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Rettet den Turm der Christuskirche!

Hans H. Hanke

Seit 1992 hat sich die Bochumer Abrißwut ein neues Opfer gesucht. Die evangelische Kirchengemeinde möchte den Turm der Christuskirche entfernen lassen. Nachdem die Gemeinde über Jahrzehnte die Baupflege des Turmes unterlassen hat, erstaunt es nicht, daß nunmehr eine durchgreifende Sanierung dringend wird. Rund acht Millionen DM veranschlagte der erste Gutachter. Einen Großteil davon ließe sich aus der Landeskasse gewinnen. Das restliche Geld kann die Gemeinde aus gesparten Unterhaltungskosten bezahlen, meinen wir. Gegen das Abriß-Vorhaben nahmen wir mit Schreiben an Stadt, Ministerium und Landeskonservator Stellung, das wir hier abdrucken. Außerdem können wir zum erstenmal seit vierzig Jahren den Blick in die Kriegergedächtnisstätte freigeben, die 1931 nach Entwürfen des Architekten Heinrich Schmiedeknecht und des Kirchenmalers Rüter im Sockelgeschoß des Turmes ausgeführt wurde1. Wir haben sie auf der Rückseite dieses Heftes abgebildet.

Die Christuskirche in Bochum gehört mit einer überschaubaren Anzahl anderer Architekturobjekte zu den international bedeutenden Gebäuden dieser Region. Ziel dieser Darstellung ist es nicht, diese unbestrittene Tatsache weiter zu belegen. Ziel ist es vielmehr, die Bedeutung des alten Turmes von 1879 für die architektonische Gesamtkomposition von 1959 aufzuzeigen sowie die Bedeutung dieses Turms für Bochums Geschichte und Städtebau stichwortartig zu veranschaulichen.

Bereits die nach einem Wettbewerb 1879 durch Hartel und Quester errichtete neue Bochumer Hauptkirche fand breite Anerkennung, wie Prof. Bernhard Kerber schon 1982 nachgewiesen hat2. Der heute noch erhaltene Turm ist ein anschauliches und qualitätvolles Zeugnis der damaligen Bau- und Liturgieauffassung. Gemeint sind hier sowohl die Turmkonstruktion und -architektur wie der Skulpturenschmuck am Turm.

Um in der Chronologie zu bleiben, sei bereits hier angemerkt, daß der Turm auch das einzige materiell authentische Zeugnis des Ortes ist, an dem während der NS-Zeit Prof. Dr. Hans Ehrenberg für die Bekennende Kirche und gegen nationalsozialistische Anfeindungen und Unterdrückungsversuche predigte. Aus diesem Grund kam Ehrenberg 1938 bis 1939 in ein KZ - konnte danach aber ins Ausland freikommen3.

1943 wurde die Christuskirche von Bomben getroffen. Es ist wohl auch das Bewußtsein um die vielfältige Symbolkraft des Turmes gewesen, die die Evangelische Kirchengemeinde dann um 1955 veranlaßte, in einem Wettbewerb zum Neubau die Auflage zu machen, daß dieser Turm zu erhalten sei4. Die relativ gut erhaltenen Außenmauern des Kirchenschiffes wurden dagegen zum Abriß freigegeben - andere, ähnlich zerstörte Kirche wurden in solchen Außenmauern wiederaufgebaut. Der Turm wurde aber nicht einfach nur belassen, wie er war. Nach einer Restaurierung5 erhielt er fünf neue Glocken, gegossen im Bochumer Verein. Es war demnach eine ganz bewußte Entscheidung der Kirchengemeinde, die neue Christuskirche als symbolträchtiges Miteinander von alter und neuer Bausubstanz zu gestalten.

Den o.a. Wettbewerb gewann der namhafte deutsche Architekt Dieter Oesterlen, zu dessen Hauptwerken die Christuskirche gezählt wird6.

Sie kann mit der heutigen Fassung der 1940 durch deutsche Luftangriffe zerstörten Kathedrale von Coventry (GB, 1951-1962) sowie der später als die Christuskirche erneuerten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Berlin, 1959-1962) als ein eindrucksvolles Mahnmal gegen den Krieg gelten.

Alle drei Kirchen zeigen eine deutlich aufeinander bezogene Kombination von Kriegsruine und Neubau, Einflüsse untereinander sind nicht auszuschließen, aber unerforscht.

Bemerkenswert ist, daß in den bisherigen Untersuchungen zum Kirchenbau in Nordrhein-Westfalen kein zweites Beispiel dieser Kombination von Kriegsruine und Neubau aufgezeigt wird. Erhaltene Türme kriegzerstörter Kirchen wurden zwar oft wieder verwendet, allerdings meist in moderner Ummantelung oder mit modernem Turmaufsatz7.

