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Söhne des heimischen Landadels als Schützer des Ordensstaates in Livland

Karl Brinkmann

Anfang des 13. Jahrhunderts hatte der Schwertbrüder-Orden seine Tätigkeit in Livland aufgenommen. Nach der Niederlage gegen die Litauer bei Saule im September 1346 war die Zahl der Ordensbrüder so zusammenge-schmolzen, daß die Reste dieses Ordens eine Vereinigung mit dem Deutschen Ritterorden in Preußen suchten, die im Mai 1347 zustande kam. Jetzt wurde das Werk der Eroberung und Christianisierung Livlands und Kurlands mit größter Energie betrieben. 1346 kaufte der Orden von Dänemark zur Abrundung seines Herrschaftsgebietes Estland. Das Ordensgebiet war aber vielfach durch geistliche Fürstentümer, das Erzbistum Riga und die Bistümer Oesel-Wiek und Dorpat durchbrochen und gespalten, so daß ein großer Teil der militärischen und politischen Energien auf den Kampf zwischen dem Orden und den geistlichen Fürsten sowie den freien Städten, besonders Riga, verwandt und manchmal auch verzettelt wurde.

Im Deutschen Ritterorden hatten sich zwei Parteien gebildet, die eifersüchtig darüber wachten, daß die Interessen keiner Gruppe durch Familien- und Vetterles-Wirtschaft beeinträchtigt wurden. Es waren das "westfälische" und das "rheinische Quartier", wie sie in der militärischen Ausdrucksweise des Ordens hießen. Dabei umfaßte die "westfälische Gruppe" ein größeres Gebiet als das heutige Westfalen, sie schloß auch Niedersachsen mit ein. Zur rheinischen aber gehörte die gesamte übrige Ritterschaft des Deutschen Reiches. Schon früh bildete sich die Gewohnheit heraus, daß die rheinischen Ritter den Hochmeister stellten und Preußen behielten, während die westfälischen Rittersöhne gleich mit der Verpflichtung in den Orden aufgenommen wurden, nach Livland zu gehen.

Unter den Ordensrittern, Gebietigern und und Landmeistern in Livland finden wir immer wieder Namen, die auf die Grafschaft Mark und unsere engere Heimat zurückweisen. Auch unter den Vasallen waren viele Nachkommen heimischer Geschlechter. Allein drei Landmeister in 50 Jahren, Arnold von Vietinghoff zum Broich (1360 - 1361), der im Kampfe gegen die Litauer fiel, Wennemar von der Brüggeney (1386 - 1400) und Conrad von Vietinghoff entstammen adeligen Familien des alten Amtes Bochum. In den folgenden zwei kurzen Biographien sind die Schicksale weiterer führender Männer des livländischen Ordensstaates dargestellt, die ebenfalls engste Beziehungen zu unserem Stadtgebiet haben. Sie bewährten sich in jenem weit von der Heimat entfernten Grenzlande ebenso als Politiker wie als Ritter, wahrten dabei ihre westfälische Stammeseigenart und gewinnen ihre geschichtliche Bedeutung durch große menschliche Eigenschaften. Ihr Wirken und Schicksal läßt uns aber auch erkennen, daß sie nicht nur für ein besonderes, nur aus den geschichtlichen Voraussetzungen des Mittelalters denkbares politisches Gebilde tätig waren, sondern daß sie am äußersten Ende der abendländischen Christenheit eine allgemeine abendländische, eine europäische Mission erfüllten.

Die Reihe dieser Biographien soll in einem künftigen Bande unseres Heimatbuches fortgesetzt werden.

Berndt von der Borch und sein Kampf um Livlands Einigung

Die Geschichte des Deutschen Ritterordens und seiner Landmeister in Livland ist gewiß reich an leidenschaftlichen Auseinandersetzungen. Um keinen zweiten aber haben sich die Gemüter so erhitzt wie um den Ordensmeister Berndt von der Borg, dessen Beurteilung von höchster Bewunderung bis zu tiefster Verachtung schwankt. Vieles an seinem geschichtlichen Bilde mochte schwer verständlich erscheinen. Wenn der Erfolg Recht gibt, so muß er, den der Kaiser als Lehnsherr gelegentlich seinen "allergetreuesten Meister", der zweite Lehnsherr, der Papst aber "das Kind der Bosheit" nennt als ein Gescheiterter angesehen werden. Er hat das Ziel, das er sich stellte, die Einigung Livland unter der alleinigen Gewalt des Ordensmeisters, nicht erreicht und ist sogar darüber gestürzt worden. Aber man darf sein Wirken und Schicksal nur aus der Gesamtheit der livländischen Geschichte verstehen, und wird dann umso eher zu dem Urteil kommen, das Schiemann über ihn fällte, als er ihn als "einen energischen Mann, der sehr geschickt operierte" bezeichnete. Wenn die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen verständlich werden soll, so müssen die ungeheueren Schwierigkeiten, vor die er gestellt war, ebenso berücksichtigt werden wie das unselige Erbe, das er antrat.

Über Abstammung und verwandtschaftliche Beziehungen des 39. Landmeisters unterrichtet von Steinen. Kurz vor 1400 heiratet Hermann von der Borg Kunneke des Wreden Tochter. Er hat die Söhne Jan, Friedrich und Simon. Jan (Johann) bleibt in Detmold im Hofdienst, heiratet Elseke von Rhur und hat mit ihr die vier Söhne Evert, Hermann, Arndt und Berndt. Es heißt bei von Steinen, Friedrich, Johanns Bruder, sei mit Frau und zwei Söhnen nach Livland verzogen, er fügt aber hinzu: "Davon habe ich nichts weiter gefunden." Nun wird aber im Visitationsbericht des Ordens für das Jahr 1451 bei der Komturei Fellin der Ordensbruder Friedrich von der Borg, Herrschaft Lippe genannt. Wenn er der zweite Sohn Hermanns ist, was wahrscheinlich erscheint, war er also Ordensritter und unvermählt. Im gleichen Bericht wird zur Komturei Narva der Bruder Everhard von der Borchk, Herrschaft Lippe aufgeführt. Vielleicht ist er Friedrichs Neffe. Beide erscheinen sonst nie in der Ordenschronik.

Zu hohem Rang aber brachte es Simon, der jüngste Bruder Johanns, der Onkel des späteren Ordensmeisters. Dabei häufte er, der Sitte der Zeit folgend, eine Reihe einträglicher geistlicher Pfründen an. 1475 wird er Propst zu Lippe, Scholaster zu Hildesheim, Dompropst zu Dorpat und Qesel, Bischof von Reval genannt Vorübergehend vereinigte er damit noch das Amt des Erzbischofs von Riga (1479).

Aber der Papst bestätigte ihn nicht, und er war klug genug, von seinen Ansprüchen abzulassen und seine Tage friedlich als Bischof der zwar nicht mit Landbesitz, aber doch mit sehr reichen Tafelgütern ausgestatteten Diözese Reval zu beschließen (1492).

An der Wahl seines Neffen zum Ordensmeister im Jahre 1471 hat er sicher Anteil gehabt. Er ist später lebhaft für ihn tätig, reist mehrere Male für ihn zum Kaiser und auch nach Rom. Andererseits operiert er sehr vorsichtig, exponiert sich persönlich nie in Sachen des Ordens, tritt nur als diplomatischer und unparteiischer Vermittler auf und kann so bei Kaiser und Papst der "liebe, getreue Sohn" bleiben, während der Meister die Feindschaft der Kirche in letzter Härte verspüren muß. Als Bischof von Reval, der gewissermaßen im Schatten der Ordensfeste auf dem Domberg lebte und nur von der Macht des Ordens her Einfluß und Bedeutung gewinnen konnte, war er in seiner Haltung an sich schon festgelegt, so daß Ihn der Vorwurf, verwandtschaftliche Interessen zu verfolgen, nicht treffen konnte. Auf dem Revaler Domberg ist seit je Ordenspolitik gemacht worden, während die anderen Bischöfe Livlands, von Dorpat, von Oesel-Wiek und vor allem natürlich der Erzbischof von Riga, der sich auf ein stattliches Aufgebot von Vasallen stützen konnte, bemüht waren, die Souveränität ihrer Länder gegen den Orden zu behaupten und zu absoluter Selbständigkeit zu erweitern.

Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts gehörten die von der Borgeben so dem lippischen wie dem märkischen Adel an . 1448 hatte Arndt von der Borg, Herr zu Holzhausen und Erbgesessener zu Detmold, Droste der Grafschaft Lippe und Oberrat beim Bischof von Paderborn die Schwester des letzten männlichen Angehörigen der Familie von Dreyr, Bate, die schon Stiftsfräulein in Rellinghausen gewesen war, geheiratet. Die Ehe kam offenbar erst zustande, als sich herausstellte, daß der Bruder Wessel keine Nachkommen haben würde. Arndt von der Borg hatte die Verpflichtung eingehen müssen, auf Haus Langendreer zu wohnen, wenn er das Erbe anträte, das ihn zum reichsten Grundbesitzer Im größten Amte der Grafschaft Mark machte. Er hat diese Verpflichtung aber wohl kaum dauernd eingehalten, als er 1470 das Erbe antrat. Immerhin aber gab der Langendreerer Besitz In Verbindung mit den einflußreichen Hofämtern und geistlichen Pfründen, die man im Reiche innshatte, den Bestrebungen des Bischofs und Ordensmeisters auch im lernen Livland Rückhalt. Vor allem beim Bischof von Paderborn sucht Simon auf seinen Reisen Unterstützung. Der Sohn Arndts, Dietrich, und sein Enkel, Simon, lebten nicht mehr in Langendreer. 1552 berichtet der Droste des Amtes Bochum in einer Übersicht über die märkische Ritterschaft: "Symon von der Borch, wiewael die syne stedige wonungh helt im Styfft Paderborne, is dannoch bißer van wegen synes huyses tho Langendreer vor inlendisch gehalden und verschrewen." Im 16. Jahrhundert traten die von der Borg zum reformierten Glauben über. Damit löst sich naturgemäß die Verbindung zum Stift Paderborn. Umso einflußreicher sind die Stellungen, die Nachkommen dieses Geschlechtes in Brandenburg-Preußen und in den Generalstaaten einnehmen.

Welche Laufbahn Berndt von der Borg im Orden durchlaufen hat, ist nicht überliefert. Nirgendwo wird er als Vogt oder Komtur erwähnt. Schnettler nennt ihn als Ordensmarschall, aber für ein Jahr, in dem er bereits Landmeister war (1472). Zum ersten Male hören wir von ihm, als er 1471, in einer Stunde schwerster innerer Krise im Orden und Ordenslande im Schlosse zu Wenden als Meister gewählt wird. Sein unmittelbarer Vor-gänger, Johann Wolthuß von Herse, hatte durch gröbste Mißwirtschaft einerseits, durch Anmaßung und eine Kette von Rechtsbrüchen andererseits, aber auch durch eine für das Ordensland gefährliche Politik schwächlicher Nachgiebigkeit gegen die Russen - man warf ihm geradezu vor, von ihnen bestochen zu sein - die außen- und innenpolitische Lage des Landes in die gleiche Unordnung gebracht, wie die Finanzen. Er hatte verwirtschaftet, was sein bedeutender Vorgänger, Johann von Mengede (1450 - 1469) in zäher Kleinarbeit aufgebaut hatte. Als er 1471 eine neue Schatzung ausschrieb für den Bau der Festung Fredeburg auf einem Grunde, der dem Orden nicht gehörte, drohte offene Empörung unter den Ordensvasallen und livländischen Städten. Johann Wolthuß wurde abgesetzt und auf dem Ordensscbloß Wenden in schwerer Haft gehalten, wo er 1474 starb. Berndt von der Borg aber hatte sofort gegen die Feindschaft des Bruders seines unwürdigen Vorgängers, Ernst Wolthuß, eines mächtigen livländischen Vasallen anzugehen, der um seinen Bruder zu befreien und seine Absetzung zu rächen, einen Privatkrieg gegen den Orden entfesselte, in Schweden intrigierte und beim Bischof von Dorpat, Helmich von Mallinkrodt, beim Erzbischof von Riga und sogar beim Orden selbst eine Partei gegen den neuen Ordensmeister zusammenbrachte. Aber er vermochte nicht, die Stellung Berndt von der Bergs ernsthaft zu erschüttern, die von ihm entfesselte Bewegung erstarb an innerer Schwäche.

Umso größer wurden die Schwierigkeiten, die sich mit Stadt und Stift Riga ergaben. Grundlage der Beziehungen war der Vertrag von Kirchholm, den Johann von Mengede 1453 geschlossen hatte, und der die Oberherrschaft über Riga zwischen dem Erzbischof und dem Ordensmeister teilte, so daß die Stadt beiden gemeinsam huldigen sollte. Es war ein unglückliches Kompromiß, das den Keim zu Konflikten in sich trug. Sofort machte der Rigaer Erzbischof, Sylvester Stodewescher, Schwierigkeiten, und erst durch Vermittlung der Ritterschaft kam ein sechsjähriger Anstand zuwege, nach dem alles bei der bisherigen Regelung bleiben sollte. Aber Sylvester benutzte die Atempause dazu, in Rom gegen den Ordensmeister und seine Ansprüche zu agitieren, um die völlige Souveränität über Stadt und Stift Riga zurückzugewinnen. Er wandte sich auch an Schweden, Polen und den Bischof von Dorpat um Unterstützung, und fand wenigstens In Polen und Schweden manche Hilfe, während die Bischöfe des Landes sich zurückhielten, offenbar in der Überzeugung, daß die Entscheidung zwischen Riga und dem Orden auch ihre eigene Lage entscheiden müsse, und daß es unklug sei, es mit einer von beiden Parteien zu verderben. Sie richteten sich auf Neutralität ein und schadeten damit dem Ordensmeister mehr als durch offene Gegnerschaft, da sie einen unsicheren Faktor bildeten, und ihn überdies zwangen, seine militärischen Kräfte zu schonen, da bei einem der ständig drohenden Einfälle von außen her das Land schutzlos war. Berndt erkannte, daß eine Lösung, notfalls eine gewaltsame, notwendig war. Auf dem Landtag zu Wolmar 1476 erklärte er, daß es nicht möglich gewesen sei, mit dem Erzbischof in Güte auszukommen. Er wolle "mit ihm im Felde handeln, wie Fürsten und Herren zu tun pflegen". Stodewescher hatte bereits ein Bündnis mit dem Erzbischof von Upsala und anderen schwedischen Bischöfen geschlossen und in Polen Truppen anwerben lassen. Dazu kam, daß bereits 1474 der Papst dem Ordensmeister eine "väterliche Rüge" erteilt und Sylvester formell in seinen Hoheitsrechten über Riga bestätigt hatte. Berndt von der Borg schickte seinen Onkel zum Kaiser, der ihm die Regalien über Riga erteilte und den Papst ersuchte, seine Maßnahme zu billigen. Friedrich III. hatte freilich lange gezögert, bevor er die Entscheidung fällte, er ahnte wohl, daß es darüber zum letzten Male im äußersten Nordosten des Reiches zu einer erbitterten Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst kommen mußte. Nicht ahnen konnte er allerdings, daß sie dazu beitragen würde, die Stellung der geistlichen Gewalt und der Kirche im Ordenslande noch mehr zu erschüttern, als es bereits geschehen war, daß die Bevölkerung, die zu oft den Mißbrauch der geistlichen Zwangs- und Strafmittel erlebt hatte, sich Im folgenden Jahrhundert sehr rasch der Reformation zuwenden würde.

Der Landtag zu Wolmar endete noch einmal mit einer Einigung, die von den Ritterschaften vermittelt war. Auf weitere zehn Jahre sollten die bestehenden Verhältnisse nicht angetastet werden. Aber die Rüstungen auf beiden Seiten gingen weiter. In Schweden und Polen ließ Sylvester Landsknechte anwerben. In dem Böhmen Heinrich von Hohenberg fand & einen angesehenen Truppenführer, von dem er wohl erwarten mochte, daß er dem Orden gefährlich werden könnte. Der Ordensmeister aber sah sich in einer bedrängten Lage. Er mußte einen Angriff des Erzbischofs befürchten. Aus Rußland aber kamen ihm Nachrichten über umfangreiche Rüstungen und Truppenkonzentrationen, bei denen nicht ersichtlich war, ob sie gegen Litauen oder Livland gerichtet waren. Er schickte noch einmal Simon von der Borg nach Rom, um hier zu vermitteln, und dessen Geschicklichkeit gelang es auch, den Papst zum Einlenken zu veranlassen. Man war in Rom wohl auch verärgert darüber, daß Sylvester Stodewescher den Ordensmeister aus eigener Machtvollkommenheit gebannt hatte, ohne daß es irgendwie besonderen Eindruck im Lande gemacht hatte.

