Metanavigation

Die Stadt Bochum auf facebook
Folge der Stadt Bochum auf Twitter
Die Stadt Bochum auf YouTube
Folge der Stadt Bochum auf Instagram

Heusnerviertel. Porträt eines Stadtteils.

Jutta Wallerich

Mitten in Bochum, am Rande der Innenstadt, sorgt seit nunmehr fast zwei Jahren ein ca. 2500 qm großes Gelände für Konflikte und Kopfzerbrechen im Rathaus. Es geht dabei um das Heusnerviertel, das die Straßenzüge Heusnerstraße, Bahnstraße, Brüllstraße, Teile der Kohlenstraße, Am Trottenberg und Pestalozzistraße umfaßt. Hinter diesen Straßen liegt noch ein bedeutender Teil von Grünflächen mit hohem Naherholungswert, bei denen es sich zum Teil um alte, brachliegende Industrieflächen handelt. Eingebettet in dieses Gebiet sind außerdem eine Sportanlage, zwei ehemalige Schulen, ein Friedhof und mehrere Schrebergartenanlagen.

Unter städtebaulichen Gesichtspunkten ist das Heusnerviertel aufgrund seiner innerstädtischen Randlage und der isolierten, zum Teil stark heruntergekommenen Bebauung zwischen großen Industrieflächen sicherlich wenig "attraktiv", für seine Bewohner hat es jedoch nicht zuletzt durch die Nähe zur Bochumer Innenstadt sowie durch die ruhige Wohnlage und die für Bochumer Verhältnisse ungewöhnlich niedrigen Mieten, die bei 3 DM/qm liegen, einen hohen Wohnwert.

Das erklärt aber nur einen Aspekt der Tatsache, daß sich hier seit geraumer Zeit eine Bürgerinitiative vehement gegen die Zerstörung ihres Wohn- und Lebensraumes wehrt: Der gesamte Komplex, und damit etwa 40 Häuser mit 150 Wohneinheiten für über 200 Menschen, soll dem geplanten Weiterbau der sogenannten Westtangente, einer auto-bahnähnlichen Schnellstraße, weichen. Ein anderer Aspekt ist die sicher nicht nur für Bochum besondere und ungewöhnliche Wohnsituation, die den breiten Widerstand gegen Behörden und Politiker verstärkt: Das Heusnerviertel ist nämlich mittlerweile teilweise besetzt!

Vielleicht hätte ich es gleich sagen sollen: Ich bin nicht vom Fach. Also nicht professionell beschäftigt mit dem, was hier untersucht und beschrieben werden soll, weder Architektin, noch Raum-, Verkehrs-, Stadtplanerin und was es dergleichen sonst noch gibt. Ich bin also zunächst nicht "zuständig" für die "Stadtgestalt". Daher ist meine Beschreibung der Veränderung eines Stadtteilviertels auch bestimmt kein Fachartikel. Wieso ich mich dennoch "kompetent" genug fühle, um mitreden zu können?

Ich bin davon betroffen, was bei den geplanten und ungeplanten Wandlungen des Stadtbildes herauskommt, muß mit den Ergebnissen zurechtkommen; ich bin Bewohnerin.

Die meisten Bewohner finden sich mit ihrer von anderen gestalteten Umgebung ab, einige aber versuchen, sie selbst zu gestalten und das manchmal mit anderen Intentionen, als dies die dafür "Zuständigen" vorgesehen haben. Wo ich wohne, im Heusnerviertel, passiert genau dieses schon seit mehreren Jahren. Wir, die Bewohner -- Studenten, Familien, Rentner, Arbeitslose und Arbeitende, Künstler, Punker, Ausländer, Schüler und Auszu-bildende - also eine ganz schön bunte Mischung, haben uns für selbst "zuständig" erklärt und die Gestaltung und Veränderung unserer Umgebung selbst in die Hände genommen. Dadurch fühlen wir uns verantwortlich für "unser" Viertel, vor allem, seitdem wir wissen, daß dieses Viertel abgerissen werden soll.

