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Ein Halbes Jahrhundert Harpener Geschichte

Max Ibing

Meine Schilderungen beginnen mit der Wende des 19. Jahrhunderts. Zuvor bedarf es jedoch noch einer kurzen Rückschau auf die Verwaltungsorganisation der Gemeinde Harpen vor dieser Zeit. Als im Jahre 1816 nach den Befreiungskriegen der neue Kreis Bochum gebildet wurde mit einer Seelenzahl von 28 362, kam Harpen mit etwa 350 Einwohnern an den Kreis Dortmund, dann aber am 1. Januar 1819 endgültig wieder zum Kreis Bochum.

Im Jahre 1876 schied die Stadt Bochum mit 25 174 Bewohnern aus diesem Kreisverbande aus, der im Jahre 1885 schon wieder auf 148 600 Einwohner angewachsen war. Wegen dieser Größe erfolgte zu dieser Zeit eine Teilung in drei neue Kreise: Bochum-Land, Hattingen, Gelsenkirchen. Bis 1906 haben sich aus diesem Landkreis Bochum weiter losgelöst: Die Städte Witten und Herne, die Gemeinden Grumme, Hamme, Hofstede, Wiemelhausen, Baukau und Horsthausen.

Die Gemeinde Harpen war früher dem Verbande des Amtes Bochum angeschlossen. Als dieses 1881 geteilt wurde, in Bochum I Nord und Bochum II Süd, kam Harpen zum ersteren. (Verwaltungsgebäude auf der Brück-straße in Bochum.)

Mehrere Male hat die Arnsberger Regierung nach 1885 versucht, dieses immer größer werdende Amt Bochum I Nord zu teilen, doch scheiterte dieses Vorhaben immer an dem zähen Widerstande der Gemeindevertretungen, die meistens aus Bauern bestanden.

Um die Jahrhundertwende bis zum ersten Weltkrieg

Erst am 1. April 1900 kam die Teilung zustande durch Bildung der neuen Ämter Hamme, Harpen, Hofstede. Zum Amte Harpen wurden die Gemeinden Harpen, Gerthe und Grumme bestimmt. Die Amtsverwaltung Harpen wurde dem Amtmann Höltje mit dem Sitze im alten Amtshause auf der Brückstraße übertragen. Das Amt Hamme bekam der Amtmann, spätere Stadtrat Otto Ibing, während das Amt Hofstede dem Amtmann Wynecken unterstellt wurde. So fluktuierend die Bevölkerung, so unstet die kommunalen Verwaltungsbezirke.

Im April 1902 zog die Amtsverwaltung Harpen in den eigenen Amtsbezirk, und zwar in die Wirtschaft Hegenberg, mietete sich dann 1903 gegenüber in dem großen, neuartig gebauten Wasserturm des Verbandswasserwerkes ein, wo im obersten Stockwerk Wasserkessel mit einem Inhalte von 3000 cbm Wasser eingebaut sind, bis im Jahre 1910 die Amtsverwaltung Harpen das neue Amtsgebäude in Gerthe bezog, das von der Gemeinde Gerthe errichtet war.

Am 1. Dezember 1901 hatte der Amtmann Hans von Köckritz seinen Vorgänger Höltje abgelöst, nachdem letzterer die massivsten Streitschriften gegen seinen Landrat Spude hatte drucken und verbreiten lassen. Aus diesem Kampf ist mir erinnerlich, wie durch Irrtum oder Intrige ein Bericht dieses Landrats über den Amtmann Höltje an die Regierung in Arnsberg ausgerechnet in die Hand Höltjes gelangte, der diesen Ukas mit gewürzten Kommentaren an seinen Landrat zurückschickte. Die Gerichte haben sich mit den aufsehenerregenden ‚geharnischten Sonetten" Höltjes beschäftigen müssen.

Die Bauern als Urbewohner

Der damalige Vorsteher der Gemeinde Harpen war Ludwig Becker genannt Hodde, ein Bauer von echtem Schrot und Korn, wie eine knorrige westfälische Eiche. Weil ihm wegen seines Körpergewichtes das Gehen schwer wurde, fuhr er meistens in einem Kutschwagen. Ludwig Becker war ein allgemein geachteter Repräsentant nicht nur der politischen Gemeinde, sondern auch der bäuerlichen Zeitverhältnisse.

Obwohl die Gemeindevertretung nach dem Dreiklassenwahlrecht gewählt war, saßen in der Mehrzahl doch Bauern in diesem Kollegium. Von der ersten Klasse, in der allein die Zeche Karoline wählte, war der Betriebsführer entsandt.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts war noch der bäuerliche Einschlag, der Urbewohner, im ganzen Ort ziemlich tonangebend. Die Höfe waren ansehnlich und gut fundiert, die Besitzer sparsam und fleißig. Der Ackerboden ist so gut wie der beste in der Soester Börde.

Das Gesinde setzte sich noch meistens aus bodenständigen Nachbarn oder sogenannten Einwohnerleuten in kleinen zum Hofe gehörigen Häuschen zusammen.

Ich habe die meisten alten Bauern noch gekannt, wie sie selbst hinter dem Pflug über ihre Acker gingen, wie Ruhe, Küper, Dreckmann, Oberhöffken, Becker, Niederschulte, Schulte-Heinrich, Nierhoff, Schroer, Schulte, Dettmer, Hellmich, Dörsing, Wiemann. Am liebsten sprachen diese Leute noch plattdeutsch.

Das Wort Bauer war damals noch nicht im guten Sinne gebräuchlich; man nannte sich je nach Größe des Hofes Gutsbesitzer oder Landwirt. Bei den für den Ort hoch bedeutenden Jahrmärkten saßen die Bauern im Stratmannschen Saale auf einer besonderen Bühne (Biön) und leisteten sich Wein.

Im Verlaufe dieser letzten 50 Jahre hat sich im bäuerlichen Leben in Harpen vieles grundlegend geändert.

Heute nennen sich die Großen aus der Zeit des Erbhofrechtes mit Stolz „Bauer", während die Kleinen beim „Landwirt" geblieben sind.

Die Arbeiterfrage ist zu einem schwierigen Problem geworden; eine Zeitlang mußte man die Gelegenheitsarbeiter und Wandervögel von der Herberge zur Heimat in Bochum holen, bis auch dieses Haus dem Bombenkrieg zum Opfer fiel. Die besten Kräfte für die Landwirtschaft stellten jahrelang die aus dem Osten zugereisten Einwanderer, soweit sie nicht sofort vom Bergbau aufgesogen wurden. Die Frauen dieser Leute halfen in freien Stunden viel, und es war einige Jahre Sitte, daß die schulentlassenen Knaben und Mädchen zunächst zum Bauer kamen, bis die ersteren für das Bergwerk tauglich waren.

In Harpen bestanden auch noch die sogenannten „Nachbarschaften" unter den Bauern, d. h. keine Hausnachbarn im eigentlichen Sinne, sondern als Art Hilfsgemeinschaft bei Geburten, Taufen, Krankheiten, Sterbefällen usw. Zu diesen Nachbarn, die beliebig wohnen konnten, gehörten auch selbständige Handwerker.

Wenn der starke Einfluß des bäuerlichen Elementes im Laufe der Zeit mehr zurückgegangen ist, so liegt die Schuld zum Teil auf eigener Seite. Manche Hofeserben, die oft höhere Schulen besuchten, um als „Einjährige" beim Heer dienen zu können, hatten nach dieser kostspieligen Dienstzeit vielfach den Geschmack am Selbstzupacken, wie es noch solider Väterbrauch gewesen war, verloren.

