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Das bisschen Farbe. Gedanken zur Farbe im Bochumer Stadtbild - einst und heute.

Christel Darmstadt

Seit etwa 1,5 Jahrzehnten darf wieder über ein Thema gesprochen werden, das seit Mitte der 1930er Jahre in Bochum, ja in ganz Deutschland tabu war: die Farbe im Stadtbild. Wenn ein Thema, das in der Vergangenheit schon verschiedentlich eine gewisse Bedeutung gehabt hat, wieder behandelt wird, kann ein Blick in die Geschichte sehr hilfreich sein.

Das Ackerbürgerstädtchen Bochum am Hellweg verfügte zwar seit Jahrhunderten über Stadtrechte, jedoch war seine überregionale Bedeutung eher gering. Dementsprechend ist in dieser Stadt - im Vergleich zu ähnlich alten Städten in Deutschland - nur eine bescheidene Bautradition zu finden. Kultbauten und alte Verwaltungsgebäude wurden zwar in Stein errichtet, Wohnbauten dagegen bis in das 18. Jahrhundert hinein vornehmlich in Fachwerk. Und diese Fachwerkbauten waren entsprechend der westfälisch-bergischen Tradition vorwiegend schwarz/weiß gestrichen. Insoweit dies eine freiwillig eingehaltene Farbsitte der hiesigen Region war, ist bislang unerforscht. Es wäre einmal interessant festzustellen, ob auch in der hiesigen Gegend der früheren Grafschaft Mark der Landesfürst die Farbgestaltung der Gebäude bestimmt hat. Denn dies kam zur Zeit des Absolutismus sehr häufig vor. Es gab Kleinstaaten, in denen alle Gebäude in einem einheitlichen Farbton gestrichen werden mußten. Lediglich das Schloß des Landesherren hob sich durch einen andersfarbigen Anstrich oder die Verwendung eines farbigen Steines von den Gebäuden der Untertanen ab.

In etlichen Bereichen hat der Preußische Staat die Traditionen der von ihm erworbenen Kleinstaaten übernommen. Das betraf auch die Farbgestaltung. Die preußischen Staatsfarben waren Schwarz und Weiß. Eine preußische Kabinettsorder von 1820-in Bochum erst am 4. Januar 1823 eingetroffen - bestimmte, das "öffentliche Gegenstände wie Geländer, Barrieren, Zugbrücken, Pfähle usw." In dieser Farbkombination gehalten werden sollten. Vorher scheinen diese Farben nicht überall verwendet worden zu sein. Denn 1820 hatte König Friedrich Wilhelm III. Nach einer Bereisung des hiesigen Regierungssbezirks "mißfällig bemerkt", da "die Nationalfarben ... nicht beibehalten worden sind". Daß in diesem Zusammenhang die Hausanstriche nicht erwähnt wurden, lag wohl daran, daß die Fachwerkhäuser ohnehin schwarz/weiß waren.

In der Zeit der Romanik - um 1840 - erfolgte eine starke Hinwendung zur Natur. Das wirkte sich auch in der Baugestaltung aus. 1835 war erstmals ein Ziegelsteingebäude, die Bauakademie in Berlin, unverputzt gelassen worden. Dies war ein epochales Ereignis, das sehr bald Schule machte. Bochumer Neubauten wurden in der Folgezeit zunächst verschiefert oder in dem hier anstehenden Ruhrsandstein erbaut. Aber auch Ziegelbauten entstanden immer häufiger. Interessant ist, daß diese Fassadenmaterialien zwar in ihrer Naturfabigkeit wirken sollten, wegen ihrer gelegentlich farbigen Uneinheitlichkeit jedoch häufig mit einem farbigen, lasierenden Anstrich im Materialton überstrichen wurden.

Bedingt durch diese neue Bauauffassung galten nunmehr Fachwerkbauten in Deutschland als "Arme-Leute-Häuser", ja als altmodisch. Stein- und Materialsichtigkeit waren modern. Folglich wurden viele Fachwerkhäuser entweder mit Putz versehen und in einem Steinfarbton gestrichen oder mit Holz verkleidet. Wegen der hohen Brandgefahr durften Holzverschalungen ab Mitte der 1880er Jahre nicht mehr verwendet werden. An ihre Stelle traten geprägte Blechverschalungen, von denen es auch heute noch etliche in unserem Stadtgebiet gibt.

