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Bochum nach 1945. Wiederaufbau - Wideraufbau

Karl-Friedrich Gehse

Ohne die Verpflichtungen der Planung zu vergessen, müssen die Architekten die Wirklichkeit der gegenwärtigen Städte anzunehmen wissen und ihre Episoden, auch die widerwärtigsten, mit künstlerischen Einwirkungen zu vermitteln suchen, die fähig sind, das Panorama wiederzubeleben. (L`architectura 1965)

Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit der Gestalt der heutigen Bochumer Innenstadt, genauer bezeichnet mit dem Gebiet innerhalb des Ringes.

Bochum ist nach dem Krieg völlig neu entstanden. Lediglich 5 % der Gebäude der Vorkriegszeit sind erhalten bzw. umgebaut worden. Dies ist nicht nur auf die Zerstörungen durch den Bombenkrieg zurückzuführen. Ist in Deutschland nach dem Krieg zweimal mehr alte Bausubstanz zerstört worden als im Krieg, so ist in der Bochumer Innenstadt das neunfache an alter Bausubstanz erst nach dem Krieg vernichtet worden. Man kann feststellen, daß das Bochum vor 1940 mit dem heutigen Bochum nichts mehr gemein hat, daß wohl in keiner anderen Stadt ein ähnlich harter Einschnitt in die vorhandene Stadtstruktur vorgenommen wurde. "Die Neuplanung der deutschen Städte hat mehr zerstört als der Bombenkrieg." Diese Feststellung Le Corbusiers unterstreicht das Gesagte, beinhaltet aber auch eine qualitative Beurteilung.

Hier soll nun der Versuch unternommen werden, die Bochumer Stadtplanung der Nachkriegszeit zu analysieren, die ideologischen Hintergründe und faktischen Ausgangspunkte darzustellen und danach zu befragen, inwieweit diese Stadt 40 Jahre nach den Erneuerungsplänen den heutigen Bedürfnissen und Anforderungen entspricht.

Das Unbehagen

In der WAZ vom 23. Sept. 85 heißt es: "Wenn Jurymitglied Dr. Tilman Osterwold vom Bahnhof durch die Innenstadt zum Museum ging, stimmte ihn regelmäßig der überaus mittelmäßige Schönheitssinn nachdenklich, mit dem seinerzeit die Haus-Fassaden der City gestaltet wurden."

"Bochum sieht aus wie von der Stange eines schlechten Architektur-Kaufhauses."

"Durch Bochum zieht sich eine Mauer, teilt Ost und West. Bochum ist gerissen."

Diese und ähnliche Äußerungen sind in den letzten Jahren, einer Zeit fortschreitender Sensibilisierung, häufiger geworden. Der Bürger empfindet Unlust und Langeweile bei negativen visuellen Qualitäten, weil er weniger Spannungen und Sinneseindrücke erhält, als sein Bewußtsein in bestimmten Situationen verlangt. Und dieses Bewußtsein ist in einer Zeit des Informationsüberflusses durch Medien und Reisen geschärft. So ist das Verlangen nach einer einprägsamen Individualität der gestalteten Umwelt überall zu hören. Es besteht der Wunsch, der Stadt ein spezielles Image auch in der Erscheinungsform der Innenstadt zu geben, Merkzeichen zu schaffen, vertraute Treffpunkte anzufinden und historische Gebäude und Ensembles nicht nur zu bewahren, sondern auch in einen qualitätvollen Rahmen zu setzen. Weiterhin ist sicherlich über die Gliederung von Funktionen einiges zu sagen, und darüber nachzudenken, inwieweit im Bereich des Bestehenden eine Um-orientierung möglich ist.

Die Planung der Bochumer Innenstadt bis 1954

Die Neuplanung der Bochumer Innenstadt ist mit dem Namen Massenberg verbunden. Sein Bericht in der außerordentlichen Stadtverordnetenversammlung vom 23. 5. 47 - in diesen Band aufgenommen - gibt Aufschluß über die Gedanken und Hintergründe, die zu den Neuordnungsplänen führten.

