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Kulturstadt Bochum vor hundert Jahren

Clemens Kreuzer

Bochum sieht sich im ausgehenden 20 Jahrhundert als „Kulturstadt". Daraus ergibt sich in kulturgeschichtlicher Retrospektive die Frage, wie das hiesige Kulturangebot denn hundert Jahre zuvor - am Ende des 19. Jahrhunderts - aussah. Was war damals schon da von der heutigen „Kulturstadt"? Dieser Frage soll mit Hilfe der Berichterstattung des „Märkischen Sprecher", der namhaften Bochumer Lokalzeitung dieser Zeit, nachgegangen werden. Der Verfasser hat die Monate Mai bis Dezember des Jahrgangs 1899 systematisch auf die enthaltene Kulturberichterstattung durchgesehen und zum Ausgangspunkt weiterer Nachforschungen gemacht.(1)

Der Jahrhundertwechsel vor 100 Jahren

Als Jahrhundertwechsel galt offenkundig auch im damaligen öffentlichen Bewusstsein der Übergang von Sylvester 1899 auf den Neujahrstag 1900 und nicht erst die Jahreswende 1900/1901. Jedenfalls schreibt der Märkische Sprecher am 30. Dezember 1899: „ (...) wenn die Sylvester-Glocken erkingen, dann läuten sie mit dem neuen Jahr ein neues Jahrhundert ein", und in seiner ersten Ausgabe des Jahres 1900 (MS 2.1.1900) berichtet er über die „Jahrhundertfeiern". Die ganze Titelseite nimmt neben einem „Glück Auf zur Jahrhundertwende" die im Wortlaut wiedergegebene „Ansprache Sr. Majestät des Kaisers und Königs an die Offiziere der Garnison Berlin bei der Jahrhundertfeier im Jahre 1900" ein. Im Lokalteil wird kürzer über den örtlichen Jahrhundertwechsel berichtet: „Die Jahrhundertfeier ist in Stadt und Land festlich begangen worden. In Bochum begannen mit dem Schlage 12 von den Thürmen der Kirchen sämmtliche Glocken zu läuten. Auf dem Rundgang der Christuskirche hatte sich die städtische Kapelle eingefunden, die von dort mehrere Choräle blies. In den Straßen herrschte ein fröhliches Treiben (...)."

Ein städtisches philharmonisches Orchester

Was es an Veranstaltungen zum Jahreswechsel 1899/1900 gab, ist der am 30.12.1899 erschienenen Jahresschlussausgabe des Märkischen Sprecher (Sylvester fiel damals auf einen Sonntag) zu entnehmen. Das Stadttheater bot an Sylvester 1899 in einer Nachmittagsaufführung Friedrich Schillers „Maria Stuart" und abends gemeinsam mit „vollem Orchester der Stadtkapelle" ein „Festspiel in 1 Aufz. v. Agnes Conradi" mit dem Titel „Zum neuen Jahrhundert". Was sich hinter diesem „Festspiel" verbarg, hat die Zeitung weder vor noch nach der Veranstaltung berichtet. Es handelte sich wahrscheinlich um eine musikalische Revue, denn Agnes Conradi, die in der Ankündigung genannt wird, war die Ehefrau und tatkräftige Fachgehilfin des für die Wintersaison 1899/1900 mit seiner Schauspieltruppe an das Stadttheater verpflichteten Theaterdirektors Paul Conradi und auch später wieder Hauptfigur in einem „Schauspiel mit Gesang" (MS 10.2.1900). Ihrem Festspiel schloss sich die als „grosse Posse mit Gesang" avisierte Aufführung des „Lumpaci Vagabundus" von Nestroy an.

In der Tonhalle, einem Gasthaus mit großem Theatersaal im Bereich der heutigen „Drehscheibe", gastierte bereits seit den Vorweihnachtstagen das „Plattkölnische Volkstheater" des Wilhelm Josef Millowitsch, Großvater des erst kürzlich verstorbenen Kölner Theateroriginals Willy Millowitsch(2). In der Nachmittagsvorstellung des Sylvestertages brachte es eine - so die Ankündigung - „urkomische Operette" mit dem Titel „Der Mikado oder Kölsche Japanese". Abends folgte eine „Volksposse", die nicht weniger kölnisch gefärbt war: „Der Tünnes und der Teufel". Am Neujahrstag bot das Millowitsch-Theater nachmittags eine „grosse Posse", die zum Zeitpunkt passte: „Ein Abenteuer in der Neujahrsnacht". Abends folgte das Musikspiel „Drei Tage aus dem Kölner Leben", ein „Kölner Lebensbild mit Gesang von W. Millowitsch".

Auch das Stadttheater lag am Neujahrstag ganz auf der Linie der leichten Muse. Nachmittags wurde „Im weißen Rössl" gegeben, angekündigt als Lustspiel mit musikalischer Begleitung des städtischen Orchesters. Die gleichnamige Operette ist erst später entstanden. Abends folgte eine „grosse Operetten-Posse" mit dem Titel „500 000 Teufel", wiederum mit „vollem Orchester". Es hat sich aber diesmal wohl nicht um das örtliche gehandelt, denn das philharmonische Orchester der Stadt unter Musikdirektor Heinrich Hammer gab am Abend des Neujahrstages ein „grosses Konzert" im Hotel „Viktoria" an der Alleestraße. Bleibt zum musikalischen Angebot des Jahreswechsels noch zu ergänzen, daß das Restaurant Eldorado an der Wiemelhauser Straße an beiden Tagen zu einem „Monstre-Concert" einlud.

Dass beim Jahreswechsel 1899/1900 bereits ein „Stadttheater" und ein städtisches „philharmonisches Orchester" existierten, überrascht den heutigen Zeitgenossen. Wurde nicht vor wenigen Jahren erst das 75jährige Bestehen des Schauspielhauses und der Symphoniker gefeiert, als Schöpfungen des 20. Jahrhunderts? Wer, nunmehr neugierig geworden, den Märkischen Sprecher des Jahres 1899 durchsieht, trifft bereits auf ein Stadttheater, ein städtisches Orchester und darüber hinaus auf ein erstaunlich reichhaltiges Kulturleben. Städtische Festredner der Gegenwart sollten vorsichtig sein, wenn sie in der heutigen Stadtkultur nur Aufbauleistungen des 20. Jahrhunderts feiern. Gewiss ist in diesen hundert Jahren manches hinzugekommen und vieles wesentlich professioneller geworden, doch was Bochum scheinbar erst im jüngsten Jahrhundert an kultureller Substanz geschaffen hat, ist in großen Teilen nichts völlig Neues, sondern Weiterentwicklung und Ergänzung eines am Ende des 19. Jahrhunderts bereits vorhandenen Angebots.

Was die Ausgaben des Märkischen Sprecher - schon dem Umfang nach nur ein Bruchteil heutiger Zeitungen - an kultureller Berichterstattung brachten, versteckte sich zumeist zwischen einer langen Ansammlung von Kurznachrichten unter der Überschrift „Lokales und Provinzielles". Lokale Kulturberichte, die in ihrem Umfang über diese Kurznachrichten hinausgehen, kamen nur sporadisch vor. Einen besonderen Kulturteil gab es weder im lokalen, noch im überregionalen Teil des Blattes. Der in unregelmäßigen Abständen, insbesondere in den umfangreicheren Wochenendausgaben, unter der Bezeichnung „Feuilleton" oder „Kleines Feuilleton" publizierte Teil der Zeitungen enthielt im wesentlichen die Fortsetzungen eines Romanabdrucks oder Kurzgeschichten und nur selten und dann in ganz geringem Umfange ein wenig Kulturberichterstattung.

Eine hilfreiche Informationsquelle über das kulturelle Geschehen ist neben der redaktionellen Berichterstattung der Inseratenteil, denn keine Veranstaltung, die auf einige öffentliche Resonanz zielte, kam ohne grafisch und typographisch auffällig gestaltete Anzeigen aus: So finden sich über Theateraufführungen und Konzerte, Bilderausstellungen und Vortragsveranstaltungen, sobald sie von einigem Rang waren bzw. diesen für sich beanspruchten, vergleichsweise auffällige Anzeigen. Doch diese informieren zwar über das Ereignis, sagen aber zumeist nur wenig über dessen Seriosität und Qualität.

Trotz der dargestellten Einschränkungen erweist sich der Märkische Sprecher bei der Auswertung seiner Text- und Anzeigenseiten als brauchbare Quelle über das Bochumer Kulturleben des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die mindestens Anlässe und Stichworte zum Weiterforschen liefert.