Ein großer Teil der Bewohner ist erst in den letzten vier Jahren hier eingezogen, andere haben aber schon ihr ganzes Leben hier verbracht, schon ihre Eltern und Großeltern wohnten hier.

Die Identifikation mit dem Wohngebiet ist daher recht unterschiedlich motiviert. Während bei den später eingezogenen Mietern die politische Motivation, d. h. der Kampf um den Erhalt preiswerten Wohnraums für einkommensschwache Mieter und die Ablehnung der heutigen ökologisch und ökonomisch unvertretbaren Straßengroßprojekte (mehr darüber später) überwiegen mag, ist die Verbundenheit der Altmieter anders zu erklären. Sie wurden hier geboren, sind in den umliegenden Schulen unterrichtet worden, die älteren unter ihnen haben auf dem nahegelegenen Friedhof ihre Angehörigen beerdigt. Ein überschaubarer Lebensraum.

Chronik eines Viertels - erster Teil.

Sich angesichts der bereits zahlreichen Abrißruinen und Lücken in den Hausreihen vorzustellen, wie die Gegend früher einmal aussah, erscheint zunächst sehr schwierig. Aus den Erzählungen der alten Bewohner und ihren Erinnerungen läßt sich dann aber doch ein Bild rekonstruieren.

Damals, das ist die Zeit um die Jahrhundertwende bis in die 30er Jahre, war das Viertel ein durch Jahrzehnte gewachsenes Gebiet mit einer kompletten Infrastruktur. Neben zwei bis drei Lebensmittelläden und einer Metzgerei, dem Bäcker und einem Milchladen, die für das leibliche Wohl der Menschen sorgten, gab es noch einen Gemischtwarenladen in der Bahnstraße (Zeughaus), einen Schuster und sogar eine kleine Schreinerei in einem Hinterhof Die Kinder konnten die drei Schulen ohne weiteres zu Fuß erreichen. (Zwei der Gebäude waren bis vor kurzer Zeit noch als Schulen genutzt, die letzte schloß vor zwei Jahren, eine der Schulen war im April diesen Jahres von der dafür zuständigen Verwaltungsstelle für die Denkmalschutzliste vorgeschlagen worden.) Sogar ein Kindergarten war zeitweilig in dem Eckhaus Bahnstraße/Kohlenstraße eingerichtet.

Außerdem befanden sich dort mehrere Kneipen, von denen eine (Ecke Bahnstraße/Kohlenstraße erst Anfang 1982 abgerissen) zeitweilig als Gartenwirtschaft betrieben wurde. Eine eigene Feuerwehr und eine kleine Polizeistation mit einer Gefängniszelle, die allerdings meist nur zum "Ausnüchtern" benötigt wurde, machen die Aufzählung vollständig. Die Häuser befanden sich überwiegend im Privatbesitz einzelner Familien. Lediglich die Familie Heusner erwarb im Laufe der Jahre mehrere, zum Teil zusammenhängende Häuser, die dann weiter vermietet wurden. Nachdem die Heusners die Straße "herrichten" ließen, wurde sie, wie früher üblich, nach ihnen umbenannt.

Auch die Sozialstruktur war einheitlich. Die meisten der Männer arbeiteten auf der (heute geschlossenen) Zeche Engelsburg oder beim Bochumer Verein (heute Krupp). Eine Bewohnerin erinnert sich: "Die Arbeiter sind einfach immer über den Sportplatz zur Zeche gegangen. (Anm. d. Verf.: Der Sportplatz war wohl schon damals vorhanden, lag allerdings ein wenig tiefer.) Dabei mußten sie, von Stein zu Stein springend, über den Goldhammer Bach, an dem wir noch als Kinder gespielt haben." (Der Goldhammer Bach wird heute im Zuge der Vorarbeiten zur Westtangente verrohrt.)