Dabei ist festzustellen, daß der Architektur und differenzierten Stadtgestalt dort wenig oder gar kein Raum gegeben wurde. Vielmehr stehen Begriffe wie: Ordnung, Weite, Einheitlichkeit im Vordergrund. So beschränkt sich der Neuordnungsplan hauptsächlich auf verkehrstechnische Aussagen und Lösungen. Dabei steht im Vordergrund ein breit angelegtes Straßenkreuz, gebildet von einer Nord-Süd und einer Ost-West-Achse mit Kreuzungspunkt am Rathaus. Zur Entlastung dieses Knotenpunktes und um den Verkehr zwischen den Ausfallstraßen zu ermöglichen, entstand ein Innenring. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Verlegung des Bahnhofs. Diese von Elkart vor dem Krieg projektierte Lösung wurde von Massenberg übernommen. Grundüberlegung war dabei, daß man Bochum im Kreuzungspunkt des überregionalen Verkehrs Münster - Frankfurt und Essen-Soest sah, nicht die Überlegung ein hohes Aufkommen an Individualverkehr leiten zu müssen. Diese überregionale Sicht wurde begleitet von dem regionalen Aspekt der städtischen Funktionstrennung, die ihren populären Ausdruck im Begriff der "Sternstadt" fand: Die Innenstadt als Geschäfts- und Verwaltungszentrum sollte von Wohngebieten und Gewerbegebieten umgeben sein.

Der nun folgenden Kritik soll eines vorausgeschickt sein: Die Massenberg-Planung ist nie völlig verwirklicht worden. Dies gilt erfreulicherweise für das Negative - so konnte die Funktionstrennung nicht konsequent verwirklicht werden aber auch für das Positive. Es bestanden z. B. Pläne Grüngürtel bis an den Ring heranzuführen, die Stadtmitte generell als "grüne Mitte" zu gestalten und den Rathausplatz durch Arkaden zu beleben. Auf der anderen Seite hat sich Massenberg mit Erfolg gegen überzogene Vorstellungen gewehrt, wie etwa die, den Husemannplatz bis zum heutigen Dr.-Ruer-Platz auszuweiten.

Das Studium der damaligen Bauausschußakten - im Stadtarchiv Bochum - zeigt deutlich die Notwendigkeit des beständigen Lavierens zwischen unterschiedlichen Interessengruppen, die auf die Stadtplanung Einfluß nehmen wollten.

Kritik

Die neuen Straßen der Bochumer Innenstadt wurden von Massenberg auf den alten Trassen projektiert. Die dort erhalten gebliebene Infrastruktur machte dies notwendig. Mit ihren Breiten von bis zu 25 m wurden diese Straßen jedoch überdimensioniert. Ihre Funktion für den Anlieferungsverkehr rechtfertigt solche Ausmaße nicht. Die Verkehrsführung über Ring und Kreuz verlieh dem Verkehr eine alle anderen urbanen Qualitäten erdrückende Vormachtstellung. Dabei soll nicht geleugnet werden, daß der Ring eine für Bochum vernünftige Maßnahme war. Lediglich die Kombination beider Systeme ist wohl des Guten zuviel. Nicht außer acht zu lassen ist außerdem, daß der Straßenverbreiterung 10 % wertvollen Baulands und damit Gestaltungs-möglichkeiten geopfert wurden, die heute mühevoll wiedergewonnen werden müssen (s. Skizze). Man sollte aber immerhin annehmen, daß durch die breiten Straßen die Transparenz des lnnenstadtgebietes verbessert wurde. Doch es entstanden im Gegenteil Baublöcke immenser Größe (ca. 1 ha), die eine vormals abwechslungsreiche Innenstadt monotonisierten. So blieben vor allem lebendige Gegensätze, Spannungen zwischen Straße und Plätzen unverwirklicht. Die Altstadt wurde durch die Verbreiterung der Bongardstr., die Umgestaltung des Propsteiplatzes und der Beckstraße regelrecht "verwüstet"; alte, bestehende Raumbeziehungen wurden eingeebnet und fielen den neuen Ordnungsprinzipien anheim.