Für solche Junkerallüren waren aber die Höfe nicht groß genug. Während die Alten bei Bedarf noch Buchen im Bockholtwalde schlugen und zu Geld machten, begann man jetzt mit Grundverkäufen, ja bis zum Verkauf des ganzen Hofes. Dabei bestand in Harpen kein Industriehunger nach Kulturland. Die Montanindustrie ging um Harpen herum, und andere Fabriken blieben fern; erhalten blieb bis heute der überwiegend ländliche Charakter im Kranze großer Bergwerksbetriebe. Im Jahre 1871 schrieb der Märkische Sprecher in Bochum von Harpen folgendes: „Eine köstliche Perle in dem lieblichen Dörferkranz um den Zentralbahnhof Langendreer."

In Harpen hat demnach kein Kampf der „Kohlen-Barone" gegen die uralte Agrikultur die Struktur der wirtschaftlichen Verhältnisse verändert wie sonst allgemein im Kohlenrevier.

Und dennoch verschwanden alte Bauerngeschlechter von angestammter Scholle, als da waren: Stratmann-Kornharpen, Dettmer, Fleitmann, Schulte-Heinrich, Kohlleppel, Küper, Wiemann.

Der große Hof Stratmann-Kornharpen mit allerbestem Weizenboden und Branntweinbrennerei ging im Jahre 1911 in den Besitz der Stadt Bochum über, die einen großen Teil des Geländes zur Anlegung eines Zentral-friedhofes verwenden wollte. Hierzu ist es aber nicht gekommen; der Friedhof ist in Altenbochum angelegt, und in der Nazizeit ist das gesamte vorgesehene Friedhofsgelände noch vor dem zweiten Weltkriege mit Flak-Kasernen bebaut, wodurch wertvollster Boden für die Volksernährung verlorenging, während sich die Kasernen allezeit als „Zwinguri" in die ehemals friedliche Landschaft hineingelegt haben.

Ein anderer großer Teil des Stratmannschen Hofes war für einen Flugplatz ausersehen in Erinnerung an die Zeiten der ersten Eisenbahn, die nicht an Bochum, sondern an Herne vorbeigeleitet wurde, weil Bochum die da-maligen Zeichen einer neuen, umwälzenden Zeit nicht begriffen hatte. Man wollte aber jetzt bei Beginn des Flugverkehrs sich rechtzeitig in die Flugroute einschalten und fertigte in Bochum fix und fertige Entwürfe an, mit denen man nunmehr eine völlige Eingemeindung von Harpen in die Stadt Bochum zu begründen sich bemühte.

Immerhin wäre eine solche Flugplatzanlage für einen Friedensverkehr der Menschheit besser dienlich gewesen, als diese heutigen militärischen Kasernenanlagen.

Übrigens sind auf diesem projektierten Flugplatzgelände in Gegenwart einer großen Zuschauermenge in den Jahren 1911 - 1912 die ersten Flugversuche von dem Bochumer Fritz Clauberg auf einem Grade-Eindecker unternommen worden.

Für die Zustimmung der Ausgemeindung des Stratmannschen Hofes erhielt die Gemeinde Harpen die unentgeltliche Zuwendung von 60 Morgen Landes aus diesem Hofbesitz, soweit das Gelände nicht nach Bochum umgemeindet wurde. Für diese auf solche Weise erworbenen Ländereien hat Harpen nach dem ersten Weltkrieg gute Verwendung für die bauliche Entwicklung gehabt, sei es zum Tausch, Verkauf oder eigenen Gebrauch. So verging die Herrlichkeit dieses einstmals blühenden, uralten westfälischen Hofes, und mit ihm teilten einige andere das gleiche Schicksal, weil das lebende Geschlecht dem Moloch Geld und dem Ungeist der Spekulation verfallen und untauglich geworden war, die eigene Hand an den Pflug zu legen. Auf vielen Höfen begann jetzt die Zeit der Pächter, worunter tüchtige Landwirte Einzug in Harpen hielten, deren Wirtschaftskunst hinfort für zwei Familien Nahrung und Daseinsmöglichkeit aus dem Boden herausholte.

Wenige Bauern sind der Scholle und dem Ahnenerbe treu geblieben und haben redlich, um es zu besitzen, das erworben und vermehrt, was sie von den Vätern ererbt haben, als da sind: Erich Schulte, Wilhelm Becker, Ober- höffken, Otto Homborg, Dörsing, Schroer, Dreckmann. Neue Besitzer sind auf verschiedenen Höfen aufgezogen - Brüning, Dreyer, Wegener. Im 2. Weltkriege sind die hoffnungsvollen Jungbauern Helmut Nierhof und Heinz Dörsing gefallen.

Als zur Zeit der Burenkriege in Südafrika zu Beginn dieses Jahrhunderts einige Buren-Generale in Deutschland umherreisten, für ihr Volk zu werben, ließ sich auch der Bauer Rehlinghaus - Vorgänger von Oberhöffken - verleiten, den Werbern Folge zu leisten und nach Afrika zu ziehen. Bei seiner Rückkehr wurde er mit seinem langen, schwarzen Barte und großen Burenhute als der tapfere Burenkämpfer angestaunt. Wieweit er an den Kämpfen teilgenommen hat, blieb sein eigenes Geheimnis.

Es ist eine uralte Sitte, daß das Offizierkorps der Bochumer Maischützen alljährlich beim Maiabendfeste den beiden Bauernhöfen von Schulte und Homborg einen Besuch abstattet und daselbst bewirtet wird.

Von der Arbeiterschaft

Je mehr die alte Solidität der Bauernschaft ins Wanken geriet, um so mehr drängte der Stand der Arbeiter zur Geltung. Mit dem Auftreten des Bergbaues durch Abteufen der Zechen Caroline, Heinrich-Gustav und Amalia hatten auch viel Fremde aus anderen Teilen des deutschen Vaterlandes Einzug in Harpen gehalten. Die meisten von ihnen hatten den Weg, zur alten Sozialdemokratie gefunden, besonders in der Zeit des Bismarckschen Sozialistengesetzes und zu Lebzeiten Bebels. Viele hatten sich an den großen Streikbewegungen der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts beteiligt und erzählten noch von den sogenannten Kaiserdelegierten, die nach Berlin zum Kaiser geschickt waren, von denen einige später nach England fliehen mußten und erst nach 1918 zurückkehren konnten.

Diese Harpener sozialistischen Arbeiter waren straff organisiert; ihr Führer fast bis zu seinem Tode 1925 war der Knappschaftsälteste Konrad Horn. Als seine tätigsten Mitarbeiter müssen folgende Männer genannt werden: Greiling, Bode, Wlotzka, Degener, Nähle, Schneider, Vietmeier, Hergert, Scheer, Heckersdorf, Rüger, Schütrumpf, Kannenberg, Paschhoff, Mühlhausen, Frielinghaus, Lohmann, Nuhn, Schmelz und andere. Als der 70 Jahre alte Konrad Horn zu Grabe getragen wurde, schrieb eine Bochumer Zeitung u. a. folgendes: „Vor uns steht er mit wallendem, weißem Vollbart, breitschultrig, voll, das Sinnbild einer markanten Bergmannsgestalt. Ein gerader, offener Charakter, ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, der durch sein Wirken und Auftreten jedem Respekt abzwängt."

Neben der politischen Organisation gehörten die meisten dem freigewerkschaftlichen alten Bergarbeiter-Verbande an. Ihre Hochburg war beim Wirt Paschhoff. In der Kaiserzeit unterlag alles, was nach Sozialismus roch, der geheimen oder auch offenen Kontrolle.