Im Bochumer Musikleben des ausgehenden 19. Jahrhunderts war das städtische philharmonische Orchester sowohl der Qualität als auch der Breite und Intensität seines Angebots nach von besonderer Bedeutung. Bochums damalige Philharmoniker waren ein erstaunlich fleißiges Orchester. Es präsentierte sich allein an den beiden Pfingstfeiertagen des Jahres 1899 mit acht verschiedenen Konzerten (MS 3.5.), und auch die Absichten zum Winterhalbjahr 1899/1900 belegen ein starkes Engagement:

Im Spätsommer kündigte der Märkische Sprecher das erste von zehn im Winterhalbjahr 1899/1900 geplanten Symphoniekonzerten an (MS 2.9.). Darüber hinaus wollte das Orchester an jedem Freitag- und Sonntagabend mit Familienkonzerten und jeden Sonntagmorgen mit einem Frühkonzert bei freiem Eintritt im großen Saal des Viktoria-Hotels an der Alleestraße aufspielen (MS 21.9.). Schließlich bot es neben diesen Konzertreihen in regelmäßigen Abständen „grosse Concerte" an, die im Stadtpark-Restaurant oder im Viktoria, im Sommer auch als Freiluft-Konzerte im Stadtpark oder im Viktoria-Garten stattfanden.

Hinzu kamen musikalische Auftritte der unterschiedlichsten Art. Als Ende Mai 1899 ein Operetten-Ensemble anreiste, um „Die Geisha" von Sidney Jones mit „50 Sängern und Sängerinnen" sowie „mit glänzender Ausstattung an Decoration, Requisiten, Möbeln" (MS 27.5.) aufzuführen, oblag dem philharmonischen Orchester „der instrumentale Theil der Aufführung" (MS 1.6.). Dasselbe war im Herbst bei den Aufführungen des „Sommernachtstraum" (MS 10.11.) und verschiedener Operetten im Stadttheater der Fall. Im Juni bestritt es gemeinsam mit dem preisgekrönten Männergesangverein (MGV) „Iduna" aus Bärendorf ein „Doppel-Monstre-Concert" in der Engelsburg, das durch ein „prachtvolles Feuerwerk" abgeschlossen wurde (MS 12.6.). Die Philharmoniker erschienen in der Reihe der „Vereinshauskonzerte" ebenso wie in der Abonnementreihe des Musikvereins, sie wirkten mit beim Sommerfest des Gesangvereins „Liedertafel-Schubertbund", und als der Landwehr- und Kriegerverein sein Sommerfest traditionsgemäß mit einem Festzug begann, marschierte ebenfalls traditionsgemäß die städtische Kapelle an der Spitze mit (MS 24.7.).

Mit solchen Traditionen machte Orchesterchef Heinrich Hammer aber Schluss. Dass sein Orchester wie ein dörflicher Spielmannszug die Festzüge der örtlichen Vereine anführte, mochte den Intentionen der kleinstädtischen Gründer von 1870 entsprochen haben. Doch er war dabei, „die obligatorischen Marsch- und Standmusiken zugunsten anspruchsvoller symphonischer Konzerte" abzuschaffen(3) und aus der vormaligen „Städtischen Kapelle" nicht nur dem Namen nach ein „philharmonisches Orchester" zu machen.

Heinrich Hammer, der die Leitung der städtischen Kapelle 1898 übernommen hatte, war ein hoch qualifizierter und international erfahrener Orchester-Chef, der nach seinem Musikstudium in Deutschland und Italien als Orchesterleiter in Stockholm, Den Haag, Paris und Amsterdam tätig gewesen war, bevor er nach Bochum kam. Dass er schon 1901 als Musikdirektor nach Lausanne berufen wurde und darauf nach Genf wechselte, wo er die Grundlagen zu dem später weltberühmten Orchestre de la Suisse Romande schuf, und dass er 1904 nach mehreren Gastdirigaten bei den Berliner Philharmonikern für deren Leitung im Gespräch war(4), belegt die herausragenden Fähigkeiten des Mannes, der um die Jahrhundertwende den Taktstock in Bochum führte und hier neue Maßstäbe in der Musik setzte.

Dass er dennoch manches populistische Zugeständnis machen musste, hatte wohl finanzielle Gründe. „Städtische" Kapelle war das Musiker-Ensemble seit seiner Gründung nämlich nur insofern, als die Stadt einen „Städtischen Kapellmeister" engagierte, dem sie einen festen Betrag in bescheidener Höhe als Jahreszuschuss zur Verfügung stellte. Dieser hatte nun ein Orchester zusammenzustellen, indem er Musiker auf eigene Rechnung verpflichtete; mit den Einspielergebnissen der diversen Konzerte und dem städtischen Zuschuss hatte er sie zu bezahlen und sonstige Kosten zu bestreiten. Was übrig blieb, war sein Honorar.

An dieser Situation hatte sich bis zur Jahrhundertwende lediglich geändert, dass der Jahreszuschuss der Stadt, der seit Mitte der 80er Jahre 2.400 Mark betragen hatte, mit Hammers Einstellung auf 3.600 Mark angehoben worden war. Doch auch die reichten, wie in einem im Märkischen Sprecher veröffentlichten Leserbrief am 9.8.1899 steht, nicht annähernd aus. Der Briefschreiber hielt es an der Zeit, „an eine grundsätzliche Regelung unserer Bochumer Konzertverhältnisse" zu denken. „Wir hätten dann endlich in Bochum stabile Verhältnisse und einen Dirigenten, um den uns Essen und Dortmund beneiden könnten. Und wenn wir auf Oper, auf Schauspiele mit großer Ausstattung, auf Gemäldegalerien und ähnliche Kunstgenüsse verzichten, wäre ein gutes Koncert nicht wenigstens etwas für unsere gewerbefleißige Stadt?" (MS 9.8.)

Dass die Bochumer ihr mit großem Engagement und steigenden Leistungen auftretendes Orchester zunehmend schätzten, belegt die Teilnahme an einem „Wohlthätigkeits-Concert", das es am 12.12.1899 zugunsten einer Unterstützungskasse für die Bochumer Musiker gab. Während zu den Symphoniekonzerten im Winter etwa 200 und im Sommer lediglich 70 Besucher gekommen waren (Leserbrief im MS 9.8.), erlebte diese Aufführung mit fast 700 Besuchern eine Resonanz, wie es sie nach Darstellung der Zeitung mit Ausnahme eines Bochumer Gastkonzertes der Berliner Philharmoniker noch nie gegeben hatte (MS 16.12.). Zu dem Konzert, in dem die Leonoren-Ouvertüre von Beethoven, die Polonaise von Liszt und Beethovens 9. Symphonie gegeben wurden, ist im Märkischen Sprecher von „orchestralen Leistungen auf sehr hoher Stufe" und von teilweise „enthusiastischen Beifallsstürmen" die Rede (MS 16.12). „Zur Zeit besitzen wir ein hervorragendes philharmonisches Orchester unter Leitung des Musikdirectors Hammer", schrieb denn auch Max Seippel 1901 in seinem längst zum stadthistorischen Klassiker gewordenen „Rück- und Rundblick bei der Wende des Jahrhunderts"(5).

Konzertveranstaltungen der örtlichen Gastronomie

Die Konzerte des philharmonischen Orchesters fanden zumeist im Stadtparkrestaurant statt, häufig aber auch im großen Saal des Hotels Viktoria und manchmal im evangelischen Vereinshaus. Das evangelische Vereinshaus, „ein Gesellschaftshaus mit Restauration, Gesellschaftsräumen und großem Saale sowie Garten" an der Mühlenstraße(6) (heute Windmühlenstraße), war Ende des 19. Jahrhunderts ohnehin Aufführungsort regelmäßiger Musikveranstaltungen. Die „Vereinshauskonzerte", im Abonnement angebotene Konzertreihen von vierteljährlich drei bis vier Veranstaltungen, sind im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zu einem festen Begriff im Bochumer Kulturleben geworden. Im Juni 1899 lief bereits die 34., im Dezember die 36. Reihe der Vereinshauskonzerte. Offenbar war ihr musikalisches Angebot vergleichsweise anspruchsvoll, denn der Märkische Sprecher vom 10.6.1899 rühmte ein „reichhaltiges und feingewähltes Programm" der zuvor stattgefundenen Konzertveranstaltung, beklagte aber zugleich, dass „der Besuch sehr zu wünschen übrig ließ".

Konzertabonnements boten auch Bochumer Restaurantbetriebe an. Die „Felsenburg-Concerte" etwa, die in den Sommermonaten in der „Felsenburg", dem an der Wittener Straße gelegenen „größten Garten-Etablissement der Stadt" (MS 16.6.), stattfanden, waren im Sammel-Ticket zu buchen: „12 beliebig verwendbare Einzelkarten" kosteten drei Mark (MS 16.6.). Darüber hinaus gab es zahlreiche Einzelkonzerte. Im Märkischen Sprecher erschienen in den Sommermonaten zu jedem Wochenende drei, vier oder fünf Konzertanzeigen der heimischen Gastronomie. Jedes größere Restaurant, das etwas auf sich hielt, bot - wenn schon nicht kontinuierliche Reihen, so doch sporadisch immer wieder - Musikveranstaltungen an. Neben der „Felsenburg" traten 1899 u. a. der „Bochumer Gürzenich", das Hotel Viktoria, das Stadtpark-Restaurant, das Restaurant Kortum, die „Reichskapelle", die „Engelsburg" und das Weitmarer Restaurant Garthmann für Konzerte werbend in Erscheinung.

