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"Rette sich, wer kann." Anmerkungen zur jüngeren Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Bochums.

Manfred Wannöffel

(Anmerkung: In dieser Online-Veröffentlichung fehlen die zahlreichen Zeitungsartikel, die als Abbildungen längere Textpassagen enthalten. Hier empfiehlt sich besonders der Blick in das gedruckte Buch, Hanke 25.7.01)

I.

Ein stetiger Prozeß der Entindustrialisierung sowie die vielschichtigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen langandauernder Massenarbeitslosigkeit überschatten das Ruhrgebiet seit nunmehr 25 Jahren, wobei mit dem Ende der 1970er Jahre - in einer Überlappung von weltweitkonjunkturellen und revierspezifisch-strukturellen Krisenphänomenen - eine dramatische Zuspitzung des regionalen Zerfallprozesses erfolgte.

Der Niedergang der ehemaligen "Waffenschmiede der Nation" mit den Leitsektoren Kohle und Stahl ist jedoch nur eine Erscheinungsform einer tiefgreifenden Umstrukturierung der internationalen Produktions- und Verteilungsprozesse mit eine eindeutigen Ausrichtung auf neue Informations- und Kommunikationstechnologien, die eine weltweite Neubewertung und Neufestlegung von Produktionsstandorten beinhaltet. Für die Bundesrepublik bedeutet dies die Herausbildung neuer regionaler Ungleichgewichte und Ungleichzeitigkeiten ökonomischer Entwicklungssschübe. Altindustrialisierte Regionen mit ihren ausgeprägten Monostrukturen, die Werftregion im Norden, das Saarland und natürlich das Ruhrgebiet unterliegen einem unaufhaltsamen Entwertungsprozeß, mit allen, auch sozio-kulturellen, Folge- und Auflösungserscheinungen. Regionen dagegen, die von Altindustrien der ersten und zweiten Industrialisierungswelle des 19. Jahrhunderts weitgehend verschont blieben, insbesondere Bayern und Baden-Württemberg, stellen heute mit den "high tech industries" die Industrieregionen der Zukunft. Nicht einmal - wie in diesem Jahrhundert mehrmals geschehen - ein aufrüstungszyklus oder gar ein Krieg würden das schwerindustrielle Revier mit Krupp und Thyssen vor dem schleichenden Bedeutungsverlust bewahren.

Auch dieser, für die 1980er Jahre in der Tat nicht unrealistische Fall würde eher Siemens mit seiner Ausrichtung auf technologisch hochwertige Güter - und damit wiederum der Region um München - zu neuer, wenn auch zweifelhafter Blüte verhelfen. Absicht dieses Beitrages ist es nun, am Beispiel der Stadt Bochum einige Facetten dieses regionalen Entleerungsprozesses zu charakterisieren. Dabei handelt es sich hier nicht um eine komplexe Ursachenanalyse. Diese wäre ausschließlich im internationalen Maßstab, jedoch nicht regional oder gar lokal einzulösen. Denn die, einer der aktuellen wie historischen Regional- oder Stadtforschung angemessen Zielsetzung besteht eher darin, die Auswirkungen und Folgeerscheinungen globaler ökonomischer, sozialer, politischer und kultureller Entwicklungstendenzen anhand eines regionalen und städtischen Spiegelbildes zu konkretisieren bzw. aus dem Blickwinkel einer Region zu problematisieren.

Eine räumliche Konzentration erlaubt und erfordert allerdings differenziertere Fragestellungen nach den sozialen Folgekosten wirtschaftlicher Umbruchphasen, wobei hier die Auswirkungen auf die soziale Lage der Revierbevölkerung besonders interessieren - als eine wesentliche Voraussetzung zur Herausbildung von politischen Handlungsalternativen und Gegenmachtstrategien gegen eine ausschließlich kapitalorientierte, d.h. anarchische Verwertung des Reviers als Lebensraum.

II.