Solche Gigantomanie des Bauens lag im Trend der Zeit. Das politische Klima des "Neuanfangs", der "Stunde Null" unterstützte einen nahezu wahnhaften Einsatz für die Verwirklichung solcher Utopien wie die der "Sternstadt Bochum". Das Konzept war allerdings genauso wenig neu wie die Neuordnungspläne Massenbergs. Die hier verwirklichten städtebaulichen Prinzipien waren bereits 1933 in der Charta von Athen niedergelegt worden: "Die Stadt, künftig als funktionelle Einheit definiert", so die Charta, sollte künftig mit einem "rationellen Netz großer Verkehrsadern" versehen sein. Wichtig war aber wohl auch ein stiller Wetteifer zwischen den Städten, das Schönste und Modernste am Schnellsten aufzubauen. Das Stakkato rythmisch genormter Bauteile an langgestreckten Fassaden breiter Straßen galt dabei als besonders repräsentativ. Das Vorbild Kassel steht mittlerweile unter Denkmalschutz.

Der Verdacht, daß längere Anschauung faschistischer Architektur nicht ohne Einfluß geblieben ist, stellt sich in Bochum zwar auf den ersten Blick ein, bestätigt sich aber nicht. Wohnen sollte im Bewußtsein der Zeit "einfach so schön und praktisch werden, wie die Autos und Raketen." Doch die Ansicht funktionelle Architektur sei automatisch humane Architektur hat sich nicht bewahrheitet. Ergebnis war - nicht nur in Bochum - nach weitmöglichster Abschaffung der als "Filmarchitektur" diskreditierten Vorkriegsstadt eine eintönige Ordnung in Beton und Stahl, gerastert in Grundriß und Fassade.

Anzeichen eines möglichen Unwillens der Betroffenen, d. h. der Bochumer Bevölkerung mit der neu entstehenden Idealstadt Bochum gab es wohl immer, sie gingen aber im öffentlich geförderten Wiederaufbau-Jubel unter. Die Bauausschußakten sind voller Eingaben und Widersprüche gegen die neue Bauvorstellung. Doch der "gestalterische Wille" ließ Widerstand nicht zu. Das begann bereits bei dem Verbot der Wiederaufrichtung von Satteldächern auf Altbauten, weil Flachdächer Vorschrift waren und ging hin bis zum Abriß der letzten erhaltenen Fachwerkhäuser in der Altstadt.

Hier hat allein das Brauhaus Rietkötter überdauert, obwohl der Neuordnungsplan für dieses Grundstück einen 3geschossigen Neubau mit Flachdach als rechtwinklige Ecklösung Beck-/Brückstraße vorsah. Jahrelang mußte sich die Familie Rietkötter gegen ein städtisches Abriß-Gebot wehren. Ihr Ietztliches Obsiegen blieb Einzelkampf und Einzelsieg. Heute ist das Haus Rietkötter ein "Juwel" der Altstadt.

Der Wiederaufbau meisterte zwar in 10 Jahren 80 % der ihm gestellten Aufgabe, ging dabei aber wesentlich zu ungestüm und einseitig vor.

Entwicklung und Ausblick 1960--1985

Die Entwicklung der Bochumer Innenstadt soll hier jetzt noch kurz in ihren positiven Veränderungen skizziert werden. Negative Entwicklungen gab es weiterhin genügend zu beobachten, doch solche Betrachtungen helfen nur wenig weiter, Möglichkeiten einer Umorientierung aufzuzeigen. Diese allmähliche Umorientierung im Städtebau, die sich auch auf Bochum auswirkte, fand erste allgemeine Aufmerksamkeit mit Alexander Mitscherlichs 1965 erschienenen Abhandlung über "die Unwirtlichkeit unserer Städte" in der es heißt: "Wir hatten Anlaß, die Zerstörung unserer Städte zu beklagen - und dann die Formen ihres Wiederaufbaus... Die Unwirtlichkeit unserer wiedererbauten... monoton statt melodisch komponierten Städte, drückt sich im Zentrum ebenso aus wie an der Perepherie."