Das gesamte Gelände war damals wie heute von zahlreichen Schrebergärten umgeben.

Während des 2. Weltkrieges wurde das Viertel stark beschädigt. So fiel beispielsweise eine der ersten Bomben, die über Bochum abgeworfen wurden, auf das sogenannte Bärenhaus an der Bahnstraße/ Heusnerstraße, das seinen Namen nach einer überlebensgroßen Bärenfigur aus Stein erhalten hatte. In den ersten Kriegsjahren wurde zunächst in Nachbarschaftshilfe ein Teil der Häuser wiederaufgebaut. Manche Häuser waren allerdings so stark zerstört, daß sie völlig neu errichtet werden mußten. Und an einigen Stellen blieben die Trümmergrundstücke bis in die 60er Jahre liegen, jedenfalls erinnert sich eine der jüngeren Bewohnerinnen, darauf gespielt zu haben.

Einige Menschen fanden aufgrund der großen Wohnungsnot in den ersten Nachkriegsjahren keine geeignete Wohnung, so daß viele von ihnen mehrere Jahre ihren festen Wohnsitz in den Schrebergärten und umliegenden barackenähnlichen Unterkünften hatten.

So lebt eine inzwischen über 8ojährige Frau, die in der Brüllstraße ausgebombt wurde, noch heute in solch einem kleinen Haus, das allerdings mit den Jahren baulich ein wenig verbessert wurde. "Sie waren froh, überhaupt ein festes Dach über dem Kopf zu haben. Außerdem konnte man in den Gärten einen großen Teil seines Gemüses selber ziehen." Aber nicht nur Gemüse wurde in den Schrebergärten gezogen, lange sorgten auch selbstgezüchtete Hühner und Schweine für eine Aufbesserung des Speisezettels.

Sogar ein Pferd gab es im Heusnerviertel: Es wurde im Hof der Milchhandlung gehalten, die mit dem Fuhrwerk auch die umliegende Gegend mit frischer Milch belieferte, bis es später durch einen Lastwagen abgelöst wurde.

Es ist natürlich heute nicht nachzuprüfen, ob dies eine so große Idylle war, wie es die Erzählungen der Altbewohner vermuten lassen. Jedoch schuf die Überschaubarkeit der räumlichen und sozialen Zusammenhänge, das Vertrautsein mit den Nachbarn, eine enge Verbundenheit der alten Bewohner, die ihnen später den "notwendigen" Auszug als Planungsverdrängte sehr schwer werden ließ.

Eine Straße wird geplant.

Bereits 1928 tauchen in alten Unterlagen der Stadt Bochum erste Überlegungen zum Bau eines Außenringes auf, dessen Linienführung der heutigen ähnlich ist. 1929 übernahm dann der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk diesen Straßenzug als NS VII e in sein geplantes rasterförmiges Straßennetz, das sich in nordsüdlicher, beziehungsweise östwestlicher Richtung über das gesamte Ruhrgebiet ziehen sollte. Geplant war, die NS VII e als günstige Verbindung zwischen Gelsenkirchen - Wanne-Eickel - Bochum - Hattingen herzustellen. Das dazugehörige Fluchtlinienverfahren (heute Planfeststellungsverfahren bzw. Bebauungsplanverfahren) kam Anfang der 30er Jahre wegen der Planung einer direkten Bahnlinie von Bochum nach Gelsenkirchen ins Stocken, wurde aber dann 1939 förmlich mit der Bahnplanung als Verkehrsband V 45 festgesetzt. Die Realisierung der Planung wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vorläufig gestoppt.