Noch einmal suchte von der Borg ein Kompromiß. Auf dem Landtag zu Walk beschlossen Ritterschaft, Orden und Städte, Riga zu neutralisieren, eine Art livländischer freier Reichsstadt daraus zu machen, "Riga beim Lande zu sequestrieren". Aber Ordensmeister und Erzbischof waren gegen diese Lösung, und nun wandte sich das Blatt sehr zugunsten des Meisters. Am 19. November 1477 kam Simon von Reval mit päpstlichen Briefen aus Rom in Riga an. Danach befahl der Papst, den Bann über den Ordensmeister aufzuheben und ernannte im Kardinal Stephan einen Schiedsrichter im Konflikt zwischen Meister und Erzbischof, dessen Entscheidung unwider-ruflich sein sollte. Beide Parteien wurden aufgefordert, sich binnen 100 Tagen bei dem Kardinal in Riga einzufinden. Aber nur der Meister erschien, Sylvester Stodewescher blieb aus. Er vertraute wohl darauf, daß die Russengefahr ihm bessere Möglichkeiten gebe als der Spruch eines offenbar von Simon von der Borg beeinflußten Schiedsrichters. Immerhin verscherzte er sich durch seine Unnachgiebigkeit die aktive Unterstützung des Papstes, wenn dieser auch vermied, sich klar für den Ordensmeister auszusprechen. Bei dieser Haltung Roms spielt die eigenartige Rechtsstellung des Ordensoberhauptes zwischen Papst und Kaiser eine Rolle. Der Meister war zwar geistliches Oberhaupt eines geistlichen Ordens, aber die politische Stellung als Landesherr bedingte eine Abhängigkeit vom Kaiser. Er war an die Weisungen der Kirche gebunden, aber auch an die des Reiches. Daß der Kaiser die Regalien für Riga vergab, war ein Novum, man glaubte in Rom, vorsichtig sein zu müssen.

Sylvester dachte nicht daran nachzugeben. Jetzt aber erhob sich in Riga die Volkswut gegen ihn. Er hatte die Stadt wegen ihres Eintretens für den Ordensmeister gebannt, und den Bann noch durch Rotfärben und Um-kehren der Altarkreuze und Steinwürfe gegen die Kirchentüren verschärft (29. Juni 1477). Stadt und Orden klagten in Rom. Gottesdienste hielten während der Verhandlungen die Geistlichen des Ordens, die das ausdrückliche Privileg hatten, die Messe an tragbaren Altären zu lesen. Ein ursprünglich mit Rücksicht auf die Kriegszüge erteiltes Recht wird also hier zum politischen Kampfmittel. Der Papst hebt Bann und Interdikt auf, aber die ergrimmten Bürger wollen nicht dulden, daß die erzbischöflichen Geistlichen weiter Gottesdienst abhalten. Sie sind erst zufrieden, als diese durch den Rat der Stadt ausgewiesen werden, wozu dieses Gremium allerdings kein Recht hatte. Sylvester sendet einen verzweifelten Hilferuf nach Schweden. Im Dezember 1478 landen tatsächlich 200 Mann bei Salis, aber von der Borg läßt sie gefangennehmen und in die Heimat zurücktransportieren.

Die Lage für den Ordensmeister hat sich auch sonst gebessert. Im Frühjahr 1478 hatten die Russen Nowgorod erobert, den deutschen Handelshof zerstört und die meisten Kaufleute ermordet. Gleich darauf waren sie auf das grausamste mordend und verheerend in das Stift Dorpat eingefallen. Sie hatten den schwächsten Punkt in livländischen Verteidigungssystem gewählt. Ihnen wurde kein nennenswerter Widerstand geleistet, und erst, als der Ordensmeister mit dem Ordensaufgebot im Felde erschien, verschwand der Feind. Was Vernunft und Einsicht nicht zustande gebracht hatten, schaffte die allgemeine Not. Bei den Ständen setzte sich das Gefühl durch, daß nur ein einiges Livland Sicherheit vor diesem grausamen und unerbittlichen Gegner bot. Auf dem Landtage zu Wallt wurde ein allgemeines Aufgebot gegen die Russen beschlossen, das auch Stadt und Stift Riga und die geistlichen Fürstentümer umfaßte. Jetzt schlug von der Borg rasch und rücksichtslos gegen den Erzbischof zu. Dank sorgfältiger Dispositionen des Meisters gelang es in wenigen Tagen die wichtigsten Burgen des Rigaer Stiftsgebietes zu nehmen. Die Rigaische Ritterschaft unterstützte Sylvester nicht, die Landsknechte liefen auseinander. Ohne Verluste eroberte Berndt auch Treiden und Kokenhusen, wohin sich Sylvester geflüchtet hatte. Er wurde inhaftiert, die Ritterschaft des Stiftes huldigte dem Ordensmeister. Ohne Widerstand ließ die Stadt Riga den Ordensmeister einziehen, wobei der böhmische Söldnerführer Heinrich von Hohenberg in Gefangenschaft geriet. Um ein strenges Exempel zu statuieren, ließ ihm von der Borg den Prozeß machen, und wegen tatsächlich oder angeblich begangener Rechtsbrüche und Mordbrennereien wurde er verurteilt gevierteilt, und seine Leiche wurde auf vier Rädern ausgesetzt. In der Stadt setzen harte Verfolgungen aller ehemaligen Ordensfeinde ein. Niemand wagt mehr, gegen den Ordensmeister aufzutreten, die Stadt wählte ihn in das lange vakante Amt des Erzvogtes, die Bürgerschaft schwur ihm als einzigem Oberherrn. Simon von der Borg organisierte mit den geistlichen Brüdern des Ordens den Gottesdienst in der Stadt.

Der Triumph des Ordens scheint vollständig. Da trifft aus Kokenhusen die Nachricht ein, daß Sylvester Stodewescher plötzlich gestorben ist. Sein hohes Alter war den zahllosen Aufregungen nicht mehr gewachsen gewesen. Eine schwierige Situation entstand. Ein Teil der Domherren war geflohen, einige hatten sich zum Meister bekannt, die meisten aber saßen noch gefangen. Aber von der Borg schreckte vor keiner Schwierigkeit zurück. Es gelang ihm, in kurzer Zeit mit den meisten der festgesetzten Domherren eine Einigung zu erzielen, die sie ganz auf seine Seite brachte. Damit war die Möglichkeit einer gültigen Wahl des neuen Erzbischofs gegeben, da die anwesenden Domherren die erdrückende Mehrheit des Kapitels bildeten. Sie berei-teten dem Meister die "freudige Überraschung", seinen Oheim Simon von der Borg, den Bischof von Reval, zu wählen. Vertrauensvoll wandte sich Simon um die Bestätigung nach Rom, wo er gut angeschrieben war. Man glaubte, abwarten zu können. Das Land war geeinigt, zur besseren Abwehr der russischen Gefahr hatte der Ordensmeister Verbindung mit Schweden aufgenommen, und da man dort eine Gefahr für das Gegengestade Finnlands befürchtete, bestand alle Aussicht auf Hilfe. Der Hochmeister des Ordens in Preußen hatte allerdings auf ein Hilfegesuch abschlägig antworten müssen und sogar noch Unterstützung gegen die Polen gefordert. Aber man nahm Preußen und den Hochmeister bereits damals nicht mehr recht ernst in Livland, man wußte, daß man auf sich selbst gestellt war.