„Wirte als Kunstmäzene" hat Dieter Bloch in seiner Bochumer Musikgeschichte ein Kapitel überschrieben, in dem er darstellt, dass sich „im ganzen vorigen Jahrhundert ein reges musikalisches Leben in den Gaststuben und Hotelsälen Bochums" abspielte.(7) Die Wirte hätten „als Hauptvermittler zwischen Musik- und Zehrgenüssen ihren zahlreichen Gästen ein klingendes Kaleidoskop" geboten. Dass sie dadurch zahlreiche Gäste an das Haus binden konnten, zeigt das Beispiel der „Engelsburg". Bei ihr bestand ein „geschlossener Verein zu sonntäglichen musikalischen Unterhaltungen und Tanzvergnügen, dessen Sommerkonzerte zwischen Mai und September solchen Zulauf hatten, daß einheimische Nichtmitglieder selbst gegen Entgelt keinen Einlaß fanden"(8).

Die sommerlichen Freiluft-Konzerte, die insbesondere in den Gartenanlagen der Felsenburg und des Restaurants Kortum sowie beim Stadtpark-Restaurant stattfanden, waren offenbar sehr beliebt. Da sie jahreszeitlich an die Monate Mai bis August/Anfang September gebunden waren, war in diesen Monaten auch das Konzertangebot der Gastronomie am größten. Aber auch im Winter wusste man sich jahreszeitlich einzurichten: Mitte November 1899 zum Beispiel boten ungarische Zigeunerkapellen sowohl in der „Reichskapelle" als auch in der „Felsenburg" heiße Rhythmen zur kalten Jahreszeit (MS 18.11.), und Ende Dezember machten manche Gartenrestaurants aus der Not eine Tugend, indem sie zum „Eiskonzert" bei „spiegelblanker Eisbahn" einluden (MS 23.12.).

Die potentiellen Konzertbesucher und gleichzeitigen Restaurantgäste wurden mit Schlagworten und Superlativen umworben. Kaum eine Veranstaltung dieses Genres, die nicht als „grosses Concert" herausgestellt wurde, doch diese Charakterisierung allein reichte den Veranstaltern häufig nicht. Das „Grosse Concert", für das der „Bochumer Gürzenich" im Märkischen Sprecher (MS 6.5.) warb, wurde dem Wortlauf der Anzeige nach „ausgeführt von den größten Instrumentalisten der Welt". Die „Engelsburg" veranstaltete im Juni 1899 „ein grosses Doppel-Monstre-Concert", das so bezeichnet wurde, weil es gemeinsam von dem philharmonischen Orchester und dem preisgekrönten Männergesangverein „Iduna" aus Bärendorf dargeboten wurde und ein „prachtvolles Feuerwerk" den musikalischen Abend abschloss (MS 12.6./15.6.).

Gelegentlich wurde das gastronomische Musikinteresse mit patriotischen Anlässen verbunden. Wegen des Sedan-Gedächtnistages - die im wilhelminischen Deutschland jährlich gefeierte Wiederkehr der siegreichen Schlacht bei Sedan im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 - veranstaltete etwa der „Restauranteur Traß" am Wilhelmsplatz (heute Husemannplatz) im September 1899 „in seinem Lokale ein patriotisches Freikoncert", bei dem immerhin das philharmonische Orchester spielte (MS 2.9.), und im November fand „im Garthmannschen Locale in Weitmar ein Concert zugunsten der im Transvaal-Krieg in Südafrika verwundeten Buren und Deutschen" statt (MS 8.11.).

Die „Restauranteure" verpflichteten zwar hin und wieder auch die örtlichen Philharmoniker, doch vorwiegend wurden auswärtige Musikergruppen engagiert, die um so gefragter waren, je exotischer sie auftraten. Bei den bereits erwähnten Auftritten von Zigeuner-Kapellen Anfang November 1899 wetteiferten die „Reichskapelle" mit ihrer „original-ungarischen Zigeuner-Kapelle aus Budapest" und die „Felsenburg" mit ihrer „beliebten ungarischen Magnaten-Zigeuner-Kapelle in Husarenuniform" um die Gunst des Publikums (MS 18.11.).

Uniformierte Musiker waren - preußischem Zeitgeist entsprechend - ohnehin besonders beliebt. Es gab 1899 kaum einen Monat, in dem nicht die eine oder andere renommierte Militärkapelle konzertierte. So spielte z. B. im Juni das Musikkorps der kaiserlichen 4. Matrosen-Artillerie-Abteilung aus Cuxhaven, „die Lieblingskapelle der entschlafenen Kaiserin Augusta" (MS 13.6.) im Stadtpark auf und veranstaltete das Weitmarer Restaurant Garthmann ein „Grosses Militair-Concert mit nachfolgendem Tanzkränzchen", das von der Kapelle des Königlichen Infanterie-Regiments Nr. 171 aufgeführt wurde (MS 15.6.). Anfang Oktober fand im Schützenhof ein „Elite-Concert der gesamten Kapelle des I. Garde-Regiments zu Fuss unter pers. Leitung des königl. Musikdirektors Fritz Möller aus Potsdam" statt. Die als „Lieblingskapelle Seiner Majestät des Kaisers" angekündigte Kapelle bot „historische Musik" aus der Zeit von 1491 bis 1899, wobei die „36 Original-Heroldtrompeten, Fanfaren, Feldtrommeln und Kesselpauken" sowie „altdeutsche Fanfaren von 16 Antilopen-Kriegshörnern" als besondere Attraktion galten (MS 30.9.). Der Märkische Sprecher meinte, dass ein Konzert „dieses illustren Musikkorps zu den bedeutendsten Ereignissen unseres Musiklebens gerechnet werden" dürfte (MS 30.9.). Auch die Kapelle des Regiments Garde du Corps, die im November im Schützenhof gastierte, zählte nach dem Urteil des Blattes „zu den auserlesensten Elite-Kapellen, welche infolge ihrer häufigen Mitwirkung bei grossen Paraden und den Empfängen fremder Fürstlichkeiten berufen sind, den Glanz der deutschen Armee nach außen zu repräsentieren" (MS 7.11.).

Gesangvereine und Gesangabteilungen

Eine bedeutende Rolle spielten in der Bochumer Musikwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts die zahlreichen Gesangvereine und Gesangabteilungen der übrigen Vereine. In der zweiten Jahrhunderthälfte war ein ungewöhnlich breites und vielfältiges Vereinswesen aufgeblüht. Seippel schreibt kritisch über die Vereinsmeierei um die Jahrhundertwende, „daß die Abende von Vielen nur den Vereinen gewidmet werden und für Manchen die 7 Wochentage nicht ausreichend sind, den Vereinsverpflichtungen nachzukommen".(9) Das 1899 erschienene „Adressbuch der Stadt Bochum und der angrenzenden Bezirke von Altenbochum, Weitmar und Wiemelhausen" verzeichnete für dieses Gebiet nicht weniger als 178 Vereine, unter denen 27 Gesang- und Musikvereine waren. Alle übrigen heutigen Bochumer Stadtteile, die hier noch nicht einbezogen waren, hatten natürlich ebenfalls ihre Gesangvereinskultur; allein in Langendreer gab es damals 14 Männergesangvereine(10).

Dabei beschränkte sich die Pflege des mehrstimmigen Gesangs aber keineswegs auf die Gesangvereine. Viele der übrigen Vereine hatten ihre eigene „Gesangabtheilung". So traten zum Beispiel im Monat Juli 1899 in den Ankündigungen des Märkischen Sprecher die „Gesangabteilung des ev. Bürgervereins von Grumme, Vöde und Umgebung" (MS 12.7.), der „Gemischte Chor des ev. Jünglings- und Männervereins" (MS 18.7.) und die Gesangabteilung des „Landwehr- und Kriegervereins" (MS 24.7.) mit musikalischen Darbietungen in Erscheinung. Besonders ausgeprägt war die Pflege des Gesangs bei den Knappenvereinen, von denen die meisten eigene Gesangsgruppen besaßen.(11)

Der Chorgesang hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer echten Breitenkultur entwickelt. Was sich im internen Vereinsleben an Chorproben, Übungsabenden, „Ständchen" aus den verschiedensten Anlässen und Musikdarbietungen bei den eigenen Vereinsfeiern ergab, ist kaum noch zu quantifizieren, aber zweifellos ganz erheblich. Aus den Veröffentlichungen des Märkischen Sprecher lässt sich nur noch das publizierte Angebot der Gesangvereine und der Gesangabteilungen anderer Vereine nachvollziehen.

Da zeigte man in öffentlichen Konzerten, was man konnte. So präsentierte sich etwa der bereits erwähnte „Gemischte Chor des ev. Jünglings- und Männervereins" mit einem „Liederabend im Kaisersaal des ev. Vereinshauses" (MS 17./19./22./ 28.7.). Andere sangen für einen guten Zweck, wie dies zum Beispiel die Langendreerer Gesangvereine „Niegedacht", „Germania" und „Liederkranz" zusammen mit dem örtlichen Posaunenchor im Langendreerer Ortsteil Crone (heute ein Stadtteil von Witten) in ihrem „Wohlthätigkeitsconcert zum Besten der Kleinkinderschule" (MS 20.9.) taten.