1954 wird der Leitplan der Stadt Bochum (heute Flächennutzungsplan) mit der NS VII e rechtsverbindlich. Das Gespenst einer durch das Heusnerviertel führenden Straße geistert zwar in all der Zeit immer mal wieder durch das Viertel, da aber konkret nichts geschieht, machen sich die Bewohner zunächst auch keine Sorgen. Erst Anfang der 60er Jahre nimmt die Ausbauplanung eines Außenringes um Bochum konkrete Gestalt an. Aufgrund der Ansiedlung der Adam Opel AG sowie des Baus der Ruhr-Universität wird jedoch dem Ausbau des östlichen Teilstücks der Vorrang gewährt. Im Bereich des westlichen Planstückes wird aber schon mal für alle Fälle eine Brücke gebaut (Stensstraße). Für diesen Teil des Außenringes werden dann 1972 der Flächennutzungsplan und 1976 der Bebauungsplan endgültig rechtskräftig.

Während im Bereich der Hattinger Straße eine Bürgerinitiative gegen den Bau der Westtangente entsteht, die immerhin den Ausbau in diesem Gebiet in Tunnellage durchsetzen kann, um die Zerstörung eines wichtigen Nebenzentrums zu verhindern, ist im Heusnerviertel kein Widerstand gegen die geplante Trasse, die direkt über das Wohngebiet gehen soll und damit einen fast kompletten Abriß notwendig machen würde, zu finden. Die Bewohner glauben, daß sie sich doch nicht gegen ein solches Projekt wehren könnten...

Chronik eines Viertels - zweiter Teil.

Mit der Stillegung der Zeche Engelsburg setzt im Heusnerviertel nach und nach ein Auflösungsprozeß der alten Zusammenhänge ein. Die zunächst schleichende Umstrukturierung der Lebensbedingungen beginnt - wie vielerorts - mit dem Schließen der unrentabel gewordenen kleinen Geschäfte. Anders aber als an anderen Stellen des Stadtgebietes wird hier für die Läden kein Ersatz geschaffen: neue Läden, z. B. Supermärkte, siedeln sich wegen des drohenden Abrisses erst gar nicht mehr an. Die Wege werden vor allem für die älteren Bewohner länger und beschwerlicher. Man muß nun die Versorgungszentren an der Alleestraße oder im Bereich der Hattinger Straße aufsuchen. Ein Teil der ursprünglichen Bewohner zieht fort, bedingt durch den Verlust des Arbeitsplatzes auf der Zeche, aber bald auch wegen des Absterbens des ehemaligen Sozialgefüges. Die ersten Hauseigentümer, oft auch an der Gegend uninteressierte Erbengemeinschaften, veräußern ihr Eigentum an die Stadt, die überdies im Bereich der Pestalozzistraße bereits Eigentümerin der von ihr in den 50er Jahren gebauten Häuser ist. Die neu hinzugezogenen Mieter haben nicht die enge Beziehung zu ihrer die Fluktuation nimmt zu.

Nach dem Inkrafttreten des Bebauungsplanes 1976 kommt es zu massiven Abwanderungen. Obwohl zunächst die Gelder zum Ausbau der Westtangente nicht ausreichen, nimmt die Unsicherheit der Bevölkerung zu. Gezielte Maßnahmen der Stadt, wie die Zahlungen von Umzugsgeldern, Entschädigungen für Teppichböden, Gardinen etc., beschleunigen den Wegzug der Bewohner ebenso wie das Anbieten von Ersatzwohnraum. Da es aber in Bochum kaum vergleichbar billigen Wohnraum gibt, bedeutet der Umzug für die Menschen in der Regel auch massive Mietpreiserhöhungen. Und auch dort, wo die neue Wohnung zunächst noch verhältnismäßig preiswert erscheint, gibt es dann einige Jahre später für manchen Mieter sehr teure Überraschungen...

Im Heusnerviertel bleiben lediglich die zurück, die sich die höheren Mieten nicht leisten können oder wollen, die sich noch nicht von ihrem "Zuhause" lösen können und einige wenige Hausbesitzer, die sich von alledem nicht beeindrucken lassen.