Zu Beginn des Historismus - ab ca. 1860 - wurden fast nur noch Natursteinbauten oder verputzte und mit Stuck versehene Gebäude errichtet. Nun wird bis in die heutige Zeit behauptet, daß diese Gebäude entsprechend der klassizistischen Tradition nur weiß oder bestenfalls hellgrau gefaßt (gestrichen) waren. Nach neueren Forschungen trifft dies jedoch absolut nicht zu. Denn bereits in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte man in bei archäologischen Untersuchungen in Griechenland und Italien festgestellt, daß die antiken Bauten zum Teil recht starkfarbig polychrom gestrichen waren. Entsprechend dieser vorgefundenen Polychromie wurden dann auch in den frühen 1860er Jahren Neubauten entsprechend gefaßt. Der Literatur zufolge haben diese Fassungen bei Laien und Fachleuten weitaus mehr Kritik ausgelöst als Zustimmung erfahren. Ob und inwieweit auch in Bochum Gebäude von dieser damals "modernen" Auffassung geprägt worden sind, ist unbekannt. Die Nachforschung in alten Akten war ergebnislos. Leider sind die Bauakten dieser Gebäude, die vielleicht noch Aufschluß darüber hätten geben können, im 2. Weltkrieg verbrannt. Vermutlich wird dieses Kapitel der Bochumer Baugeschichte weitgehend im Dunkeln bleiben.

Die Kritik an den starkfarbig gefaßten Gebäuden des frühen Historismus führte schließlich dazu, daß die Buntfarbigkeit im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr abnahm.

Es ist interessant, daß mit jedem Stilumbruch in der Architektur meist auch wieder eine stärkere Hinwendung zu farbig gefaßten Bauten verbunden ist. Dies geschah auch zur Zeit des Jugendstils. Schon Ende der 1890er Jahre war von den Avantgardisten in vielen Artikeln und auch Fachveranstaltungen beklagt worden, daß die Städte rau und trist seien. Mehr Farbe sollte diesem Mißstand abhelfen. Nach 1900 wurde in der Fachliteratur immer häufiger von starkfarbigen Gebäudeanstrichen berichtet, zunächst bewundernd, dann allerdings auch bald in recht kritischem Ton. Es ist anzunehmen, daß man sich auch in Bochum mit dieser neuen Welle schon früh befaßt hat. Denn 1904 wurde eine 1883 erlassene und erweiterte Baupolizei-Verordnung ausdrücklich bestätigt, in der es hieß, daß alle Gebäude "an der Straßenseite derartig hergestellt und unterhalten werden" müssen, "daß sie keinen schlechten Eindruck machen und kein öffentliches Ärgernis geben". Man verpflichtete die Hausbesitzer sogar alle von der Straße aus sichtbaren Wand- und Dachflächen und sonstigen Bauteile in gutem Zustand zu erhalten, Verputz und Anstrich sooft als nötig zu erneuern". Schließlich hieß es: "Für den Anstrich der Außenfronten dürfen keine stark blendenden, die Augen empfindlich belästigenden Farben verwendet werden."

Regional unterschiedlich ging die Begeisterung für den farbigen Hausanstrich bereits um 1910 in Deutschland zurück. Interessanterweise wurde die Begrünung der Gebäude zu dieser Zeit stark propagiert. Besonders die Initiative der Stadt Nürnberg muß hierfür bahnbrechend gewesen sein. Der Bochumer Verkehrsverein setzte sich 1912 für die Verschönerung der Häuser durch Blumenschmuck an Balkonen, Fenstern und in den Gärten ein. Ein städtischer Gartenbauinspektor hielt Vorträge vor unterschiedlichen Gremien und Interessenvereinigungen, in denen insbesondere die verschiedenen Pflanz- und Pflegeanleitungen dargelegt wurden. 1913 gab es einen "Ausschuß für Stadtverschönerung", der 1914 umbenannt wurde in "Bochum im Blumenschmuck". 1913 wurde ein Blumenschmuck-Fassaden-Wettbewerb ausgeschrieben, an dem 63 Hauseigentümer mit ihren Objekten teilnahmen. 1914 folgte ein weiterer Wettbewerb.