Die Versammlungen waren bei der Polizeibehörde anzumelden, und diese hatte die Meldung weiterzugeben an den politischen Bezirks-Polizei-Kommissar der Regierung. Von diesem aus wurden die Versammlungen überwacht und evtl. auch aufgelöst. Der Verhandlungsbericht wurde der Regierung vorgelegt. Man hatte aber immer bei der Behörde den Eindruck, daß neben diesen öffentlichen Versammlungen noch vielmehr geheime Zusammenkünfte stattfanden.

Große Aufregung bei der Polizei veranlaßten stets die verbotenen Maifeiern, die dennoch in irgendeiner Form in Szene gesetzt wurden, wobei meistens in dem höchsten Baume die rote Fahne flatterte.

Das Dreiklassenwahlrecht und die sonstigen Wahlbestimmungen sorgten jedoch dafür, daß die Masse der Angehörigen der 3. Klasse - die obengenannten Sozialisten - im amtlichen Gemeindeleben keine ausschlaggebende Rolle spielten. Ihr einziger Vertreter im Gemeindeparlament war dieser Konrad Horn.

Dazu kam nun eines Tages eine ganz besonders unangenehme Überraschung. Die meisten Bergarbeiter waren einmal aus dem Großherzogtum Hessen nach Harpen eingewandert - der nächste Teil kam aus der Provinz Hessen und ein kleiner Rest aus Ostpreußen. Nach dem Staatsangehörigkeitsgesetze waren die Hessen-Darmstädter Angehörige dieses Bundesstaates und blieben es auch, wenn sie innerhalb der deutschen Grenzen verzogen und sich nicht in den Staatsverband des neuen Wohnsitzes aufnehmen ließen. Das letztere aber unterließen die meisten aus Unkenntnis, und so wurden sie keine Preußen, d. h. sie hatten weder Wahlrecht für den preußischen Landtag noch für die Gemeindevertretung. Danach hatte aber bis dahin kein Beamter des Amtes geforscht, welcher Staatsangehörigkeit die Harpener Einwohner sich eigentlich erfreuten.

Allgemeines vergebliches Toben, als etwa 1905 alle Hessen-Darmstädter und andere Nicht-Preußen nicht mehr in den Wahllisten erschienen. Diese Ueberraschung ergab einen interessanten Aufschluß von der Zusammensetzung und Herkunft der Harpener Bevölkerung. Erst das allgemeine gleiche Wahlrecht nach 1916 änderte diese Entrechtung der zugewanderten Püttmänner, soweit sie sich inzwischen nicht in den preußischen „Untertanen-Verband" hatten aufnehmen lassen.

Berücksichtigt man solche polizeilichen und gesetzlichen Maßnahmen in der kaiserlichen Zeit, so erscheinen sie heute als kleine Nadelstiche im Vergleich zu den Drangsalierungen in der Zeit des „Dritten Reiches".

Im Gegensatz zu diesen vielen sozialistischen Zugezogenen fanden sich die alteingesessenen Arbeiter so ziemlich im 1898 gegründeten evangelischen Arbeiterverein und in den christlichen Gewerkschaften zusammen und blieben diesen Bestrebungen auch treu, obgleich ihnen manches von der Gesinnung der Sozialisten infolge des engen Zusammenlebens und der Zusammenarbeit auf den Zechen ins Blut eingedrungen war, wobei sie es aber weit von sich wiesen, Sozialisten zu sein, wenn man sie auf Grund mancher Charakterzüge als solche ansprechen wollte.

Dasselbe Bild erlebte man oft bei den Geschäftsleuten und Handwerkern des Ortes. Wenngleich diese und die Arbeiter durch Schule, Vereine, Nachbarschaften vielfach als Duzfreunde galten, gingen ihre politischen und religiösen Wege doch auseinander.

Vom Mittelstande

Der Mittelstand in Harpen umfaßte nur wenige Bürger. Diese rechneten sich in der Mehrzahl zu den Nationalliberalen, nach 1918 zur Volkspartei und nur wenige zu den Deutschnationalen. Dieser Mittelstand wurde hauptsächlich repräsentiert durch eine Stammtischgesellschaft beim Wirt Fleitmann, wo sich die Honoratioren allabendlich zusammenfanden und von da ihren Einfluß auf die Begebenheiten des Dorflebens zur Geltung brachten.

Lange Zeit hat der Rentner Fritz Vogt sich in dieser Runde als Gelegenheitsdichter und Bismarckverehrer feiern lassen. Es gab kein Bismarckfest auf der Hohensyburg, wo Fritz Vogt nicht zu Worte kam. Die Lehrerschaft gehörte auch zu diesem Stammtisch, und der alte Dorf- und Knappschaftsarzt, Sanitätsrat Dr. Schäfer, fehlte dabei auch nicht. Dessen Praxis erstreckte sich eine lange Zeit sogar noch bis nach Lütgendortmund und Werne hinein. Sein Nachfolger, Dr. Wilhelm Schulte-zu-Sodingen, ist nun auch schon 25 Jahre lang der einzige ärztliche Betreuer dieser Ortsbewohner. Leider war nach 1933 in diesem Kreise der Lehrer B., ein geborener Harpener Junge, mit seinem nationalsozialistischen Fanatismus ziemlich tonangebend geworden.

Der letzte Ministerpräsident von Braunschweig, der dazu berufen war, seinen „großen Führer" in den Braunschweigischen Staatsverband und damit in den Deutschen Reichsverband aufzunehmen, hat als einstiger Harpener Lehrer auch an diesem Stammtisch seinen Platz gehabt.

Diese politisch, kulturell und wirtschaftlich stark gegensätzliche Struktur bildete die Atmosphäre für die Mentalität der Bevölkerung.

Aber hätte mal einer wagen sollen, die Gemeinde Harpen nur spöttisch zu erwähnen oder gar zu benachteiligen versuchen, dann gab es einen geschlossenen Aufstand gegen ein solches Unterfangen; dann kannte man keine Parteien mehr, dann gab es eine Abwehr, an der man sein helles Wunder erleben und an dem selbst ein Amtmann von Köckritz sich die Zähne ausbeißen konnte.

Das Amt Harpen macht sich bemerkbar

Als dieser Amtmann 1901 sein Amt antrat, hatte er einen schweren Stand. Bis dahin galt für Harpen das bekannte Wort: „Rußland ist groß, und der Zar ist weit."

Die Amtmänner hatten eben zu große Amtsbezirke gehabt, und die Verwaltung befand sich in Bochum. Das wurde mit der Verlegung des Amtes Harpen 1902 anders.

Die Alleinherrschaft des Dorfpolizisten mußte gebrochen werden; man glaubt gar nicht, was so ein ungekrönter Amtmann für einen unheimlichen Einfluß in seinem Gewaltbereiche auszuüben vermochte. Der eigentliche Regent der Gemeinde war der Dorf-Sergeant, so unglaublich das klingt. Er war damals Gemeindebeamter und glaubte, dem Amtmann keinen Gehorsam schuldig zu sein, obgleich letzterer doch Polizeiverwalter war. Diese Aufsässigkeit ging so weit, daß der Gemeinde-Polizeibeamte die Tagesordnung einer Gemeinderatssitzung vorher mit den Gemeinde-Verordneten durchsprach und ihnen seine Ratschläge hierzu erteilte. Hatte der Amtmann auf die Einladung Angelegenheiten gesetzt, die dem Polizisten nicht paßten, dann veranlaßte dieser die Gemeinderäte, der Sitzung fernzubleiben (do got it nich hen), so daß meistens noch einmal eingeladen werden mußte mit der Androhung, daß die Versammlung nach der zweiten Einladung beschlußfähig sei, ohne Rücksicht auf die Zahl der Teilnehmer. Wenn zu dieser Sitzung nicht der Zechenvertreter erschienen wäre, hätte man bestimmt auch die zweite Einladung sabotiert.

