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Der westfälische und Bochumer Dichter Dr. Ferdinand Krüger

Max Ibing

Jede Stadt ist stolz auf ihre großen Männer, die sie hervorgebracht hat und deren gute Namen für den Heimatort oft als ein Werbemittel und Aushängeschild benutzt werden.

In Bochum ist z. B. der Name Kortum zu einem alltäglichen, überragenden Begriff geworden. „Kortum" als Hauptstraßenname, „Kortum" für Wirtschaften und Geschäftshäuser, Vereine, Heimatfeste, Plaketten und sogar Kortum-Genußmittel. Kortums Jobsiade ist weltbekannt und wird bei allen möglichen Gelegenheiten immer noch gern rezitiert. Kortum und Bochum sind nun einmal zur historischen Einheit zusammengewachsen. Ohne den Verdiensten dieses vielseitigen, hervorragenden Mannes Abbruch zu tun, wäre es ein Unrecht sogar ein Nachteil, wollte man im Schatten dieser volkstümlich gewordenen Geistesgröße andere verdiente Mitbürger vergessen, die auch einmal im Heimatland sich über den Alltag emporgerungen und als Dichter ihrer Zeit den Stempel aufdrückten. Es ist hierbei zu bedenken, daß im Bochumer Leben sich der Blick immer noch nicht genügend über die mittelalterlichen Wälle und Gräben der ehrwürdigen Stadt Kortums hinwegerheben kann, und man noch zu wenig damit rechnet daß unsere heutige Vaterstadt von der Ruhr bis zur Emscher reicht Losgelöst von dieser Enge, müssen Erinnerungen und Forschungen heute universal werden, dem ganzen großen, neuen Stadtgebiet gewidmet sein, und bei jedem Bürger zwischen Ruhr und Emscher, Ölbach und Marbach muß sich die Gewißheit einmal festsetzen, daß sie zu einer einzigen Großgemeinde gehören, und gerade die weiten Randgebiete der Altstadt Luft und Auftrieb schenken.

Läßt man sich von dieser Gesamtschau leiten, dann stößt man schnell auf alle möglichen Dinge die selbst bei unserer kurzlebigen Zeit nicht in Vergessenheit geraten dürfen, und die der Bedeutung eines Kortums innerhalb des Bochumer Lebensraumes unbedingt an die Seite zu stellen sind. Dieser Aufsatz soll sich mit einem bekannten plattdeutschen Heimatdichter, dem ehemaligen Lindener Arzt Dr. Ferdinand Krüger befassen, dessen Andenken durch diese kurze Abhandlung wieder wachgerufen werden soll. Die ehemalige Landgemeinde hat ihrem unvergeßlichen Mitbürger durch den Straßennamen „Ferdinand-Krügerstraße" ein Denkmal gesetzt.


Wer dieser war, das mag zuerst einmal Prof. Franz Richter beantworten, der von ihm sagte: „Eine volle Würdigung des großzügigsten und liebenswürdigsten aller Schriftsteller der Landstriche zwischen der Ems und der  niederen Ruhr bleibt vorläufig noch eine der Zukunft vorbehaltene Aufgabe. Wer überhaupt in ganz Westfalen hätte an persönlicher Beliebtheit und unbegrenzter Hochachtung mit diesem allseits selbst bei Andersgesinnten, aufs höchste verehrten Mann wett-eifern können? Rein menschlich als Persönlichkeit an sich genommen, strömte dieser Glanzstern unter den deutschen Mundartdichtern ganz gewiß den bestrickendsten Zauber aus. In der Kunst der unmittelbaren Benutzung und Verwebung volkssprachlicher Werte hat Krüger seines gleichen nicht gehabt." Soweit Professor Richter.

Krüger war ohne Zweifel ein Vorläufer von Karl Prümer, Augustin Wibbelt und Karl Wagenfeld; er war Freund seines westfälischen Zeitgenossen Prof. Landois in Münster. Das Licht der Welt erblickte Krüger am 27.10.1843 in Beckum; im benachbarten Ahlen wuchs er auf, wobei ihm während seiner Pennälerzeit sogar das Herzeleid zustieß, daß er zweimal geschaßt wurde. Nach einem Studium der naturwissenschaften, der Kunstgeschichte und Literatur an der Universität München studierte er später in Würzburg, Greifswald und Berlin Medizin, wo er auch sein Staatsexamen ablegte und zum Doktor promovierte. Hiernach kam er als Arzt nach Linden an der Ruhr; hier hat er über 40 Jahre als Knappschafts- und .Krankenhausarzt segensreich seinen Beruf ausgeübt und die Feder mit frisch-fröhlicher Begeisterung bis ins hohe Alter geführt.