Zu dieser Haltung gehört allerdings bereits ein starkes Nervenkostüm: Mittlerweile wurden nämlich alle leerstehenden Häuser abgerissen. Leergezogene Wohnungen, die sich in den Erdgeschossen befinden, werden kurzerhand zugemauert, das Viertel bekommt einen düsteren, tristen Anblick. Auch zwischen weiterhin bewohnten Häusern wird abgerissen, die Giebelwände werden nicht neu verputzt, die abgerissenen Tapeten bleiben zu sehen. Nach und nach läßt die Stadt als neue Eigentümerin die alten, bereits in ihrem Besitz befindlichen Häuser vergammeln. Für vorübergehende, unbeteiligte Passanten macht das Viertel einen leeren und unbewohnbaren Eindruck.

Chronik eines Viertels - dritter Teil.

1980 tritt nun eine Entwicklung ein, die zunächst überhaupt nichts mit den Problemen der Menschen im Gebiet der geplanten Westtangententrasse zu tun hat. Überall in der Bundesrepublik und im westeuropäischen Ausland kommt es zu andauernden Jugendunruhen. Auch in Bochum macht sich der Unmut der Jugendlichen Luft. Sie fordern ein autonomes Jugendzentrum in der Stadt, und nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen besetzen sie Anfang des Jahres 1981 das zuletzt als Aufführungsstätte des Bochumer Schauspielhauses genutzte alte Heintzmann-Gebäude, ein Fabrikgelände, das zentral in der Innenstadt liegt und für die Bedürfnisse der Leute aus der "Fabrik-Bewegung" geeignet ist. Die Besetzer finden bei einem Teil der Bochumer Bevölkerung, vor allem bei der sogenannten linken Szene, aber auch bei anderen Bürgern, Verständnis und Unterstützung. In dieser Situation bietet die Stadt den Besetzern unter anderem die alte Schule an der Pestalozzistraße als Ersatzobjekt an, ein Angebot, das, weil das Gebäude unter anderem zu klein und verkehrstechnisch schlecht zu erreichen ist, von den Besetzern abgelehnt wird. Immerhin ist aber von seiten der Stadt wieder die Möglichkeit der Zwischennutzung von leeren Gebäuden im Planungsbereich der Westtangente in Aussicht gestellt worden.

Hinzu kommt ein weiteres schwerwiegendes Problem der Stadt: die eklatante Wohnungsnot der Studenten. Aus Angst vor weiteren Besetzungen und unter dem öffentlichen Druck wird im Sommer 1981 in Zusammenarbeit mit dem Akafö (Akademisches Förderungswerk) ein Teil der leerstehenden Wohnungen im Heusnerviertel an Studenten vermietet. Die Miete ist gering: 1 DM pro Wohnung als symbolische Nutzungsgebühr zzgl. Nebenkosten. Die einziehenden Studenten gingen zu diesem Zeitpunkt, ebenso wie das Akafö, von einer Nutzungsdauer von ca. 5 - 7 Jahren aus.

Durch die neuen Mieter kommt wieder Leben in das triste Viertel. Da die Wohnungen und Häuser zum Teil in einem miserablen Zustand sind, müssen die neuen Bewohner zunächst eine Menge Geld und Zeit in die Renovierung der Häuser stecken. Eigeninitiative und viel Improvisation werden in dieser Phase investiert, um den Einbau von neuen Wasserleitungen, Duschen, Fensterscheiben und sogar ganzen Fenstern, elektrischen Leitungen und andere notwendige Arbeiten zu erledigen.

Obwohl die Anzahl der Bewerber für diese für Studenten erschwinglichen Wohnungen größer ist als der zur Verfügung stehende Raum, werden noch einige Häuser nach dem Auszug der Altmieter abgerissen.

Die neue Zusammensetzung der Bewohner muß sich nun erstmals zusammenraufen. In die für nicht bewohnbar erklärten Wohnungen ziehen nach und nach auch Leute ein, Funker, Hausbesetzer... Einerseits wird durch die Entrümpelungsaktionen der neuen Mieter, die zaghaften Versuche, die grauen Häuser anzustreichen, das freundlichere Aussehen bewohnter Fenster usw. die Atmosphäre im Heusnerviertel wohnenswerter, andererseits sind der ungewohnte Anblick buntbehaarter Menschen, laute Musik, andere Wohnformen usw. zunächst für die überwiegend älteren Menschen gewöhnungsbedürftig.

