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Das Kaufhaus Kortum und die Kunst

Hans H. Hanke

Ignatius Geitels Cafeteria-Fenster von 1954

Die sechs kostbaren und beliebten Buntglasscheiben aus der ehemaligen Cafeteria im Kaufhaus Kortum sind größtenteils schwer beschädigt, einige sind zerstört. Die Staatsanwaltschaft Bochum und die Stadt Bochum sind im Juni 1999 von der Kortum-Gesellschaft und Frau Inge Diergard gebeten worden, diese Tatsache strafrechtlich zu prüfen. Als erster Erfolg der Aktion sind die beschädigten Scheiben aufgefunden und mittlerweile im Stadtarchiv Bochum eingelagert worden.

1954/55 waren die farbenfrohen Scheiben vom bekannten Künstler Ignatius Geitel für das Kaufhaus in einer seltenen Klebeglastechnik ausgeführt worden. Ihr hoher künstlerischer Wert ist unbestritten. dementsprechend waren sie in der Denkmalliste der Stadt Bochum besonders benannt worden. 1997/98 wurde das Kaufhaus Kortum durchgreifend umgebaut. Dem damaligen Eigentümer und heutigen Verwalter, der Kölner Immobilien Gesellschaft „Areal", war die besonders pflegliche Behandlung gerade dieser Kunstwerke von der Unteren Denkmalbehörde auferlegt worden. Die Untere Denkmalbehörde unterstützte darum auch unsere Bemühungen, die Werke zu finden und zu sichern, mit großem Nachdruck.

Die aus bunten Mosaikscheiben zusammengesetzten Motive der sechs Scheiben waren: fünf fliegende Gänse, drei fliegende Kraniche, ein Pfau mit aufgeschlagenem Rad, ein Papageienbaum, zwei Reiher oder Pfauen sowie eine Unterwasserwelt mit Fischen. Die großflächigen Motive aus Pflanzen- und Tierwelt waren aus kleinen nebeneinander und übereinander geklebten, mundgeblasenen Glasplättchen zusammengesetzt und auf hinterleuchteten Milchglasscheiben angebracht. Jedes Bild nahm in etwa die Fläche einer Schaufensterscheibe ein und war - vielleicht aus technischen Gründen - in eine sehr große und eine schmale Milchglasscheibe unterteilt. Die Technik, in der die Scheiben komponiert wurden, ist außergewöhnlich und extrem selten in der gesamten deutschen Glasbildnerei. Die Leuchtkraft und Lebendigkeit der Motive machte die zeittypischen Darstellungen zu individuellen Kunstwerken.

Ignatius Geitel (1913-1985) wirkte seit den 1920er Jahren als Künstler. Er gehörte in der Zeit des Nationalsozialismus zu den nicht konformen Künstlern, die kaum Gelegenheit hatten, tätig zu werden. Seine wichtigen Arbeiten der dreißiger Jahre entstanden im kirchlichen Raum. Kriegsteilnahme und Kriegsgefangenschaft hinderten Geitel bis 1949 an weiterer Arbeit, die er dann aber mit großem Einsatz wieder aufnahm. Er gehörte 1952 zu den Gründern der Künstlergruppe „Hellweg", die im Sinne einer Werkgemeinschaft Kunst im öffentlichen Raum ins Gespräch bringen wollte. Geitels Werke sind in prominenten öffentlichen Bauten Bochums vertreten. Große Glasfenster schuf er in den Stadtwerken Bochum und der heutigen Heinrich-Böll-Gesamtschule. Von Geitel stammt das hohe Keramikrelief zur Industrie an den Berufsschulen neben dem Hauptbahnhof, sein Mosaik „Niobe" ist das zentrale Mahnmal der Stadt Bochum am Freigrafendamm.

Die Kortum-Gesellschaft Bochum und Ignatius Geitels Nachlassverwalterin Inge Diergardt recherchierten ein Jahr nach dem Verbleib der Scheiben. Es stellt sich heraus, dass die Scheiben während des Umbaus ohne Genehmigung und ohne denkmalgerechte Betreuung ausgebaut worden waren. Fragen nach den Scheiben wurden von der Gesellschaft Areal und auch vom Planungsbüro Spannel nachdrücklich und über lange Zeit mit der Auskunft erwidert, es sei ein teures Bonner Spezialunternehmen mit dem sorgfältigen Transport, der Einlagerung und späteren Rückführung der Kunstwerke beauftragt worden. Erst im vorigen Mai kam es dann zu einem Besichtigungstermin der eingelagerten Scheiben. Dabei stellte sich heraus, dass nur noch drei Scheiben zum großen Teil, eine Scheibe als unkenntliches Bruchstück und zwei Scheiben überhaupt nicht mehr vorhanden waren - der Papageienbaum fand sich später in recht guten Zustand wieder, er war lange Zeit in der Cafeteria vermauert gewesen. Die Bonner Glaserei war auch kein von Areal ausgewähltes Spezialunternehmen, sondern nach ihrer eigenen Schilderung als am Bau tätige Bauglaserei beauftragt worden, in aller Eile die Scheiben von einem Tag auf den anderen zu entfernen. Auf den künstlerischen Wert war die Glaserei nach eigenen Angaben weder von der Eigentümerin „Areal" noch sonst jemanden hingewiesen worden. Die Scheiben gingen beim ungeschützten Ausbau und Transport auf offenen LKW erst nach Bonn, dann nach Siegburg zu Bruch oder verloren zahlreiche Bestandteile. Nach Abrechnung aller Bauglaser-Arbeiten erhielt die Firma schließlich die Auskunft, alle sichergestellten Scheiben könnten vernichtet werden. Nur durch Zufall und ausschließlich durch unsere Recherchen sind die vorhandenen Reste der Entsorgung entgangen.