In diesem Kampfe blieb schließlich doch der Amtmann Sieger, nachdem er es durchgesetzt hatte, daß dieser Polizei-Sergeant auf den Besoldungs-Etat der Amtsverwaltung übernommen und damit Untergebener des Amtmanns wurde. Trotz der besten Absichten des Amtmanns von Köckritz blieb für diesen Harpen immerfort ein schwieriges Arbeitsfeld. Und als ausgerechnet dieser Vertreter eines alten Adelsgeschlechtes, ehemaliger Gardeoffizier und Hofpage der Kaiserin Augusta anfing, der sozialdemokratischen Arbeiterschaft Entgegenkommen zu erweisen, da brach der Sturm des Unwillens erst richtig los, und die Intrigen nahmen kein Ende. Von Köckritz hatte gewagt, den sozialdemokratischen Patriarchen Konrad Horn zum Schiedsmann zu machen und zum Mitgliede des Schulvorstandes.

Das waren damals in den Augen der bürgerlichen Bevölkerung unerhörte revolutionäre Maßnahmen zu einer Zeit, als man noch „Heil Dir im Siegerkranz" sang, Bismarck-Feuer abbrannte und Sedanfeste feierte.

Von Köckritz dachte aber zu gerecht, als daß er sich zum Büttel dieser politischen „Rechtgläubigen" hätte machen lassen. Er ging den für ihn schweren, aber gerechten, unparteiischen Weg. Es war nun alles auf Kampf eingestellt. Ja sogar Kampf bei Begräbnissen. In Harpen gab es nur einen evangelisch-kirchlichen Friedhof. Starb ein Katholik, so lehnte man dessen Beerdigung auf diesem Gottesacker ab. Der Amtmann mußte mit polizeilichen Verfügungen, Strafen und Mithilfe eines Polizeibeamten solche katholische und Dissidenten-Beisetzungen erzwingen, bis die Regierung endlich Regelung traf, und von da ab Beerdigungen gegen besondere Gebühren stattfinden mußten.

Von Sitten und vom Geist der Zeit

Wie weit die „gesetzlosen Zustände" während der Selbstherrlichkeit der Gemeinde gediehen waren, mag folgender Vorfall illustrieren:

Man hatte mal wieder, wie jeden Sonntag, gut gezecht. Auf dem Nachhausewege der übliche Streit mit Schlägerei. Einer blieb dabei im Straßengraben liegen. Um festzustellen, ob dieser eine auch wirklich tot sei, schnitt man ihm ein Ohr ab. Er stellte sich aber trotzdem tot aus Furcht vor noch Schlimmerem und lief sein Leben lang mit einem Ohr umher. Zu früherer Zeit waren auch auf zwei Bauernhöfen zwei geheimnisvolle Morde vorgekommen, ohne die Täter zu erwischen.

Die Polizei und Gendarmerie hatten samstags und sonntags bei Festen einen sehr schweren Stand. Für Fremde waren solche Zustände ebenfalls gefährlich - es ging dann oft der Schlachtruf durchs Dorf: „Et es en fremmen Hahn op'n Mist."

In Kornharpen bestand lange Zeit ein Junggesellenklub, der allgemein gefürchtet war und für die Polizei allein schon eine Daseinsberechtigung bedeutete.

An diesen Wildwest-Verhältnissen trugen auch die religiösen Zustände in Harpen einen Teil Schuld. Es ist nicht klar geworden: Hatte die evangelische Kirche damals den Kampf gegen solche „Sitten" als hoffnungslos aufgegeben, oder war sie nicht mehr der gute Sauerteig und ihre Ohren taub geworden.

Mit dem Einzug des Pfarrers Karl Leich im Jahre 1901 setzte wieder ein ernstes Bemühen um eine Durchdringung des Harpener Gemeindelebens mit wahrem christlichem Geiste ein. Leich und seine Frau packten ihre Arbeit mit größtem Ernste an. Er zeigte auch für außerkirchliche Sachen Interesse und Unterstützung. Es ist ihm auch zu verdanken, daß in Harpen viel Obst- und Laubbäume und Beerensträucher angepflanzt wurden, daß die Jugend Blumenschutz lernte und daß vor allen Dingen endlich die politische Gemeinde den Rest des uralten Bockholt-Waldes ankaufte und dadurch vor dem völligen Verschwinden rettete. Ging doch am Ende des vorigen Jahrhunderts dieser Wald noch bis fast zur Dorfstraße (Harpener Hellweg).

Wenn heute die Harpener Kirche aus dem 12. Jahrhundert zu den schönsten alten Baudenkmälern in Bochum gehört, so ist dies Leich zu verdanken und dem gütigen Geschick, daß sie vom Bombenkrieg verschont blieb. In jahrelanger Bemühung hat Leich den Verfall dieses alten Kulturdenkmals gestoppt und seine Wiederherstellung in der heutigen Gestalt, einer echten westfälischen Dorfkirche, durchgesetzt. Heute ist jeder Harpener mit Recht stolz auf dieses Kleinod urväterlicher, kirchlicher Baukunst.

Man muß einen Bergmannsgottesdienst oder eine Silvesterfeier mit Hunderten von Kerzen in diesem Raume erlebt haben, um von der ganzen stillen Symphonie dieses ehrwürdigen Kirchleins gepackt zu werden.

In der Kirche in Harpen sind auch die Wappen der ehemaligen Adelsgeschlechter von Harpen aufgehängt.

Gemeinsam mit dem Verfasser dieser Chronik betrieb Leich in langen Jahren vor dem ersten Weltkrieg einen Jugendverein, der vielen Harpener Männern in lieber Erinnerung geblieben ist. Leich war auch immer Erhalter und Förderer des Bochumer Maiabendfestes und ein ernster Forscher nach dessen geschichtlicher Begründung.

Es ist hier nicht die Aufgabe, die Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Harpen zu schildern, doch kann bezeugt werden, daß seitens dieser Gemeinde unter ihren damaligen Pfarrern Leich, Winnacker und Paulmann, der 1945 bei der Verteidigung von Berlin als Major gefallen sein soll, auch das öffentliche Leben nach 1900 allmählich doch geformt ist und sich durchgesetzt hat.

Außerordentlich bemühte sich Leich im 1 Weltkrieg 1914/18 um die Absendung von Soldaten-Paketen, Soldaten-Schriften und um die Hilfe für die kriegsgefangenen Soldaten, wobei ihm der Polizeibeamte Emil Rabe tatkräftig geholfen hat.

Einen besonderen Namen hat sich Leich als Archäologe erworben. Es war immer sein Steckenpferd, in der Gemeinde längst veraltete Urväter-Gebrauchsgegenstände zu sammeln, auch zeigte er sehr beachtenswerte geologische Kenntnisse. Dieser Liebhaberei ist es zu verdanken, daß er dem Harpener Boden bei gelegentlichen Tiefbauarbeiten unersetzliche Zeugen aus der Vor- und Frühgeschichtszeit entrissen hat, die sonst kein anderer beachtet haben würde. Sein Haus glich einem prähistorischen und volkskundlichen Museum. Keine sonstigen Forschungen in Bochum waren diesen Ausgrabungen an die Seite zu stellen.

Viele Jahrzehnte hindurch war Pastor Leich mit Land und Leuten in Harpen, mit ihren Freuden und Leiden, ihren Sorgen und Nöten so eng verwachsen wie sonst niemand. Das vielseitige Wirken dieses echten westfälischen Mannes war in über 42jähriger Amtszeit nicht umsonst seinen Mitmenschen gewidmet, und selbst nach seiner Emeritierung am 1. Dezember 1942 wollten viele alte Harpener auf ihrem letzten Gange von Leich begleitet sein.