Die Rezeption der Christuskirche ist bisher kaum untersucht worden. In der lokalen Literatur findet sie 1879 bis in die Gegenwart überaus reiche Beachtung8. Ohne systematische Suche und in gebotener Eile können hier außer den oben erwähnten bisher nur einige überregionale Nennungen aufgezeigt werden:

Stephan Hirzel stellt den Neubau 1960 in der Zeitschrift „Kunst und Kirche" lobend vor9. Er verweist auf die angemesse sakrale Raumstimmung im Inneren, die seines Erachtens aus der Übereinstimmung von Innen- und Außenhaut des in seiner Flächigkeit vielfach aufgegliederten Schiffes herrührt. Er konstatiert auch den räumlichen und ideellen Bezug zwischen Altar und Turm. Denn der Altar steht in der Hauptachse des Turmes - der ehemaligen Kirchenachse -, während das Schiff etwas aus dieser Achse gerückt ist. Hirzel beschreibt aber auch die nach seinem Urteil gelungene architektonische Anbindung des alten Turms an das neue Schiff durch Nebentrakt, Binnenhof und Vorhalle und fährt fort: „Dieses neugotische, nun zum Campanile gewordene Überbleibsel, das in ähnlichen Fällen oft als unerwünschtes Erbstück in Kauf genommen werden muß, ist auf eine selten glückliche Art in die neue Baugruppe einbezogen worden, so daß man an seiner Stelle nichts anderes mehr zu sehen wünscht."

Der amerikanische Kunsthistoriker G.E. Kidder-Smith bewertet in seinem 1964 erschienenem Band „Neuer Kirchenbau in Europa" die Christuskirche als eine der schönsten in Europa10.

1991 geben Günter Brakelmann und Traugott Jänichen den Band Kirche im Ruhrgebiet heraus11. Darin verfaßt Christiane Eidmann ein Kapitel zur Christuskirche. Obwohl sie sich im wesentliche mit den - in diesem Zusammenhang ebenfalls sehr wichtigen - neuen Richtlinien im Kirchenbau der Nachkriegszeit und ihrer Umsetzung im Kirchenschiff der Christuskirche beschäftigt, erkennt auch sie, daß alter Turm und neues Schiff eine Einheit darstellen und bezeichnet die Christuskirche als „eine der wohl interessantesten Kirchen in der Nachkriegszeit, die innovative Konzepte mit traditionellen Elementen verbindet".

Sämtliche bisher genannten Autoren veranschlagen eine jeweils zeitgemäße 'gotisierende Formsprache' des gesamten Gebäudes. Seine wesentliche Bestandteile, nämlich Turm und Schiff korrespondieren nach ihrer Ansicht durch diese Formsprache eng miteinander.

Es bleibt hier festzustellen, daß der alte Turm der Christuskirche integraler Bestandteil der Gesamtkomposition der Christuskirche ist. Er ist ideell untrennbar mit dem Kirchenschiff verbunden.

Die Christuskirche ist nicht zuletzt im Gesamtzusammenhang der Wiederaufbauplanung für die Innenstadt Bochums errichtet worden. Sie war seit den frühen Wiederaufbauplanungen von 1947 als Bestandteil sog. „Erlebnislinien" vorgesehen, die als gedachte Aneinanderreihung „städtebaulicher Dominanten" die Stadt durchziehen sollten12. Darum unterstützte die am Wiederaufbau dieses stadtbildprägenden Gebäudes stark interessierte Stadt Bochum „finanziell den Bau in erheblichem Maße und entsandte Stadtbaurat Linz mit in den Bauausschuß"13. Außerdem beteiligte sich die Bochumer Bevölkerung durch Spenden ebenso an der Finanzierung der Christuskirche wie es auch die Bochumer Wirtschaft tat.

Der Turm der Christuskirche ist in seiner mehr als 100jährigen Geschichte zu einem Identifikationssymbol der Bochumer Bevölkerung mit ihrer Stadt geworden. An seiner Entwicklung hat sie jederzeit Anteil genommen. Das ist nicht zuletzt Ergebnis der im doppelten Sinn des Wortes überragenden Rolle seiner Gestalt im Stadtbild. Der aus Teutoburgerwald-Sandstein massiv aufgeführte, eigenwillig gewölbte Helm mit seinen durchscheinenden Belüftungsöffnungen signalisiert - weithin aus allen Stadtteilen sichtbar - den Ort der Bochumer Stadtmitte. Seit hundert Jahren beweist jede Darstellung einer Fernansicht der Innenstadt, daß der Turm der Christuskirche markanter Bestandteil der Bochumer Silhouette ist. Ohne den Turm ginge ein wesentlicher Bestandteil dieser typischen Stadtansicht verloren.