Mancher Verein lud auch zu einem Sommerfest mit musikalischen Darbietungen ein. So bot der renommierte Gesangverein „Liedertafel-Schubertbund" bei seinem Sommerfest Mitte Juli 1899 eigene Gesangsdarbietungen sowie Konzertaufführungen des hinzu geladenen philharmonischen Orchesters und darüber hinaus noch „Feuerwerk, Fackel-Polonaise und Festball" (MS 17.7.). Etwa zur selben Zeit warb auch die Gesangabteilung des „Ev. Bürgervereins von Grumme, Vöde und Umgebung" für ihr Sommerfest mit „Concert, Theater, lebenden Bildern und Ball" (MS 12.7.).

Jeder Verein, der auf sich hielt, feierte sein jährliches Stiftungsfest mit Spiel und Gesang. So fanden im Juli 1899 u. a. das 9. Stiftungsfest des Männergesangvereins „Borussia Wiemelhausen" mit „Concert, Gesangvorträgen und Ball" sowie das 28. Stiftungsfest des Knappen-Vereins „Glückauf" in Laer-Uemmingen „mit Festzug, Concert und Ball" (MS 20.7.) statt. Zu den Stiftungsfesten wurden auch befreundete andere Vereine eingeladen, so dass im musikalischen Programm zumeist eine ganze Reihe Chöre miteinander wetteiferten. Als zum Beispiel der Gesangverein „Männer-Quartett Querenburg" am 5.Juli 1899 sein 2. Stiftungsfest feierte, waren die Vereine „Deutsche Eiche" und „Westfalia" aus Herbede sowie „Eintracht und Liebe" aus Querenburg dabei und „verschönten die Feier durch ihre Lieder" (MS 6.7.) In gleicher Weise wurde das 23. Stiftungsfest des Gesangvereins „Wachtel" in Hamme von den Vereinen „Eintracht" Marmelshagen, „Preziosa" Grumme und „Heideröslein" Hamme unterstützt (MS 19.7.).

Aus besonderem Anlass, etwa eines Jubiläums, kam es zu einem Sängerwettstreit. Im Sommer 1899 wurden im Bochumer Raum mehrere solcher Wettbewerbe ausgetragen. An dem „großen nationalen Gesangwettstreit", den der Langendreerer Gesangverein „Westfalia Bahnhof 1889" am 9. Juli in drei Sälen des Langendreerer Ortsteils (Alter) Bahnhof veranstaltete, nahmen immerhin 30 Vereine aus Rheinland und Westfalen teil. Preis- und Ehrenpreissingen sowie Festzug und Kaiserhoch bestimmten den Ablauf des Ereignisses (MS 3./12.7.). Wenig später veranstaltete der MGV „Eintracht" Werne einen „grossen Gesangwettstreit" mit „Preissingen in 4 Klassen" (MS 22.7.), und zur 25-jährigen Jubelfeier des MGV „Sängerbund" Hamme fand ebenfalls ein „großer nationaler Gesangwettstreit" statt (MS 13./22.7., 3.8.). Als der MGV „Einigkeit" Anfang September 1899 von einem Wettstreit in Münster mit einem Preis heimkehrte, stand das natürlich in Bochum in der Zeitung (MS 7.9.).

Aus der Phalanx der zahlreichen Gesangvereine ragte der seit 1860 existierende Musikverein, auf den der heutige Philharmonische Chor zurückgeht, durch ein anspruchsvolleres musikalisches Programm heraus. Am 27.9.1899 avisierte er im Märkischen Sprecher „für die bevorstehende Saison" einen für Mitte November geplanten musikalischen Goethe-Abend, für Dezember ein „Künstler-Concert", für Februar 1900 das „neue Oratorium ‚Manasse' von Heger" und für Anfang April die „Apotheose des Hans Sachs aus den ‚Meistersingern' von Wagner". Das „Künstler-Konzert" im Dezember ist insofern erwähnenswert, als dazu ein „neu gebildetes Instrumental-Trio" engagiert wurde, von dem der Märkische Sprecher staunend feststellte, „daß sämtliche Mitwirkende Damen sind" (MS 29.11.).

Höhepunkt des Musikverein-Programms war aber wohl der Goethe-Abend, der als „musikalische Erinnerungsfeier" zum 150. Geburtstag des Dichters stattfand. Sie bot Tonwerke dar, die es zu Goethe-Dichtungen gab, so u. a. Beethovens Ouvertüre zum „Egmond", Schuberts Vertonung des „Erlkönig" und Mendelssohns „Erste Walpurgisnacht" für Soli, Chor und Orchester (MS 17.11.). Die Veranstaltung hatte auch Lokalkolorit, denn als Pianistin wirkte Elsa Krüger mit, die Tochter des Musikdirektors Krüger, der auch den Musikverein leitete. Sie galt als künstlerisches Talent, hatte ihr doch „der berühmte Komponist" Engelbert Humperdinck bescheinigt, sie habe ihm „verschiedene Kompositionen auf dem Klavier vorgespielt und dabei eine sehr anerkennenswerte pianistische Gewandtheit (...) sowie eine höchst erfreuliche Begabung in Bezug auf echt musikalischen Vortrag bekundet, welche Vorzüge zu den schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigen" (MS 9.11.).

Kurze Zeit nach der Goethe-Veranstaltung war ein Dichter von nicht ganz so großem Namen und eher lokaler Bedeutung Anlass eines hiesigen Konzertereignisses: Carl Arnold Kortum. Auch bei ihm ging es um ein Jubiläum, die 100jährige Wiederkehr seiner erstmals 1799 in vollem Umfang erschienenen Jobsiade. Der Männergesangverein Liedertafel-Schubertbund nahm dies zum Anlass, unter dem Dirigat des Christuskirchen-Kantors und Komponisten August Große-Weischede eine musikalische Bearbeitung eben dieser Jobsiade im Bochumer Stadttheater vorzustellen: „Hieronymus Jobs, Schwank in vier Akten" (MS 29.11.). August Große-Weischede, von dem die Komposition stammte, war 1879 als Musikdirektor an die neu erbaute Christuskirche gekommen. Die dort von ihm zur Aufführung gebrachten Oratorien galten in Bochum als besondere musikalische Ereignisse, seine Dirigier-, Spiel- und Kompositionskunst „stellte die von ihm geleitete Christuskirchenkantorei unstreitig mit in den Mittelpunkt des gesamten Bochumer Kulturlebens um die Jahrhundertwende".(12)

Auch Vereine, deren Zweck nicht im Singen lag, mochten zu ihren Festlichkeiten nicht auf musikalische Darbietungen verzichten, ob sie nun eine eigene Gesangabteilung hatten oder nicht. Der Landwehr- und Kriegerverein z. B. feierte sein Sommerfest mit einem Programm, in dem es u. a. Musikstücke der Philharmoniker und Gesangvorträge der eigenen Gesangabteilung gab. Der Knappenverein „Schlägel und Eisen" in Steinkuhl beging sein Sedanfest mit Konzert, Ansprache und Ball (MS 24.9.), wie auch der „Ümminger Raucher-Club" zum Sedan-Fest „Concert, Ball und brillantes Feuerwerk" offerierte (MS 9.9.).

Theaterangebote am Ende des 19. Jahrhunderts

Zwar dominierte die Musik im kulturellen Angebot der damaligen Jahrhundertwende, doch das Theater nahm - wenngleich mit deutlichem Abstand - den zweiten Rang ein. Im Vereinsleben gehörte das Laienspiel neben dem Chorgesang zu den beliebtesten Beschäftigungen. Viele Vereine, namentlich auch die bergmännischen Knappenvereine, hatten neben ihren Gesangabteilungen auch eigene Theaterabteilungen(13), andere betrieben das #Theaterspiel als Teil ihrer allgemeinen Vereinsarbeit. Vereine, die das Laienspiel zum ausschließlichen Vereinszweck machten, sind im Bochumer Adressbuch von 1899 nicht verzeichnet, existierten aber in der Umgebung - so z. B. in Stiepel seit 1889 der Theaterverein Preziosa(14) - und zeitweise auch in der Stadt.

Das Theaterspiel, ob in eigenen Einstudierungen des Laienspiels oder durch professionelle auswärtige Gruppen, gehörte neben dem Chorgesang zur Gestaltung vereinsinterner wie öffentlicher Feiern. So sah das Programm zum Stiftungsfest des „Ev. Arbeiter-Vereins von Bochum und Umgebung" neben „Concert, Chor- und Sologesang" auch „Bühnenaufführungen" vor (MS 28.9.), das bereits erwähnte Sommerfest des „Ev. Bürgervereins von Grumme, Vöde und Umgebung" neben konzertanten Darbietungen auch Theaterspiel und „Lebende Bilder", also bildhaft gestellte Szenen. Die Konzertgesellschaft Harmonie in Stiepel bot im dortigen Wirtshaussaal Vohwinkel Konzert und Theater (MS 18.10.).