Um die Russen in ihrer Rüstung und ihrem Aufmarsch zu treffen, machte Berndt von der Borg im Winter 1480 einen Rachefeldzug gegen die Pleskauer. Die Ritterschaft Wierlands und Harriens sollte über den Peipussee vorstoßen. Aber dieser Feldzug stand unter einem unglücklichen Stern. Wie so oft, machte das Wetter Schwierigkeiten. Unvermutet einsetzendes Tauwetter machte Vormarsch und Nachschub fast oder ganz unmöglich. Vergeblich wurde Isborsk belagert. Und erneut drohte Gefahr im Rücken. Berndt von der Borg mußte einen Stillstand mit den Russen vereinbaren und zurückkehren. Der Papst hatte, weil er kurzsichtig die Macht des Ordens in Livland nicht zu groß werden lassen wollte und den Meister fürchtete, Simon die Bestä-tigung verweigert und den Titularbischof von Troja, Stephan Grube zum Erzbischof von Riga ernannt

Den beiden von der Berg erschien das zunächst wenig bedenklich, da sie die Macht fest in Händen hielten. Aber von der Stadt drohte neue Gefahr. Man war es satt, ständig in Konflikt mit der Kirche zu leben. Eindeutig erklärte der Rat der Stadt, daß er nicht noch einmal Bann und Interdikt riskieren würde. Der Ordensmeister antwortete mit scharfen Maßnahmen gegen aufsässige Geistliche. Daraufhin ernannte der Papst Stephan Grube zum alleinigen Oberherrn Rigas und verkündete den Bann gegen "das Kind der Bosheit, Bernhard von der Borg, Gebietiger und angemaßten Meister in Livland, der wegen seiner Untaten und abscheulichen Verbrechen schon längst aus dem Schoße der heiligen Mutter, der Kirche, geworfen" sei. Auch Simon von der Barg verfiel dem Bann. In Livland nahm man das noch nicht tragisch, man war harte Worte von Rom gewähnt. Tatsächlich zogen, als 1481 die Pleskauer einen neuen Einfall in Livland machten, die Auf-gebote der Stadt und Ritterschaft Riga, insgesamt 200 Reiter, 230 Mann zu Fuß und sechs Geschütze mit ins Feld. Aber gerade dieser Feldzug ließ die Stimmung umschlagen. Aus unerfindlichen Gründen vermied der Meister die bewaffnete Auseinandersetzung, schloß sich mit seinen Truppen in die festen Plätze ein. Fast ungehindert konnten die Russen sechs Wochen lang rauben und dann abziehen. Diese Schwäche erwies sich als gefährlich. Riga verlor das Vertrauen zum Ordensmeister, und als Stephan Grube mit dem Bann drohte, wurde seine Anerkennung ausgesprochen. Daraufhin belegte Simon von der Borg als "rechtmäßiger" Erzbischof die Stadt mit dem Banne, was verständlicher Weise wirkungslos blieb. Dem Ordensmeister blieb nur noch Gewalt. Am Johannistage 1481 kam es zu den ersten Feindseligkeiten. Vermittlungsversuche blieben erfolglos. Unterdessen war das Ordensschloß stark besetzt worden. Bei einer Beschießung der Stadt brannte der Turm der Jakobikirche ab. Die Bürger Rigas, die sich sagten, daß ihre Treue zu Stephan Grube keinen rechten Rückhalt habe, da nicht zu erwarten war, daß er es wagen würde, nach Riga zu kommen, schlossen Im März 1482 einen zweijährigen Waffenstillstand mit dem Meister. Aber das Unerwartete und Unglaubliche geschah dennoch. Ober Polen, Litauen und Kurland, auf abenteuerliche Weise kam Stephan Grube, ein streitbarer und dabei doch gewinnender Herr, nach Riga, wo ihm rasch Ritterschaft und Stadt zufielen, umso mehr, als er eine überraschende Versöhnlichkeit und Milde auch gegen seine bisherigen Gegner zeigte. Sofort wurde der Waffenstillstand gekündigt, rasch erfolgte Schlag auf Schlag gegen den Meister, der nicht einmal unter seinen Ordensrittern mehr allgemeine Gefolgschaft fand. Kokenhusen fiel, Dünamünde kapitulierte, die Rigaer rückten vor bis Wenden. Bischöfe, Ritterschaft und Städte waren nicht mehr bereit, die Sache von der Borgs zu unterstützen, sie wollten nur vermitteln. Ein Hilferuf an den Hochmeister blieb unbeantwortet. Der Kaiser hatte zwar von der Borgs Rechte gegen Stephan Grube bestätigt, aber seine Entscheidung war In Livland und angesichts der Rigaer Geschütze wertlos. Darüber hinaus aber zweifelte von der Borg keinen Augenblick, daß ein Rücksichtsloser Kampf um die letzte Entscheidung sofort wieder die Pleskauer ins Land rufen müsse. In dieser schweren Stunde traf er seine letzte Entscheidung als Ordensmeister. Er berief die Gebietiger in Wenden zusammen. Am 14. November 1483 bot er ihnen zur Erleichterung eines Friedensschlusses mit Riga und Rom seinen Rücktritt an. Man zögerte, denn man wußte, daß der Kampf auf diese Weise nicht beendet werden konnte. Aber man fühlte auch, daß von der Borg zu sehr exponiert war, um noch tragbar zu bleiben. so wurde der Rück-tritt angenommen, und am gleichen Tage der Komtur von Reval, Johann Freitag von Lorinkhove, als Nachfolger gewählt. Berndt von der Borg wurde vom Banne losgesprochen und trat als Ordensritter ins Heer zurück. Seine weiteren Schicksale sind unbekannt. Wir wissen nicht einmal, ob er den endgültigen Erfolg der von ihm vertretenen Politik noch erlebte. Der Kampf Rigas gegen den Orden ging zunächst weiter. Schwere Schläge mußte das Ordensheer einstecken, auch nachdem am 20. Dezember 1483 Stephan Grube gestorben war. Am 22. März 1484 erlitt das Aufgebot des Ordens eine schwere Niederlage bei Dünamünde. Das Ordensschloß zu Riga mußte kapitulieren und wurde von den Bürgern geschleift. Aber jetzt erkannte man In Rom, daß man zu weit gegangen war, daß die Macht des Ordens die Grundlage für die Existenz dieses römisch-katholischen Landes an der Nordostgrenze des Reiches war. Als neuer Erzbischof Rigas wurde der Kandidat des Ordens, Mag. Michael Hildebrand, der jahrzehntelang Sekretär des livländischen Ordens gewesen war, bestätigt. Päpstlicher Legat wurde Simon von Reval. Mit ihm schloß der neue Ordensmeister Frieden, gab ihm die vom Orden eroberten Burgen und Güter heraus und in kurioser Umkehr endlos gewohnter Verhältnisse warf er sich zu seinem Schützer gegen die Bürgerschaft auf, die den neuen Erzbischof aus nicht völlig klaren, erklärter-maßen aber formalistischen Gründen nicht anerkennen wollte, wahrscheinlich, weil Ihm die Bestätigung des Kaisers noch fehlte. In seiner Bulle hatte der Papst Michael den "Erwählten der Kirche zu Riga" genannt. Das stimmte auch nicht und bat vielleicht die Bürger gegen ihn eingenommen. Jedenfalls war der Einspruch gegen ihn nur ein Vorwand, jetzt wird deutlich, daß der Kampf Rigas im Grunde weder für den Erzbischof, noch für den Orden geführt wurde. Orden und Erzbischof kämpften nun gemeinsam gegen die Stadt die immerhin stark genug war, einige Jahre standzuhalten. Am 2. März 1486 kam dann ein Friedensschluß zustande, der Riga mit der Schaffung der Stiftsräte noch einen schönen Erfolg brachte. Es handelte sich um ein Gremium aus Vertretern der Ritterschaft, der Prälaten und der Städte, das mit einfacher Mehrheit seine Entscheidungen fällte, und ohne dessen Zustimmung nichts Wesentliches von der erzbischöflichen Regierung durchgeführt werden durfte, insbesondere hatten die Stiftsräte die Höhe der Schatzungen festzusetzen. Es war im Grunde aber keine disku-table Form der Mitregierung, sondern eine Organisation zur Wahrung eng begrenzter Sonder- und Standesinteressen, die alle politischen Entscheidungen erschwerte und bei der dauernden Bedrohung von außen eine Gefahr darstellte. Riga hatte dabei ein so gewichtiges Wort, daß keine Maßnahme des Erzbischofs möglich war, die gegen die Interessen der Stadt zu verstoßen schien. In anderen Bistümern, vor allem in Oesel-Wiek und Dorpat wurde die Institution sofort nachgebildet.