Die Schäden an den Kunstwerken sind schwerwiegend: Ein Bild aus der zusammenhängenden Gruppe ist vollkommen zerstört. Bei den anderen Motiven fehlt weitgehend die kleinere der beiden Trägerscheiben mitsamt den darauf montierten Mosaikteilen. Etliche Flügelspitzen, Schnäbel und Blätter sind aus den Darstellungen verschwunden, die runde Kontur der Motive ist deutlich gestört. Die verbliebenen Segmente haben zahllose Mosaikteile verloren, so dass die originale Farbwirkung abhanden gekommen ist. Dort, wo die obersten Mosaikplättchen abgefallen sind, fehlt nun die glänzende Oberfläche, es sind stockfleckige Klebereste zu sehen. Aus der Entfernung und auch auf aktuellen Fotos ergibt sich insgesamt zwar noch ein wirkungsvoller Effekt, der aber schon aus einigen Metern Entfernung von der entstellenden Wirkung der Schäden abgelöst wird. Nur eine aufwendige Restaurierung kann die meisterliche Wirkung des Werkes wieder herstellen. Immerhin erscheint eine solche Restaurierung und Rekonstruktion möglich. Die Kosten schätze ich hier ohne Gewähr auf circa 100.000 DM, basierend auf 400 Arbeitsstunden zu 200 DM (= 1 Fachkraft für 10 Wochen) plus Material- und Transportkosten.

So gelungen auch die äußere Gestaltung des Kaufhauses ist, die Vernichtung der Geitel-Kunstwerke ist die skandalöse Spitze des denkmalpflegerisch und architektonisch misslungenen inneren Ausbaus des Gebäudes. Für die Mutmaßung, dass hier durch den Investor die Belange des Denkmalschutzes gegenüber eigenen Interessen zurückgestellt wurden, sprechen die begleitenden Umstände des Gesamtumbaus des Hauses, wo ähnliche Tendenzen spürbar gewesen zu sein scheinen. So sollen nach unseren Informationen im Kaufhaus Wände gegen den Willen der Denkmalbehörden gezogen worden sein. Auf großen Druck der „Areal" musste das letzte westdeutsche Kaufhaus mit Lichthöfen auf einen dieser Lichthöfe ganz verzichten, der andere wurde mit einer doppelläufigen Rolltreppe versehen, die bei weitem nicht so „transparent" ist, wie die Architekten behaupten. Die ihrer originellen Glasfliesen beraubte Haupttreppe fristet jetzt ein Nischendasein, der gesamte Innenbereich des Hauses ist zur „Abstellkammer" verkommen. Die ebenfalls denkmalwerte Cafeteria wurde ähnlich wie die Geitel-Scheiben ohne Zusammenwirken mit den zuständigen Behörden ausgebaut, über den Verbleib ist bisher keine Information zu bekommen. Dass die Architekten erst nach Abschluss aller Arbeiten bemerkten, dass sie ein Treppenhaus vergessen hatten ,spricht ebenfalls nicht für ein sorgsames Durchdenken der Bauaufgabe. Nach dem Denkmalschutzgesetz (§ 41) können für die unerlaubte Beseitigung eines Denkmals Geldbußen bis zu 1 Million DM festgesetzt werden. Nach dem Strafgesetzbuch (§ 304) kann mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafen bestraft werden, wer Gegenstände der Kunst beschädigt oder zerstört. Ordnungswidrig handelt im übrigen auch, wer entgegen seiner Kenntnis eine Anzeige solcher Verstöße nicht erstattet. Dieser Pflicht sind wir nachgekommen. Die Untersuchungen dauern an.

Literatur

Eberhard Grunsky, Beispiele früher Waren- und Kaufhausbauten im Ruhrgebiet und ihre großen Vorbilder, in Westfalen, Bd. 72, 1994, S. 406-488; Jan Gerdemann, Ein Warenhauskonzern im Ruhrgebiet. Das „Kaufhaus Alsberg/Kortum" in Bochum, Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung Dortmund, Bochum 1999.