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"... unter uns ist es so wahnsinnig tief"

Hans Joachim Kreppke

Motorflugtage in Bochum zwischen 1911 und 1936

“Die männlichen Teilnehmer mit hochgekrempelten Beinkleidern und der weibliche Teil mit hochgerafften Röcken, so strebten in den Mittagsstunden Tausende hinaus zum Flugfeld auf „Gummerts Weide“. Die gelben Wagen der Bochum-Castroper Straßenbahn fuhren im 10-Minuten-Abstand, kollegial unterstützt von den Fahrzeugen der Herne-Sodinger Straßenbahn. Aber auch mit vereinten Kräften waren sie nicht in der Lage, dem Andrang der Fahrgäste auch nur annähernd Herr zu werden. “vollgepfropft wie eine Heringstonne“ trugen sie allzu oft das Schild “Besetzt“ und ließen die Menschentrauben an den Haltestellen stehen.
Es zeugte von Mut, das groß angekündigte und freudig erwartete Schau-Fliegen, das erste im ganzen Industriegebiet, auf den 12. Februar zu legen. An diesem kalten Tag des Jahres 1911 trieb ein scharfer Wind ein Gemisch aus Regen und Schnee vor sich her. Keine allzu gute Voraussetzung für das geplante Unterfangen. Von der Haltestelle Wirtschaft Zimmermann führten gekennzeichnete Wege auf das eingezäunte und von Saatfeldern umgebene Fluggelände. Dass der erste Bochumer Flugtag tatsächlich auf Harpener Grund und Boden statt-fand, sei hier vermerkt, aber nicht unnötig vertieft.
Die vom Wetter bedrohte Veranstaltung war recht ordentlich organisiert. Für Automobile und anderes Gefährt war ein Parkplatz angelegt. Am Eingang des Flugfeldes diente ein Zelt dem leiblichen Wohl der Zuschauer und eine Kapelle tat ihr Bestes. Drei Mark waren für den Startplatz und eine Mark für den allgemeinen Platz zu entrichten. Die geplanten fünfminütigen Zuschauer-Rundflüge sollten 200 Mark kosten, ein respektabler Preis, den sich wohl kaum jemand leisten konnte. Es gab an diesem Tag freilich zahlreiche Ermäßigungen. So wurde den Abonnenten des Bochumer Anzeigers gegen Vorzeigung der Monatsquittung nur der halbe Eintrittspreis berechnet, ebenso den Mitgliedern des Kreis-Kriegerverbandes, des Kaufmännischen Vereins und des Niederrheinischen Vereins für Luftschiffahrt. Die Flugtechnische Vereinigung offerierte den Rundflug für 75 Mark.
Viele bekannte Herren unserer Stadt wurden gesichtet, darunter der Oberbürgermeister Graff, der Landrat und Polizeipräsident Gerstein und der Kommerzienrat Baare. Immer wieder musste das andrängende Publikum von dem stattlichen Farman-Doppeldecker der Albatros-Werke in Berlin-Johannisthal ferngehalten werden. Der am 70-PS-Aeroplan hantierende Pilot Simon Brunnhuber, Fluglehrer in der deutschen Heeresverwaltung, zog bewundernde Blicke auf sich. Das in der Nässe ausharrende Publikum hatte die Hoffnung auf ein Gelingen der Veranstaltung fast aufgegeben, als Brunnhuber sein Fahrzeug endlich bestieg. Das Fluggerät erhob sich überraschend glatt und kreiste in weiten Kurven über dem Platz. Es stieg durch dichte Nebelschwaden auf eine Höhe von 45 Metern jetzt freilich nur noch zu hören. Trotz der ungünstigen Sichtverhältnisse landete der Pilot nach fünf bis zehn Minuten sicher und mit Beifall begrüßt, um gleich noch einmal aufzusteigen. Die angekündigten Rundflüge für ein zahlungskräftiges und mutiges Publikum mussten wegen der miserablen Witterung aus Sicherheitsgründen abgesagt werden, doch wurde für den folgenden Sonntag eine Wiederholung der Veranstaltung anberaumt. Die gelösten Eintrittskarten sollten ihre Gültigkeit behalten und die Zuschauer gingen halbwegs zufrieden vom Platz.
Das anhaltende "Hundewetter" ließ auch die geplante Wiederholung buchstäblich ins Wasser fallen. Die am Flugtag von der Direktion des Tonhallen-Theaters veranlassten kinematographischen Aufnahmen auf Gummerts Weide in Harpen wurden schon am folgenden Dienstag im Kino an der Bongardstraße präsentiert. Diese recht aktuelle Berichterstattung mobilisierte noch einmal die Besucher des Flugtages und auch die, die nicht dabeigewesen waren. Der starke Andrang zu den Vorführungen füllte die Kassen der Tonhalle in erfreulicher Weise und er mehrte die Akzeptanz des Luftsports; er förderte aber auch die noch junge Lichtspielkunst.