Verfolgt man aktuelle wirtschaftspolitische Debatten über Ursachen und Lösungsperspektiven der vielschichtigen Krisenerscheinungen des Ruhrgebietes, so lassen sie in der Regel eine historische Einordnung der Entwicklungsdynamik vermissen. Ihre Langfristigkeit über die Bergbaukrise der 50er Jahre zur Stahlkrise der 70er bis hin zur "Strukturkrise" der 80er Jahre, die hier über diesen Zeitraum von 30 Jahren erfolgten wirtschafts- und sozialstrukturellen Veränderungsprozesse, werden in ihrer Bedingtheit nicht thematisiert, vor allem die Auswirkungen auf die Ruhrarbeiterschaft weitgehend ignoriert. Im Vordergrund stehen unternehmernahe Forderungskataloge, die offen gegen das sogenannte "Besitzstandsdenken" der Arbeiterschaft polemisieren.

So heißt es in einer jüngeren Studie des Kommunalverbands Ruhr (KVR) über die Ursachen der Ruhrgebietskirse: "Noch zu wenig scheint offensichtlich der Tatbestand Anerkennung zu finden, daß nicht der Strukturwandel selbst Ursache der hohen Arbeitslosigkeit sein kann, sondern die mangelnde Fähigkeit, sich den stetig ändernden Wettbewerbsbedingungen anzupassen." Die eigentliche Ursache sowie die Verursacher der Krise werden dagegen schnell beim Namen genannt: "Daß der Standort Ruhrgebiet insbesondere bei kleinen und mittleren Betrieben kein Interesse fand, dafür sorgte nicht zuletzt das vom Beginn an überdurchschnittliche Lohnniveau."

Die Arbeiterschaft sowie die zwischenzeitliche Stärke ihrer Organisationen werden so zum zentralen Hinderungsgrund einer wirtschaftlichen "Erneuerung": "Das hohe Lohnniveau des Ruhrgebiets wird aber nicht zuletzt der hier besonders ausgeprägten gewerkschaftlichen Interessenvertretung zugeschrieben." Mangelnde Anpassungsfähigkeit an wechselnde ökonomische "Sachzwänge", eine für den Arbeiter an der Ruhr charakteristische mangelnde Mobilität zwischen Wohnort und Arbeitsplatz, sowie schließlich - und natürlich als Ausdruck für die Kampfstärke der regionalen Arbeiterbewegung - die Montanmitbestimmung: Das sind nur einige ideologische Schlaglichter, die die aktuelle Krisendebatte prägen. Dabei wird nur allzugern vergessen, welche tatsächlichen "Anpassungsleistungen" der Revierbevölkerung währender vergangenen Krisenjahre abverlangt worden sind: oft der Verlust der Arbeit oder sogar des erlernten Berufes; damit auch der Zeche oder Fabrik samt den Kollegen, mit denen noch zusammengearbeitet wurde. Mit der Arbeitsstelle ging der Verlust der Werkswohnung einher, der langjährig vertrauten Nachbarschaft im Stadtteil, im Verein oder auf der Straße.

Und dann, nach einiger Zeit, wenn überhaupt und nicht frühverrentet, die Aufnahme einer anderen Arbeit, meist mit weniger Lohn, das Erlernen einer fremden Tätigkeit, eine neue Wohnung in ungewohnter Umgebung, meist ohne vertraute Nachbarschaft. Das sind tiefe soziale Umbrucherfahrungen, die die Ruhrbevölkerung nicht erst in den letzten Jahren des KrisenZuspitzung durchlebt hat. Denn das Aufbrechen der revierspezifischen Monostruktur erfolgte mit der Bergbaukrise gegen Ende der 1950er

Jahre. Die 1957 zunächst harmlos einsetzende Krise bedeutete eine Mobilisierung und Neustrukturierung der gesamten Region, Bochum wurde dabei wie keine andere Stadt im Revier vom Zechensterben betroffen.

Wie aus Tabelle 1 deutlich wird, wurden im Bochumer Bergbau zwischen Ende 1957 und Anfang 1962 in nicht einmal viereinhalb Jahren fast 20 000 Arbeitsplätze unwiderruflich abgebaut, das waren genau 50%. Der stetige Belegschaftsabbau auf allen Schachtanlagen und die zügige Rationalisierung der Kohleproduktion ging mit Schließung von zunächst fünf Großzechen einher. Den Beginn machten die Zechen Dannebaum in Laer und Prinz-Regent in Weitmar, beide hatten im Februar 1960 ihre letzte Anfahrt. Es schlossen nacheinander: Friedlicher Nachbar in Dahlhausen, Klosterbusch in Querenburg, Engelsburg im Bochumer Westen, und alle anderen sollten noch folgen.