Die Rigaer waren selbst schuld, wenn diese Vorteile für sie wenigstens auf Jahrzehnte verloren gingen. 1489 schickten sie wegen geringfügiger Meinungsverschiedenheiten dem Orden und dem Erzbischof wieder den Absagebrief. Mit der Führung des Krieges, an dem sich dieses Mal sogar der Hochmeister beteiligte, wurde der Ordensmarschall Wolter von Plettenberg beauftragt. Im Frühjahr 1490 schlug er das Heer der Städtischen bei Neuermühlen und zwang Riga zur Kapitulation. Ein Schiedsgericht aus dem Erzbischof und den Bischöfen von Kurland, Reval und Dorpat wurde eingesetzt. In der sogenannten Wolmarer Absprache verpflichtete sich die Stadt Riga, alle Gefangenen herauszugeben, die zerstörte Ordensburg wieder aufzubauen und die Be-stimmungen des Kirchholmer Vertrages als Grundlage anzuerkennen. Im folgenden Jahr erneuerten Michael und Freitag vom Lorinkhove feierlich diesen Kirchholmer Vertrag und hielten gemeinsam ihren feierlichen Einzug in Riga und nahmen die Huldigung der Stadt entgegen. Es war ein Triumph auch für den alten Simon von der Borg, der einige Monate später, Ende Oktober, in seinem Bischofshof auf dem Domberg zu Reval starb. Im Dom erinnert an ihn noch eine Grabtafel, deren Inschrift nicht mehr zu entziffern ist die aber durch das Wappen mit den drei Dohlen oder Merlen unverkennbar auf ihn zu deuten ist.

Hermann von der Brüggeney genannt Hasenkamp

Am 28. 2. 1535 starb in der Kirche des Ordensschlosses Wenden, während des Gottesdienstes aufrecht in seinem Stuhle sitzend, Livlands größter Landmeister, Wolter von Plettenberg. Seinen Nachfolger hatte er indirekt schon dadurch bestimmt, daß er Hermann von der Brüggeney 1533 zu seinem Koadjutor erwählt und ihm den größten Teil der Ordensgeschäfte, die seinem hohen Alter am Ende seiner 41jährigen Herrschaft zu drückend wurden, übertragen hatte. Er hinterließ ein stolzes und verpflichtendes, aber auch schweres Erbe. Durch seine Siege hatte er dem Ordenslande noch einmal für einige Jahrzehnte die Sicherheit vor der russischen Bedrohung erkämpft. Wichtiger noch war, daß er durch weise Mäßigung und geschickte Verhandlungen dem vielfältig gespaltenen Lande den inneren Frieden sicherte.

Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß er die Gefahren und zersetzenden Kräfte nur gebändigt, nicht beseitigt hatte. Die Städte Livlands, an ihrer Spitze Riga, Reval und Dorpat, hatten sich weitgehend der Reformation zugewandt, auch ein großer Teil des Landadels stand ihr mit Sympathien gegenüber. Plettenberg hatte bei den an sich großen inneren Schwierigkeiten, vor denen er stand, vermieden und wohl auch vermeiden müssen, sich in die religiösen Streitigkeiten einzumischen, er hatte sogar, obwohl er dem alten Glauben unentwegt treu blieb, den Städten aus politischen Gründen erhebliche Zugeständnisse machen müssen. Damit war der 0rdensstaat, der seine Berechtigung aus der Einheit des Glaubens und der ebenso religiösen wie politischen Mission des Ordens nahm, gefährlich unterhöhlt.

Die größte Gefahr aber drohte dem livländichen Ordensland von Preußen her, seitdem der letzte Hochmeister, Albrecht von Brandenburg, im Jahre 1525 das preußische Ordensland in ein weltliches protestantisches Herzogtum unter polnischer Lehnshoheit umgewandelt hatte. Plettenberg hatte Livland seinem Orden erhalten. Schon 1500 hatte er erreicht daß der Landmeister in Livland sein Herrschaftsgebiet wie andere Reichsfürsten nur vom Deutschen Könige und Reiche zum Lehen erhalten sollte. 1527 war er durch den Kaiser formell in die Reihe der Reichsfürsten aufgenommen worden. Die Belehnung als Reichsfürst ging auch auf seine sämtlichen Nachfolger über, die damit ausschließlich dem Kaiser und dem Papst verantwortlich waren. Der neue Hochmeister in Mergentheim mußte ausdrücklich dieses livländische Privileg anerkennen. Der Bischof von Oesel und spätere Koadjutor des Erzbistums Riga aber, Wilhelm von Brandenburg, der Bruder des preußischen Herzogs, war im Herzen Protestant und hoffte, das Erzbistum Riga säkularisieren und den Ordensstaat in diesen Prozeß hineinreißen zu können, um seinem Bruder in Preußen die weltliche Herrschaft über das gesamte ehemalige Ordensgebiet zu verschaffen. Notwendig stützte er sich bei diesen Plänen mehr oder weniger offen auf den König von Polen, so daß sich eine starke polnische Partei im Lande bildete. Die nördlichen Gebiete, Harrien und Wierland mit Reval, erinnerten sich dagegen der einstigen Zusammengehörigkeit mit Schweden und hofften vom schwedischen König für die Stunde höchster russischer Bedrohung Schutz und Hilfe. Jeder aber wachte mit einer angesichts der totalen russischen Bedrohung fast grotesk anmutenden Hartnäckigkeit über seine Privilegien und war bereit lieber das Ganze zu gefährden, als auch nur ein Jota von seinen wirklichen oder vermeintlichen Rechten aufzugeben.

Unter diesen schwierigen Umständen wurde 1535 Hermann von der Brüggeney genannt Hasenkamp als Ordensmeister gewählt und vom Kaiser in dieser Würde bestätigt und zum Reichsfürsten erhoben. Seine Tätigkeit als Landmarschall, d. h. als militärischer Oberbefehlshaber über die gesamten Streitkräfte des Ordens, und seit 1533 als Koadjutor des Meisters empfahl ihn dem Ordenskapitel, in dem wohl auch einflußreiche Landsleute und Verwandte saßen, für dieses Amt. Wie alt er damals war, wissen wir nicht, da uns nichts sein Geburtsdatum verrät Sicher aber ist daß er bereits im vorgerückten Alter stand, als er die höchste Würde im livländischen Orden erlangte. Seine Eltern waren Wennemar von der Brüggeney, der 1462 bis 1488 Droste des Amtes Bochum war und 1481 vom Abt zu Werden mit dem "Hofe tho Weytmar", dem jetzigen Hause Weitmar, belehnt wurde, und Christine von Aldenbockum, die Tochter Johanns von Aldenbockum und der Stina von Loe. Alle seine verwandtschaftlichen Beziehungen weisen auf Bochum und das Amt Bochum. Der Bruder seines Vaters, Johann von der Brüggeney, war Pastor zu Bochum, sein Großonkel Everhard wird 1449 als Pastor zu Eickel genannt Im Orden hatte der spätere Meister die üblichen Stationen durchlaufen, wenn wir auch nicht über alle unterrichtet sind. 1517 ist er Hauskomtur zu Riga, 1520 Vogt zu Bauske und Karkus. Im gleichen Jahre eilt er, dem Befehle Wolter von Plettenbergs folgend, mit einem größeren Geldbetrage und 100 Reitern dem Hochmeister zu Hilfe, als dieser einen letzten Versuch macht der polnischen Herrschaft zu entgehen. 1533 ist er Landmarschall und wird von Plettenberg als Koadjutor eingesetzt.

