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Wiederaufbau 1947 - 1949. Ein Gespräch.

Kurt-Hubert Vieth, Hans H. Hanke

Am 12.7.1985 traf ich mich mit dem ehemaligen Bochumer Stadtplaner Dr.-Ing. Kurt-Hubert Vieth in dessen Haus in Mönchengladbach. K.H. Vieth trat mir so entgegen, wie ich mir immer einen Architekten der Moderne vorgestellt habe: Grauer Einreiher, "Bauhaus-Fliege"; starke graue Augenbrauen betonen in einem ausdrucksvollen Gesicht das Respektgebietende, doch liegt in seiner Ausstrahlung auch eine eigene Freundlichkeit. Nach unserem dreistündigen Gespräch bin ich sicher, eine Erfahrung gemacht zu haben, die durch Lektüre nie hätte zustande kommen können. Aus meinen Gesprächsnotizen folgt nach den biographischen Angaben und den Ergebnissen meiner eigenen Recherchen zur Stellung Vieths in Bochum ein Gedächtnisprotokoll, das inhaltlich von mir auf den vorstehenden Vortrag Massenbergs vom 23.5.1947 ausgerichtet wurde.

Kurt-Hubert Vieth, geboren 1916 in Hindenburg O/S, studierte 1937 - 41 Architektur und Städtebau an der TH Breslau und promovierte am 1.10.1943 mit der Arbeit "Stadtgestaltende Elemente am Beispiel der Stadt Oppeln" zum Dr.-Ing. Sein Lehrer war Ernst Bode, als Vorbilder galten und gelten ihm Peter Behrens, Paul Bonatz sowie die Bauhaus-Schule.

Nachdem er bis 1945 die Leitung des Bauamtes in Oppeln innehatte, kam er 1946 zum Landesplanungsamt Münster. Von dort bewarb er sich nach Bochum, wo er vom März 1947 bis Oktober 1949 im Planungsamt vorwiegend für die Aufstellung des Neuordnungsplanes der Innenstadt zuständig war. Er leitete aber auch außerdienstlich den Wiederaufbau des Marienstiftes, der Marienkirche, des Redemptoristen-Klosters und der Redemptoristen-Kirche. 1950 bis 1962 war er Leiter des Planungsamtes Herne, 1962 bis 1975 technischer Beigeordneter (Stadtbaurat) in Mönchengladbach-Rheydt. Heute lebt er im Ruhestand und arbeitet an einer Publikation zur Baugeschichte. [Anmerkung 2001: Vieth starb ca. 1990]

Nun ist bekannt, daß sich mit dem Begriff "Wiederaufbau" in Bochum hauptsächlich der Name Clemens Massenberg (1909-1945) verbindet. Der Name K.H. Vieth findet in keiner Veröffentlichung Erwähnung, selbst die Zeitungen schweigen sich aus. Das ist in gewisser Weise ein normaler Vorgang: Der die Arbeitsergebnisse gegenüber der politischen Öffentlichkeit verantwortende leitende Beamte wird auch namentlich mit diesen identifiziert.

Nach dem Anteil Vieths an der Neugestaltung Bochums hätte ihm nach meinem Urteil jedoch mehr öffentliche Aufmerksamkeit gebührt. Dieser Beitrag mag ein Anstoß dazu sein, wie er auch ein Anstoß sein soll, die weitgehend unerforschte Materie "Wiederaufbau in Bochum" anzugehen. Das Bildmaterial wurde von K.H. Vieth zur Verfügung gestellt.

Das Gespräch.

Was veranlaßte Sie, nach Bochum zu kommen?

Ich bewarb mich. In Bochums Wiederaufbau lag ein besonderer Reiz für einen Stadtplaner, der sich aus dem hohen Zerstörungsgrad der Stadt und der fast vollständigen Zerstörung der Innenstadt erklärt. So war es möglich, großzügiger und menschenfreundlicher zu gestalten. Dies heißt aber nicht, daß nicht doch auf zahlreiche Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen war. Es gab ein ständiges Abwägen zwischen dem Wünschenswerten, dem Notwendigen und dem Möglichen. Der Vortrag Massenbergs zeigt dies deutlich auf. Übrigens war es auch meine Aufgabe in Bochum, für diesen Vortrag die Grundlagen und das Material auszuarbeiten.