Daß die Gebäude zwischen 1900 und dem Ausbruch des 1. Weltkrieges nur einfarbig waren, läßt sich aus den Schwarz-Weiß-Fotos der damaligen Zeit ableiten. Danach gab es sowohl insgesamt helle als auch insgesamt dunkle Gebäude. Weiterhin kamen Häuser mit dunklen Wandflächen und hellem Stuck und in umgekehrte Gestaltung vor. Die Gebäudefarbigkeiten auf zeitgenössischen Aquarellen und Ansichtskarten sind nur bedingt aussagefähig, da bei diesen Abbildungen die malerische Darstellung meist gegenüber der dokumentarischen dominierte.

Nach den Wirren der Kriegs- und der ersten Nachkriegsjahre setzte 1920 erneut eine Farbbewegung in der Architektur ein. Den zeitgenössischen Berichten und Abbildungen zufolge waren die frühen Gebäudefassungen sehr vielfarbig. In den Beschreibungen einiger Gebäude wurde besonders hervorgehoben, daß der Stuck durch einen malerischen, oft atektonischen Farbanstrich ersetzt worden ist.

Insgesamt müssen die Städte damals sehr trist ausgesehen haben, und die Armut war groß in Deutschland. So wurde Farbe als ein relativ preiswertes und dennoch wirkungsvolles Mittel zur optischen Stadtverbesserung angesehen. Die Begeisterung für diese Möglichkeit war so ausgeprägt, daß bereits 1926 in Hamburg der "Bund zur Förderung der Farbe im Stadtbild" gegründet wurde. Ihm gehörten viele engagierte Einzelpersonen, Vertreter Technischer Hochschulen, Angehörige von Ministerien bis hin zu kommunalen Baubehörden, Architekten, Maler, Denkmalpfleger und die Farbenindustrie an. Der Bund veranstaltete Fachtagungen, gab eine Zeitschrift heraus und beriet auf vielen Gebieten. Den Geschäftsberichten zufolge sind auch mehrere Informationsveranstaltungen in Bochum durchgeführt worden. Veranstaltungsorte und Zeitpunkte sind dabei leider nicht angegeben worden.

Insgesamt muß die Begeisterung für die Farbe im Stadtbild in den 1920er Jahren hier im Ruhrgebiet recht zurückhaltend gewesen sein. Während Ende der 20er Jahre aus fast allen Gebieten in Deutschland deutliche Fortschritte auf dem Gebiet der Farbe in der Architektur verzeichnet wurden, beklagten Vertreter des erwähnten Bundes, daß im westfälischen Industriegebiet eine ausgesprochene Zurückhaltung zu beobachten sei. Man führte dies auf die Schwerfälligkeit der Westfalen zurück. Wesentlich wahrscheinlicher ist allerdings, daß ob der starken Schmutzbelastung in den Innenstädten des Reviers ein farbiger Anstrich für sinnlos gehalten wurden. Denn Farbe und Gerüstaufbau kosteten auch schon damals ziemlich viel Geld.

Es ist daher zu vermuten, daß das Interesse an einer buntfarbigen Gebäudegestaltung aus den genannten Gründen auch in Bochum verhältnismäßig gering war.

Dennoch hielt man es seitens der Stadt wohl für erforderlich, insbesondere historische Gebäude unter Schutz zu stellen und auch Empfehlungen für deren Behandlungen auszusprechen. In einem 1925 erlassenen Ortsgesetz wurde aufgeführt, daß "die baupolizeiliche Genehmigung zur Ausführung von Bauten und baulichen Änderungen" an namentlich genannten "Straßen und Plätzen von geschichtlicher bzw. Künstlerischer Bedeutung zu versagen" ist, "wenn dadurch die Eigenart des Orts- oder Straßenbildes beeinträchtigt" wird. Für diese Bereiche der Stadt wurde in dem Ortsgesetz weiter gefordert, daß die Gebäude "in der Bauart... und der Farbe so hergestellt werden, daß sie in den architektonischen Merkmalen und der baulichen Eigenart der Straßen und Plätze und ihrer Bebauung einen diesen Merkmalen und der Eigenart entsprechenden Bestandteil bilden oder sich ihnen einfügen". Und weiter hieß es:

"Wenn bei offener Bauweise mehrere Häuser zu einer Gruppe vereinigt werden, müssen die einzelnen Häuser in Form, Baustoffen und Farbe durchaus einheitlich ausgebildet und möglichst gleichzeitig ausgeführt und deren Ausführung in einer von Fall zu Fall festzusetzenden Frist gewährleistet werden.