Wo ist die Tatsache zu verzeichnen, daß ein Pfarrer seiner armen Bergarbeiter-Gemeinde im Industriegebiete so lange die Treue gehalten hat wie in Harpen? Ich wüßte keinen, der dem Bergmannsleben soviel Verständnis, Poesie und Liebe zugewandt hat wie Leich (siehe auch sein Bergmannsbuch). Eine Beruhigung für ihn ist die Tatsache, daß er in Pastor Hoppe, einem langjährigen Missionar in Ostasien, den richtigen Nachfolger in seiner erfolgreichen Arbeit gefunden hat.

Da nun einmal die kirchlichen Verhältnisse gestreift sind, bleibt noch zu registrieren, daß Harpen von jeher die Muttergemeinde auch für Gerthe war und die Gerther auf dem Kirchenfriedhof in Harpen beigesetzt wurden. Die Kinder von Gerthe mußten nach Harpen zum kirchlichen Unterricht. Erst im Jahre 1906 wurde Gerthe kirchlich selbständig und bekam 1910 eine eigene Kirche. Bei den alten Gerther Bürgern blieb aber die Anhänglichkeit erhalten, und auch die Erbgruften der Gerther in Harpen sind heute noch in Benutzung. Harpen hat es eigentlich nie verschmerzen können, daß das ehemalige Kind Gerthe eines Tages der Mutter über den Kopf wuchs und eine größere Rolle spielen wollte.

Es gab eine Zeit in Harpen, da ging die allgemeine Einstellung der Einwohnerschaft dahin, sich von der Umwelt abzuschließen, man huldigte dem Prinzip der „Splendid isolation", man genügte sich selbst. In der Tat haben bis auf den heutigen Tag die richtigen Harpener ihre tief eingewurzelten Eigenarten bewahrt, in gewisser Beziehung führt die Bevölkerung heute noch ein Eigenleben, das sich von außen nicht beeinflussen läßt. Jedenfalls ist die Mentalität der Bewohner in den Nachbarorten Gerthe, Werne, Hiltrop, Altenbochum eine ganz andere, wo durch den Strom der Zugewanderten eine stärkere Vermischung stattgefunden hat.

So erlebte der Verfasser dieser Geschichte einmal einen ganz typischen Standpunkt der Gemeindeväter als er mit diesen überlegen wollte, wie man den Verkehr und die Entwicklung in Harpen heben könnte und man das Leben aus der Erstarrung zu lösen vermöchte. Das Ergebnis dieser Beratung war überraschend, als ein prominentes Mitglied der Vertretung erklärte: „Wie wöt för us bliewen, wie brukt känne Fremmen." Und alle anderen nickten ihm Beifall; er hatte jedenfalls aus der Volksseele, die ihnen heilig war, gesprochen.

Man dachte zwar sozialistisch oder liberal, war aber in vielen Sachen, die das Ortsgeschehen anbetrafen, stockkonservativ. Hierzu gehörte auch das Festhalten an der althergebrachten Kirmes, die sich einer besonderen Beliebtheit erfreut. Sie war früher gleichzeitig ein Fest in allen Häusern; Verwandte und Bekannte kamen zu Besuch.

Über diese Kirmes wurde 1939 berichtet:

„Wieder einmal steht das uralte Harpen im Zeichen der Vorbereitungen zur Abhaltung seiner traditionellen Kirmes, die sich in jedem Jahre aufs neue zu einem wahren Volks- und Heimatfest gestaltet. Vor 127 Jahren gestattete nach einer alten Urkunde die damalige französische Behörde, daß am 14. August des Jahres 1812 erstmalig in Harpen ein Viehmarkt und gleichzeitig mit ihm verbunden auch ein Krammarkt abgehalten werden durfte. Alle Anzeichen aber deuten darauf hin, daß die Kirmes in Harpen schon viel älter ist. Es wird sich bei der vorbezeichneten Genehmigung vielmehr um eine solche für den Viehmarkt gehandelt haben, denn die Harpener Kirche stammt schon aus dem 12. Jahrhundert, und es ist darum auch anzunehmen, daß seit dieser Zeit in Harpen die Kirchweihfeste gefeiert wurden, die ja stets mit einem Krammarkt und Vergnügungsrummel verbunden waren.

Die Harpener sind jedenfalls in ihrem festverankerten Heimatbewußtsein stolz auf ihre Kirmes. Wenn ihr Alter auch nur schwer festzustellen sein wird, so steht doch einwandfrei fest, daß sie in Harpen eine alte Tradition hat, an der die älteren wie auch die jüngeren Generationen festhalten. Die Harpener Kirmes ist zweifellos zu einem ‚Nationalfesttag" für Harpen geworden, der alljährlich in gebührender Weise mit aller westfälischen Zähigkeit gefeiert wird. Es ist das Ereignis mit, das Harpen aus seiner sonst noch‚ ziemlich ländlichen Ruhe herausreißt. In diesem Jahre ist das ‚Harpener Großereignis' um einen Tag erweitert worden. Wenn die Harpener auch schon von jeher den Sonnabend als Auftakt gefeiert haben, so ist in diesem Jahre doch erstmalig der Sonnabend offizieller Auftakt der Kirmes, der am Abend mit einem großen Feuerwerk beginnt. Gleichzeitig beginnt auch in den Harpener Gaststätten das offizielle Kirmesanblasen. Am Dienstagmorgen wird nach altem Brauch der Schweinemarkt abgehalten."

Armenwesen

Eine grundlegende Wandlung hat das Armenwesen in den letzten 50 Jahren durchgemacht. Um die Jahrhundertwende waren die Armen-Unterstützungssätze sehr niedrig. In den Armensitzungen wurde jeder Fall individuell behandelt, aber mehr nach der negativen Seite hin. Allgemeine Richtsätze gab es noch nicht. Und die einzelnen Unterstützungsbeträge fielen meistens sehr knapp aus; es gab kaum Monatsbeträge über 30,- Mark hinaus. Jeder Hilfsbedürftige war trotz seiner Arbeitsbehinderung gezwungen, noch Lohnerwerb zu suchen, sei es beim Bauern oder durch Waschen, Putzen, Hausierhandel usw. Es gab zu damaliger Zeit viel Wasch- und Putzfrauen, die meistens sogar ihre kleinen Kinder mit zu der Arbeitsstelle nehmen durften und auch Beköstigung erhielten. Ich habe erlebt, daß aus solchen Familien tüchtige Menschen hervorgegangen sind.

Harpen hatte schon früh ein Armenhaus, das aber so gefürchtet war, daß die meisten Hilfesuchenden lieber ganz auf öffentliche Unterstützung verzichteten, als daß sie sich in dieses Haus einweisen ließen. Wer dorthin kam, war im allgemeinen mißachtet, und wer öffentliche Unterstützung bezog besaß weder aktives noch passives Wahlrecht. Am Schlusse des Rechnungsjahres galt das als bestes Ergebnis, wenn die Armenaufwendungen, auf den Kopf der Bevölkerung umgerechnet, eine recht niedrige Zahl ergaben; es wurden dieserhalb von Nachbar-gemeinden Vergleichsziffern eingezogen.

Welch eine Wendung auf diesem Gebiete nach 1918. Ich werde hierauf später zurückkommen.

Schulangelegenheiten

Auf dem Schulgebiete hatte die Gemeinde mit dem Anwachsen der Schulkinder Schritt gehalten.