Die Bedeutung der Bergbaukrise für die langfristigen Veränderungen der Bochumer Sozial- und Wirtschaftsstruktur sowie einen Vergleich mit aktuellen Krisenphänomenen zwischen 1979-1983 vermittelt Tabelle 2 auf Seite 32. Die sozialen Folgen der Kohlenkrise in Bochum lassen sich jedoch nicht rein quantitativ mit - wenn auch eindringlich - Arbeitsplatzverlusten umschreiben. Vielmehr bedingte der ökonomische Strukturwandel eine tendenzielle Auflösung relativ geschlossener sozialräumlicher Einheiten zwischen Arbeitsplatz, Wohnort und Nachbarschaft. Die Hegemonie der Montanindustrie bildete über 100 Jahre die Grundlage dieser revierspezifischen Lebensweise.

Ähnliche, durch die Industrie vorgegebene, Arbeits- und Lebensbedingungen schufen eine gemeinsame Alltags- und Lebenspraxis, die der Bevölkerung bisweilen eine eigenständige Gestaltung der sozialen Situation gegenüber der Unternehmerschaft erlaubte. Diese politischen Regionalkultur der Arbeiterschaft fiel dem Zechensterben zunehmend zum Opfer und verlor an politischer Prägekraft. Faschismus und Krieg konnten zwar die Organisationen der regionalen Arbeiterschaft samt ihren kulturellen Ausprägungen gewaltsam zerstören, jedoch "nur" von außen und quasi von oben. Erst der stumme Zwang der ökonomischen Herrschaftsverhältnisse bewirkte, nur von unten, den endgültigen Auflösungsprozeß der revierspezifischen Arbeiterkultur.

Das Zechensterben stellte dabei kurzfristig die Lebensgrundlage - die Arbeit und die Wohnung - in Frage. Eine

Schlagzeile in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung brachte Ende der 50er Jahre das städtische Klima auf den Begriff:"Bochum, die sterbende Stadt".

Und das Leben in der Stadt änderte sich merklich. Die gewohnten Bilder in den Bochumer Vororten - in Weitmar, Grumme oder Hiltrop - von Tausenden Bergmännern, die in unmittelbarer Nachbarschaft zur Zeche wohnten; Hunderten von fahrradfahrenden Kumpeln, die bei Schichtwechsel durch die Kolonien fuhren, diese Bilder zeigten Risse. Jetzt waren es zunächst Hunderte von gecharterten Reisebussen, die einen Hauch von Veränderung ankündigten: Pendlerströme zu anderen Zechen in die Nachbarstädte des Reviers. Waren es in Bochum 1957 täglich lediglich 8872 Menschen, die ihre Arbeit außerhalb der Stadtgrenzen aufnehmen mußten, waren es 1959 schon 16 000 Bochumer. 1960 war die Zahl der Auspendler auf 18 000 angewachsen.

Eine Region war in Bewegung geraten, gekennzeichnet durch einen Verlust an "Tradition, Betriebstreue und Werksverbundenheit", so die WAZ vom 27. Februar 1960 nach der Schließung von Prinz-Regent. Die Bergleute waren und wurden zunehmend verunsichert, kehrten freiwillig ab. Die aufnehmenden Industrien waren zunächst die Eisen- und Stahlindustrie sowie das Baugewerbe.

Das Jahr 1960 bedeutet für die Industriegemeinde Bochum eine erzwungene Mobilisierung von Arbeitskraft sowie eine damit einhergehende schrittweise Motorisierung; andererseits war es für die Menschen der unaufhaltsame Weg zur Individualisierung, herausgerissen aus der vertrauten "Zeche und Gemeinde". Das Auto ist die Materialisierung, d.h. die Versinnbildlichung dieser Veränderungsprozesse. Nur wer mobil und unabhängig wird, nur wer einen eigenen Wagen hat, der besitzt Chancen, in dieser neuen Epoche des Konsumkapitalismus der 60er Jahre Schritt zu halten. Nur mit dem Auto geht es wieder aufwärts.