Straßenseitige Einfriedigungen müssen in Form, Farbe und Baustoffen mit dem Gebäude des Grundstücks übereinstimmen und sich den Einfriedigungen der Nachbargrundstücke anpassen." Es ist bislang unbekannt, inwieweit diese recht allgemein gehaltenen gesetzlichen Bestimmungen in die Praxis umgesetzt worden sind.

Überregional ging bereits Ende der 20er Jahre die polychrome Farbanwendung in der Architektur zurück. Für avantgardistische Architekten - und wer wollte damals wie heute nicht dazu gehören - war die einzig mögliche Baufarbe Weiß. Das 1919 gegründete Bauhaus hatte sich durchgesetzt. Weiß galt als die Farbenfülle an sich, Weiß war die Farbe der absolut funktionalen Architektur, bunte Farben wurden als ein Stück Romantik abgelehnt.

Ab den 30er Jahren setzte eine große Begeisterung für Grau ein. Grau galt als der Ausdruck der gemeinschaftsbildenden Kraft im Menschen, als die symbolische Farbe des Städters im Gegensatz zum Bauern, als die Farbe der großen Arbeit, als die Lieblingsfaben der Architektur. Auch Denkmalpfleger waren der Meinung, daß insbesondere für die älteren Gebäude ein lichte bis mittleres Grau die einzig richtige Farbe sei. Und sogar der "Bund zur Förderung der Farbe im Stadtbild" empfahl 1931 für die "sehr groben und unruhigen mißförmigen Fassaden (etwa im Barock der 80er Jahre) ... eine graue Tönung" zu wählen.

Sehr dunkelgraue bis schwarze Gebäudeanstriche insbesondere in den Industriegebieten gehen auf einen Erlaß der 1930er Jahre zurück. Danach sollten vor allem große Mietwohnhäuser sehr dunkel gestrichen werden, damit sie im Kriegsfalle nicht so schnell aus der Luft ausfindig gemacht werden könnten.

Auf diesem Hintergrund und natürlich auch bedingt durch den 2. Weltkrieg entfielen für 40 Jahre fast jegliche Farbanwendung und damit auch jegliche Auseinandersetzung über die Baufarbgestaltung. Bunte Farbtöne an Gebäuden wurden streng gemieden und verachtet. Sie waren einfach kein Thema. Weder an den Technischen Hochschulen und den Universitäten noch an den Malerfachschulen erfolgte ein Lehrangebot zu diesem Bereich. Lediglich unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten wurde dieses Thema manchmal behandelt. Verständlicherweise ging es dann aber nur um die historische Baufarbigkeit, die angesichts der dominierenden Weiß-Grau-Phase oft genug unbeobachtet blieb.

Ende der 1960er Jahre setzte eine neue Farbbewegung in der Architektur ein. Sie wurde stark durch die Pop-Welle aus Amerika beeinflußt.

Nach dem das Münchener Stadtbild zur Olympiade farbig aufpoliert war, wollten auch die übrigen Groß- und Mittelstädte in Deutschland nicht nachstehen. Nach 40 Jahren Farbastinen setzte eine regelrechte Farbeuphorie ein.

In Bochum erfolgte damals ein Künstlerwettbewerb zur farbigen Bunkerbemalung. Ziel war es, diesem großen und brutal wirkenden Baumassen - als Architektur kann man sie nicht bezeichnen - etwas von ihrer Härte und Tristesse zu nehmen. Dies ist zweifellos gelungen, und heute, nach vielen Jahren, wirken etliche dieser Objekte - trotz ihrer inzwischen erworbenen Patina - als belebende Elemente innerhalb der häufig noch immer grauen Stadtteile.