Der früheste Schulunterricht erfolgte im Küsterhause, weil Küster- und Lehrerstelle 1821 vereinigt wurden. Pastor Rosenbaum schrieb in seiner Chronik über diesen Zustand: „Na, da plumpst der Küster auch glücklich in die Tiefe hinab. Arme Kirche, wie wirst du gerupft und gezupft! Sollst die Küchlein unter die Flügel der Gnade, Liebe und Treue nehmen, und dabei ziehen sie dir die Federn alle aus, daß du sie nicht mehr wärmen kannst, und es tut mir so leid, wenn sie nun frieren. Die Schule mit der Küsterei vereinigt - auch wieder eine Erfindung des Rationalismus. Aber die Küsterei ist noch nicht verloren. Hier wenigstens noch nicht. Wir haben sie noch festgehalten. Aber der Küster ist untergegangen. Nun, ist der Lehrer Küster. Mag der Lehrer noch so gut sein, er kann nun einmal nicht zween Herren dienen, ebenso wenig wie andere Leute. In der Schule Lehrer-Küster, in der Kirche Küster-Lehrer, das reimt sich beim besten Willen nimmermehr zusammen. Sowohl die Schule als auch die Kirche muß leiden."

Im Jahre 1839 wurden die beiden Klassenräume bezogen, die die Ev. Kirchengemeinde an der Stelle des abgebrochenen alten Küsterhauses hatte errichten lassen. Dieses Schulhaus ist im Jahre 1924 von der Kirchengemeinde wieder an sich genommen worden, die daraus einen kirchlichen Vereinssaal einrichtete. Das erste eigene Schulgebäude der politischen Gemeinde mit zwei Klassen und angebauter Lehrerwohnung war im Jahre 1879 am Harpener Hellweg, in der Mitte zwischen Kirch- und Kornharpen, errichtet, nachdem einige Jahre in Kornharpen der Schulunterricht in einer Wirtschaft, der jetzigen Schulteschen Schmiede, erteilt worden war. Im Jahre 1888 erstand das Schulgebäude an der Kirchstraße, jetzt Vinzentiusweg (im Volksmunde Starenkasten genannt). Im Jahre 1900 erbaute man die Schule in Kornharpen an der Wieschermühlenstraße, und im Jahre 1912 erhielt diese Schule einen weiteren Anbau von vier Klassen mit großem Zeichensaal, wie sie sich jetzt präsentiert. Das Schulhaus an der Bockholtstraße ist im Jahre 1904 bezogen, hat im Laufe der Jahre aber einige Umbauten erfahren müssen.

Die damaligen Hauptlehrer Müller und Weinbrenner, die späteren Rektoren Schulz, Niklas, Flottmann, ganz besonders aber Rektor Heenes, waren Schulmänner vom guten Schlage. Es bedeutete für Harpen einen großen Verlust, als Rektor Heenes die Schulleitung in Kornharpen abgab und Kreisschulrat wurde; er gehörte zu den besten Pädagogen und war auch mit Leib und Seele Turner und alter Schiedsrichter bei den Harkort.-Bergfesten. Dem Ortsteile Harpen, als seinem Wohnsitz, ist er aber treu geblieben. Im Augenblick dieser Niederschrift erfreut er sich eines hohen Alters von 87 Jahren. Bei seinen pädagogischen Fähigkeiten war er doch allezeit ein bescheidener Mensch; als Schulrat stellte er an die Lehrerschaft hohe Anforderungen. Nach seinem Scheiden von der Kornharpener Schule hatte die Gemeindevertretung dieser offiziell den Namen Heenes-Schule verliehen, der aber leider bald nach der Eingemeindung von der Stadt Bochum unbeachtet geblieben ist.

Auf schulischem Gebiete bedeutete die Errichtung einer katholischen Schule mit 81 Kindern am 1. 4. 1913 ein besonderes Ereignis in der Gemeinde. Bis dahin besuchten die katholischen Kinder die katholischen Schulen in Gerthe und Bochum. Der erste katholische Lehrer wurde Richard Adam, der auch heute noch diese Schule mit drei Klassen als gewissenhafter und treuer Schulmann leitet.

Der langjährige Kampf der Volksschullehrer gegen die örtliche Aufsicht durch den Pfarrer (Präses in internis, der letzte Ortsschulinspektor war der alte Pfarrer Dieckerhoff), machte sich in der Hauptsache nur in Fachkreisen bemerkbar und endete endlich nach 1918 mit einem Erfolge für die Lehrerschaft, die schon im Jahr 1897 mit dem Volksschullehrer-Besoldungsgesetz eine bis dahin nicht gekannte Lebensgrundlage errungen hatte. Die Auswirkungen dieses Gesetzes machten sich in der Kommunalverwaltung seitdem lange Jahre bemerkbar.

Straßen- und Verkehrswesen, Wasser und Licht, Sparkasse

In der Regel bildet der Zustand des Straßennetzes die Visitenkarte des Ortes.

In Harpen gab es um 1900 nur chaussierte Wege, die aber gut in Ordnung gehalten wurden. Die Hauptstraße, der heutige Harpener Hellweg, erhielt als einzige im Jahre 1907 eine neue Decke von Kleinpflaster als Folge einer Kanallegung in dieser Straße.

Die beiden Maßnahmen hatten sich zwangsläufig nach Beendigung einer großen Ruhrepidemie in den Jahren 1904-1905 ergeben, weil bis dahin die gesamten Abwässer einfach in offene Straßengräben geleitet wurden. Von der Arnsberger Regierung, die einen Sonderarzt zur Bekämpfung dieser Seuche nach Harpen gesandt hatte, war diese Kanalisation verlangt worden. So ist aus dieser damals schrecklich wütenden Erkrankung der Dorfbewohner doch noch ein großer Segen für die nachfolgenden Zeiten erwachsen.

Durch die Initiative eines Privatmannes wurde die Hoffmannstraße, jetzige Baldurstraße, erbaut. Die erhoffte stärkere Bebauung dieser Straße hat aber noch bis nach 1918 auf sich warten lassen.

Ein schlechter Fuß- und Fahrweg an der Bahn entlang zwischen den Zechen Caroline und Prinz von Preußen fand auch seinen chausseemäßigen Ausbau (heutige Straße Auf der Prinz) Der Berghofer Hellweg, der eine beträchtliche, kurze Steigung aufwies, wurde tiefer gelegt und erbreitert, auch die Kornharpener Straße erhielt eine Erbreiterung.

Damit war das ganze Straßennetz gut versorgt. Automobilverkehr kannte man zu dieser Zeit noch nicht.

Der Personenverkehr zwischen Bochum und Harpen wurde durch einen Pferdeomnibus geregelt, der zweimal täglich zwischen Schwanenmarkt - Harpen - Gerthe fuhr, ferner durch einen einmaligen Postwagenlauf am Tage. Ob man mit diesen altväterlichen Verkehrsmitteln wirklich gut ankam, war immer zweifelhaft. Sehr oft fanden sich alle Insassen im Straßengraben wieder.

Am sichersten war noch der Fußweg, den auch die meisten benutzten, nicht ohne aber unterwegs beim Wirt Hegenberg in der „Freiburg" am Abzweig Harpen eingekehrt zu sein (heute Decker).

In diesem Wirtshause war mit der Verlegung des Amtes Harpen am 1. April 1902 die Amtsverwaltung untergebracht. Der Wirt spielte damals immer Ratgeber seiner Gäste in allen möglichen Angelegenheiten - sonderlich Gerichtssachen. Nach der Rückkehr der Gäste von Bochum ließ er sich von den Ergebnissen des Tages berichten. Die Bauern kehrten dagegen meistens beim Wirt Zimmermann ein, der mehr zu den Ihrigen gerechnet wurde.