Die Verödung der Innenstädte schien an der Wende der 60er/70er ihren Höhepunkt erreicht zu haben, der Rückzug der Bevölkerung wie der Geschäftswelt bahnte sich an. In Bochum war zwar der Dr.-Ruer-Platz entstanden und die Kortumstraße mitsamt Husemannplatz zur Fußgängerzone geworden, doch gestalterisch blieben auch diese Bereiche unbefriedigend. Das Verkehrsproblem suchte man Anfang der 70er Jahre durch eine Sperrung des Innenstadt-Kreuzes für den Durchgangsverkehr zu lösen. Die zentrale Idee des Massenberg-Plans war damit gescheitert. Die geplante verkehrsbelastete Innenstadt wurde allmählich verkehrsfrei. Es folgte die Ausdehnung der Fußgängerzone Richtung Hauptbahnhof, aber wirklich durchgreifend wurden die Maßnahmen erst mit den 80er Jahren.

Ausgelöst durch den U-Bahn-Bau und die Notwendigkeit größere Flächen für den ruhenden Verkehr bereitzustellen, d. h. Parkhäuser zu errichten und so die Innenstadt für Individualverkehr und Fußgänger wieder attraktiver zu machen, ergaben sich im Anschluß an die Baumaßnahmen für Bahnhofsvorplatz, Dr.-Ruer-Platz und Husemannplatz neue, spannungsvollere und damit lebendigere Gestaltungen. Die Rathauserweiterung, die City-Passage (Kortumstr./ Hans-Böckler-Str.), die Wiederentdeckung des Luisenhofes und der Trankgasse, das projektierte Gerberviertel mit der bereits entstandenen Passage Gerberstr./Nordring haben den Mas-senberg'schen Baublöcken mehr Transparenz verliehen. Eine völlige Neubebauung ist auf dem Heintzmann-Gelände Windmühlenstraße/Prümerstraße und auf dem Schlegel-Gelände Westring/ Alleestraße vorgenommen worden bzw. projektiert. Da es sich dabei im wesentlichen um Wohnbebauung handelt, ist damit auch die unselige Idee der Funktionsteilung der "Sternstadt Bochum" gemildert.

Eine feste Planung steht noch für die begonnene Neugestaltung der Bongardstraße aus. Die in der Massenberg-Planung dankenswerterweise erhaltene Passage zur Pauluskirche und das Wissen um den alten Markt sind reizvolle Gestaltungsgrundlagen, die Anlaß sein könnten, aus dem Bereich Gerberviertel, Propsteikirche, Spitzberg, Brückstraße, Untere Marktstraße, alter Markt und Bongardstraße einen lebenswerten, zusammenhängenden Bereich zu schaffen. Für diese Möglichkeit bietet sich der bildliche Vergleich einer Skizze des mit Massenberg arbeitenden Stadtplaners Vieth zur Gestaltung des alten Marktes am Kuhhirten mit einer Skizze desselben Bereichs nach heutigen Vorstellungen an. Der Unterschied zwischen funktionalistischer Architektur Bochumer Prägung und spannungsvoller Gegenwartsarchitektur sollte dabei deutlich werden.

Man sollte sich hier aber nicht damit brüsten, nunmehr die endgültige Lösung aller Probleme zu verkünden. Zum einen bleiben viele planerische Vorstellungen auch heute noch unverwirklicht, scheitern an technischen, finanziellen oder anderen Gründen, zum anderen sind Wertvorstellungen einem steten Wandel unterlegen. Nichts zeigt das besser als meine Kritik an der ehemals gelobten Massenberg-Planung. Doch ich denke, daß trotzdem die heutige Rücksicht auf althergebrachte Gestaltungsprinzipien, die im Massenberg-Plan völlig negiert wurden, den Bürgern Bochums auf Dauer mehr Chancen geben, sich in ihrer Stadt wohl zu fühlen.