Bald wurden auch die Bochumer Wohnbauten von dieser neuen Farbwelle getroffen - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (heute Kommunalverband Ruhr) in Essen hatte mit dem Slogan "Die Moderne ist trostlos und trist - Rettet den liebenswerten Kitsch" für 1974 zum ersten Fassadenwettbewerb im Ruhrgebiet aufgerufen. Viele Historismus- und Jugendstilgebäude wurden zum Freiwild für Popartisten. Bunt war einfach "in". Und eine Bochumer Farbenherstellerfirma gab in dieser Zeit einen Werbeprospekt heraus mit dem Titel "Farbe wird durch Farbe schön".

Bunt, ja sehr bunt wurde es im Ruhrgebiet - allerdings auch im übrigen Deutschland. So manche Farbpannen sind im Revier und auch in unserer Stadt zu beklagen. Dennoch soll hier weder Hauseigentümern noch Malermeistern ein Vorwurf gemacht werden. Denn es fehlte einfach an Gestaltungsgrundlagen und guten Farbbeispielen. Es gab ja - wie gesagt - in den letzten 40 Jahren kein Lehrangebot zum Thema Farbe in der Architektur.

Von der Stadt Bochum wurde bereits 1974 der erste Fassadenwettbewerb durchgeführt. 102 Hauseigentümer meldeten ihre Objekte an, 16 wurden prämiert. Doch auch den Jurymitgliedern müssen Kriterien für eine angenehm wirkende Fassadengestaltung gefehlt haben. Denn unter anderem wurde ein hell- und mittelblau schräg gesteiftes Haus mit gelben Fenstern ausgezeichnet. Angesichts der manchmal wenig gelungenen Beispiele in unserer Stadt erlahmte die Farbeneuphorie bald wieder. So meldeten sich zum Fassadenwettbewerb 1976/77 nur noch 50 Bewerber, 17 erhielten eine Prämie.

Zwischenzeitlich hatte überregional und auch in Bochum eine intensivere Auseinandersetzung zum Thema Farbe und Architektur begonnen. Erste Veröffentlichungen kamen auf den Markt. In der "dezenten" Farbigkeit wurde nun die Lösung gesehen. Der Mut zur farbigen Gestaltung nahm wieder etwas zu. So reichten denn im Fassadenwettbewerb 1978/79 immerhin 99 Bewerber ihre Objekte ein, 25 Preise wurden vergeben. Interessant war, daß beige/braune Gebäudefassungen dominierten. Beim Fassadenwettbewerb 1982/83 standen 78 Objekte zur Bewertung an. Es wurden schließlich 22 mit einem Preis bedacht.

Beim Vergleich der Objekte der vier Fassadenwettbewerbe innerhalb von 10 Jahren kann erfreulicherweise festgestellt werden, daß ein engagiertes Bemühen um angenehm wirkende Fassadengestaltungen zunimmt. Dennoch liegt noch vieles im Argen. Ziel von Fassadenwettbewerben ist es, besonders gute Objekte zu prämieren und sie damit gleichzeitig als positive Beispiele zur Einzel- und Stadtgestaltung herauszustellen. Problematisch werden solche Fassadenwettbewerbe und deren Bewertungen dann, wenn stadtpolitische Gesichtspunkte vorrangig werden. So gab es bereits ernsthafte Bestrebungen, Preise gleichmäßig über das gesamte Stadtgebiet zu verteilen, wobei die Qualität der Gebäudegestaltung zweitrangig werden sollte.


Heute - 1985 - setzt sich die herablassende Einstellung durch: "Das bißchen Farbe..." und gedanklich fügt jeder aus seiner Sicht hinzu "... das kann ich auch". Angesichts der Farbpannen werden neue Gebäude wieder in klares Weiß, der angeblich "natürlichsten Farbe" für die Architektur, getaucht. Gelegentlich werden noch lila Akzente hinzugefügt, konsequent über viele Häuserblöcke. Schade, daß den Verantwortlichen nicht bekannt ist, daß Lila die unbeliebteste Farbe überhaupt ist.