Diese patriarchalischen Zustände endeten mit einem Schlage, als die neue Straßenbahn zwischen Harpen und Bochum sowie Gerthe und Bochum am 23. 12. 1908 in Benutzung genommen und später am 20. 1. 1912 nach Lütgendortmund - Bahnhof verlängert wurde.

Über die Geschichte dieser Straßenbahn wird die Ortschronik von Gerthe ausführlich berichten.

Zur Durchführung dieser Bahn war es erforderlich gewesen, beim Abzweig Harpen beide Straßeneinmündungen sowohl nach Harpen als auch nach Gerthe wesentlich zu erbreitern. Die Gemeinde Harpen kaufte zu diesem Zwecke vom Wirt Hegenberg das auf dieser Ecke stehende frühere Wirtshaus fort und errichtete an dieser Stelle 1909/10 die Harpener Gemeindewirtschaft, die später in Privatbesitz überging als Wirtschaft „Zum alten Esel". Bis zum 31. März 1912 bezog Harpen das Trinkwasser vom Wasserwerk Witten, holte das Geld aber unter Aufschlag selbst von den Konsumenten ein. Dann wurde dieses Verhältnis gelöst, und man trat dem Verbandswasserwerke als Gesellschafter bei. Seit Dezember 1910 liefert Das neugegründete Elektrizitätswerk Westfalen elektrischen Strom nach Harpen.

Als Garantie-Gemeinde gehörte Harpen der großen Amtssparkasse Bochum an, die auch in den Schulen das Schulsparen einführte.

Kuriositäten und Besonderheiten

Ein steuerliches Kuriosum bildete die Zeche Caroline. Obwohl die Harpener Bergbau AG von der Gemeinde Harpen ihren Namen herleitete, lag doch die Mutterzeche Caroline in der Hauptsache oberirdisch auf dem Gebiete der Gemeinde Altenbochum. In Harpen stand das Maschinengebäude mit der Fördermaschine, in Altenbochum lag der Einfahrt- und Förderschacht. Es kam nun darauf an, eine steuerliche Betriebsstätte zu konstruieren, auf die der Löwenanteil der Gewerbesteuer entfiele.

Es ist dem Amtmann von Köckritz beim Oberverwaltungsgericht in Berlin gelungen, für Harpen den Sieg zu erringen und damit eine grundlegende Entscheidung für viele ähnlich gelagerte Streitfälle im Industrierevier her-beizuführen. Ein anderer Grenzfall spielte auf armenrechtichem Gebiete eine Rolle, wo die Gemeindegrenze Altenbochum - Harpen mitten durch ein Haus auf der Bochumer Landwehr lief. Es mußte geklärt werden, welche Gemeinde unterstützungspflichtiger Verband für die hilfsbedürftigen Familien dieses Hauses sein sollte. Das Bundesamt für das Heimatwesen in Berlin bestimmte als maßgebend die Küche der Familie und damit Harpen als zahlungspflichtig. In den Jahren 1905 und 1912 brachten die allgemeinen großen Bergarbeiterstreike eine ziemliche Beunruhigung in die Gemeinde. Es wurden damals von der Regierung mehrere Gendarmeriebeamte aus der Provinz Brandenburg zum Schutze der Arbeitswilligen eingesetzt.

Am 5. Mai 1912 richtete ein schweres Hagelwetter mit Sturm große Schäden an den Häusern, Bäumen und Feldfluren an.

Die Ausmusterungen zum Heeresdienst fanden immer in einem großen Saale in Bochum statt; man marschierte geschlossen in einem Zuge mit Musik zu diesen Musterungen und war meistens stolz, wenn man „festgeschrieben", d. h. wenn man für irgendeinen Truppenteil tauglich erklärt war.

Harpen im ersten Weltkrieg 1914/18

Allen solchen friedlichen, juristischen Advokatenkunststücken und ruhigen Ortsbegebenheiten machte der Ausbruch des 1. Weltkrieges August 1914 ein jähes Ende. Die Zeitungspropaganda hatte das Volk genügend ein-geheizt und auf den Siedepunkt gebracht, und die berühmte Nibelungentreue begann, sich nach dem Fürstenmorde in Serajewo unter schauerlichen Beweis zu stellen.

Auch in Harpen ging die Begeisterung hoch, und das erste Aufgebot der Reservisten und Landwehrleute machte sogar einen Abschiedszug zum Landrat Gerstein nach Bochum.

Wie schon früher angeführt, haben sowohl Pfarrer Leich und Frau wie auch der Polizeibeamte Emil Rabe sich um die Betreuung der im Felde stehenden Soldaten und der deutschen Kriegsgefangenen besonders verdient gemacht. Auch für die Kriegerfrauen in der Heimat sind Leich und seine Frau mit vielen Helferinnen tatkräftig eingetreten. Die politische Gemeinde hat trotz der immer mehr zunehmenden Not von Zeit zu Zeit größere Sendungen Liebesgaben an die Front geschickt. Sowohl Schulen als auch Erwachsene beteiligten sich in außerordentlichem Maße an der Zeichnung der verschiedenen Kriegsanleihen und an den angeordneten Sammlungen von Metallen, Gummi, Knochen, Lumpen, Flaschen, Konservendosen, Brennesseln und sogar von Blättern für Pferdefutter.

Wegen der großen Ernährungsschwierigkeiten wurden die Schulkinder, teilweise in geschlossenen Klassen, nach Pommern, Posen, Hessen und ins Sauerland gebracht.

Die Haltung der gesamten Einwohnerschaft war selbst in der größten Notzeit bewundernswürdig und strafte die berüchtigte spätere Dolchstoßlegende der Nazis Lügen!

Volksherrschaft in Harpen nach 1919

Am 9. November 1918 erlebte auch Harpen die Folgen des Zusammenbruches. Der derzeitige Gemeindevorsteher, Betriebsführer Wilhelm Meininghaus, von der Zeche Karoline trat freiwillig von seinem Amte zurück. Der Arbeiter- und Soldatenrat setzte den mehrfach erwähnten alten Sozialistenführer Konrad Horn an diese Stelle, der auch später, nachdem die entsprechenden Gesetze von der Nationalversammlung erlassen waren, ordnungsmäßig als Gemeindevorsteher einstimmig gewählt wurde. Infolge Erkrankung trat aber schon bald der Bergmann August Kannenberg an den Platz von Horn, nachdem Fritz Nähle eine Zeitlang die Stellvertretung des Gemeindevorstehers ausgeübt hatte.

Die zurückkehrenden Harpener Kriegsteilnehmer wurden von der Gemeinde ehrenvoll empfangen, die an verschiedenen Stellen an den Ortseingängen Willkommenstore, mit Tannengrün geschmückt, aufgestellt hatte.

Die rote Fahne mußte bald der neuen schwarz-rot-goldenen Reichsflagge Platz machen. Alles verlief in bester Ordnung, dank des starken, früher so bekämpften Bergarbeiterverbandes. Hier machte sich die gegen Behördendruck geübte Disziplin dieser jahrelang organisierten Bergleute wohltuend bemerkbar.

Als Amtmann von Köckritz nach Rückkehr aus dem Kriege in Pension ging, wurde durch den Oberpräsidenten in Münster auf Vorschlag der Amtsversammlung und des Kreisausschusses der erste Beamte des Amtes Harpen, Max Ibing, zum Amtmann ernannt, nachdem er die Verwaltungsgeschäfte nach dem Eintritt von Köckritz in den Kriegsdienst zunächst als Beigeordneter geführt hatte.