Dass die Flugshows 1911 in Bochum ein derart großes Interesse erzeugte, ist kaum verwunderlich, steckte die Luftfahrt doch noch in den Kinderschuhen und war breiten Teilen der Bevölkerung allenfalls durch Berichte in den Zeitungen bekannt. Ein Flugzeug am Boden oder gar in der Luft dürfte bis dahin wohl kaum jemand gesehen haben. Nur sechs Jahre nach den ersten längeren Flügen der Gebrüder Wilbur und Orville Wright in den Vereinigen Staaten wurden die europäischen und amerikanischen Flugpioniere bei ihren Auftritten regelmäßig als Helden umjubelt, die ihren Wagemut angesichts unausgereifter Technik und des Drangs nach immer neuen Rekorden nicht selten mit dem Tod bezahlten. Den Charakter der Einmaligkeit solcher Darbietungen in dieser Zeit unterstreicht auch ein Blick in die Entwicklung der frühen Fliegerei. So gelang zwar dem Franzosen Louis Bleriot im Sommer 1909 die Überfliegung des Ärmelkanals, aber von einer industriellen Produktion von Flugzeugen war man noch weit entfernt. In Deutschland nahm erst 1908 ein erstes Werk die Herstellung auf und ausgebildete Piloten waren eine Seltenheit. Flugzeuge blieben zunächst handgearbeitete Einzelstücke. Allerdings führte die allgemeine Faszination der Fliegerei recht bald zu einer ungeahnten Dynamik, die durch Vorstellungen einer militärischen Nutzung der neuen Transportmittel und die Gründung zahlreicher Gesellschaften zur Förderung der Luftfahrt rege Unterstützung fand.
Im Sommer des gleichen Jahres 1911 arrangierte die Flugtechnische Vereinigung ein weiteres Schau-Fliegen, um Bochum “in die Reihe der flugfreundlichen Städte zu bringen“, wie die Presse es ausdrückte. Mehrere Piloten und drei Flugmaschinen wurden verpflichtet. Der Bau weiterer Schuppen wurde angekündigt, um Möglichkeiten zu schaffen, das Harpener Flugfeld als Etappenstation für Überlandflüge zu etablieren. Die Vergrößerung und Modernisierung der Anlage war dringend geboten, denn die Nachbarstädte schliefen nicht.
Dieser für den 23. Juli 1911 angesetzte Flugtag bescherte der Flugtechnischen Vereinigung eine Kette von Pannen und brachte schließlich auch die sonst so friedsame Bochumer Volksseele zum Kochen . Zuvor waren den Zuschauern über die Zeitung noch zahlreiche Ermahnungen zuteil geworden: Bei einem Unglücksfall möge das Publikum ruhig auf seinem Platz bleiben. Auch die besten Piloten könnten, so hieß es, durch Einflüsse des Wetters zu plötzlichen Landungen gezwungen sein: Die Zuschauer müssen ständig auf der Hut sein, solange auch nur ein einziges Flugzeug im Fluge ist . Vergleichsweise beruhigend der Hinweis: “Den Fliegern ist anempfohlen, vor dem Landen Sirenensignale abzugeben“. Gelegentlich habe sich hier und da, so der Schluss der Erläuterungen, ein ungeduldiges Publikum zu Ausschreitungen hinreißen lassen und den Piloten zum Aufsteigen gezwungen. Dies habe zu Unfällen, auch tödlichen, geführt.
Zum Flugtag auf Gummerts Weide im Juli war nur der Benjamin der deutschen Flieger, Bruno Werntgen, erschienen. Alle anderen Piloten blieben der Veranstaltung fern. Herr Kahnt hatte es vorgezogen, an einem Schaufliegen in Gießen teilzunehmen. Die Herren Wertheim und Dr. Hoos waren aus unbekannten Gründen nicht erschienen. Herr Berliner war auf dem Flugplatz in Bork abgestürzt und das Fluggerät des Düsseldorfer Flugzeugklubs konnte wegen seines schwachen Fahrgestells auf dem unebnen Bochumer Flugplatz nicht landen.