Bochum ist dabei für die gesamte Region ein herausragendes Beispiel diese krisenbedingten Modernisierungsschubes, eines quasi "sekundären Urbanisierungsprozesses". Die Ansiedlung der Adam Opel AG im Mai 1960 - eines Konzerns der Automobilindustrie - ist das Kennzeichen dieses Anpassungsprozesses.

Sicherlich waren in erster Linie die durch die Kohlenkrise neugeschaffenen regionalen Arbeitsmärkte eine wichtiger Ansiedlungsgrund. Darüber hinaus war jedoch gleichzeitig die mobilisierte Arbeiterschaft die anvisierte Zielgruppe des neuentwickelten Kleinwagens "Kadett". Die Mobilisierung der Arbeit ging also mit einer Konsummobilisierung einher, das Ruhrpark Einkaufszentrum, im Jahre 1965 in Bochum-Harpen fertiggestellt, ist nur ein weiteres Beispiel für diese Entwicklung.

III.

Welchen Stellenwert haben nun diese ökonomischen und sozialen Strukturverschiebungen für die Bochumer Arbeiterschaft? Wie wurde dadurch - und in welchem Ausmaß - der Lebens- und Arbeitsalltag in Bochum beeinflußt und verändert, schließlich, welche Vergleiche bzw. Schlußfolgerungen können zu aktuellen Krisenerscheinungen gezogen werden?

Um diese, vor allem für die sozialpolitische Praxis relevanten, Fragestellungen in Ansätzen beantworten zu können, veranstaltete der DGB Kreis Bochum mit dem Weiterbildungszentrum (WBZ) der Ruhr-Universität im Mai 1985 zwei Begleitseminare zum Forschungsprojekt "Stadt im Umbruch". Ergebnis sowie allgemeiner Tenor dieser Seminarreihe lassen sich wie folgt zusammenfassen: Zirka 80 v. H. der Teilnehmer - sie waren während der Bergbaukrise erwerbstätig - erlebten den "Beginn" der revierspezifischen "Strukturkrise" als einen eindringlichen Schnitt in ihrer Berufsbiographie. Langandauernde Arbeitslosigkeit als Massenerfahrung stellte sich um 1960 auf Grund des ausgeglichenen Arbeitsmarktes sowie den zwischenzeitlichen konjunkturellen Hochs in der Eisen- und Stahlindustrie und im Baugewerbe noch nicht als dringendes gesellschaftspolitisches Problem.

Sozialpolitische Abfederungsleistungen des korporatistischen Blocks von Bergbaukapital, Staat und der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie konnten in der Regel soziale Härten verhindern, nicht jedoch eine mit den Zechenstillegungen einhergehende Stillegung von Arbeitskraft.

Die Mehrzahl der Seminarteilnehmer fühlten sich zu früh auf das Altenteil geschoben, vielfach herausgerissen aus sozialen Bezügen wie Beruf und Gewerkschaft, handlungsunfähig und allein. Dennoch überwog die Einschätzung, die ein Teilnehmer in folgende Umschreibung faßte: "Man ist nochmal davongekommen."

Ein Teil der ehemaligen Bergleute hatten sogar die Chance, am Prozeß der "sekundären Urbanisierung" Bochums, an der revierspezifisch verspäteten allmählichen Herausbildung des "tertiären Sektors" im allgemeinen, des Dienstleistungssekrors im besonderen, zu partizipieren.