Alle Gaststätten, die über einen größeren Veranstaltungssaal verfügten, hatten diesen selbstverständlich auch mit einer Bühne ausgestattet. Das erforderten schon die Musik- und Laienspieldarbietungen in den geselligen Veranstaltungen der Vereine. Manche Gastwirte engagierten aber auch professionelle Theatergruppen, um Gäste ins Haus zu bekommen. So kam der „Klg. Hofschauspieler August Junkermann" und das berühmte Berliner Fritz-Reuter-Ensemble in die Bochumer Tonhalle (MS 19. + 21.10.), die dann über die Weihnachtstage und zum Jahresende das Millowitsch-Theater aus Köln zu Gast hatte. Die Tonhalle, Nachfolgerin eines schon in den 70er Jahren entstandenen, später abgebrannten „Stadttheaters", hat mit einer gewissen Regelmäßigkeit Theatervorstellungen professioneller Wanderbühnen angeboten. In allen diesen Fällen stand die „leichte Muse" im Vordergrund der Darbietungen.

Das galt natürlich erst recht für die Bochumer Variete-Theater, die ein mehr oder minder attraktives, fast immer reißerisch angekündigtes Programm hatten, das häufig - so zum Beispiel am 30.9.1899 für das Central-Theater - als „Große Specialitäten-Vorstellung" angepriesen wurde. Die „zwei Specialitätenbühnen für leichte Sachen" in Bochum hatten, wie Max Seippel berichtet, „einen besseren Besuch als das Theater", womit er das damalige Bochumer Stadttheater meinte.(15)

Das Stadttheater zur Jahrhundertwende

Dieses Stadttheater befand sich an der Südseite der Ecke Rottstraße/ Kaiserstraße (heute Südring/Humboldtstraße). Dort hatten 1884 zwei finanzstarke Bochumer Bürger, der Baumeister Sontag und der Justizrat zur Nedden, hinter ein bereits vorhandenes viergeschossiges Gründerzeitgebäude, in dessen Erdgeschoss sich die Gastwirtschaft „Zum deutschen Haus" befand, einen für damalige Verhältnisse großzügigen Theatersaal anbauen lassen, in dem mehr als 1000 Zuschauer Platz finden konnten.(16) Dank guter Verbindungen der „Investoren" zum Magistrat hatte der Saal den Namen „Stadttheater" erhalten. Eine eigene Theaterleitung und ein eigenes Ensemble gab es dort allerdings noch nicht. Statt dessen wurde das Theater, manchmal nur für eine Wintersaison, an eine der zahlreichen Theatergesellschaften verpachtet, die es damals in Deutschland gab und die dann mit ihrem Ensemble anreisten. In den 90er Jahren handelte es sich häufig um eine derjenigen „Theaterdirektionen", die auch in Dortmund oder Essen das Bühnenprogramm bestritten.

Doch 1899 war dies anders. Der Märkische Sprecher meldete am 16.5.1899, die Stadttheaterbühne werde „für die nächste Saison eine neue Leitung in der Direktion ‚Triebel-Schlegel' aus Leipzig erhalten". Mit ihr sei ein Kontrakt für die Zeit vom 1.10.1899 bis 1.2.1900 geschlossen worden. Dem „theater- und kunstliebenden Publikum" seien mit dieser Direktion „die besten Garantien für vorzügliche Leistungen geboten", meinte die Zeitung und verwies auf „die große Fülle der Dekorationsstücke", über welche die Direktion verfüge. Ungeachtet solcher vordergründigen Gesichtspunkte gehörte das Theaterunternehmen Triebel-Schlegel offenbar zu denjenigen, die ein vergleichsweise niveauvolles Theater anboten. Der Redakteur wusste wohl, wovon er schrieb, wenn er zur hiesigen Akzeptanz dieser Bühne angesichts der in Bochum bevorzugten „leichten Kost" Befürchtungen äußerte: „Hoffentlich wird dem Theater nicht durch anderweitige Schaustellungen eine allzu große Konkurrenz geboten, damit wir endlich eine gute Theaterdirektion dauernd in Bochum behalten" (MS 16.5.).

Das hier angedeutete Problem beschrieb auch Max Seippel zwei Jahre später: Leider seien die Vorstellungen im Stadttheater nicht ausreichend genug besucht, „um einen Theatherdirector zu ermuthigen, dauernd hier zu bleiben. Die Directoren, die einmal hier waren, kommen meist nicht wieder, da sie nicht auf die Kosten kommen. Zum Theil hat der schlechte Besuch des Theaters seinen Grund darin, daß meist nur kleinere Lustspiele, Schauspiele und Operetten gegeben werden können, da für große Opern die Bühne und vor Allem die Requisiten nicht ausreichen, zum Theil auch darin, daß ein großer Theil unserer Bevölkerung lieber beim Glase Bier seine Erholung sucht, als im Theater."(17)

An die neue Saison und die neue Theaterdirektion knüpfte der Märkische Sprecher im Sommer 1899 noch die Erwartung, dass es diesmal anders werde. Er verfolgte die Vorbereitungen der neuen Direktion mit großem Interesse und regelmäßigen Mitteilungen. Am 28.7. meldete er, der Direktor des Leipziger Sommertheaters, Paul Conradi in der Firma Triebel-Schlegel, werde das Bochumer Stadttheater im nächsten Winter leiten, und am 17.9. hieß es, Conradi sei eingetroffen und habe mit den Vorbereitungen der am 1.Oktober beginnenden Theatersaison begonnen. Am 21.9. wusste die Zeitung zu berichten, das Ensemble setze sich „aus tüchtigen Kräften zusammen" und habe „Künstler von bedeutendem Ruf gewonnen". Man dürfe wohl annehmen, „daß unsere Theaterverhältnisse sich fortan befriedigend gestalten". Es sei nun Sache des „kunstfreundlichen Publikums", die guten Absichten der Theaterdirektion „auch durch einen regen Besuch der Theaterabende zu unterstützen".

Die Probenzeiten waren offenbar sehr kurz. Nachdem der neue „Intendant" zu Beginn der 3. Septemberdekade angekommen war und am 23.9. seinen Spielplan für die Wintersaison veröffentlicht hatte, meldete die Zeitung am 27.9., nun sei auch das „Theaterpersonal (...) zum größten Theil hier eingetroffen", und die Proben hätten begonnen. Doch schon am 2. Oktober eröffnete das Theater mit Grillparzers „Des Meeres und der Liebe Wellen" die Saison. Die Aufführung fand im Märkischen Sprecher viel Lob; zufrieden stellte er fest: „Das Haus war, wenn auch nicht bis zu dem berühmten ‚letzten' Platz, so doch ganz annehmbar besetzt" (MS 4.10.).

Dem Trauerspiel von Grillparzer folgten im Oktober als „erste Novität des (...) Ensembles" ein Schwank in drei Akten mit dem Titel „Der Schlafwagenkontrolleur" (MS 4.10.), dann die Operette „Gasparone" (MS 5.10.), die Oper „Nachtlager von Granada" (MS 17.10.) und die Lustspiele „Herr und Frau Doktor" (MS 21.10.) sowie „Der neue Stiftsarzt" (MS 24.10.). Ein erstaunlich breites Angebot folgte im November. Da gab es u.a. die Millöcker-Operette „Der Bettelstudent" (MS 4.11.), den Schwank „Die beiden Reichenmüller" (MS 4.11.), das Theaterstück „Der Mohr des Zaren" (MS 7.11.), das Lustspiel „Die goldene Eva" (MS 11.11.), eine „Operettenposse" namens „Der Walzerkönig" (11.11), Shakespeares „Sommernachtstraum"(MS 10.11.), das Lustspiel „Der Weg zum Herzen" (MS 14.11.), die Schauspielaufführungen „Ein Tropfen Gift" (MS 16.11.) und „Das Erbe" (MS 20.11.) sowie das Lustspiel „Im weißen Röß'l" (MS 24.11). Im Dezember bot die Theaterbühne die Märchenstücke „Schneewittchen und die sieben Zwerge" (MS 2.12.) und „Goldmarie und Pechmarie" (MS 9.12.), dann die Burleske „Der Professor und sein Affe", die als Stück mit „einem etwas derben Humor" vorgestellt wurde (MS 5.12.), das Volksstück „Die Herren Söhne" (MS 7.12.), „voll köstlichen Humors und dramatischer Verwicklungen" (MS 12.12.), das Schauspiel in fünf Akten „Philippine Welser, die schöne Augsburgerin oder Deutsche Fürstenliebe" (MS 12.12.), Ibsens „Ein Volksfeind" (MS 13.12.), Shakespeares Hamlet (MS 22.12.), den „Trompeter von Säckingen" (MS 28.12.) und Schillers Maria Stuart (MS 30.12.). Reichhaltig und vielfältig war der Spielplan des Bochumer Stadttheaters also schon.