Absoluten Vorrang beim Wiederaufbau hatte die Linderung der Not der Bevölkerung. Sowohl die noch ortsanwesende, als auch die immer stärker zurückkehrende Bevölkerung mußte unter elendsten Bedingungen hausen. Wo immer ein paar Mauern standen, wurden Balken darübergelegt, und ein Quartier war entstanden. Für die dringend nötigste Versorgung waren oft nur Provisorien möglich. Hier galt es, schnelle und unbürokratische Abhilfe zu schaffen. Dies war jedenfalls unsere Einstellung, deren Durchführung zwei begünstigende Voraus-setzungen fand: Zum einen lebten wir in einer fast gesetzesfreien Zeit, denn sämtliche Gesetzgebung war in Zweifel gezogen. Auch die Baugesetze waren fürs erste als möglicherweise nationalsozialistisch abgeschafft worden, wie auch alle Erlasse und Ortssatzungen der NS-Zeit. Wir hatten also Entscheidungsfreiheit. Zum anderen half uns aber dann die in Bochum erstmalig erlassene "Enttrümmerungsverordnung", die eine hervorragende Arbeitsgrundlage war. Die Verordnung beruhte darauf, daß im Prinzip jeder Grundstückseigentü-mer verpflichtet war, sein Grundstück selbst zu enttrümmern. Dies war aber meist nicht zu leisten, diese Aufgabe übernahm die Stadt. Als Gegenleistung erhielt sie die wiedergewonnenen Baumaterialien. Aber, wie gesagt, die Enttrümmerung konnte nicht rücksichtslos vorgenommen werden. Erhalten wurden Bauwerke mit einem Zerstörungsgrad bis zu 30, 40 %‚ auch bewohnbare Keller. Auf das unterirdische Ver- und Entsorgungsnetz mußte ebenfalls größte Rücksicht genommen werden.

Wie gingen Sie an die Aufgabe heran?

Es gab ja keinerlei Pläne, die wir im Entferntesten hätten gebrauchen können. Es war wohl alles verbrannt. Also erfolgte als erstes einmal die Begehung. Ich fertigte damals genaue Skizzen der Örtlichkeiten an, Fotos zu machen war rein technisch und materiell schwierig. In vielen Ortsbesichtigungen wurden in der Örtlichkeit der zerstörungsgrad und die Aufbaumöglichkeit des einzelnen Bauwerks ermittelt. Dann erfolgte die Kartierung. Anhand dieser Unterlagen haben wir dann unsere Pläne entwickelt.

Es gab einen Neuordnungsplan für Bochum von 1941. Lag der Ihnen vor?

Nein, wie gesagt hatten wir nichts Verwertbares. Ein solcher Plan ist mir auch nicht bekannt. Unsere Planung war von Grund auf neu, und wir mußten uns bei der Entwicklung beeilen. Es gab zwar einen generellen Baustopp, doch kamen halt immer mehr Leute und wollten bauen. Niemand konnte ihnen das verübeln, im Gegenteil wollten wir sogar jede irgendwie erkennbare Bauinitiative fördern. Als dann das Bauen wieder möglich war, mußten wir anhand unserer Planungsvorstellungen bei jedem Gesuch improvisieren, da qualifizierte Bebauungspläne noch nicht endgültig erarbeitet, geschweige denn förmlich festgesetzt waren. Da kam dann jemand und sagte: "Ich habe das und das Grundstück. Kann ich bauen?" Also blickten wir auf unsere Pläne und sagten: "Ja, hier könnte es so und so klappen. Machen Sie mal!"

Eine wichtige Grundlage unserer Planung war auch der Zeitraum, für den wir planten. Sie müssen sich vorstellen, daß niemand daran glaubte, daß der Wiederaufbau so schnell voranschreiten würde, wie er es dann tatsächlich tat. Ich erinnere mich, daß ich damals für eine Führung in 2 Ebenen für die Kreuzung Herner Str./Bl Gelände freihalten wollte. "Sie haben zu viele Bilder aus Amerika gesehen", hielt man mir da entgegen, "so etwas haben wir hier in 70 Jahren nicht!" Sie müssen das klar vor Augen haben, wenn Sie unsere Planung verstehen wollen. Wir mußten ein Konzept entwickeln, das so flexibel war, daß es über Jahrzehnte in seinen Grundzügen funktioniert.

Welche Rolle spielten bei der Planerstellung Gedanken an Bodenreform?

