaus ein weiterer Bruder Ekbert geheißen haben, und Cobbo d. Ä. käme in Frage als Namensgeber Cofbuokheims. Die Huckarder Schenkung zwischen 870 und 882 anzusetzen, wäre nach Derks zu spät. Da für beide Grafen Cobbo jedoch die Lebensdaten nicht bekannt sind, ist Cobbo d. J. nicht absolut auszuschließen. Er müsste dann außer seiner Schwester Haduini einen Bruder Ekbert besessen haben. Letzteres liegt sogar nahe bei der frühmittelalterlichen Tradition gleicher Namengebung innerhalb der Geschlechter, die nicht erst bei den Hohenzollern in Mode kam. [...] wegen des Gegenworts Aldan-buc-hem muß das sprachliche Alter von Cof-buock-heim ebenfalls zeitlich hier angesetzt werden: auch diese Formation ist schon der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts zuzuweisen. In dem vormals größeren Gebiet Bokhem gab es vor dem Grafen Cobbo offenbar bislang nur eine Siedlung. Als in der Ausbauzeit des 9. Jahrhunderts im gleichen Bezirk eine zweite Siedlung angelegt oder neu organisiert wurde, ist ihr der Name des Grundherrn zugefügt worden, während die ältere Villikation jetzt ausdrücklich als die ältere bezeichnet wurde: darum das Widerspiel [...] Aldan- und Cof-. Die Dreigliedrigkeit beider Ortsnamen weist auf eine Namengebung in der Ausbauzeit des 9. Jahrhunderts, während für die frühe Zeit der sächsischen Landnahme durch die Franken zweigliedrige Ortsnamen vom Typ Personennamen + Grundwort üblich waren (fiktiv: Cob-hem).

Fazit: Da es im Altsächsischen des 9. Jahrhunderts nicht anders belegbar ist, kann sich Cof-/Cob- aus sprachlichen wie historischen Gründen [...] nur auf einen Personennamen Cobbo beziehen, und dieser ist in dieser Gegend durch Ottos Urkunde von 947 vorzüglich bezeugt. Cobbos Buchwald-Siedlung also muß der Name aufgelöst werden. Aus Cobbo-bok-hem wurde wegen der Wiederholung per Silbenausstoß ein -bo- eliminiert. Das verbleibende erste b rutschte in den Stammauslaut und wurde vom Stimmhaften b zum stimmlosen f in Cof-. Gerade die Nichtangleichung von auslautend -b > -f und anlautend b- [...] zeigt die Stammhaftigkeit des Auslauts, der sich nicht beliebig als Gleitlaut an eine imaginäre ko als Kuh angenähert haben kann. [...] die Kuh muß als abgeschlachtet gelten. Im Gau Boroctra die Grafschaft der Ekbertiner / Cobbonen war entweder identisch mit ihm oder aber Teil davon taucht Cobbo noch einmal in einem Ortsnamen auf. Als Analogie führt Derks den Namen Kobencasdorpe (Cobbencastrope uä.) an, gegen 1220 erst relativ spät urkundlich belegt. Er stand sowohl für eine Bauerschaft in Castrop als auch für einen Hof in Gerthe, heute Gaststätte Cöppencastrop. Wenn auch spät bezeugt, hat sich hier doch die urtümliche, volle Form des Personennamens Cobbo kontinuierlich [...] erhalten, da es hier keinen Grund zum Silbenausstoß gibt. Daß dieser Name erheblich älter sein muß als seine zufällige Nennung, zeigt sich daran, daß er seinem Typ nach kein Hofname ist, sondern [...] ein Siedlungsname. Offenbar war auch hier in der Ausbauzeit ein zweites Castrop entstanden, was Cobbo in Cofbuockheim wiederum bestätigt. Für das Alter spricht auch, dass der Name Cobbo nach 1000 aus der Mode geriet.

Selbst wenn die Forschung der Zukunft Derks in dem einen oder anderen Punkt korrigieren würde, so bliebe auf jeden Fall festzustellen, dass sich mit ihm zum ersten Mal ein anerkannter Wissenschaftler und Fachmann auf dem Gebiet der Etymologie mit dem Namen Bochums auseinander gesetzt hat. Einen Qualitätsunterschied zu allen vorhergehenden Deutungsversuchen, auch den ernst zu nehmenden, wird der Leser anhand der Zitate erkannt haben hinsichtlich der Kenntnisse und professionellen Vorgehensweise. Zur Gegenüberstellung und der Vollständigkeit wegen sei hier noch einmal Winter erwähnt, der in einer älteren Variante für die Vorsilbe Cof- Mittellatein und Französisch bemühte, um von Koffer zu Sarg, d.h. in die Särge der toten Legionäre des Varus zu springen. Derks bezeichnet dies zu Recht als Unsinn .