Der Beton an den Gebäuden der Ruhr-Universität ist nach 20 Jahren schon so schadhaft, daß eine sehr gründliche Sanierung erfolgen muß. Und dabei geht es dann auch um Farbentscheidungen. Bei einem der Gebäude setzten sich wohl die Bauhausdogmatiker durch: Grau mußte es wieder werden, weil die Uni ja auch ursprünglich grau angelegt war. Doch ist es nicht Grau genug im Ruhrgebiet? Möglicherweise hat diese graue Gebäude Kritik erfahren. Denn nun erstrahlt ein weiteres Gebäude in einem brillanten Gelb über dem Ruhrtal. Es springt buchstäblich aus dem architektonisch sehr geschlossen und konsequent angelegten Gebäudeensemble heraus. Dessen nicht genug, wurden in einigen Etagen Teile der Brüstungen schwarz gestrichen, so daß optisch der Eindruck entsteht, die Brüstungen seien unterbrochen, ja sie existierten überhaupt nicht. Die klare architektonische Konzeption ist durch die farbige Gestaltung total zerstört worden. Wer mag hier für "das bißchen Farbe" zuständig gewesen sein?!

Seit der Energiekrise ist insbesondere in der Altbausanierung Wärmedämmung fast zum Thema Nummer 1 geworden. Dagegen ist nichts einzuwenden. Bedenklich wurde es allerdings, wenn der Farbenhersteller gleichzeitig - kostenlos - ein sogenanntes Farbkonzept mitliefert. Leider kann nicht immer davon ausgegangen werden, daß diejenigen, die mit Farben handeln, auch fundierte Kenntnisse in der Architekturfarbgestaltung besitzen. - Häufig wird die Farbgestaltung auch in eigener Regiegesellschaften und Behörden immer irgendeinen, der einen "guten Geschmack" hat und über "das bißchen Farbe" entscheiden kann.

Nachdem nun auch Nordrhein-Westfalen ein Denkmalschutzgesetz hat, wird wohl in einigen Monaten die Denkmalschutzliste für Bochum geschlossen werden. Viele Gebäude, die vor 10 Jahren noch dem Abbruchhammer preisgegeben worden wären, werden dann erfreulicherweise unter Schutz stehen. Erstaunlich ist nur, wie viele Vertreter aus den unterschiedlichen Fachbereichen sich nun in der fachgerechten Renovierung allgemein und bei der Farbgebung im besonderen selbstverständlich auskennen wollen. Dazu zählen auch die sogenannten Befund-Anhänger, die nur die vorgefundenen Farben an einem historischen Gebäude bei der Renovierung wieder aufzunehmen bereit sind. Die Befunderhebung ist sehr wichtig. Hier im Ruhrgebiet jedoch allein danach zu arbeiten, ist sehr bedenklich. Es ist nicht einzusehen, daß eine Region, die in früheren Zeiten wegen der hohen Schmutzbelastung weitgehend auf farbige Häuserfassaden verzichtet hat, auf alle Zeiten im Grau erstarren soll. Erfreulicherweise haben sich Denkmalschützer in der hiesigen Region von der dogmatischen Renovierung ausschließlich nach Befund weitgehend distanziert.

Andererseits werden gelegentlich lange Diskussionen darüber geführt, ob an einem unter Denkmalschutz stehendem Gebäude ein sechs Zentimeter dunkler Sockel als Schmutzkante aufgemalt werden darf oder nicht, während gleichzeitig (1985) nicht darüber nachgedacht wird, ob der einzige neogotische Zentralbau in Bochum eine atektonische Ausmalung erhalten darf.

Auch der neue Segen der Städtebauförderungsmittel gibt Anlaß zur Sorge, so erfreulich diese Finanzhilfen auch für die Städte sein mögen.

"Das bißchen Farbe" im Stadtbild entscheidet - wenn auch zusammen mit anderen Faktoren - maßgeblich über deren Charme oder Anmutungsarmut, um nicht zu sagen Langeweile. In wissenschaftlichen Untersuchungen ist inzwischen nach gewiesen worden, daß von der Farbe in der Architektur eine intensivere Reizwirkung auf die Menschen ausgeht als von der Bauform. Farben und Farbenkombinationen haben einen direkten Einfluß auf das emotionale Wohlbefinden, aber natürlich auch auf das Unbehagen der Menschen in der gebauten Umwelt.

Es gibt durchaus etliche sehr positive Beispiele für gute farbige Architektur in Bochum, die inzwischen auch überregional beachtet werden. Es ist zu hoffen, daß dem "bißchen Farbe" im Bochumer Stadtbild in Zukunft mindestens soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird wie der sogenannten Verkehrsberuhigung oder anderen technischen Bereichen.