Gleich das erste Werk von Krüger „Rugge Wiäge„ (Rauhe Wege) hatte das damals maßgebende Kunstrichtertum von der dichterischen Höchstwertigkeit überzeugt Darin führt uns der Dichter mitten hinein in den heißen Kampf zwischen westfälischem Bauerntum, das hartnäckig die angestammte Scholle seiner Väter verteidigt, und der schnell anwachsenden Industrie, die langsam aber verbissen nicht bloß dem Bauern seinen Grund und Boden wegnimmt, sondern auch alle Güter des Volkstums ausrottet. Ein düsteres Gemälde entwirft der Dichter vom Untergang einer alten und vom Aufgang einer neuen Zeit, wobei er aber unparteiisch über dem Streit steht und nur schildert, was gewesen ist, und was er selbst durchlebt hat. Er läßt sich nicht zur Schönfärberei verführen. Prof. Stammler schreibt daß feine Einzelzüge die scharfen Augen des Verfassers beweisen und seine Fähigkeit, den von ihm geschauten Gestalten auch Leben für die Dauer zu verleihen.

Kein Geringerer als der Dichter des Quickborn, Claus Groth, war entzückt und voll des Lobes über dieses Zeitdokument, das uns Krüger geschenkt hat.

Nach einer jahrelangen Pause, in der seine Freunde schon nicht mehr mit weiteren künstlerischen Erzeugnissen gerechnet hatten, überraschte Krüger die Welt mit einer neuen Gabe in drei Bänden „Hempelmanns Smiede" , ein Roman aus Westfalens guter alter Zeit mit einem vaterländischen Hintergrund.

Das westfälische Städtchen Ahlen bildet den Schauplatz dieser Geschichte. Von diesem Roman schreibt wieder Prof. Stamm1er: „Ein Kulturbild mit sozialem und politischem Einschlag zu geben, war des Dichters Absicht, und er hat sie meisterhaft erfüllt. Auch hier zeigt sich Krügers Talent aus einzelnen Zügen einen Charakter langsam vor den Augen des Lesers emporwachsen zu lassen."

Wir verdanken Ferdinand Krüger weiter eine Anzahl um 1900 erschienener Kleinbilder von Westfalens Land und Leuten. In seinem Novellenbändchen „Witte Liljen" klingt ein wenig schon Sehnsucht nach Abendfrieden in seinem Leben und seinem geliebten Arztberuf durch. In diesem Buch ist das Schlußstück „Scientia aemabilis" (liebenswürdige Wissenschaft) die einzige meistens in hochdeutsch geschriebene dichterische Darstellung, die immer noch gern zum Vortrag gebracht wird.

1911 läutete die Glocke seinen Lebensabend und Ruhestand ein. Er zog nach Essen-Bredeney, wo er aber weiter arbeitete an der Sicherung des literarischen Nachlasses seines Freundes Landois und an seinem in der Ausführung begriffenen WerkeIärw schaden„ (Erbliche Belastung), eine Arbeit, die ein Kunstwerk versprach, das einen Höhenflug nahm, wie ihn sich bis dahin kein niederdeutscher Dichter als Ziel zugemutet hat.

Prof. Richter schreibt hierüber: „An Tiefe der Auffassung wie an Wucht der Beobachtung und an Eindrucksgewalt der sittenschildernden Zusammenhänge und ethischen Verknüpfungen ließ Ferdinand Krüger diesmal alle Häupter der federführenden Kunst der letzten Jahrhunderte überhaupt, selbst die weltberühmtesten Größen hinter sich. Das Bekanntwerden dieses noch in Ausführung begriffenen Werkes löste einen derartigen Sturm der Begeierung in interessierten Kreisen aus, daß Krüger schon einzelne Stücke der Öffentlichkeit zugänglich machen mußte. Die Erwartung der damaligen Krügergemeinde wurde nicht enttäuscht, vielmehr hochbeglückt übertroffen.„ Mitten aus diesem Schaffen heraus nahm der Tod dem knorrigen Westfalen die Feder aus der Hand, so daß sein Allerbestes leider Stückwerk bleiben mußte, jedoch keins, das ein Empfinden einer Unbefriedigtheit zur Folge haben müßte, wie es oft bei Stückwerken vieler anderer bedeutender Dichter hervorgerufen wird.

Noch bis ins Greisenalter liebte es dieser Mann, in das Land hinauszuwandern und in freundschaftlichen Gesprächen und herzlichem Verkehr bei den einfachsten Menschen auf der Straße, auf dem Feld, im Wald und auf der Heide, mit alten Leuten, mit Arm und Reich waschechte westfälische Redensarten zu sammeln und auszuwerten. Er brauchte auch seine Dichtungen nicht erst in hochdeutsch zu schreiben, sondern schrieb alles sofort in Urniederdeutsch nieder ohne Rücksicht auf Schwierigkeiten beim Buchhandel, die er damit abtat, daß er zum Vorwort zu „Hempelmanns Smiede" schrieb: „Die Apothekers- und Schenkwirtsfrau Moder Grausam sagt: Mine Pötte und Gliäser sünd alle rein, un ik twinge nüms, drut de drinken."