Trotzdem überwiegen die Vorteile, die beide Bewohnergruppen durch die neue Situation haben. Ist für die Altbewohner nicht mehr der täglich drohende Abriß vor Augen, so können die jungen Zugezogenen neue und andere Wohn- und Lebensbedürfnisse ausprobieren und relativ ungestört mit anderen Formen des Zusammenlebens und -arbeitens experimentieren. Für beide Gruppen entsteht so etwas wie ein Freiraum.

Alls die Stadt jemals gehofft hatte, die standhaften Altmieter endgültig zu vergraulen, ist ihr dies gründlich mißlungen. Das Zusammenraufen funktioniert für alle Beteiligten erstaunlich gut, trotz der Vorurteile auf beiden Seiten.

Der überwiegende Teil der Studenten hatte vorher in der Anonymität der Betonburgen im Uni-Center oder den Studentenwohnheimen gewohnt, so daß für sie die neue Wohnsituation ein erfreulicher Gegensatz dazu ist: Die Anbindung an fußnahe Erholungsgebiete, Straßenfeste, die gemeinsam mit den erst noch zögernden Altmietern im Sommer organisiert werden, das Kennen der Nachbarschaft sind die ersten Schritte, die eine hohe Identifikation mit der Umgebung schaffen.

In diesen beiden Jahren des Zusammenlebens im Heusnerviertel sorgt allerdings die Überlassung von einigen leerstehenden Räumen an insgesamt fünf Bochumer Rockergruppen für erhebliche Unruhe und auch Angst im Viertel. Erst massive Proteste aller Anwohner können die Belästigung, die vor allem für die Bewohner des Hauses Heusnerstraße 17 zur körperlichen Bedrohung werden, dadurch beenden, daß den Gruppen andere, nicht in Wohngebieten liegende Räumlichkeiten zugewiesen werden. Diese erste gemeinsame Aktion der alten und neuen Mieter, die doch so unterschiedlich schienen, verstärkt den entstehenden Zusammenhalt.

Chronik eines Viertels - vierter Teil.

Im Oktober 1983 werden die Bewohner plötzlich durch einen Zeitungsartikel in ihrer "Idylle" gestört: Der anstehende Weiterbau der Westtangente und damit zusammenhängend der Abriß des Viertels werden angekündigt. Nun aber werden die Menschen im Heusnerviertel aktiv: Eine Bürgerinitiative findet sich schnell zusammen, die als erstes im Dezember 1983 eine Podiumsdiskussion mit Politikern aller im Rat vertretenen Fraktionen veranstaltet. Einige beginnen sich mit der Planungsgeschichte der Westtangente intensiv zu beschäfti-gen; Experten werden befragt, Gutachten über die Notwendigkeit einer solchen Straßenplanung eingeholt; die Bürger machen sich sachkundig. Dabei stellen sie fest, daß die Planungsgrundlage der Westtangente auf inzwischen überalterten Verkehrszählungen beruht, ja, daß sogar die Grundkonzeption der Planung, die im Zusammenhang mit dem inzwischen abgelehnten Bau der sogenannten DÜ-BO-DO steht, fallengelassen wurde.

Trotz aller Einsprüche der Bewohner ergehen noch im Dezember 1983 die Kündigungen an alle Mieter des Akafö und der Stadt zum 31.3. bzw. 30. 11. 1984. 1984 wird denn auch ein turbulentes Jahr für die "Bürgerinitiative Heusnerviertel". Zwar werden durch einen Stufenplan die Kündigungen durch Räumungsfristen zwischen dem 31. 5. 1984 und Ende 1985 herausgeschoben, aber der Abriß selbst scheint beschlossene Sache der Politiker zu sein. Übrigens wird der Name Heusnerviertel auf einer der seit Oktober 1983 bis heute wöchentlich sonntags stattfindenden Viertelversammlungen geprägt.