Ein Problem, mit dem wir uns herumzuschlagen hatten, waren die Grundstücksumlegungen. Die Klein- und Kleinstparzellen erschwerten einen großzügigen Aufbau, aber die Besitzer hingen mit größter Beharrlichkeit an Ihnen.

Wie wurde Denkmalschutz berücksichtigt?

Denkmalschutz im heutigen - für meinen Geschmack übertriebenem - Sinne spielte keine Rolle und konnte in dieser Notsituation keine Rolle spielen. Stehen blieb, was bewohnbar war, ohne Rücksicht auf das Aussehen. Später wurde dann nach modernen Gesichtspunkten renoviert, z. B. wurden aus 2 Geschossen 3 Geschosse, natürlich mit entsprechenden Konsequenzen für die Fassaden. Abgerissen wurde, was eine Gefährdung darstellte. Überdies waren die Bauten des Historismus und Jugendstils nicht mehr gefragt. Sie standen und stehen für mich heute noch für schlechteste Wohnbedingungen mit ihren meist miserablen Grundrissen und verlogenen Fassaden.

Wir pilgerten damals nach Kassel, wo man besonders die Südseite des Ständeplatzes durch eine gerade, klar gerasterte Fassade durchgängig und einheitlich gestaltet hatte. Wir standen an der Straße und sagten: "Das ist endlich mal ein einheitliches Straßenbild!" Allerdings muß ich einräumen, daß ich diese Straße heute seelenlos und langweilig finde. Aber das waren unsere Idealvorstellungen! Ornament war unmöglich, und wenn es heute in den überstark gegliederten Bauten der Postmodernen wieder auftaucht, wage ich zu prophezeien, daß dieser nach bautechnischen, wirtschaftlichen und ästhetischen Gesichtspunkten unzeitgemäße, proportionslose Stil bald wieder verschwinden wird. Ein Stil, der nicht aus sich entsteht, sondern gesucht aufgepfropft wird, hat keinen Bestand.

Denkmalpflege galt in der Innenstadt Bochums allein der Propstei-, der Paulus- und der Marienkirche. Sie konnten erhalten werden und bildeten die Kristallisationspunkte im Neuordnungsplan. Für die Pauluskirche habe ich den Durchblick von der Bongardstraße konzipiert, anders, als er dann ausgeführt wurde, aber wir wollten auch in solchen gestalterischen Entwürfen immer nur Anregungen geben.

Denkmalpflege im Sinne eines identischen Wiederaufbaus stand in Bochum sowieso nicht zur Diskussion. In Münster hat man dies erstmals am Prinzipalmarkt gemacht, doch das auch erst 1956. Es lagen dort ganz andere Voraussetzungen vor. In Münster waren Wohngebiete in der Nachbarschaft der City noch erhalten. Es war nur im Kern zerstört. In Bochum war die Zerstörung flächendeckend. Man konnte sich in Münster deshalb mehr Zeit für denkmalpflegerische Überlegungen nehmen, zumal Münster eine historisch entwickelte Stadt mit einem bemerkenswerten Grundriß ist. Bochum ist von einer Ackerbürgerstadt zur großen Industriestadt angeschwollen.


Ihr Konzept sah nun eine Nord/Süd-, eine Ost/West-Achse und einen Innenstadtring vor. Welche Funktionen sollten hiermit erfüllt werden?

Bochum ist der Stadttyp "Sternstadt mit Trabanten", d. h., um ein über seine Ein- und Ausfallstraßen radial ausstrahlendes Verwaltungs-, Geschäfts- und Kulturzentrum - dem Sternmittelpunkt, der City - sollten sich die umliegenden Wohn-, Erholungs- und Gewerbegebiete strahlenförmig mit Spitzen und Zwischenräumen anfügen und die weiter weg liegenden Orte und Ortsteile wie Trabanten anfügen. Diese Zonung der Stadt war von uns bewußt so gewollt, eine Wohnbebauung der Innenstadt hätte unseren Vorstellungen widersprochen, denn hier ist der höher gezonte Standort für zentrale Einrichtungen der Gesamtstadt. Priorität in der Verkehrsplanung hatte dabei nicht - wie heute oft dargestellt - die Ausrichtung auf Individualverkehr, sondern der öffentliche Verkehr. Ich verweise hier auf die eigenen Gleiskörper der Straßenbahn und die Optimierung des neu gewählten Bahnhofsstandortes.