Ernst Seraphim nennt ihn in seiner " Geschichte Liv-, Est- und Kurlands" einen "jähzornigen und harten, von Plettenbergs Milde unberührten Mann". Bei diesem Urteil hat wohl ein gewisses Ressentiment Pate gestanden, das vor allem die Literaturgeschichte nach der Behandlung, die der Dichter Burkhard Waldis durch Brüggeney erfuhr, hervorgerufen hat. Die Tatsachen fordern, daß ihm geschichtliche Gerechtigkeit widerfährt. Schon daß es ihm gelang, dem durch innere Konflikte zerrissenen und von außen von verschiedenen mächtigen Feinden bedrohten Lande den Frieden zu erhalten, spricht dafür, daß er Mäßigung zu halten verstand. Darüber aber ist er ein zäher Verhandlungstaktiker, der mit echt westfälischer Hartnäckigkeit sein Ziel verfolgt und Schritt für Schütt seinen Weg geht, Schwierigkeiten aus dem Wege räumt und auch zu Konzessionen bereit ist, wenn es gilt, den offenen Kampf zu vermeiden. Allerdings kannte er für sich persönlich in Glaubensfragen und gegenüber der Überlieferung des Ordens keine Konzessionen. Th. Schiemann schreibt über ihn: "Schon vom nächsten Nachfolger Plettenbergs heißt es, unter ihm habe der Orden die alten Ceremonien abgethan". Sicher hat diese Meinung einen richtigen Kern, aber sie bedarf der Erläuterung. Bei der Entwicklung, die der Ordensstaat genommen hatte, mochte es wohl erforderlich erscheinen, aus praktischen Gründen in einzelnen Punkten die alte Ordensregel locker aufzufassen. Allerdings bringt auch Schiemann kein konkretes Beispiel dafür. Dagegen ist es klar, daß Brüggeney, so sehr er bemüht war, die religiösen Verhältnisse im Lande, vor allem mit den sou-veränen Bischöfen, zu ordnen, die bereits erfolgte Hinwendung großer Teile der deutschen Bevölkerung zum Protestantismus nicht mehr rückgängig machen konnte, ohne seine Stellung als Landesherr zu erschüttern. Aus der Erkenntnis, daß die Ordensherrschaft nur auf der Grundlage der katholischen Überlieferung zu halten war, aber hielt er persönlich streng am alten Glauben fest forderte dasselbe von den Ordensrittern und versuchte, den geistlichen Besitz in seinen Landen, ohne die Empfindlichkeit seiner protestantischen Untertanen zu verletzen, wiederherzustellen, zu retten, was noch vorhanden, und zurückzugewinnen, was noch nicht eindeutig den Protestanten zugesprochen war. Das ging allerdings nicht ohne Kämpfe und Härten ab, und eines der Opfer dieser Auseinandersetzungen wurde Burkhard Waldis, der im Verdacht stand, gegen die Interessen des Ordens ausgerechnet am kritischsten Punkte, in Riga, zu konspirieren.

Sofort nach seinem Amtsantritt hatte Brüggeney der Stadt Riga ihre Rechte, insbesondere die Glaubensfreiheit bestätigt. Es kam ihm darauf an, hier unter allen Umständen seine Herrschaft zu erhalten, denn wenn diese größte und mächtigste Stadt fiel, so war auch der Ordensstaat gefährdet. Durch diese raschen Gnadenerweise erreichte er, daß Riga ihm huldigte, während es dem Erzbischof und seinem Koadjutor die Huldigung und die Rückgabe der Kapitelsgüter verweigerte. Wenn der Erzbischof wieder in seine vollen Rechte eingesetzt werden wollte, bedurfte er der Hilfe des Ordensmeisters. Eine ordensfeindliche Politik mußte ihn gegenüber der Stadt in eine aussichtslose Lage bringen. Dieser Schachzug war zweifellos geschickt ausgedacht Aber es brauchte Jahre, bis der Koadjutor und nach dem Tode des Erzbischofs Schöning 1539 zum Nachfolger bestimmte Wilhelm von Brandenburg sich zu den notwendigen Folgerungen bequemte.

Nicht nur Riga, sondern auch Reval erwies sich als kritischer Punkt Hier kam es zu einer bedrohlichen Spannung zwischen dem estländischen Landadel und Brüggeney. Schon lange war das Verhältnis zwischen Ritterschaft und Stadt schwierig. Ein Vorfall, der sich wenige Wochen nach Brüggeneys Regierungsantritt ereignete, führte zur offenen Feindschaft Johann von Üxküll, ein angesehener Edelmann, hatte einen Bauern, den er - zu Recht oder Unrecht - des Diebstahls verdächtigte, und der in die Stadt geflohen war, auf städtischem Gebiet ergreifen und auf bestialische Weise umbringen lassen. Die Stadt machte die Sache dieses Bauern zu ihrer und erklärte, sie würde Üxküll zur Rechenschaft ziehen. Freunde warnten ihn. Aber in stolzer Verachtung der Bürger und ihrer Privilegien und im Vertrauen auf seine Adelsvorrechte kam er doch in die Stadt Hier wurde er sofort verhaftet vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt Jetzt wurde ihm bange, und er bot für seine Freilassung ein Dorf für die Siechen der Stadt auf Lebenszeit jährlich eine Last Roggen und schließlich noch 1000 Mark Silbers. Aber die Bürger entschieden: "Das konnte das Recht nicht leiden. Man mußte dem Reichen als dem Armen thun. Gott gnade der Seele" und ließ das Urteil vollstrecken. Der ganze Landadel schrie von "Mord" und verlangte Genugtuung. Schwierig war die Lage, da sich tatsächlich zwei Privilegien überschnitten, die Rechtshoheit der Stadt auf ihrem Gebiet und das Recht des Adligen, nur von seinen Standesgenossen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Vor einem solchen Gericht aber wäre Üxküll mit einer Geldbuße davongekommen.

Als im nächsten Jahre der Ordensmeister seinen Einzug in Reval hielt war die Spannung kaum überbrückt. Bei dem Turnier, das dem Meister zu Ehren auf dem Marktplatz abgehalten wurde, hob nun ein verkleideter und deshalb zunächst unerkannter Kaufgeselle einen Ritter aus dem Sattel. Darüber entstand ein blutiger Konflikt zwischen den Bürgern und Rittern, die diese Schande nicht leiden wollten, während die Bürger ihren Gesellen schützten. Vergeblich gebot der Meister Ruhe, in seinem Zorn warf er seinen Hut das Brot und die Teller vom gedeckten Tisch durch das Rathausfenster in das Getümmel. Die Bürger wollten mit den Rittern abrechnen, und da diese in der Minderzahl waren, sah ihre Sache schlecht genug aus. Dem Bürgermeister Vegesack gelang es endlich, Frieden zu stiften, als er versprach, der Meister werde den Bürgern Recht widerfahren lassen. Und Brüggeneys Rechtlichkeit führte ihn dazu, ohne Rücksicht auf mögliche politische Folgen den Adel für schuldig zu erklären und zum Schadenersatz zu verurteilen. Als sich einige Adlige dagegen empörten und sein Hoheitsrecht überhaupt bestritten, ja mit Abfall vom Orden drohten, ließ er sie in raschem Zugriff ausheben und gefangensetzen. Langwierige Verhandlungen folgten. Erst am 9. Dezember 1538 brachte der Ordensmarschall Heinrich von Galen einen Vergleich zustande, in dem beide Parteien einander Konzessionen machten. Aber die Feindschaft blieb, und erst fünf Jahre später wurde durch eine Kommission unter dem Bischof von Kurland und Oesel, Johann von Münchhausen, das Verhältnis zwischen Adel und Stadt durch eine Reihe von Verfügungen geordnet Vor allem wurde das Monopol auf die Kornausfuhr zwischen den Gutsherren und den Kaufleuten, die Frage der Auslieferung flüchtiger Bauern und die Gerichtsbarkeit der Stadt über Adlige geregelt

Ein Vetter des hingerichteten Junkers, Konrad von Üxküll, entschloß sich, auf eigene Faust einen Rachefeldzug gegen die Stadt zu führen. Er verheerte das Gebiet um Reval, überfiel die Warenzüge und ging selbst gegen die Besitzungen des Ordens vor. Wieder handelte Brüggeney schnell und hart. Er schickte Üxküll den Ordensmarschall mit Truppen entgegen und ließ ihn festnehmen (1537). Nach längerer Gefangenschaft wurde er unter der Bedingung, daß er nie wieder Livland betreten werde, freigelassen. Üxküll ging nach Lübeck und versuchte hier, mit allen Mitteln Revals Handelsbeziehungen zu stören. Schließlich mußte er auch von dort fliehen. Er ging nach Rostock, wurde dort aber auf Verlangen Lübecks festgesetzt Auf Bürgschaft seiner Familie und nach beschworener Urfehde kam er frei, dachte aber nicht daran, die Urfehde zu halten und rächte sich als Wegelagerer an Lübeck, bis die Stadt durch eine große Summe ihre Sicherheit erkaufte. Nun wandte er sich nach Frankreich, fand Zugang bei Hofe und machte 1558, als die Russen bereits in Livland standen, dem Könige den phantastischen Vorschlag, Livland für Frankreich zu gewinnen, um Holland für seinen Handel und besonders für seine Korneinfuhr, die über hansische Vermittlung aus Livland kam, die Lebensader abzuschneiden. Als er auch in Frankreich in Ungnade fiel, ging er nach Holstein zurück, setzte den privaten Krieg gegen Lübeck fort und wurde so gefährlich, daß König Friedrich von Dänemark zwei zuverlässige Edelleute schickte, die ihm auflauerten und ihn erschossen.