Stände in der Innenstadt werden organisiert, Flugblätter gedruckt, ein Anwalt wird eingeschaltet, Kontakte zu anderen Initiativen geknüpft, all dies Versuche, eine Gegenöffentlichkeit zu den Äußerungen der Politiker und der teilweise einseitigen Berichterstattung in der Presse zu schaffen. Daher werden nun die Artikel selber geschrieben und in kleinen Revierzeitungen, Studentenblättern, der taz etc. veröffentlicht.

Die Initiative arbeitet Alternativvorschläge zur Trassenführung aus, die jedoch von der Stadt ignoriert werden, selbst als sie von der damaligen Oppositionsfraktion der Liberalen Demokraten unterstützt werden. Eine Petition beim Landtag in Düsseldorf wird - leider erfolglos - eingereicht. Die politische Mobilisierung der Bürgerinitiative geht so weit, daß sie schließlich mit zwei Vertreterinnen bei den Kommunalwahlen kandidiert: Sie werden in den Stadtrat bzw. in die Bezirksvertretung für die Grünen gewählt. Die Stadt betreibt aber weiter-hin an anderen Stellen die Baumaßnahmen für die Westtangente. So wird kurz vor den Kommunalwahlen im September 1984 der Tunnel unter der Hattinger Straße mit viel Aufwand eröffnet. Der Initiative gelingt es aber, die geplante Zeremonie mit ca. 450 Unterstützern durch massive Proteste in der vorgesehenen Form zu verhindern.

Als weiterhin einige Bewohner entnervt ausziehen, wird möglichst dafür gesorgt, daß diese Wohnungen neu belegt werden. Da die Stadt keine neuen Verträge mehr schließen will, müssen diese Wohnungen besetzt werden, ansonsten hätten Demoliertrupps der stadteigenen Wohnungsbaugesellschaft VBW die Wohnungen unbewohnbar gemacht, d. h. zerstört. Das galt z. B. auch für Wohnungen in den Häusern, die selbst nach den Vorstellungen der Stadt erst 1 _ Jahre später abgerissen werden sollte.

Trotz der aufkommenden Verbitterung setzen die Bewohner auf Aufbau: So müssen die Häuser winterfertig gemacht werden, was sich angesichts des strengen Winters 84/85 als überaus notwendig erweist. All diese Arbeiten finanzieren die Heusnerleute aus der eigenen Tasche, ebenso wie die inzwischen anfallenden Kosten für mehrere Räumungsklagen.

Straßenfeste, die früher nur für die Anwohner gefeiert wurden, sorgen in den letzten beiden Jahren durch Ankündigung in der Presse für zusätzliche Spendeneinnahmen...

Mitte 1984 wird zugleich eine Normenkontrollklage gegen den Bebauungsplan beim OVG Münster eingereicht. Sollte diese Klage erfolgreich sein, und die Chance besteht würde der Bebauungsplan für ungültig erklärt werden und müßte neuerlich geprüft werden. Daß aber eine in der vorgesehenen Form überdimensionierte Straßenplanung heute sicherlich nicht mehr auf Zustimmung stoßen würde, bestätigten nicht nur die um Rat gefragten Stadt- und Verkehrsplaner, die das zugrundeliegende Konzept einstimmig für überholt erklärten. Auch Vertreter der Bochumer Mehrheitsfraktion im Rat gaben gegenüber der Bürgerinitiative offen zu, daß "eine solche Planung nicht mehr politisch durchsetzbar wäre". Dazu passen sicher auch die neuen Vorstöße des Verkehrsministers Zöpel, der ein Umdenken in der Verkehrsplanung zugunsten ökologischer Gesichtspunkte gefordert hat.