Nach den Krisenerfahrungen im Bergbau waren hier die Beschäftigungsmöglichkeiten im bis dahin "krisenfesten" öffentlichen Dienst begehrt. Die sich ankündigende Ruhr-Universität bot hier eine neue Lebensgrundlage. Allgemein gilt jedoch ein ab 1960 nicht mehr umkehrbarer Trend eines stetigen Auflösungsprozesses starrer Beschäftigungsstrukturen. Die Verstreuung der Bergleute auf die unterschiedlichsten Branchen ist ein Indiz dafür. Der Arbeitsplatz als kollektiver Ort von Erfahrungszusammenhängen, als Basis für die Artikulation gemein-samer Interessen verlor immer mehr an Prägekraft. Ein Bochumer Seminarteilnehmer, der als Bergmann 1962 bei Opel eine neue Arbeit gefunden hatte, formulierte diesen Prozeß wie folgt:

"Es ist ein sehr großer Unterschied, ob du unter Tage mit deinen Arbeitskollegen gemeinsam in einen Gedinge gearbeitet hast, zusammen dich gegen die Hetze des Steigers gewehrt hast, der höchstens einmal am Tag vorbeikam, oder ob du, bei Opel am Band isoliert und der Kumpel nur noch in Sichtweite, unter ständiger Kontrolle der Kette stehst." Zunehmend deutlich wurde: Ort und Nischen der proletarischen Verweigerung hatten in den 60er Jahren an politischer Bedeutung eingebüßt; allerdings, man hatte andererseits wieder Arbeit, konnte sich erstmals was leisten, teilhaben, wenn auch nur im geringen Ausmaße, am aufkommenden Massenkonsum quasi als Ersatz für verlorengegangene Solidarstrukturen in ehemaligen Arbeitermilieus. Als soziale Klasse hatte die Arbeiterschaft an der Ruhr durch die Bergbaukrise ohne Zweifel an politschem Gewicht und Durchsetzungsvermögen verloren.

IV.

Handelte es sich bei der Kohlenkrise lediglich um eine "Teilkrise" der Ruhrgebietswirtschaft, vervollständigte sich diese zunächst sektorale Krise über die Stahlkrise der 1970er Jahre und internationalen konjunktureinbrüchen zu Beginn der 80er Jahre zur allgmeinen wirtschaftlichen und sozialen Krise der gesamten Region. Bochum lag dabei schon während der 70er Jahre beim Aufbau industrieller Arbeitsplätze weit an der Spitze vergleichbarer Ruhrgebietsstädte. Allein zwischen 1970 und 1979 gingen 15 000 Arbeitsplätze verloren, während im relativ kurzen Zeitraum von vier Jahren zwischen 1979 und 1983 noch einmal 20 000 Arbeitsplätze abgebaut wurden. Über 35 000 vernichtete Arbeitsplätze zwischen 1970 und 1983 deuten auf die dramatische Tiefe der Krise. Ein großer Anteil ging eindeutig zu Lasten der Beschäftigten in der Eisen- und Stahlindustrie, und hier vor allem des ehemaligen Bochumer Vereins, der 1964 von Krupp übernommen wurde. Nicht die Dimensionen der Bergbaukrise erreichend, nahm in den letzten 10 Jahren die Zahl der Beschäftigten in der Stahlindustrie um ca. 5000 ab. Berücksichtigt man darüber hinaus die Schließung der letzten Schachtanlagen auf Bochumer Gebiet (1974), hat sich die Stadt Bochum von der typischen Montanstadt mit einem Überhang von Beschäftigten in der Kohlen- und Stahlindustrie der 50er und 60er Jahre zu einer "bundesdeutschen ,Durchschnittstadt' der 80er Jahre mit einem für Großstädte starken Industriebesatz entwickelt".

Konnten noch in den 1970er Jahren die strukturellen, und in der Regel rationalisierungsinduzierten, Arbeitsplatzverluste im "Verarbeitenden Gewerbe" durch eine Ausweitung des "Tertiären Sektors" und vor allem des Öffentlichen Dienstes, wenn nicht gerade aufgefangen, so doch abgefedert werden, schlagen sich die internationalen Konjunktureinbrüche gekoppelt mit spezifischen Problemen altindustrieller Regionen seit Anfang der 80er Jahre in einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosenziffern nieder, wie die nachstehende Grafik unterstreicht, hat sich seit Mitte der 70er Jahre die Arbeitsmarktentwicklung im Revier vom Bundesdurchschnitt negativ abgekoppelt.

Dabei erklärte sich der schlechtere Kurvenverlauf für Bochum im Vergleich zum Ruhrgebiet aus den dargestellten Bedingungen einer schon ab 1974/75 durchschlagenden Rationalisierung in der Eisen- und Stahlindustrie; eine Entwicklung, die die anderen Revierstahlstandorte Dortmund und Duisburg erst wesentlich später, zu Beginn der 80er Jahre, erreichte.