Das Schicksal der Christuskirche kann als erste Schlußfolgerung dieser kurzen Bestandsaufnahme nicht alleinige Angelegenheit einer Kirchengemeinde sein. Ihre Funktion als international bedeutende Architektur, als historisches Zeugnis der Stadt Bochum, als Wahrzeichen der Innenstadt und als gemeinsam von Kirche, Stadt, Wirtschaft und Bochumer Bürgern finanziertes Vorhaben verbietet das. Die Gemeinde kann mit den Erhaltungsaufgaben aus diesen Gründen nicht allein gelassen werden.

Zweite und hauptsächliche Schlußfolgerung für den alten Turm kann nur sein, daß sein Erhalt im überwiegenden öffentlichen Interesse steht. Er muß der Stadt und dem Land Nordrhein-Westfalen bewahrt werden.

Literatur

  1. Monheim, Ingeborg: Eine Bochumer Baugeschichte. Heinrich Schmiedeknecht 1880-1962. Bochum 1994

  2. Kerber, Bernhard: Bochums Bauten. 1860 - 1940. Bochum 1982

  3. Zehnter, Annette: Widerstand und Verfolgung in Bochum und Wattenscheid. Essen 1992

  4. Festschrift: Christuskirche Bochum 1879-1979. Bochum 1979

  5. Kreissynodalvorstand des Kirchenkreises Bochum, Hrsg.: Evangelische Kirche in Bochum. Bochum 1962, Auflage 1972, S. 16.

  6. Pevsner, Nikolaus / Honour, Hugh / Fleming, John: Lexikon der Weltarchitektur. München 1987, Artikel „Oesterlen"

  7. Henze, Anton: Neue kirchliche Kunst. Recklinghausen 1958; Nau, Hans Erwin: Evangelischer Kirchenbau in Westfalen 1952 - 1962, S. 5 ff.; Kahle, Barbara: Rheinische Kirchen des 20. Jhs. Köln 1985 (Landeskonservator Rheinland, Arbeitsheft 39), S. 84 f.

  8. Seippel, Max: Bochum Einst und Jetzt. Bochum 1901. ND Bochum 1991, 69f; Stein/ Kamp: Heimatkunde der Kreise Bochum Stadt und Land .... Arnsberg 1900. Kommentierter Nachdruck in: Hanke, Hans H., Hrsg.: Bochum - Wandel in Architektur und Stadtgestalt. Bochum 1985, S. 159 ff; Niewiarra, Ralph: Die Bochumer Christuskirche. In: Hanke, Hans H., Hrsg.: Bochum - Wandel in Architektur und Stadtgestalt. Bochum 1985, S.223f; BDA Bochum: Architekturführer Bochum. Bochum 1986; Petsch, Joachim / Hanke Hans H.: Stadtplanung und Architektur in Bochum nach 1945 / Stadtplanungskonzept. In: Wagner, Johannes Volker, Hrsg.: Vom Trümmerfeld ins Wirtschaftswunderland. Bochum 1945-1955. Bochum 1989, S.73ff, 401ff

  9. Hirzel, Stephan: Heilsame Stille - Heilige Leere. Zum Neubau der Christuskirche in Bochum. In: Zs. Kunst und Kirche, Heft 3/1960, S. 118ff

  10. Kidder-Smith, G.E.: Neuer Kirchenbau in Europa. Stuttgart 1964

  11. Brakelmann, Günter; Jänichen, Traugott; Hrsg.: Kirche im Ruhrgebiet. Essen 1991. Darin: Eidmann, Christiane: Der Neuaufbau der Christuskirche in Bochum, S. 160 - 164

  12. Hanke, Hans H.: Architektur und Stadt-planung im Wiederaufbau. Bochum 1944 - 1960. Bonn 1992, S. 58 (Denkmalpflege und Forschung in Westfalen, Bd.22)

  13. Festschrift: Christuskirche Bochum 1879-1979. Bochum 1979, o.S. Von den veranschlagten 1,1 Mio. DM für den Bau trugen: 200.000,- DM Kirchengemeinde und Spender, 200.000 Gesamtverband Ev. Kirche Bochum, 200.000,- DM Ev. Landeskirche, 360.000,- DM Stadt Bochum, 140.000,- DM Land NRW.