Mit aller Strenge beendete Brüggeney auch die sog. Oeselsche Stiftfehde. Der dortige Bischof, Reinhold von Buxhöveden (1530 - 41), hatte versäumt sich vom Papst bestätigen zu lassen. Da er wegen seiner harten Regierung und ungerechter Maßnahmen unbeliebt wurde, wollte Wilhelm von Brandenburg, der sich vom Papst einige Pfründen auf Oesel verleihen ließ, die aufkommende Mißstimmung ausnutzen. Er fand Unterstützung bei einigen mächtigen Adligen, die ihn als Gegenkandidaten aufstellten. Die Mehrheit der Ritterschaft auf Oesel jedoch wandte sich gegen ihn, während die Ritterschaft der Wiek, des Festlandsteiles des Bistums, sich für ihn aussprach und ihm 1532 zu Hapsal huldigte. Darauf kam es zu Kämpfen. Beide Parteien sammelten Söldner. Wilhelm unternahm einen Raubzug gegen die Insel Dagö, Buxhöveden, der inzwischen vom Papst bestätigt war, überfiel und verheerte die Wiek. 1534 mußte Wilhelm endlich nachgeben und die Wiek verlassen. Vergeblich hatte Plettenberg zu vermitteln versucht. Buxhöveden übte grausame Rache und ließ einige der Anhänger Wilhelms bei einem angeblich der Versöhnung dienenden Gastmahl ermorden. Die übrigen entflohen und setzten vom Stift Riga her mit Raubzügen den Kampf fort Ein Schiedsgericht, dem Brüggeney selbst vorstand, verurteilte 1536 die Edelleute, die sich für Wilhelm entschieden hatten, zum Schadenersatz an den Bischof. Wilhelms Ansprüche wurden für nichtig erklärt Als trotz dieses Schiedsspruches die Raubzüge nicht aufhörten, ließ der Ordensmeister Angehörige und Verwandte der flüchtigen Edelleute ins Gefängnis werfen, und erzwang so das Ende der Fehde.

In R i g a hatte sich Brüggeney durch rasche Konzessionen einen Vorteil gegenüber dem Erzbischof Schöning, dem Sohne des Rigaer Bürgermeisters, und dessen Koadjutor Wilhelm von Brandenburg verschafft. Sein Mißtrauen gegen den Koadjutor erwies sich als nur zu berechtigt, denn dieser konspirierte mit seinem Bruder in Preußen gegen den livländischen Orden. Sein Vermittler war der Rigaer Stadtsekretär, Mag. Johann Lohmüller, der Plettenberg durch den Hinweis gewonnen hatte, daß der Schutz der neuen Lehre die Macht der geistlichen Fürsten, der schärfsten Opponenten einer zentralen Ordensgewalt, schwächen und damit die Stellung des Ordens festigen müsse. 1525 hatte Lohmüller auf dem Landtage zu Wolmar den Meister aufgefordert, der "angemaßten" geistlichen Herrschaft in Livland ein Ende zu machen und die Gebiete sämtlicher Bischöfe an sich zu ziehen. Brüggeney, der das Ziel im Hintergrund, die Auslieferung des Ordenslandes an den Herzog von Preußen, durchschaute, wollte auch hier rasch zufassen. Aber Lohmüller gelang die Flucht nach Königsberg, wo er die Seele der Verschwörung gegen den Orden blieb. Um so schärfer ging Brüggeney gegen seine Agenten vor. So wurde auch Burkhard Waldis, der seine Geschäftsreisen dazu benutzt hatte, Nachrichten zwischen Königsberg und Riga zu tragen, auf der Rückreise bei Bauske festgenommen, peinlich befragt, bis 1540 in Haft gehalten und erst freigelassen, als er die Bedingung annahm, das Land für immer zu verlassen.

Markgraf Wilhelm hielt sich zunächst zurück. Brüggeney ging zielbewußt den Weg der Verhandlungen nach allen Seiten. Es kam ihm darauf an, den preußischen Plänen Wilhelms entgegenzuarbeiten und auch um den Preis erheblicher Konzessionen sich der geistlichen Fürsten Livlands zu versichern. Am 29. September 1537 gelang es ihm, eine Einigung mit allen Bischöfen und Ständen herbeizuführen, durch die der schon oft aufgehobene Kirchholmer Vertrag vom Jahre 1452, der die Oberhoheit in Riga zwischen dem Erzbischof und dem Ordensmeister teilte, wieder in Kraft gesetzt wurde. Weiter wurde beschlossen, daß alle alten Gebräuche und Gerechtsame der weltlichen und geistlichen Stände wiederhergestellt werden sollten. Diese Abmachung war notwendig, um innere Konflikte zu vermeiden, sie hielt die Zustände in der Schwebe. Schon war die überlieferte Macht des 0rdens empfindlich dadurch geschwächt, daß die geistlichen Landesherren ihren Ritterschaften weitgehende neue Rechte verliehen hatten. Dazu gehörte die Vererbung der bisher als Lehen gegebenen Güter in männlicher und weiblicher Linie und deren freier Verkauf. Weiter hatten sie dem einheimischen Adel zugestanden, daß nur aus seinen Kreisen Domherrenstellen besetzt werden, und daß die Stiftsräte, Gremien, die als Art kleiner Landtag aus Vertretern der Ritterschaft der Geistlichkeit und der Städte zusammengesetzt waren, nur aus Einheimischen ergänzt werden durften. Damit war die lange geübte Ge-pflogenheit Verwandte der Ordensmeister und Ordensgebietiger ins Land zu ziehen, mit Gütern zu belehnen und in einflußreiche Stellungen zu bringen, unmöglich gemacht Das Ergebnis war eine entschiedene Verstimmung beim Adel des Reiches, der Livland und auch seine geistlichen Pfründen als Versorgung seiner jüngeren Söhne geschätzt hatte. War bereits früher erschreckend geringes Verständnis für Livlands Nöte gezeigt worden, so kam jetzt die Neigung hinzu, das "unnütz" gewordene Land ganz aufzugeben. Gefährlich für die Landesverteidigung konnte aber auch das Privileg werden, das die Gutsbesitzer nur zur Verteidigung des Landes, nicht aber zum Kriegsdienst nach außerhalb verpflichtete. Schon Plettenberg hatte nicht hindern können, daß 1524 im Stift Oesel-Wiek und 1531 in Riga diese Vorrechte verliehen wurden. Auch Brüggeney hatte keine Möglichkeit, einzuschreiten, als sie 1540 ebenfalls im Bistum Dorpat eingeführt wurden.