In der Zeit von September 1980 bis September 1984 hat sich die Zahl der Arbeitslosen im Arbeitsamtsbezirk Bochum auf über 30 000 annähernd verdreifacht; ohne die "stille Reserve" zu berücksichtigen. Die Erstarrung des regionalen Arbeitsmarktes zeigt sich darüber hinaus im dramatischen Anstieg der Langzeit- bzw. Dauerarbeitslosen, die ein Jahr oder länger ohne offizielle Tätigkeit sind. Ihr Anteil betrug 1980 rund 26 %, 1982 zirka 29 %, und 1984 waren fast die Hälfte aller Bochumer Arbeitslosen, nämlich 42 %, ein Jahr oder länger ohne Arbeit. Im Zuge der Krisenentwicklung ist dementsprechend die Zahl der offenen Stellen seit 1980 sehr stark gefallen. 1984 lag ihre Zahl bei 523; somit entfielen im Durchschnitt auf eine offene Stelle 57 Arbeitslose (1:57). Dieses schlechte Verhältnis gibt allerdings die hoffnungslose Lage auf dem Bochumer Arbeitsmarkt nur zum Teil richtig wieder.

Insbesondere bei Branchen und Berufen wie Monteure und Schlosser, die geradezu auf die regionale industrielle Wirtschaftsstruktur ausgerichtet sind liegen die Spannen bei 1:400. Damit ist nicht nur der Weg in die berufliche Dequalifikation vorgezeichnet. Vielmehr liegen hier die strukturellen Ursachen für den selektiven Bevölkerungsschwund, die damit einhergehende Überalterungstendenz und schließlich die Gründe für den regionalen Entleerungsprozeß. Auf diese Weise gewinnt auch der Begriff von der "neuen Armut" zunehmend an Konturen.

Hier sei lediglich auf die Anzahl der Leistungsempfänger verwiesen, eine Entwicklung, die im Zusammenhang der angedeuteten Bedingungen langandauernder Massenarbeitslosigkeit zu interpretieren ist: Erhielten 1981 noch 34 % aller Bochumer Arbeitslosen Arbeitslosengeld, waren es 1984 nur noch 28 %. Dieser Trend läßt sich im umgekehrten Verhältnis an der Arbeitslosenhilfe verdeutlichen: Hier waren es 17 % in Jahr 1981 und 35 % im September 1984. Und überhaupt keine Leistungen erhielten 1981 nur 25 % , 1984 schon 28 % aller Bochumer Arbeitslosen. Dieser Trend einer zunehmenden Verarmung ist nicht neu. Dauerarbeitslosigkeit, Kürzung des Arbeitslosengeldes und Erschwerung der Zugangsberechtigung kennzeichnen eine Entwicklung, die schon im Spätsommer 1983 erschreckende Meldungen in der Tagespresse produzierte.

Massenarbeitslosigkeit und Armutsentwicklung lassen sich noch deutlicher an der Statistik des Bochumer Sozialamtes ablesen. Der unaufhaltsame Anstieg derjenigen, die aus dem Arbeitsmarkt hinausgedrängt und auf die kommunale Fürsorge abgeschoben werden, nimmt seit 1984 dramatische Ausmaße an. Allerdings wird hier nicht die Anzahl der tatsächlichen Empfänger, also der Personen, ausgewiesen, sonder "Parteien", worunter eine nicht näher gekennzeichnete zahl von Familien fällt, die nicht nur ihre Kinder, sondern gerade in den letzten Jahren eine stetig steigende Anzahl von jugendlichen Arbeitslosen, die es schon aufgegeben haben, sich arbeitslos zu melden, zu unterstützen hat. Vergleicht man dazu allein die Zahlen für das Jahr 1982, so waren hier schon 13 231 Personen als Sozialhilfeempfänger ausgewiesen. So ist es nicht übertrieben, für das Jahr 1984/5 von annähernd 20 000 Bochumern auszugehen, die auf irgendeine Form von Sozialhilfe angewiesen sind.