Ein Wappen redet

Das Wapen oder Siegel der Stadt ist ein zugeschlossenes Buch. Es ist unstreitig wegen der Aehnlichkeit des Namens gewählt worden, und gehoert also unter die redenden Wapen oder Siegel. Obwohl Kortum schon 1790 völlig richtig lag, galt das Buch noch lange, bei manchem bis heute als rätselhaft. Das Buch im Stadtwappen ist in volksetymologischer Deutung des Namens zu erklären. [...] ist aus einer falschen Deutung des unverständlich gewordenen Namens zu erklären. So Brinkmann 1950 und 1971. Sein Kommentar zum Eingangszitat von Kayser: Es besteht kein vernünftiger Grund zur Annahme, daß diese Bauernschaft, aus der sich ab 1300 allmählich die Stadt entwickelte, mehr mit Büchern zu tun hatte als jede andere. Besser allerdings hätte man statt des Buches eine Buche gewählt, wie denn auch die Stadt Bocholt im Kreise Borken einen Buchenbaum als Wappen führt. Vielleicht aber war man genötigt, da die Buche als Wappen schon von Bocholt gewählt war, ein unterschiedliches Wappen zu nehmen, und da lag das Buch am nächsten. Franz Darpe ging weiter als Kortum und fand als Ursache mit dem Bocholter Wappen den einzig logischen Grund, den auch Seippel bestätigend wiederholen wollte. Gibt uns nicht gerade dieses Buch, das im Laufe der Jahrhunderte mit dem Schnitt der Längsseite mal links, mal rechts lag, selbst einen Hinweis? Es lag stets mit dem hinteren Buchdeckel oben, zeigte dem Betrachter nie seine Vorderseite! Erkennbar wird dies durch die hinten angesetzten ledernen Spangen oder Riemen für Verschlüsse, die ein Buch aus Pergamentblättern zusammenhalten mussten. Andernfalls würden die Blätter sich durch Feuchtigkeitseinflüsse zu stark wellen; das Buch würde ohne Druck am Schnitt weit auseinander klaffen. Die Verschlüsse selbst befanden sich normalerweise auf der Vorderseite oder am Schnitt, am Buch des Bochumer Wappens nicht sichtbar. Bevor man die Verschlüsse öffnete, schlug man auf den Buchdeckel, um die Spannung zu lockern. Noch heute schlägt man ein Buch auf. Soll dieses Buch, das seine Vorderseite verborgen hält, nicht mit seinem rückwärtigen Deckel andeuten: Ich liege hier so nicht richtig, sondern falsch herum, weil ich eigentlich nicht in dieses Wappen hinein gehöre!? Ist die Hinterseite nicht von der mittelalterlichen Verwaltung und den Gestaltern des Stadtsiegels bewusst als Schauseite gewählt worden, als Hinweis auf ein Wortspiel Buche Buch, boka bok?

Noch einmal Kortum, der mit Ähnlichkeit des Namens das Wortspiel meint: [...] und gehoert also unter die redende Wapen oder Siegel. Das Bochumer Stadtwappen [...] ist ein sog. sprechendes Wappen , da es den ersten Teil des Stadtnamens Buchheim (fälschlich) mit einem Buch wiedergibt. Die Einordnung zu den redenden Wappen ist also noch zu präzisieren: Das umgekehrte Buch ist zu den falsch redenden Wappen zu zählen. Infolge der Entwicklung mittelalterlicher Ritterrüstungen wurden Waffenzeichen, Wappen, zur Identifizierung in Turnier und Kampf notwendig. Die ersten Wappen entstanden zwischen 1127 (Quelle angezweifelt) und etwa 1150. Sie lassen sich grob in drei Gruppen einteilen:
a) abstrakte Zeichen wie Streifen, Balken, Zahnschnitt, Schachbrettmuster (z.B. rot-weiß im Wappen der Grafen von Altena / von der Mark)
b) konkrete Bilder als Darstellungen von Lebewesen, sowohl von Tieren (Adler, Löwe ...) als auch von Pflanzen (Blüten, z.B. Rose; Blätter, z.B. Klee-, Linden- oder Eichenblatt; aber auch ganze Bäume wie Eiche oder Buche)
c) konkrete Bilder von Gegenständen (Kreuz, Rad, Wolfsangeln, Gebäude).