Am 19. Oktober äußerte sich der Märkische Sprecher grundsätzlicher zu den Bochumer „Theaterverhältnissen", insbesondere zur Finanzierung des Theaters, das damals noch keinerlei städtische Zuschüsse erhielt. Die Saison, so die Zeitung, habe im Großen und Ganzen gut begonnen. „Eine kundige, mit den Kunstinteressen vertraute Direktion schwingt das Scepter über ein strebsames Bühnenvölkchen." Eine Reihe von Vorstellungen könne sich sehr wohl sehen lassen. Das werde auch „Rückwirkungen auf den Besuch des Theaters" haben, so dass künstlerischer und Kassenerfolg ins richtige Verhältnis zueinander treten könnten. Dies sei nötig, denn ohne Geld lasse sich weder Krieg führen noch Theater spielen. Daran müsse sich erinnern lassen, wer „höhere Anforderungen an die Bühnenaufführungen" stelle und „mit mehr oder weniger Grund auf die heimische Kunst herabsieht". Es folgte die Aufforderung, das Theaterbillet für Essen oder Dortmund durch ein Abonnement in Bochum zu ersetzen. Wenn sich „die Antheilnahme des Publikums" in dieser Weise äußere, dann komme „auch in Bochum das Theater - ohne Zuschüsse der Stadtkasse - auf einen grünen Zweig".

Diese Wünsche erfüllten sich jedoch nicht. Selbst zur Aufführung des Hamlet am 21.12.99 mußte die Zeitung am folgenden Tag berichten, der Besuch sei leider „nur mäßig" gewesen. Dementsprechend schwierig war die finanzielle Situation des Theaters. In der Stadtverordnetenversammlung vom 22.12.1899 verlas der Stadtverordnetenvorsteher eine Petition des Theaterdirektors Conradi, „in welcher um Gewährung einer städtischen Beihülfe zu den Kosten des Theaterunternehmens gebeten wird" (MS 23.12.). Der „Petent" habe in seiner Eingabe auf sein Bestreben verwiesen, die Bühnendarbietungen auf „künstlerischem Niveau" zu halten und dann dargelegt, „daß es unter den obwaltenden Verhältnissen nicht möglich sei, das Theater ohne eine angemessene Subvention in der bisherigen Weise weiterzuführen". Allein der Monat Oktober habe bei Einnahmen von 3.500 Mark einen Zuschuss von 2.000 Mark erfordert. Conradi habe um einen städtischen Zuschuss von monatlich 1.000 Mark gebeten und Bürgermeister Graff dazu im Namen des Magistrats erklärt, er sei nicht prinzipiell gegen eine städtische „Beihülfe", doch das lasse sich nicht „von heute auf morgen" machen und müsse auch mit Verpflichtungen verbunden werden. Die Stadtverordnetenversammlung überwies die Petition daraufhin dem Magistrat „zur weiteren Erwägung" (MS 23.12.), und der lehnte im Februar des folgenden Jahres ab(18). Conradi soll sich angesichts der ablehnenden Haltung direkt an den Kaiser gewandt und damit in Bochum einen großen Krach provoziert haben(19). Die Direktion zog es jedenfalls im Frühjahr 1900 „mit Rücksicht auf ihre zahllosen Gläubiger vor, aus Bochum zu verschwinden".(20)

Repräsentationskunst und Denkmalplastiken

Zwar hatte sich das örtliche Musikangebot Ende des 19. Jahrhunderts recht breit und das Theaterangebot trotz aller Probleme immerhin einigermaßen entwickelt, doch war von der Bildenden Kunst im Bochum jener Jahre vergleichsweise selten die Rede.

Gewiss, es gab in den alten Kirchen der Stadt und des Landkreises und auch in manchem Wohnsitz des Landadels der Umgebung wertvolle Kunst aus der vorindustriellen Zeit; und auch in den zahlreichen, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Bochumer Raum neu entstandenen neoromanischen und neogotischen Kirchen hatte man sich um eine qualitätvolle künstlerische Ausgestaltung bemüht. Eine öffentliche Kunstförderung und Kunstpflege sind am Ende des Jahrhunderts jedoch kaum zu erkennen.

Das Wenige, das um die Jahrhundertwende im „offiziellen" Bochum an Malerei und Plastik entstand, war nicht aus Gesichtspunkten der Kunstförderung motiviert, sondern aus Repräsentationsabsichten. So hatte der Magistrat schon 1895 die Ausmalung des Ratssaales im neu errichteten Anbau des damaligen Rathauses mit lokalhistorischen Szenen und Allegorien in einem Künstlerwettbewerb ausgeschrieben und schließlich dem Düsseldorfer Historienmaler Prof. Fritz Neuhaus auch den Auftrag dazu erteilt(21). Sie waren aber zur Jahrhundertwende noch in Arbeit und spielten daher in der öffentlichen Diskussion des Jahres 1899 keine Rolle; erst 1901 wurden die Wandgemälde fertig. Gleichfalls in Auftrag gegeben, aber ebenfalls noch nicht fertig gestellt war ein repräsentatives, allegorisch geschmücktes Denkmal für Kaiser Wilhelm I. auf dem Platz vor Villa Marckhoff und Goetheschule. Am 30.9.1899 berichtete der Märkische Sprecher über den Beschluss, „das Kaiser Wilhelm Denkmal unserer Stadt" nicht in dem bislang vorgesehenen Jura-Kalkstein, sondern auf „Vorschlag des ausführenden Künstlers" im Interesse besserer „Wertbeständigkeit" in „Untersbergener Marmor" herzustellen, womit sich die Kosten allerdings von 75.000 Mark auf 80.000 Mark erhöhen würden.

Während das Kaiser-Wilhelm-Denkmal erst im neuen Jahrhundert fertiggestellt wurde, gab es 1899 die Einweihung einer anderen Großplastik: das Standbild des langjährigen Generaldirektors des Gussstahlwerks Bochumer Verein, Louis Baare. Der 1897 Verstorbene hatte Bochums bedeutendstes Industrieunternehmen der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu seiner Größe geführt und im übrigen als wirtschafts- und sozialpolitischer Berater Bismarcks weit über Bochum hinaus Bedeutung erlangt. Nachdem der Märkische Sprecher bereits am 3. Juni die Ankunft der 17 Zentner schweren Bronzeplastik am Bahnhof Bochum-Nord und am 20. Juni die Umgestaltung des Baare-Platzes vor dem Kosthaus Stahlhausen „zu einer prächtigen Anlage" mitgeteilt hatte, druckte er am 29. Juli ein langes „Weihegedicht" zu der am folgenden Tag vorgesehenen Enthüllung des Denkmals. Der Bericht über die am 30. Juli stattgefundene Einweihung nahm eine ganze Zeitungsseite ein (MS 31.7.). Das war weitaus mehr Raum, als die Zeitung jedem anderen lokalen Ereignis des Jahres 1899 gewidmet hat. Das von Prof. Schapers entworfene Standbild sei „lebensgetreu" gelungen, der Künstler habe „das Wesen des verstorbenen Herrn Generaldirektors trefflich charakterisiert". Baares Gestalt sei „in schlichter Einfachheit" dargestellt: „Die linke Hand lehnt auf dem Rücken, die rechte stützt sich auf ein Postament, auf dem Schriftblätter liegen. Der Blick ist hinüber zur Arbeiterkolonie Stahlhausen gerichtet (...)." Die 2,75 m hohe Bronzefigur stand auf einem Postament gleicher Höhe aus poliertem schwedischen Granit und trug die Aufschrift „Louis Baare 1821-1897".

Denkmäler berühmter Persönlichkeiten waren „die verbreitetste öffentliche Kunstform dieser Zeit"; „ähnlich wie die Brunnen waren sie als dekorative Gestaltungen der öffentlichen Plätze angelegt"(22). Bochum bildete da mit dem Baare-Standbild von 1899, der schon einige Jahre zuvor vor dem Staatlichen Gymnasium aufgerichteten Bismarck-Plastik und dem zur Jahrhundertwende noch in Arbeit befindlichen Kaiser-Wilhelm-Denkmal keine Ausnahme. Auch ein repräsentativer Brunnen wurde noch kurz vor der Jahrhundertwende geplant und in Auftrag gegeben. Der Märkische Sprecher berichtete dazu am 3. Oktober 1899: „Der wegen seines guten Trinkwassers geschätzte Born auf dem hiesigen Schwanenmarkt soll demnächst durch einen neu zu errichtenden Monumentalbrunnen ersetzt werden." Die Vorarbeiten dazu seien im Gange. Fertig wurde auch er erst nach der Jahrhundertwende.