Das Auto war als ein gewerbliches Anlieferungsmittel vorgesehen. Darum wurden die Haupt- und Radialstraßen in diesen großen Breiten geplant. Hinzu kam der Wunsch, mehr Luft und Licht in die Enge der Vorkriegsstadt zu bringen.

Es sei nur noch gesagt, daß wir in Bochum nicht rein schematisch, z. B. nach Gottfried Feder: "Städtebauliche Elemente", vorgegangen sind, sondern mit Einfühlungsvermögen für vorgegebene Strukturen. So war das Radialsystem vorhanden, es galt nur noch, den Verkehrsstrom zweckmäßiger um die Innenstadt zu leiten. Die Erschließung der Innenstadt erfolgte entsprechend den historischen Verkehrsrichtungen Nord/Süd und Ost/West. Wir legten aber den Hauptverkehr aus der heutigen Kortumstraße in die Viktoriastraße. In diesem Zusammenhang habe ich damals schon die Kortumstraße als Fußgängerzone konzipiert, doch wurde hier von seiten der Geschäftswelt Einspruch erhoben. Man war zum Teil sogar der Ansicht, daß der fließende Verkehr die Kunden von den Bürgersteigen in die Geschäfte drücken solle.

Wer nahm noch Einfluß auf die stadtplanerische Konzeption?

Die Engländer gaben uns freie Hand. Die Pläne wurden aber im Rat diskutiert. Die Bürger erschienen nur im Falle persönlicher Betroffenheit, d. h., wenn im Einzelfall irgendwo gebaut oder abgerissen werden sollte. Hier kam es auch zu vereinzelten Protesten, doch sonst hatten die Leute andere Probleme.

In einer Sitzung gab es einmal heftigen Widerspruch, weil die Planung ein wenig zerstörtes Haus eines ehemaligen Nazis bei einer Straßenverbreiterung verschonte, den man nicht "auch noch belohnt sehen wollte". Doch da eben jeder Wohnraum wichtig war, hatte ich die Ansicht vertreten, man solle den Städtebau zur Gestaltung des Lebens von morgen einspannen, zur "Entnazifizierung" sei er im Einzelfall wenig geeignet.

Es gibt böse Zungen, die behaupten, die Verkehrsachsen mit Ring in Bochum seien nichts anderes als etwas gekrümmte faschistische Aufmarschalleen. Schon die Überbreite der Straßen weise auf dieses Konzept hin.

Hier kann ich nur wiederholen, daß wir die Straßen nur zur Verkehrsandienung so breit geplant haben und der Rest sich aus vorgefundenen Strukturen ergab.

Wie sehen Sie denn die These der faschistischen Kontinuität des Bauens - auch personell - in der Nachkriegszeit?

Die gab es sicherlich, schließlich prägt jeden die Schule, die er durchgemacht hat. Auf uns traf dies aber nicht zu.

Wie gestaltete sich die Arbeit im Planungsstab?

Wir waren ein kleiner Stab: Massenberg, Hellrung, Nüssen, Krings und ich, soweit ich mich erinnere. Massenberg hat mich damals eingestellt. Wir standen beide dem Bauhaus nah, und so entwickelte sich unsere Zusammenarbeit in zwar oft heftiger, aber kollegialer und konstruktiver Diskussion.

Zuletzt noch die Frage: Was würden Sie heute anders machen?

Unter gleichen Bedingungen würde ich heute alles genauso machen wie damals. Unsere Planung hat sich bewährt. Im übrigen habe ich während meiner Tätigkeit in Bochum am 18.2.1948 eine persönliche Bestätigung erfahren, daß der Weg für die Neuordnung der Innenstadt richtig ist: Bei dem öffentlichen Wettbewerb für Pläne zum Wiederaufbau der Innenstadt von Essen wurde meine Arbeit mit einem Preis der ersten Preisgruppe prämiert.

Eine andere Frage ist, was ich unter den heutigen Umständen tun würde. Dazu kann ich nur sagen, daß die Anforderungen an eine Stadt sich ständig ändern, ein steter Umbau ist geradezu notwendig. Eine Stadtplanung ist niemals als irgendwann beendet anzusehen, sie muß beweglich bleiben. Dazu gehört Mut zur Änderung. Unsere damalige Planung war damals richtig, für heute paßt sie so, wie ein Vierzigjähriger in seine Strampelhosen paßt.