Städte wollten es noch im Mittelalter dem Adel gleich tun und legten sich eigene Wappen zu, manche unter Einbeziehung des Herrschaftswappens, z.B. des märkischen Schachbrettmusters. Zuerst traten diese als Siegel auf, wurden viel später so auch in Bochum für Flaggen, Briefköpfe u.a. übernommen. Das älteste erhaltene Bochumer Siegel datiert von 1381 und zeigt bereits das Buch.
In den Kategorien b) und c) sowie in Mischformen kommen zahlreiche, hier mit Beispielen in Abbildungen belegte redende Wappen vor, darunter aber auch falsch redende . Dass Bochum / Bochem sich eines falsch redendes Wappens bedienen musste, dürfte darin begründet sein, dass mit dem Bocholter Wappen der ganze Baum (Buche) bereits früh vergeben war, wie schon Darpe und übereinstimmend Seippel meinten (s.o.). Bocholt (Boc-holt, übrigens gleicher Namensursprung wie beim Harpener Bockholt) führt seit Mitte des 13. Jahrhunderts die Buche in Siegel und Wappen, ein Idealtyp für redende Wappen, denn Boc-holt = Buchenwald. Es folgen weitere Beispiele, zumeist aus Nordrhein-Westfalen.

Redende Wappen

Das junge Wappen von Bockum-Hövel (Stadtwerdung 1956) wich 1955 auf Bucheckern aus, verbunden mit dem Doppelbalken der Herren von Hövel. Bockum geht wie Bochum auf Boc-hem zurück. Beckum wechselte um 1500 sein Wappen von einem zinnenbewehrten Tor zu einem redenden Wappen mit drei Bachläufen. Beckum war im Quellgebiet der Werse entstanden (altsächs. beki, niederdeutsch Beke = Bach; Bec-hem, Beckehem = Siedlung an den Bächen). Hirschberg im Arnsberger Wald vereinigt beide Silben seines Namens im Wappen. Der Ort soll aus einem Jagdschloss hervorgegangen sein, wobei der Hirsch aber auch den Wald allgemein versinnbildlicht. Das Wappen von Schlangen im Lipperland stammt erst von 1950. Neben der Schlange stehen Eichel und Blätter für Waldreichtum, die lippische Rose für das einstige Herrscherhaus. Eversberg im Sauerland hat neben dem namengebenden Eber den Adler der Herrschaft im Wappen.

Gummersbach erhielt sein Wappen 1892 von Wilhelm II.. Die auf Textilindustrie hinweisende Spindel steht neben dem Schachbalken der Markgrafen, denen der Ort einst gehörte. Zu den redenden Wappen im engeren Sinne darf man dieses eigentlich nicht rechnen, da es nicht seinen Namen erklärt!