Sein Leben lang blieb Krüger der bescheidene Mensch, woran auch mancherlei Ehrungen nichts ändern konnten. Seine Liebe zu seinen Kranken und zu allen Mitmenschen, seine Kraft zum beruflichen und dichterischen Schaffen zog er aus der tiefen Verwurzelung im Heimatboden. Es ist ein Glück für Bochum, diesen großen, von seinen Zeitgenossen hochgeschätzten Mann einen Sohn der Stadt nennen zu dürfen. Im Zeichen des erwachenden Interesses für die plattdeutsche Muttersprache kann Krüger heute wieder von neuem die Führung übernehmen, indem er uns zeigt, daß unser Niederdeutsch es wahrhaftig wert ist, als würdigstes Gefäß für den Inhalt schönsten Dichtens und Sinnens behandelt zu werden. Krüger wollte nicht, daß die niederdeutsche, die platte Sprache seit der Zeit da sie den Rang einer Schriftsprache verlor, dazu degradiert wurde, geschrieben nur Späße und Juxe zu produzieren, so daß es aussah, als ob das ganze Gemütsleben der Westfalen nur von Humor bestimmt sei.

Im Verein mit seinen norddeutschen Landsleuten Groth, Reuter, John Brinkman u. a. beschenkte uns Krüger endlich mit herrlichen Dichtungen wahrer Lyrik. Er war der Bahnbrecher auf dem Gebiet der ernsten Dichtung für das plattdeutsche westfälische Schrifttum.

Der oben erwähnte Franz Pierenkämper schreibt in einer kleinen Abhandlung über Krüger folgendes: „Die Personen, die in seinen Werken auftreten, sind allesamt Originalbilder, die er in der münsterländischen Heimat oder im Ruhrtal gesehen hat. Sie treten lebenswahr vor einen und sind in Sprache und Gebärde echte Landeskinder. Seine Werke sind naturgetreue Kopien echten Volkstums, wie es an Ruhr und Lippe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt. Krüger schreibt wie seine wahre Muttersprache war, wie seine Mutter zu ihm als Knabe gesprochen hat, und wie man im Kreis der jugendlichen Spielgefährten sprach, er hat nicht, um populär zu werden, die Konzession gemacht, in abgerundetem, besser lesbarem Platt zu schreiben, wie man es beispielsweise bei Fritz Reuter liest. Vollständig frei von jedem Vorbild ist er ein durchaus Eigener, wie die plattdeutsche Dichtung keinen zweiten aufweist." Einen weiteren großen Dienst hat er der Volkskunde dadurch geleistet, daß er schon vor mehr als 50 Jahren die alten Wallhecken wieder lebendig werden ließ, die nicht nur großen materiellen Wert für die Bodenpflege, den Landschafts-. und Vogelschutz liefern, sondern auch seit uralten Zeiten ethische Bedeutung für das westfälische Volkstum gehabt haben. Diese Gedanken werden heute von allen maßgebenden Behörden weitestgehend gestützt, und es ist erfreulich, daß sich der westfälische Heimatbund in der Festschrift zum Tag des deutschen Baumes dieser Bemühung des Dichters Dr. Krüger durch die Wiedergabe eines Auszuges aus seinem entsprechenden Werk erinnert bat.

Der treue Verwalter der geistigen Erbschaft Krügers, Dr. K. Gellhorn Essen, jetzt Wiesbaden, stellt der Herausgabe der dritten Auflage der „Ruggen Wiäge" folgende Betrachtung voran:

„Män nu geiht et biärgaf. Dat is baolle kin sacht Rutsken mähr, dat is en Susen, immer henniger, immer iliger. Dä! - Dao steiht he an den Markensteen un dao steiht: Siebenßig anschriewen, teinmaol sieben! Un nu snört he sinen Püngel loss." So läßt Ferdinand Krüger im Iärwschaden den lebensklugen Bännatz Öhm sprechen, was der Dichter bestimmt von sich selbst sagen wollte.

Am 8. Februar 1915 legte der Geh. Sanitätsrat und Dichter Dr. Ferdinand Krüger, der Klassiker der westfälischen Heimatdichtung, die Feder aus der Hand, schnörte sinen Püngel loß und hält auf dem Friedhof in Hattingen, unweit des Eingangs von der Friedrichstraße, links vom mittleren Hauptweg, seinen ewigen Schlaf.

Die Bestrebungen in Bochum zur Errichtung eines Kortumbrunnens oder Denkmals sind ehrenwert, aber man sollte dann gleich die Gelegenheit beim Schopfe fassen und beiden großen Bochumer Landsleuten gerecht wer-den durch die Schaffung eines Ehrenmales sowohl für Kortum als auch für Krüger, wie es beiden würdig ist.

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