Die Wetterverhältnisse an diesem Nachmittag waren zur angesetzten Zeit, um fünf Uhr, noch halbwegs erträglich gewesen. Bruno Werntgen allerdings weilte zu dieser Stunde in seinem Hotel in der Stadt, offensichtlich hingehalten von seinem Manager , Herrn Philipp, der auf eine Wetterbesserung gegen Abend hoffte. Die Abendstunden aber bescherten verstärkte Gewitterböen. Tapfer kämpften die Mannen des Kapellmeisters Verrow gegen die Unbilden des Wetters und das aufkommende Publikumsmurren an. Gegen 6 Uhr 30 wurde ein Schild herumgetragen, dass der Pilot unterwegs sei . Als man ihn endlich sichtete, wurde zwar der Hangar geöffnet, aber der Aeroplan blieb im Etui . Bruno Werntgen machte keine Anstalten, einen Aufstieg zu riskieren, schlimmer noch, ihn schien das wartende Publikum mitnichten zu interessieren. Um kurz vor acht Uhr wurde ein weiteres Schild herumgetragen. Auf ihm stand zu lesen, dass das Fliegen auf Montag Abend sieben Uhr verschoben sei. Der nun ausbrechende Tumult konnte von der massenhaft vertretenen Polizei und Gendarmerie nur mühsam unter Kontrolle gebracht werden.
Am folgenden Montag wurde das Schau-Fliegen bei deutlich verringertem Zuspruch dann doch zu einem guten Ende gebracht. Mit drei wohlgelungenen Flügen von je fünf bis sechs Minuten Dauer versöhnte der achtzehnjährige Pilot, der stets von seiner Mutter begleitet wurde, das Publikum. “Schön und elegant“ habe sich der Dornier-Eindecker in die Lüfte erhoben und “weite Kurven“ beschrieben. Die Passagierflüge mochte Werntgen wegen der böigen Winde nicht ausführen. An Interessenten hatte es nicht gefehlt. War die bisherige Berichterstattung der Zeitungen in der Tendenz auch wohlwollend gewesen, so waren kritische Untertöne doch nicht zu überhören. Der gute Wille und die wackere Initiative der Flugtechnischen Vereinigung wurden stets hervorgehoben, doch manche halbflügge Anstrengung , so hieß es, bedürfe doch mehr der Professionalität. Wenn man an den Ausbau des Flugstandorts Bochum ernstlich denke, sei die Einbindung der Stadtspitze und des Verkehrsvereins dringend geboten. Die Etablierung der Flughäfen von Wanne-Herten und Gelsenkirchen-Rotthausen sei weit fortgeschritten. Überdies hätten die Einnahmen des letzten Flugtages den Erwartungen nicht entsprochen und nach Auszahlung des Piloten Werntgen seien der Flugtechnischen Vereinigung nichts als Verpflichtungen geblieben.
Für das dritte Bochumer Schaufliegen auf Gummerts Weide am 28. April 1912 waren zwei Piloten verpflichtet, denen das besondere Interesse des Publikums galt. Die geborenen Bochumer Fritz Clauberg und Rudolf Bosenius hatten erst am 4. April nach mehrmonatlichem Studium die Pilotenprüfung gemeinsam bestanden. Auch diesem, auf vier Uhr nachmittags angesetzten, Fliegen war ideales Wetter nicht beschieden. Um die Geduld der Zuschauer mühten sich Kapelle, Flughafen-Restauration und der Organisator der Veranstaltung, Herr Natannsen vom Variéte Wintergarten", nach Kräften. Gegen sechs Uhr zog Fritz Clauberg seinen Grade-Eindecker, eine “entzückende grazile Libelle“, aus dem Schuppen. Mehr als 30 Minuten versuchte er, die 26-PS-Maschine in Gang zu bringen, teils liebevoll und teils energisch . Am Ende erhob sich der Vogel, schwebte mit wunderbarer Eleganz in weitem Bogen über dem Fluggelände; doch gelang es Clauberg nicht, den Kreis zu schließen. Ein starker Gegenwind trieb ihn in Richtung Stadtpark, wo erfreute Spaziergänger die Hälse reckten, und dann nach Hamme. An der Berggate versagte der Motor und Clauberg landete im Gleitflug auf einem Ackerfeld. Erst spät in der Nacht konnte das abmontierte, aber unbeschädigte Gerät zum Flugplatz zurückgefahren werden. Rudolf Bosenius, der einige Tage zuvor einen Absturz in Quakenbrück unverletzt überstanden hatte, startete um 7 Uhr 30 seinen Grade-Rennflieger. Er stieg auf die Höhe von 50 Metern, umkreiste bei jetzt völliger Windstille mehrmals das Harpener Flugfeld, vom Publikum mit Beifall beklatscht .