Falsch redende Wappen

Die Herkunft des Namens Ahlen im Münsterland ist zwar ungeklärt, doch der seit 1255 im Siegel nachgewiesene Aal gilt als falsch redendes Bild, als Wortspiel. Auch das Wiesel existiert bereits seit 1233 im Siegel von Wesel, doch nur wegen der Ähnlichkeit des Namens. Wesel soll aus dem Germanischen kommen, ahdtsch. wisa (Wiese).
Emmerich geht wahrscheinlich auf einen Personennamen zurück und nicht auf den niederdeutschen Emmer (Eimer), der seit dem 14. Jahrhundert im Siegel geführt wird. Ebenso hat Kleve (Cleve, Clive) nicht vom ndd. Klever (Klee) seinen Namen, sondern vom Steilabhang des Burghügels: altsächs. clif, ahd. cliva, mnd. Klif, ndd. Klef = Halde, Steilabhang, Fels, Berg, Klippe (vgl. Haus Clyff an der Hattinger Ruhrbrücke).
Auch Coesfeld (im 9. Jahrhundert Coas-felt) kommt nicht von co (Kuh). Wie bei Cof-buokheim das f dürfte hier das s stammhaft sein. Dennoch ist das Wappen volkstümlich als Ossenkopp sehr populär. Seit etwa 1300 benutzt Haltern den verschlungenen Halfter mit Schnalle im Siegel. Dass sich die 890 Halahtron genannte Stadt vom Römerlager Aliso (german. Alison, Erlenbach) ableitet, ist auch nicht wahrscheinlich.
Haan bei Düsseldorf stammt wie Hagen u. ä. vom ahd. hagan (Dornstrauch) und dem mhd. hagen (umfriedeter Ort). Das Wappen mit dem kampfbereiten bergischen Kräher ist von 1937. Ein Schaf, ndd. Schöps, prangt seit etwa 1600 in den Siegeln von Schöppingen.
Die beiden Schwerter im Wappen von Schwerte lassen sich nicht sicher als richtig oder falsch redend klassifizieren, weil der Ortsname ungeklärt ist. Die Harfe der Ritter von Harpen aus dem gleichnamigen Dorf bzw. Bochumer Vorort lässt sich leicht mit harpa (latein. und altsächs. = Harfe, Rost) in Beziehung setzen. Da die Schreibweisen des 11./12. Jahrhunderts aber Harpunni, Harpena, Harpene lauteten, dürfte hier erneut ein Wortspiel vorliegen.
Frühere Jahrhunderte nahmen es nicht nur weniger genau mit der Schreibweise von Bochums Namen , wie mit der Rechtschreibung überhaupt; auch das Buch im Siegel unterlag mehreren Änderungen. Wiederholt wechselte nur der Rücken des Buches zwischen links und rechts, dabei immer mit dem hinteren Buchdeckel nach oben liegend.
V. Steinen ließ 1756 am Ende seines 3. Teils ein Siegel wiedergeben, wie es bis 1491 in Gebrauch war, mit der lateinischen Umschrift S.(igillum) CIVIUM IN BOUCHAM Siegel der Bürger in Bochum. Das Buch liegt mit dem Rücken links. Nur der zweimal sichtbare Schnitt der kurzen Kanten wirkt kunsthandwerklich ungeschickt und bringt Probleme bei der Darstellung der Rundung des Buchrückens. Ansonsten kommt dieses Buch dem im heute gültigen Wappen doch recht nahe mit seinen zwei Spangen. [...] da denn auch die Stadt ein redend Siegel, nemlich ein Buch [...] wegen dieses ihres Namens [...] angenommen hat [...].
Acht weitere Stadtsiegel sind bei Darpe abgebildet darunter eine stümperhafte Nachbildung des alten Siegels, dessen man sich zwischen 1494 und 1507 bediente. Der nachfolgende Stempel näherte sich wieder dem älteren Siegel an. Nach dem Stadtbrand von 1517 scheinen dann alle Stempel verloren gegangen zu sein; an einer Urkunde von 1518 (Pfarrarchiv Bochum, Urkunde 96) hängt ein neues, welches ganz ohne Beziehung zu den früheren ist; das Buch ist schmaler und kleiner, der Deckel fast ohne Zierat; an beiden Seiten des Buches sind hier zuerst Schnörkel angebracht; [...] Weitere neue Stempel wurden schon in den nächsten Jahrzehnten gebraucht.“
Lehnt sich das heutige amtliche Wappen seit dem 20. Jahrhundert wieder stärker an die ältesten Siegel an, so findet sich noch 1885 ein Exemplar mit dem Buchrücken rechts bei Siebmacher, dem Wappenexperten überhaupt, welches derart fremd wirkt, dass man es zunächst für eine Verwechslung halten möchte (vgl. Abb.). Es scheint in der Nachfolge des von Darpe beschriebenen Negativ-Beispiels zu stehen.
„Bochum, Stadt des Königr. Preußen, Westfalen, [...] führt in Anspielung auf ihren Namen ein Buch mit schwarzem Einbande, silbernen Spangen und Goldschnitt auf blauem Felde als Wappen [...].“ Daneben zeigen die Bocholter Wappen, dass auch ihre Buche im Laufe der Zeiten Wandlungen unterworfen war, mal ohne, mal mit Bucheckern.

Abb. 9 Wappen der Stadt Bochum bis 1975

Wenige Jahre nach der politischen Zusammenlegung von Bochum und Wattenscheid im Jahre 1975 wurde nicht nur die historisch widersinnige Bekrönung des bisherigen Bochumer Wappens mit zinnenbewehrter Stadt- oder Burgmauer getilgt, sondern auch der rot-weiße Schachbrett-Balken aus dem Wappen der Grafen von der Mark / Altena dem alten Wattenscheider Wappen entnommen und ins neue gemeinsame Wappen der Stadt Bochum übertragen, indem er dem Buch unterlegt wurde. Dort passt der Schachbalken, historisch gesehen, gut hinein, denn etliche andere Orte der ehemaligen Grafschaft Mark zeigen dieselben rot-weißen Quadrate in ihren Wappen, z.B. Hamm (s.o.). Wenn es auch nicht sogleich auffällt, so mutet es doch etwas eigenartig an, dass das Buch nun nicht auf einem durchgehend gedachten Balken liegt; in dem Falle müsste sich nämlich die Abfolge rot-weißer Quadrate in drei Reihen auf der rechten Seite des Buches anders fortsetzen. In der amtlich ausgeführten Form ist der Schachbalken nicht unter dem Buch durchgezogen, sondern in zwei getrennten Stücken links und rechts an das Buch angesetzt. Dies soll seinerzeit auch vom Staatsarchiv in Münster beanstandet worden sein.