Aufgrund der besonderen Arbeitsmarktsituation im Revier, der Abkoppelung vom Landes- und Bundestrend, deutet heute alles darauf hin, daß sich in den Ballungsräumen des Ruhrgebietes ein hoher Sockel von Massenarbeitslosigkeit auf lange Sicht stabilisiert.

Die sozialen und gesellschaftspolitischen Folgen sind eindringlich. Gerade die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung wird zu einem gezielten Kampfinstrument von Unternehmern und konservativer Regierung, die regionalen Arbeitsmärkte neu zu organisieren. Eine Lösung im Sinne der Bochumer Arbeiterschaft ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Arbeitnehmerschutzrechte stehen zur Disposition, die Auflösung von Normalarbeitsverhältnissen" deutet auf neue Arbeitsbedingungen, die in Regionen besonders hoher Arbeitslosigkeit reifen.

Dazu der Präsident des Bundesverbandes der Deutsche Industrie (BDI), Langmann, in einem WAZ-Interview vom 18. Juli 1985: "... Entlassungen steht der Kündigungsschutz bzw. die Pflicht, einen Sozialplan aufzustellen, entgegen. Ganz abgesehen davon, daß hierzulande die Arbeit selbst extrem teuer ist, vor allem durch die hohen Lohnnebenkosten, zum Beispiel die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Aber auch das starre Tarifrecht ist ein Hemmnis... wir sollten alle Regelungen durchforsten, den Kündigungsschutz, die Sozialplanbestimmungen, die Lohnfortzahlung, aber auch die Tarifverträge..." Die Spitzenverbände der Wirtschaft weisen den zukünftigen Weg; weiter mit Langmann: "... Das Beschäftigungsförderungsgesetz ist eine wirkliche positive Änderung. Aber es müßte das ganze System der Schutzrechte überdacht werden, und es dürften keine neuen hinzukommen. Bei den jetzigen sozialen Schutzgesetzen kann die Industrie nicht so leistungsfähig sein, wie sie es müßte..."

Krisenlösungsvorstellungen, die, wie die Jahre bis 1980 gezeigt haben, nicht unbedingt die staatlichen Sozialleistungen unberührt lassen, zumindest jedoch langerkämpfte Rechte der Arbeiterschaft akzeptieren sowie vor allem auch ökologische Probleme des Reviers nicht ignorieren, lesen sich nach Ansicht der deutschen Industrie wie folgt: "... Von der SPD hört man zur Zeit wirtschaftspolitische Vorstellungen, vor denen es uns graust. Nehmen sie zum Beispiel das großangelegte Beschäftigungsprogramm, in dem der Umweltschutz im größten Stil ausgebaut werden soll..."

Es würde viele wieder in sinnvolle Beschäftigungsverhältnisse zurückführen und Umweltprobleme, die durch veraltete Kohlekraftwerke oder durch Altlasten stillgelegter Schachtanlagen vorherrschen, reduzieren. Nur liegt diese Krisenlösungsvariante nicht im Interesse des BDI.

Denn unter den Bedingungen langandauernder Massenarbeitslosigkeit nehmen die Menschen nicht nur wieder jede Arbeit an, sondern sind auch die "Rahmendedingungen" vorhanden, wo "Arbeit und Leistung sich wieder lohnen". Die Mobilisierung der Arbeiterschaft an der Ruhr erfuhr dementsprechend seit 1980 eine weitere Zuspitzung und die Vereinzelung bzw. Spaltung in Beschäftigte und Arbeitslose eine neue Qualität. Auf diesem Nährboden greifen die Unternehmerkonzepte.