Der erste Weltkrieg, die Beschränkungen des Versailler Vertrages und die Ruhrbesetzung 1923-1925 verhinderten zunächst ein Anknüpfen an die Flugtage der Vorkriegszeit. Technik und fliegerisches Können hatten sich in den 14 Jahren seit dem letzten Bochumer Schau-Fliegen enorm entwickelt. Der Bund deutscher Flieger richtete im März und August 1926 zwei Großflugtage auf dem Havkenscheider Feld aus. Zu Fuß, per Straßenbahn oder mit anderen Verkehrsmitteln strömten am 28. März Tausende zum neuen Fluggelände in Altenbochum, wo ab drei Uhr nachmittags ein Aufgebot großartiger Kunstflug-Piloten und Fallschirmspringer die Zuschauer begeisterte. Viele nutzten die zahlreich angebotenen Rundflüge, die, anders als in früheren Jahren, nicht nur den Startplatz umkreisten, sondern über die Innenstadt hinweg bis hinaus nach Weitmar führten. “Die Sicherheitsriemen um den Körper gespannt“, erlebten auch die Presseleute - vermutlich kostenlos - “das goldendurchwebte Abendrot in märchenhafter Pracht. Von sich auftürmenden Horizonten, die sich in der Erde festzubeißen“ schienen, war anderntags am Frühstückstisch zu lesen. In die streng lyrischen Passagen waren auch nachdenkliche Wendungen eingeflochten: “Nur unter uns ist es so wahnsinnig tief“.
Der Bochumer Großflugtag auf dem Havkenscheider Feld am 8. August 1926 wurde von dem Kunstflieger Paul W. Bäumer organisiert, dem ein glänzender Ruf vorausging. Im Weltkrieg als Mitglied der Jagdstaffel Boelcke mit dem Pour le merite ausgezeichnet, widmete Bäumer sich jetzt der Verkehrsfliegerei, dem Nachwuchs und dem Flugzeugbau. Er brachte die in seiner Fliegerschule ausgebildete erste deutsche Kunstfliegerin Thea Rasche mit. Pünktlich um drei Uhr begann die Veranstaltung mit einem Begrüßungsflug, dem Kunstflüge und das beliebte Ballonrammen folgten, bei dem Bündel bunter Luftballons von den Flugzeugen verfolgt und aufgespießt wurden. Nach der Pause folgten die Kunstflüge Bäumers, der mit Loopings, Rollings und scheinbaren Abstürzen die Zuschauer begeisterte und zuletzt aus großer Höhe mit abgestelltem Motor und in weitem Bogen wie ein Segelflieger niederging. Thea Rasche, erst seit zehn Monaten im Besitz des Flugscheins und die kühne Tochter Westfalens genannt, war die Sensation des Tages. Die bildhübsche, wettergebräunte junge Dame in schmucker Lederkombination schraubte ihre Udet-Flamingo D 764 in große Höhen, um dann blitzschnell zu fallen und dicht über dem Erdboden dahinzurasen. Den Abschluss der Veranstaltung bildeten wieder die Passagierflüge. Über die Eintrittspreise in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten erfahren wir, dass die Karten im Vorverkauf zu halben Preisen zu haben waren: “Für Erwerbslose und Sozialrentner ist ganz erhebliche Preisermäßigung erfolgt, doch sind solche Karten nur im Vorverkauf am Arbeitsamt und am Wohlfahrtsamt erhältlich“.
Am 16. Juni 1927, einem Fronleichnamstag, wurde der zweimal verschobene 3. Bochumer Flugtag auf den Feldern Havkenscheids durchgeführt. Ausrichter der Veranstaltung war der Niederrheinische Verein für Luftschiffahrt, dessen Vorsitzender Dr. Otto Scholl das Ganze glänzend organisiert hatte. Um 5 Uhr 30 begann ein reichhaltiges dreistündiges Programm. Das Angebot reichte vom Focke-Wulf- und Dornier-Verkehrsflugzeug bis zur ganz aus Espenholz gefertigten Sportmaschine der Espenlaub-Flug-Gesellschaft in Düsseldorf. Das sechs bis sieben Liter verbrauchende und mit einem 30-PS-Motor ausgestattete Gerät erreichte mit seinem Piloten Mejo eine Geschwindigkeit von 110 km/h und eine Höhe von 3.000 Metern. Zum Abschluss der Veranstaltung bestieg die achtzehnjährige Ballonführerin Margarete Baumgart einen 2.000 Kubikmeter fassenden Montgolfiere-Warm-luftballon. Die Berichte über den Flugtag schließen mit der Mahnung an die Stadtverwaltung, Bochum doch endlich einen angemessenen Flughafen zu sichern.