Um so mehr mußte er darauf bedacht sein, dem Lande den Frieden zu erhalten und seine Stellung in Riga zu festigen. 1539 starb Erzbischof Schöning in Riga. Wilhelm von Brandenburg wurde sein Nachfolger. Aber die Stadt weigerte sich wie bei seinem Vorgänger, die Kapitelsgüter herauszugeben. Die Einkünfte sollten lieber für Kirchen, Schulen und Hospitäler verwendet werden als "für die Bäuche fauler Pfaffen", erklärten die gereizten Bürger. Vergeblich wurde auf Landtag um Landtag verhandelt. Nun zeigte sich Brüggeney, dem Riga bereits als Oberherren gehuldigt hatte, der diese Lage aber nicht ausnutzen konnte, ohne mit allen übrigen geistlichen Für-sten Livlands in Konflikt zu geraten, bereit die Ansprüche des neuen Erzbischofs, soweit sie mit dem Kirchholmer Vertrag vereinbar waren, zu unterstützen. Noch immer zeigte sich Riga unnachgiebig. Da begann Brüggeney entschiedene Rüstungen. Er war entschlossen, notfalls mit Gewalt vorzugehen. Auch das imponierte den Rigaern noch nicht Als auch Preußen mit Rüstungen begann, die offenbar gegen die Stadt gerichtet waren, antwortete sie mit dem Anschluß an den Schmalkaldischen Bund (1541). Aber der vorsichtige Brüggeney zog trotz der Rüstungen, vielleicht auch aus Besorgnis vor einem möglichen Eingreifen Preußens, weitere Verhandlungen vor. Auf der Tagfahrt zu Lemsal erreichte er, daß Riga sich bereit erklärte, Wilhelm von Brandenburg neben dem Ordensmeister als Oberherren anzuerkennen (1542). Aber die endgültige Einigung scheiterte an der Frage der Rückgabe der Kapitelsgüter. Landtage in Wolmar in den Jahren 1543 und 1546 blieben ebenfalls ergebnislos. Ende 1546 gelang es dem zäh verhandelnden Ordensmeister dennoch, ein Kompromiß zustandezubringen. Es kam zum Vertrag von Neuermühlen, der eine grundsätzliche Abmachung des Wolmarer Landtages auf Riga anwandte. Danach sollten weder der Meister noch der Erzbischof jemals ihren geistlichen Stand aufgeben, jeder Stand sollte in seinen Rechten und Freiheiten gewahrt bleiben, und zudem "sollen sie keine ausländischen Fürsten oder Herren zu einem Coadjutor eligiren, postuliren, noch später in diesem Lande fordern noch einnehmen, es sey denn mit einhelliger, vollkommener und freiwilliger Erlaubniß, Verwilligung und Rath aller Stände dieses Landes". Auch dieser Rezeß erregte Anstoß bei den Fürsten im Reich, aber Brüggeney hatte keine Wahl, wenn er Preußens Eingreifen mit unabsehbaren Folgen hindern wollte.

So konnten im Januar 1547 Brüggeney und Wilhelm von Brandenburg gemeinsam ihren feierlichen Einzug in Riga halten und die Huldigung der Stadt entgegennehmen. Aber die Rückgabe der Kapitelsgüter stieß auf neue Schwierigkeiten. Um jedes Haus wurde gefeilscht. Erzbischof Wilhelm verklagte Riga beim Reichskammergericht blieb aber erfolglos, weil er gleichzeitig auch die Wiederherstellung seiner geistlichen Oberhoheit verlangte. Brüggeney hat das Ende dieses Streites nicht mehr erlebt. Erst 1551, unter dem über-nächsten Nachfolger wurde eine Einigung erzielt in der die Stadt alle Dornhäuser und Besitzungen der Domherren zurückerstattete, die Domkirche und alle von ihren Predigern und Lehrern eingenommenen Vikarien aber behielt

Mit dem gefährlichsten Feinde des Ordensstaates, Rußland, wahrte Brüggeney den Frieden. Offiziell lief der Frieden, den Plettenberg vereinbart hatte, bis zum Jahre 1553. Brüggeneys Ziel konnte nur sein, den inneren Frieden des Landes zu stiften und es so stark zu machen wie möglich. Hier aber standen ihm nur wenige Möglichkeiten offen. Um so entschiedener wachte er darüber, daß Rußland nicht von außen her irgendwie unterstützt wurde. In der Erkenntnis, daß technische Überlegenheit den Deutschen gegenüber den Russen einen Vorsprung gab, versuchte Iwan der Schreckliche, aus Deutschland Handwerker aller Art in sein Land zu ziehen. 1547 hatte er unter günstigen Bedingungen durch seinen Sonderbeauftragten Hans Schlitte Gelehrte, Künstler und vor allem Handwerker, darunter Büchsenmacher und Geschützgießer, anwerben lassen. Als diese durch Livland nach Rußland reisen sollten, wandte sich der Ordensmeister an Lübeck, von wo aus sie zu Schiff reisen wollten. Er erreichte, daß ihnen die bereits ausgestellten Pässe wieder abgenommen wurden und ihre Ausreise verhindert wurde. Als einzelne der Geworbenen versuchten, heimlich durch Livland nach Rußland zu gehen, versuchte man, ihrer habhaft zu werden. Dabei wurde ein Büchsenmacher ergriffen und hingerichtet Schlitte selbst wurde in Lübeck längere Zeit im Gefängnis festgehalten.

Aber die Spannungen gegen die Russen im Lande blieben, ohne daß der Meister, der sie unbedingt vermeiden wollte, immer rechtzeitig einschreiten konnte. So wurde 1548 die russische Kirche in Dorpat geschlossen und ihre Geistlichkeit nach Pskow ausgewiesen. Vor allem empörte sich Iwan über Erschwerungen im Durchreiseverkehr von Rußland ins Ausland und über Beeinträchtigungen der Russen im Handel. Kurzsichtigkeit und kleinliches Handelsinteresse standen zu oft dem Lebensinteresse des ganzen Ordensstaates entgegen. Nur ein kluger und zäher Verhandlungstaktiker hätte hier vielleicht noch einmal einen Ausweg finden können, der die Lebensdauer des einst so rühmlichen und jetzt so geschwächten Landes verlängerte. Vielleicht wäre Brüggeney dieser Mann gewesen. Aber mitten aus seinem Wirken riß ihn ein plötzlicher Tod hinweg. Er starb am 4. Februar 1549 an der Pest. Sein erster Nachfolger, Johann von der Recke, regierte nur anderthalb Jahre, dessen Nachfolger Heinrich von Galen (1551 bis 1557) war durch hohe Verdienste, die er als Landmarschall und Koadjutor Brüggeneys erworben hatte, empfohlen, doch war er ein alter Herr, der den Schwierigkeiten nicht gewachsen war wenn er auch versuchte, auf dem erprobten Wege Brüggeneys weiterzugehen und in Verhandlungen seine Ziele zu erreichen. Aber er konnte nicht einmal Spaltungen inner-halb des Ordens selbst vermeiden. Als er den Komtur zu Fellin, den tapferen Wilhelm Fürstenberg, den vorletzten Ordensmeister (1557 bis 1559) als Koadjutor wählte, fühlte sich der Ordensmarschall Kaspar von Münster so beleidigt, daß er zunächst versuchte, mit Waffengewalt gegen den Meister vorzugehen, und als ihm dieses mißlang, zum König von Polen und Herzog von Preußen, den erklärten Feinden der Ordensherrschaft in Livland, überging, um an der Beseitigung des livländischen Ordensstaates zu arbeiten. 1558 brach dann der schon lange befürchtete russische Sturm  über das fast wehrlose Land herein, Fürstenberg starb als russischer Kriegsgefangener, und sein Nachfolger, Gotthard Kettler, hob 1562 den Ordensstaat auf und wurde weltlicher Herzog von Kurland unter polnischer Lehnshoheit. Estland aber ging an Schweden verlorene.

Ob Brüggeney diesen Prozeß aufgehalten hätte, wenn ihm ein längeres Wirken beschieden gewesen wäre, ist eine berechtigte Frage, wenn man bedenkt wie er mit unendlicher Geduld, aber zielbewußt und notfalls auch mit aller Härte und Entschiedenheit Schwierigkeiten aus dem Wege räumte. Sicher ist daß er ihn auf die Dauer nicht verhindert hätte. Er ist mehr vorsichtiger Bewahrer als Neuerer. Zu kühnen Kriegstaten, wie sie Plettenberg noch vollbrachte, war es zu spät, so daß nur aus seinem frühen Wirken seine kriegerische Begabung gelegentlich aufleuchtet. Er steht ganz im Schatten seines großen Vorgängers, aber er war seiner dennoch nicht unwürdig. Seine Treue zum Ordensstaat und seinen Grundlagen sowie zu dem politischen Erbe, das ihm Plettenberg hinterließ, verdienen Achtung und oft Bewunderung. Auch er gehört zu den Söhnen Westfalens, die hier, am öst-lichsten Ende des Deutschen Reiches sich bewährten, und man wird es ihm gerechterweise nicht als geringstes Verdienst anrechnen, daß sein höchstes Ziel blieb, dem gefährdeten Lande den Frieden zu erhalten und zu sichern.