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Bochumer Christuskirche - Eine kunsthistorische Betrachtung.

Ralph Niewiarra

Unter den Bauwerken Bochums, die infolge des Wiederaufbaus der Stadt entstanden, nimmt die Christuskirche am Rathaus zweifellos eine bedeutende Stellung ein. Die Grundsteinlegung zum Neubau erfolgte im Mai 1957, die Einweihung fand im Mai 1959 statt.

Der von Prof. Dieter Oesterlen entworfene Kirchenbau verbindet die baulichen Strukturmerkmale der "zweiten Gründerzeit" - u. a. große Ziegelflächen - mit einer sakralen Ausstrahlung im Neubau, der die Kirche einerseits gut in den architektonischen Rahmen der 50er Jahre einfügt, andererseits aber ihre äußere Form von der umgebenden Baukastenarchitektur abhebt.

Durch den Erhalt des neugotischen Turms von 1879 stellt sich ein typisches kirchenbauliches Problem der Zeit, dessen ästhetisch befriedigende Lösung äußerst schwierig ist und, wie zum Beispiel die gotische Kirche St.-Malo von Valognes/Normandie zeigt, nicht immer gelingt.

Solche Schwierigkeiten führten dann wohl auch dazu, daß die Erhaltung des alten Turmes im bekanntesten Beispiel dieses Bautyps, der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin (eingeweiht 1961), erst aufgrund massiver Proteste der Bevölkerung von Prof. Egon Eiermann geplant wurde.

In Bochum wurde das Problem durch Oesterlen souverän gelöst. Er erreicht dies durch eine geschickte Führung der Wandflächen: das Ein- und Ausschwingen der Wand, der Wechsel zwischen Ziegel- und Fensterflächen und die scharfe Kantenbetonung vermitteln das in der Gotik so wichtige "Aufwärtsstreben". Darüber hinaus suggerieren die harten Kanten eine Ähnlichkeit mit gotischem Strebewerk. G. E. Kidder-Smith beschreibt es als ... vieleckige Form eines ‚Kristalls'..., das wie ein Echo auf die Winkel und Flächen des alten Turms antwortet".

Der Form der Außenwände folgend, fügt sich ein polygonales, kunstvoll verschachteltes Dach an, dessen Spitzen an eine Dornenkrone erinnern. Erkennt man die Symbolik des Daches, das sich im Gebäude und im ovalen Grundriß fortsetzt, so ist dies zusammen mit dem Turm der alten kriegszerstörten Kirche durchaus als ein Mahnmal des Krieges zu verstehen.

Betritt man die Kirche, erblickt man gleichsam die Hohlform des Außenbaus. Man steht in einem Raum, scheinbar ohne Fenster - trotzdem licht - durchflutet.

Oesterlen erreicht dies durch eine geschickte Anordnung der Fensterflächen in der schwingenden Wand. Durch diese indirekte Lichtführung wird eine Rhythmisierung erreicht, die den Blick nach vorne führt. Dort wird er von drei schmucklosen Ziegelwänden aufgefangen und zum Altar geleitet. Durch diese Art der Lichtführung fühlt man sich an die diaphane - die "durchscheinende" Wand der Gotik erinnert und man spürt etwas von der sakralen Bedeutung des Lichts.

Die kristalline Form der Decke übt auf den Betrachter eine Faszination aus, fesselt ihn und läßt ihn der Struktur folgen. Die Regelmäßigkeit der Verschachtelung bewirkt eine Mischung aus Lebendigkeit und Ruhe, die nur selten in einer neueren Kirche zu finden ist.

Ist man dem Sog des Lichts zum Altar gefolgt und wendet sich nun dem Ausgang zu, überrascht ein völlig neuer Raumeindruck: die "diaphane Wand" hat sich in eine bunte Lichtwand verwandelt. Die abstrakten Farbgebungen Helmut Landers bestechen durch mikrokosmische Vielfalt und hinterlassen im Besucher ein überwältigendes Gefühl.

Die durch und durch harmonische Architektur Prof. Oesterlens hat uns eine nicht alltäglichen Kirchenbau geschenkt, den der amerikanische Kunsthistoriker G. E. Kidder-Smith so bewertet: "Die Kirche, eine der schönsten in Deutschland, hat nur einen Fehler: sie ist ... fast immer geschlossen."