Eines heißt "Enterprise Zones" oder "Freie Wirtschaftzonen im Ruhrgebiet." Dieses Konzept folgt britischen und amerikanischen Vorbildern der Industrieansiedlung. Gedacht wird an ein förmlich abgegrenztes Stadtgebiet, in dem einerseits eine Reihe indirekter Förderungsbestimmungen gelten und andererseits ein Katalog rechtlicher Restriktionen außer Kraft gesetzt wird, um Industrieansiedlungen und Unternehmensgründungen innerhalb der Zielgebiete anzureizen. So soll das "Gründerklima der 50er Jahre" hergestellt werden unter den Auflagen die der BDI Chef formulierte. So wünscht auch die Bauwelt:"... eine teilweise Befreiung von Sozialversicherungsbeiträgen, von UmweltSchutzstandards und von Minimumlohngarantien..." Jedoch stellt sich zur Zeit noch ein Problem: "Die Bedingungen deutscher industrieller Problemregionen haben noch nicht das Ausmaß des Niedergangs US-amerikanischer oder britischer Städte erreicht. Selbst in Duisburg, Dortmund ... gibt es kein einziges Stadtquartier, das mit Liverpool im Hinblick auf den Grad des Verfalls vergleichbar wäre. Daraus folgt: In der Bundesrepublik fehlen noch die Voraussetzungen..."

Auch für die "Wirtschaftswoche" stellt sich zur Zeit noch folgendes Problem: "Wer soll die Kosten für die Sozialsysteme tragen, wenn sich immer mehr Unternehmer und ihre Mitarbeiter aus der Sozialversicherung ausklinken?" Diese Diskussion ist noch nicht beendet, in kleinerem Stil, unter dem Deckmantel althergebrachter Industrieansiedlungspolitik, findet sich längst auch in Bochum statt. Wenn heute Firmen im Revier um- oder ansiedeln, nutzen sie die durch die Arbeitslosigkeit neustrukturierten Arbeitsmärkte und profitieren darüber hinaus von großzügigen Hilfestellungen der finanzschwachen Kommunen, die sich vielfach den Bedingungen der neuen Unternehmen beugen. Denn auch die Kommunen sind nur die Verwalter der Massenarbeitslosigkeit.

Jedoch nicht nur der Oberbürgermeister sieht sich in die Zeit der 50er Jahre zurückversetzt, einige Monate später auch die neue Belegschaft. Garantierte und normale Arbeitsbedingungen sind für die zukünftige Entwicklung der 80er Jahre nicht mehr verankert.

Nach der Produktion aus Fern-Ost, jetzt Wild-West im Betrieb: Einige Facetten der aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Konfliktlagen im Bochumer Raum sind somit beschrieben. Sicherlich nicht umfassend, aber dies war auch nicht der Anspruch dieses kleinen Problemaufrisses. Deutlich sollte zumindest eins werden:

Ähnlich wie um 1960 durch und infolge der Bergbaukrise befindet sich diese Region erneut im Umbruch.

Allerdings unter anderen Vorzeichen und anderen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Während in den 1960er Jahren durch das Zechensterben die Arbeiterschaft an Homogenität und Kampfstärke eingebüßt hatte, war sie dennoch im großen und ganzen mit einigen individuellen Überlebenskünsten "noch einmal davongekommen". Sie hatte sich einem "sekundären Urbanisierungsprozeß" zu unterwerfen, der "lediglich" den schmerzlichen Verlust von einer ganz spezifischen Lebensweise, bedeutete. Ein Modernisierungsschub, der die proletarische Subkultur endgültig auflöste.

In den 1980er Jahren sieht es nun ganz danach aus, daß das Revier weiter an festen Arbeits- und Lebensstrukturen verliert. Die Flexibilisierung der Arbeit, die computergestützten Personalinformationssysteme durchforsten die letzten Bastionen von Arbeitermacht. Die Mobilisierung der Arbeitskraft durch die langandauernde Arbeitslosigkeit macht's möglich: Neben einer verstärkten Disziplinierung durch die neuen Informationstechnologien steht der Arbeiter an der Ruhr vor der Auflösung von "Normalarbeitsverhältnissen".

Es müssen nicht immer sofort Freihandelszonen nach britischem oder amerikanischem Vorbild sein; es reichen schon Arbeitsverhältnisse in neu angesiedelten Industrien, die selbst den Oberbürgermeister an die 50er Jahre erinnern. Der Weg zurück in die 50er Jahre liegt jedoch sicherlich nicht im Interesse der hiesigen Arbeitnehmerschaft.

Noch einmal davongekommen, so hieß es um 1960. Auf und davon, "rette sich, wer kann", kennzeichnet die Perspektive für die zweite Hälfte der 1980er Jahre.