1928 brachte der Bochumer Anzeiger die Zeichnung des im Grenzbereich von Gerthe und Harpen fast fertiggestellten Riesenhangars des neuen Flugplatzes Mittleres Industriegebiet. Das seit längerem diskutierte und für die Region als dringlich erachtete Projekt, wurde von den Nachbarstädten befürwortet und vom Ruhrsiedlungsverband gefördert. Die Gelsenkirchener und Wanne-Hertener Flugplätze waren zum einen der Industrie und zum anderen den Nebeln des Emscherbruchs zum Opfer gefallen. Ein April-Scherz der Zeitung - dort wurde der Bau eines Hangars angekündigt, der jedoch auch später nicht ausgeführt wurde - konnte das im übrigen ernsthaft verhandelte Projekt freilich auch nicht voranbringen. Letztendlich scheiterte der anspruchsvolle Plan.
Die Rheinische Luftfahrzeug-Industrie, geleitet von dem Piloten Antonius Raab, richtete am 7. September 1930 auf einem neuen Gelände an der Zeche Prinz Regent in Weitmar einen Flugtag aus, der bei strömendem Regen nur 1.500 zahlende Zuschauer anlockte aber acht- bis zehntausend Zaungäste. Es spricht für die Flugbegeisterung der Bochumer, dass das Programm trotz widriger Umstände ohne Abstriche durchgeführt werden konnte. Besonders die Kunstflüge bekannter Piloten, darunter die jugendliche Luise Hoffman aus Bochum-Werne, entlockten dem wetterfesten Publikum immer wieder spontanen Beifall. Geschwaderflüge, Postsackabwürfe, Ballonrammen und ein Fallschirmabsprung aus 500 Metern Höhe begeisterten die Anwesenden.
"Volk flieg du wieder, und du wirst Sieger durch dich selbst". Mit großem Propaganda-Getöse wurde am 30. August 1936 auf dem Gelände an der Zeche Prinz Regent, in weitem Rund von SA-Männern umstellt , ein neuer Großflugtag aufgezogen. Der Deutsche Luftsport-Verband, 1933 durch die Gleichschaltung aller fliegerischen Vereine entstanden, arrangierte die Veranstaltung zusammen mit der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude. Ein grosses vielfältiges Programm lockte nach Presseangaben an die 80.000 Menschen auf das Flugfeld. Nach dem Verbandsfliegen, dem Segelflug und anderen Disziplinen begeisterte die Fallschirmspringerin Irma Brumann, das “braungebrannte Bayernmädel“. Viele Wittener waren angereist, um ihren Kunstflugmeister Willi Stör, den König der Lüfte , zu erleben, der in seiner neuen blauschimmernden Messerschmitt-Maschine die schwierigsten Übungen darbot. Allgegenwärtig selbstredend die Oberen der Partei, die lautstark von Deutschlands Luftgeltung und der Notwendigkeit einer starken und einsatzbereiten deutschen Luftwaffe schwadronierten. Der zivile Flugsport, der so früh in Bochum eine Heimat gefunden hatte, nahm eine andere Richtung. Den aufmerksameren Volksgenossen mochten die aufschlagenden Flammen nach dem Bombenangriff auf ein Pappdorf wohl zeigen, wohin die Reise ging.
Es waren noch friedliche Zeiten, als am 18. August 1912 um fünf Minuten nach drei Uhr ein neumodischer Flugapparat auf dem Spielplatz des Schrebergartens Ehrenfeld an der späteren Ostermannstraße niederging. Menschen und Gartenfrüchte blieben gänzlich unversehrt. Der hinzueilende Gesetzeshüter konstatierte nach Prüfung der Personalien des Piloten, es handele sich um den französischen Aviatiker Audemars, der sich auf dem Überlandflug Paris-Berlin befinde. Der Presse berichtete der Pilot, dass er auf der Suche nach dem Flugplatz Wanne über dem Industriegebiet die Orientierung verloren habe und seinen Morane-Saulnier-Ein-decker auf der 80 mal 80 Meter großen Freifläche zwischen Wald und Bahngleis habe notlanden müssen. Vor dem Weiterflug nach Wanne versicherte der Flieger, er sei in Bochum sehr höflich und liebenswürdig behandelt worden zwischen Erbfeinden vielleicht nicht selbstverständlich. Ob der Gendarm die Nationalität des Piloten falsch eingeschätzt hatte, kann nicht mehr geklärt werden. Jedenfalls lesen wir, dass Edmond Audemars schweizer Staatsbürger war und ein berühmter Flugpionier dazu. Gerade über diesen Fernflug Paris-Berlin, der unfreiwillig auch Bochum berührte, wird anerkennend berichtet. Und wir erfahren auch, dass Audemars in Döberitz, das er für Berlin-Johannisthal gehalten hatte, zwischenlandete und zuvor noch in Wanne bei Bochum . Von der Landung in einem Bochumer Schrebergarten lesen wir nichts.