Ansätze örtlichen Kunstschaffens

Mit den Steinmetzarbeiten zu diesem Brunnen wurde der Bochumer Bild- und Steinhauer Schmidt beauftragt. Das Bochumer Adressbuch von 1899 nennt insgesamt elf „Bild- und Steinhauer", und manches Grabmal der Jahrhundertwendezeit auf dem alten Friedhof an der Wittener Straße (heute Kortumpark) sowie auf dem damals neuen Friedhof an der Blumenstraße, das über handwerkliche Standards hinaus künstlerischen Anspruch erhob, mag von ihnen gewesen sein. Doch eine öffentliche Resonanz auf künstlerisch anspruchsvolle Arbeiten gab es 1899 nur ausnahmsweise. So berichtete der Märkische Sprecher am 24.10. über „ein prachtvolles Grabgitter auf dem neuen Friedhof", bei dem es sich um eine Kunstschmiedearbeit der örtlichen Werkstatt C. Franken handelte.

Wohl hat Bochum damals die Fotografie als Kunstform entdeckt. In der Stadt gab es 1899 sechs Berufsfotografen. Einer von ihnen war der „Hofphotograph Edmund Risse". Von ihm hatte das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart eine ganze Reihe künstlerischer Fotoarbeiten im Rahmen einer Ausstellung gezeigt, mit der es den Aufbau einer kunstfotografischen Sammlung beginnen wollte, und sechs Arbeiten des Bochumers dazu auch angekauft. Risse zeigte alle Arbeiten, die in der Stuttgarter Ausstellung zu sehen gewesen waren, ab Ende Oktober/Anfang November 1899 in den Schaufenstern seines Bochumer Ateliers. Schon am 30. Oktober wies der Märkische Sprecher empfehlend darauf hin: „Kunstinteressenten legen wir eine Besichtigung der Risse'schen Ausstellung recht dringend ans Herz." Am 4.11. berichtete er ausführlich über diese „Ausstellung von Kunst-Photographien." Er meinte, „eine ganz neue Richtung" gewinne mit der Kunstphotographie an Boden, denn sie empfange ihre Anregungen „von der modernen Kunst". Ihre Leistungen seien so hervorragend, dass man „von einer Kunst der Photographie" sprechen könne.

Das Blatt schildert dann, was der Bochumer Fotograf in der Stuttgarter Ausstellung und nun in Bochum zeigte: „Neben charakteristischen Portraits finden wir malerische Gruppen, Seestücke, Idyllen, darunter auch solche in secessionistischer Ausführung. Ganz reizend ist die nach lebenden Bildern hergestellte Danaidengruppe, dann eine zarte Jungfrauengestalt. Grandios erscheint eine Scene von der See, darstellend ein Segelschiff auf erregten Wellen. (...) Viel Stimmung liegt auch auf dem Bilde Gräberstraße von Pompeji, dann auf der ‚Villa Deste' in Tivoli bei Rom etc. Als das Vollendetste erscheint uns aber eine landschaftliche Darstellung, die wir ‚November' überschreiben möchten: ein einfacher Feldweg, zur rechten ein paar alte knorrige Weiden, links Hecken und Strauchwerk, in der Ferne verschwimmend im trüben Nebeldunst des Spätherbstes. Auch die Seemannsköpfe von der ‚Waterkant', wettergebräunte, furchendurchzogene Gesichter, sind vortrefflich gelungen."

Dass Edmund Risse ein Meister seines Fachs war, klang dann später auch in einem vorweihnachtlichen Bericht des Märkischen Sprecher durch, in dem dieser unter der Überschrift „Wanderungen über den Weihnachtsmarkt" von den weihnachtlichen Auslagen der Bochumer Geschäfte berichtete und zu den Arbeiten im Schaufenster des Hofphotographen Risse anmerkte, „daß diese Art von Photographie etwas ganz besonderes darstellt" (MS 16.12.). Offensichtlich waren Risses Arbeiten auch der Anstoß, sich in Bochum breiter mit der anspruchsvolleren Fotografie zu beschäftigen. Jedenfalls hat der Kaufmännische Verein, dessen Vortragsabende sich auch sonst durch ein vergleichsweise hohes Niveau auszeichneten, (er befasste sich beispielsweise mit der zeitgenössischen Kunst und den Kunstschätzen Venedigs), im November 1899 den Direktor einer fotografischen Lehranstalt in Berlin zu dem Thema „Die Photographie in Kunst und Wissenschaft" nach Bochum gebeten (MS 9.11.).

Während die Kunstfotografie 1899 eine gewisse Rolle spielte und sich die Bildhauerei vom öffentlichen Denkmal und Brunnen bis zum privaten Grabdenkmal wenigstens in Ansätzen präsentierte, waren andere Sparten der Bildenden Kunst, namentlich die Malerei, in dieser Zeit in Bochum wohl völlig bedeutungslos. Hinweise auf ein diesbezügliches Kunstschaffen sind jedenfalls 1899 weder im Märkischen Sprecher, noch im örtlichen Adressbuch zu finden.

Von Galerien und Museen

Auch Gemäldegalerien verzeichnete das Bochumer Adressbuch noch nicht. Wandschmuck boten der Schreibwaren- und der Buchhandel mit an. Der Schreib- und Kunstwarenhändler W. Mummelthey hatte dazu die Räume des früheren Cafes Miebach an der Ecke Kanalstraße / Heinrichstraße (heute Kortumstraße) gemietet und dort eine Dauerausstellung eingerichtet, deren Exponate wohl etwas anspruchsvoller waren als das, was der Handel gemeinhin anbot. Jedenfalls schrieb der Märkische Sprecher am 3.8. von einer „Bilderausstellung vornehmen Genres", die von 9 Uhr bis 20 Uhr geöffnet sei und „Stahl- und Kupferstiche, Gravuren, Radierungen etc. in jeder Ausstattung" enthalte. Auch im September 1899 lud Mummelthey wieder ein „kunstliebendes Publikum" zu einer „wirklich sehenswerthen" „großen Bilderausstellung" (MS 9.9.) ein, und Anfang Dezember berichtete der Märkische Sprecher, diese Ausstellung habe „eine bedeutende Bereicherung erfahren": „Landschaftsbilder, Portraits, Idyllen, Seestücke usw." seien „in den verschiedensten Reproduktionsarten vertreten" (MS 5.12.). Mummelthey kündigte vorübergehend auch „zwei in Privatbesitz befindliche große Oelgemälde von bedeutendem Wert" als Anziehungspunkte für seine Ausstellung an. Natürlich waren diese Bilderausstellungen geschäftlich motiviert. Die Darstellung Bildender Kunst in ihren ästhetischen Bezügen, ihrer künstlerischen Bedeutung und ihren kunstgeschichtlichen Zusammenhängen war damals - jedenfalls in Bochum - noch kein Thema. „Und wenn wir auf (...) Gemäldegalerien und ähnliche Kunstgenüsse verzichten", so hatte es in dem bereits erwähnten Leserbrief vom 8.8.1899 geheißen, solle wenigstens das Konzertangebot entsprechend sein.

Kunstmuseen gab es damals aber auch in den anderen Ruhrgebietsstädten noch nicht. Die ersten um die Jahrhundertwende gegründeten Museen entstanden mit regionalhistorischen Zielsetzungen. Dortmund hatte 1883 eine „öffentliche Sammelstelle für historisch, künstlerisch oder kunstgewerblich bemerkenswerte Gegenstände, die zu der Stadt Dortmund nebst Umgebung und ihrer Geschichte in Beziehung stehen", eingerichtet und dafür ein kleines Museum gegründet.(23) In Witten hatte der 1886 gegründete „Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark" ein Museum aufgebaut, das sich u. a. um regionale Kunst bemühte, indem es zum Beispiel 1895 beim Abbruch der mittelalterlichen Ümminger Kirche die dortigen spätmittelalterlichen Skulpturen übernahm. In Dortmund, Witten und anderen Revierstädten fanden „Kunstwerke aus der Region" zunächst nur „als heimatgeschichtliche Dokumente" Eingang in lokalhistorische Museen und wurden auch zeitgenössische Werke „bevorzugt gesammelt, wenn sie in einem engen Bezug zur jeweiligen Stadt oder ihrer Umgebung standen"(24). Daraus entwickelten sich dann Kunstabteilungen der lokalhistorischen Museen und aus diesen - jedoch erst im beginnenden 20. Jahrhundert - die Kunstmuseen späteren Typs. Dass es am Ende des 19. Jahrhunderts in Bochum noch kein Museum für die Bildende Kunst gab, entsprach also der Situation in allen Ruhrgebietsstädten.

Aber auch in bezug auf regionalgeschichtliche Museumsaktivitäten, die sich bereits in mehreren anderen Revierstädten entwickelt hatten, zeigte man sich in Bochum nicht ambitioniert, obwohl der Märkische Sprecher etwa am 5.12.1899 von der Generalversammlung des Wittener „Vereins für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark" berichtete, dass dort die Beschaffung von Geldmitteln zum Bau eines Museums beschlossen wurde. Museen, gleich welcher Art, waren im Bochum der Jahrhundertwende kein Thema.