Chronik eines Viertels - fünfter Teil.

Pünktlich zu den Kommunalwahlen ist unsere Schonfrist vorbei. Hatte man die bereits abgelaufene Räumungsfrist für die ersten sechs Häuser vom 31. 5. 1984 untätig verstreichen lassen, flattern nun die Räumungsklagen ins Haus. Die Verfahren werden allerdings zunächst in einigen Fällen ausgesetzt, um eine Entscheidung in Sachen Normenkontrolle abzuwarten. Einen Tag nach diesem richterlichen Spruch schlägt jedoch im Heusnerviertel die Abrißbirne zu. Obwohl, wie das Landgericht später (7. 85) in zweiter Instanz entscheidet, eine Bewohnerin noch über einen Mietvertrag verfügt, wird das Haus eine Woche vor Weihnachten 1984 abgerissen, mitsamt dem Mobiliar der Mieterin. Eine von ihr beantragte "Einstweilige Verfügung" kann den Abriß lediglich um einige Tage verzögern. Danach werden immer wieder im Heusnerviertel leerwerdende Häuser abgerissen. In einem Fall können wir den Abbruch wiederum um ein paar Tage verzögern: Wir hatten in der Zwischenzeit ein Hausbesetzermuseum dort eingerichtet. In einem anderen Fall muß ein weiteres Mal eine einstweilige Verfügung erwirkt werden, da die Mieter eines Hauses erst durch den Bagger vom Abriß der anderen Haushälfte erfahren. Da in einer ähnlichen Aktion bereits einmal der übriggebliebene Hausteil schwer beschädigt wurde, war diese Vorsichtsmaßnahme, wie sich dann auch herausstellte, nicht unbegründet: Auch hier wird ein Teil des Giebels beschädigt, den die Stadt allerdings reparieren muß.

Mittlerweile sind die ersten Räumungsklagen entschieden, die Fristen auf Ende August festgesetzt. Was die Stadt als nächstes unternimmt? Wir wissen es nicht. Aber so, wie mit dem Weiterbau der Westtangente an anderen Stellen fortgefahren wird, um Sachzwänge zu schaffen, so wird durch den systematischen Abriß von Häusern das Heusnerviertel weiter zerstört. Sollten wir die Klage in Münster gewinnen, kann das Viertel dennoch bereits abgerissen sein. Daher wurde das Verfahren in Münster durch den Antrag auf eine einstweilige Anordnung beschleunigt. Inzwischen hat sich auch eine Grundstückseigentümerin ermutigen lassen, in dieses Verfahren einzusteigen, was unsere Chancen erhöht.

Für das Leben im Heusnerviertel bedeutet diese Anspannung der Situation aber einen noch engeren Zusammenschluß der Bewohner. Die Häuser werden trotz allem neu und bunt angestrichen, es existieren mehrere kleine Künstlerinitiativen, eine Puppenspielerwerkstatt, eine Musikband lebt und arbeitet hier, das in der alten Schule untergebrachte Kulturhaus Thealozzi bereitet sich auf eine neue Saison vor, und seit einiger Zeit wird in einem der Häuser ein kleines Café betrieben, in dem zusammen gekocht, geredet und gelebt wird.

Eine ebenso trügerische Idylle wie die der Altbewohner früher? Vielleicht, aber wir haben hier ein Viertel in des Wortes doppelter Bedeutung "besetzt": Einerseits haben wir uns den dringend benötigten Wohnraum angeeignet, andererseits haben wir hier auch einen Freiraum mit unseren Wünschen, Träumen und Phantasien besetzt, indem wir sie umzusetzen versuchen. Das macht unsere Identifikation mit dem Heusnerviertel und seinen Bewohnern aus. Und darum wollen wir keinen Abriß des Heusnerviertels!

Eine subjektive Sicht, diese Beschreibung eines Stadtteils? Ja, aber doch auch eine mögliche, oder?

Stand: August '85