Motorflugtage in Bochum
(Termine, Flugfeld, Veranstalter, Piloten)

Sonntag, 12.2.1911
Gummerts Weide. Flugtechnische Vereinigung Bochum. Simon Brunnhuber

Montag, 24.7.1911 (abgebrochen am 23.7.)
Gummerts Weide. Flugtechnische Vereinigung Bochum. Bruno Werntgen

Sonntag, 28.4.1912
Gummerts Weide. Vermutlich Flugtechnische Vereinigung Bochum. Fritz Clauberg, Rudolf Bosenius

Sonntag, 28.3.1926
Havkenscheider Feld. Bund Deutscher Flieger Bochum. Tilling, Erler, Auffahrt, Hänischen, Kleineberg (Fallschirmpilot)

Sonntag, 8.8.1926
Havkenscheider Feld. Bund Deutscher Flieger Bochum. Paul W. Bäumer, Thea Rasche, Bohne, Jonas, Tilling, Auffahrt, Erler, Begemann

Donnerstag, 16.6.1927 (ausgefallen am 22.5. und 5.6.)
Havkenscheider Feld. Niederrheinischer Verein für Luftschiffahrt Bochum. Tilling, Seelbach, Mejo, Eisner, Margarete Baumgart (Ballon- und Fallschirmpilotin), Coppenrath (Fallschirmpilot)

Sonntag, 7.9.1930
Zeche Prinz Regent. Rheinische Luftfahrzeug-Industrie Krefeld. Antonius , Luise Hoffmann, Seelbach, Sondermann, Schiller, Heinz Pröpper jr. (Fallschirmpilot)

Sonntag, 3.8.1936
Zeche Prinz Regent. Deutscher Luftsport-Verband und NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude. Willi Stör, Fritsch, Irma Brumann u. Cläre Lange (Fallschirmpilotinnen)
(Samstag, 22.8.1959, Havkenscheider Feld)