Die einzige größere Sammlung, die damals schon bestand, war die mineralogisch-geologische Sammlung der 1864 gegründeten Westfälischen Berggewerkschaftskasse. Schon im Jahr ihrer Gründung hatte sie die Sammlungen der alten Märkischen und Essen-Werdenschen Bergämter sowie der Bergschulen in Essen und Bochum übernommen und zusammengefasst, darüber hinaus dann 1868 auch eine ständige Ausstellung „Bergbauliche Utensilien" eingerichtet.(25) Das waren frühe Vorläufer des späteren Bergbaumuseums, aber ohne erkennbare öffentliche Resonanz, denn im Märkischen Sprecher des Jahres 1899 war ebenso wenig von ihnen zu finden wie noch 1908 in dem vom Verkehrsverein herausgegebenen „Führer durch Bochum", der lediglich erwähnte, dass die Bergschule über „bedeutende geologische und bergtechnische Sammlungen" verfüge.(26)

Nur für einen kurzen Moment leuchtete 1899 eine für die damalige Zeit ungewöhnlich moderne Museumsidee in Bochum auf, so kurz nur, dass außer einer bereits dementierenden Nachricht nichts von ihr zu ermitteln war. Unter der Überschrift "Kein Industriemuseum" schrieb der Märkische Sprecher am 28.7.1899, dass die Nachricht von der beabsichtigten Gründung eines Industriemuseums in Bochum „von A bis Z erfunden" sei. Von wem und wo diese Nachricht zuvor in die Welt gesetzt worden war, ließ er offen.

Bürgerschaftliches Kunstinteresse

Auch wenn es am Ende des 19. Jahrhun-derts in Bochum nur wenig künstlerisches Schaffen, kein Kunstmuseum und keine Kunstgalerien, auch keine öffentliche Kunstförderung gab, war ein bürgerschaftliches Interesse an Bildender Kunst durchaus vorhanden. Am 19.7. schrieb der Märkische Sprecher, dass im Schaufenster der Kunsthandlung von Ad. Stumpf Nachf. ein Ansichtsexemplar des Prämienblattes ausgestellt sei, das den Mitgliedern des „Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen" für 1899 zustehe. Wer in den Besitz des „gediegenen und künstlerisch wertvollen Zimmerschmuckes" gelangen wolle, solle dem Kunstverein beitreten. Dann bestehe auch die Möglichkeit, an der Ende Juli stattfindenden „Verlosung einer großen Anzahl werthvoller Gemälde" teilzunehmen.

Einen örtlichen Kunstverein gab es damals in Bochum noch nicht. Doch die überregionalen Kunstvereine, der „Westfälische Kunstverein" in Münster ebenso wie der „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen" in Düsseldorf, hatten regionale Organisationsstrukturen entwickelt, indem sie außerhalb ihres Sitzes lokale Stützpunkte mit einem örtlichen ehrenamtlichen Geschäftsführer bildeten, der die Mitgliedschaft vor Ort betreute. Die Geschäftsstelle des Düsseldorfer Kunstvereins war „für Bochum und Umgegend" schon seit Jahrzehnten beim Kaufmann Wilhelm Mummenhoff an der Bergstraße. Der „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen" hatte 1896 in Bochum 42 Mitglieder und ein Mitglied in Weitmar.(27) Die Mitgliederzahl stieg um die Jahrhundertwende rapide an, denn 1903 verzeichnete er in Bochum bereits 78 Mitglieder sowie je zwei in Weitmar und Langendreer.(28) Der Westfälische Kunstverein Münster, dessen für den Bochumer Raum zuständiger örtlicher Geschäftsführer der Apotheker Schulte-Herweling aus Hamme war, hatte in Bochum 22 Mitglieder, davon acht in Hamme und Marmelshagen sowie eins in Langendreer.(29)

Das bei Stumpf Nachf. ausgestellte Prämienblatt und der Hinweis auf die Verlosung wertvoller Gemälde entsprachen der Praxis der großen Kunstvereine, mit der sie verdienstvoll für die Verbreitung der Kunst des 19. Jahrhunderts sorgten. Da gab es für die Mitglieder die regelmäßige Jahresgabe in Gestalt eines Kunstblattes, gelegentlich auch eine ganze Mappe. Außerdem wurde jährlich eine bestimmte Anzahl von Ölgemälden und Grafiken durch Auslosung auf die Mitglieder verteilt, worauf auch der Märkische Sprecher in dem genannten Artikel hinwies. Da erwarben die Kunstvereine aus den selbst veranstalteten Ausstellungen einen Teil der Exponate, die anschließend im Wege der Verlosung - das Los kostete zumeist eine Mark - an die Mitglieder gelangten, eine gleichzeitige Förderung der Künstler und der Verbreitung von Kunst. Dass die Herstellung von Lithographien und Kupferstichen im 19. Jahrhundert einen gewaltigen Aufschwung nahm, ist auch auf diese Aktivitäten der Kunstvereine zurückzuführen.

So belegt der Märkische Sprecher des Jahres 1899, dass es schon Ende des 19. Jahrhunderts in Bochum ein ungewöhnlich umfang- und facettenreiches Musikleben, auch bereits ein überraschend vielfältiges Theaterangebot gab, und dass sich ein öffentliches und bürgerschaftliches Interesse an der Bildenden Kunst - wenngleich noch sehr von zeitbedingten und eher kleinstädtisch-provinziellen Vorstellungen geprägt - herauszubilden begann. Dass Bochums kulturelles Angebot zur damaligen Jahrhundertwende eher Breiten- als Spitzenkultur bot, darf nicht verwundern, hatte die Stadt doch ihren strukturellen Wandel vom verschlafenen Ackerbürgerstädtchen zur Industriestadt mit nun 64.000 Einwohnern erst wenige Jahrzehnte hinter sich und den letzten städtischen Kuhhirten, dem sie wenige Jahre später ein Denkmal setzen sollte, keine drei Jahrzehnte zuvor verabschiedet.

  1. Im Stadtarchiv Bochum fehlt leider der Zeitraum Januar bis April 1899. Die Belegstellen aus dem Märkischen Sprecher werden im nachfolgenden Text mit MS und dem Erschei-nungstag zitiert.

  2. C. Bernd Sucher (Hg.), Theaterlexikon, Bd. 1, München 1996, Stichwort „Millowitsch".

  3. Dieter Bloch, Fünfzig Jahre öffentliche Musikpflege in Bochum, in: Kulturamt der Stadt Bochum (Hg.): Bochumer Aspekte 69, Bochum 1969, S. 106.

  4. Dieter Bloch, Vom Stadtmusicus zum Philharmonischen Orchester, Bochum 1973, S. 76

  5. Max Seippel, Bochum einst und jetzt. Ein Rück- u. Rundblick bei der Wende des Jahrhunderts, Bochum 1901, S. 291.

  6. Ebd., S. 290.

  7. Bloch, Stadtmusicus (wie Anm. 4), S. 58.

  8. Ebd.

  9. Seippel, Bochum (wie Anm. 5), S. 288.

  10. Herbert Danz, Sangesfreude - Sangesfreunde. Eine Doku-mentation der Gesangvereine in Langendreer und Werne. Bochum 1993 (Übersicht S. 3 ff.).

  11. Evelyn und Werner Kroker, Solidarität aus Tradition. Die Knappenvereine im Ruhrgebiet, München 1988, S. 34; Clemens Kreuzer, Mit Kreuz und Hammer. Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Bochum 1979, S. 15.

  12. Bloch, Stadtmusicus (wie Anm. 4), S. 86

  13. Kroker, Knappenvereine (wie Anm. 11), S 15.

  14. Theaterverein Preziosa (Hg.), 100 Jahre Theaterverein Preziosa Bochum-Stiepel, Bochum 1989.

  15. Seippel, Bochum (wie Anm. 5), S. 293.

  16. Susanne Brachetti, Kultur und Kommerz. Geschäftstheater in Bochum während des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Herne 1996, S. 41 ff.

  17. Seippel, Bochum (wie Anm. 5), S. 293.

  18. Brachetti, Kultur (wie Anm. 16), S. 53.

  19. Karl Brinkmann, Bochum. Aus der Geschichte einer Großstadt des Reviers (Neue Bochumer Reihe, Bd. 2), Bochum 1968, S. 270-271.

  20. Karl Brinkmann, Der Leidensweg des Bochumer Theaters, in: Festschrift zur Eröffnung des Schauspielhauses Bochum September 1953, Bochum 1953, S. 47.

  21. Paul Küppers, Rathausbilder, Bochum 1929.

  22. Marina von Assel, Kunst auf Schritt und Tritt in Bochum, Bochum 1992, S. 8.

  23. Thomas Parent, Theater und Museen, in: Wolfgang Köll-mann u. a. (Hg.): Das Ruhrgebiet im Industriezeitalter, Bd. 2, Düsseldorf 1990, S. 361-418, hier S. 396.

  24. Ebd., S. 398.

  25. Ebd., S. 396.

  26. Verkehrsverein e.V. Bochum (Hg.), Führer durch Bochum und Umgegend, Bochum 1908, S. 59.

  27. 67. Jahresbericht des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen 1895/96 incl. Nachtrag.

  28. 74. Jahresbericht des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen 1902/03.

  29. 28. Jahresbericht des Westfälischen Kunstvereins Münster 1898/99.