Der Landratsposten blieb vorläufig durch den bisherigen Königlichen Landrat Karl Gerstein besetzt, der mit größtem Verständnis den Landkreis Bochum aus der königlichen Vergangenheit in die neue demokratische Zeit hinüberzuleiten verstand, was für die ruhige Entwicklung damals von größter Bedeutung war.

In Harpen begann nun wirklich ein Umbruch großen Stils. Mit einem gesunden Eifer und dennoch mit Vernunft ging man an die Reformen auf den verschiedensten öffentlichen Gebieten heran. Die stärkste Partei im Gemeinderat bildete die SPD, sonst gab es nur noch einige Vertreter der nach den Kriege errichteten Volkspartei, die sich aber auch bemühten, fortschrittlich und sozial mitzuarbeiten.

Aus der Armenpflege erwuchs die Wohlfahrtspflege. Die laufenden Unterstützungen erfuhren wesentliche Erhöhungen, Kinder und kranke Erwachsene wurden in Bäder geschickt, besonders nach Rothenfelde und Norderney, wo der Kreis jetzt eigene Häuser erwarb und mustergültig betrieb.

Die Klassenfrequenz in den Volksschulen wurde herabgesetzt

In allen Schulräumen wurden kunstvolle Bilder und Steinzeichnungen an Stelle der Kaiserbilder aufgehängt.

Die schlechten und qualmenden Zimmeröfen in den Schulen wurden durch neue Zentralheizungen ersetzt, und in jedes Schulgebäude wurde eine Hausmeisterwohnung eingebaut. Das Wort Schuldiener verschwand, und es hieß hinfort Hausmeister.

Unbemittelten Kindern lieferte man unentgeltlich Lernmittel, während für Unterrichts- und Lehrmittel bedeutende regelmäßige Aufwendungen gemacht wurden.

Die neugegründeten Elternbeiräte bildeten ein wertvolles Instrument für die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus.

Neben den konfessionellen Schulen wurde eine konfessionslose Sammelschule eingerichtet und ebenfalls weiter eine bergmännische Fortbildungsschule.

Wichtiger noch als diese Schulreform war das Problem der Wohnungsbeschaffung. Auch damals schon bestand Wohnungsmangel; die Bautätigkeit war in Harpen, und besonders während des Krieges, weit hinter dem wirklichen Bedarf zurückgeblieben.

Der Bauunternehmer Johann Gründer war der einzige, der den Baumarkt in Harpen lange Zeit durch eigene Initiative belebte und auf diesem Gebiete viel Tatkraft bewiesen hat.

Nach dem Kriege hatte sich in Essen eine Treuhandstelle für Bergmannssiedlungen gebildet, die von dem früheren Bochumer Stadtbaurat und jetzigen Professor Knipping geleitet wurde. Unter Benutzung seiner guten Beziehungen zu Herrn Knipping erreichte es Amtmann lbing, daß in Harpen die zweite Siedlung dieser Treuhandstelle an der Wodan-, Donarstraße und in den Böken errichtet wurde, und zwar als Eigenheime, nachdem die Gemeinde das betreffende Land durch Tausch und Kauf baureif zur Verfügung gestellt hatte.

Für schutzunwürdige Mieter wurden mehrere Häuser ebenfalls „In den Böcken" errichtet, die nur immer als Durchgangswohnungen gedacht waren. Es stellte sich aber heraus; daß aus dieser im Volksmund getauften „Son-nenburg" niemand wieder ausziehen wollte.

Mit der obigen Siedlung wurde auch die Wodanstraße neu erschlossen, ausgebaut und mit Kanalisation versehen. Die Hauptstraße in Harpen, der heutige Harpener Hellweg, erhielt die notwendigen Bürgersteige. Das wichtigste Straßenbauunternehmen aber bildete die Verbandsstraße O-W IV. Diese Straße mußte auf Veranlassung des Ruhr-Siedlungs-Verbandes von den einzelnen Gemeinden, die sie berührte, selbst durchgebaut werden. Die Aufwendungen wurden vom Ruhr-Siedlungs-Verband ersetzt.

Harpen kann sich rühmen, zuerst seinen, und zwar langen Teil, auf eigenem Gemeindegebiet fertiggestellt zu haben. Es hat nachher noch Jahre gedauert, bis die ganze Verbandsstraße Ost-West IV dem freien Durchgangsverkehr übergeben werden konnte.

Es machten sich zu Beginn der Arbeiten die ersten Anzeichen der einbrecheden großen Arbeitslosigkeit bemerkbar; da kam dieses Straßenprojekt wie gerufen. Der Amtmann wurde mit den Landbesitzern schnell einig; wodurch die Hauptschwierigkeit ausgeräumt war und ein lange dauerndes Enteignungsverfahren überflüssig wurde. Der Siedlungsverband bewilligte 35 RM für die Quadratrute Land, was im Anfang als zu hoch erschien; jedoch die Gemeinde Harpen konnte bei diesem guten Verlauf der Vorarbeiten sofort ihre ersten Arbeitslosen mit dieser produktiven Arbeit beschäftigen und den Wohlfahrtsetat damit entlasten.

Man sollte es kaum glauben, aber offizielle Straßennamen bestanden in Harpen bis 1918 noch nicht; sie sind erst nach 1919 eingeführt. Bis dahin hatten die Häuser nur eine Nummer der Reihe nach, wie sie gebaut waren, ganz gleich, wo sie lagen - geradeso wie in einem kleinen Dorfe des Sauerlandes. Das war für Briefträger und Fremde ein unangenehmer Zustand.

Während noch vor 1914 der Rest des Bockholtwaldes angekauft worden ist, ging man jetzt daran, ihn aufzuforsten und zu einem schönen Volkspark auszubauen.

Von diesem Walde schreibt Darpe in seiner Geschichte der Stadt Bochum:

„Die alten schönen Buchenwälder unweit der Stadt schwanden immer mehr. Der alte Bochum-Harpener Gemeindewald, das Bockholt, lichtete sich und der Sonnenstrahl traf nun die einst in dieses Waldes lauschigem Ort, am stillen Waldsee beim Quell der Blenne gelegene Wodanstätte, den den Heiden heiligen Bonenberg."

Von einem baum- und strauchlosen Waldstück wurde unter Einsetzung von Arbeitslosen ein mustergültiger Sportplatz geschaffen, der in jeder Beziehung den Forderungen des Spielverbandes entspricht und mit einem großen Spiel- und Jugendfest eingeweiht wurde. Dieser Platz dient seitdem auch dem Aufmarsch der Bochumer Maischützen und deren Empfang durch die Harpener Bevölkerung, nachdem das jahrelang getrübte Verhältnis der Maischützen mit den Harpenern endlich durch die gemeinsamen Bemühungen des Pastors Leich, Amtmanns Ibing und Stadtrats Stumpf wieder auf Freundschaftstouren gebracht war, und des zum äußeren Zeichen von dem Polizeiverwalter des Amtes Harpen die „Maischützenstraße" diesen Namen zugelegt bekam, und die Bochumer das Maischützendenkmal vom Stadtpark, das man in der kritischen Zeit von Harpen fortgeholt hatte, wieder nach dorthin zurückgaben. Ibing hat einmal gesagt: „Die Bochumer Maischützen haben die besten und festesten Eingemeindungsfäden gesponnen." Mit der Übernahme der Leitung der Maiabendgesellschaft durch Stadtrat Stumpf unter Beteiligung von angesehenen Bochumer Bürgern wie Richard Baltz, Hermann Hutmacher, Franz Biermann, Heinrich Cornelius, Heinrich Winkelmann, Rechtsanwalt Hünnebeck und andere hatte das Fest damals wieder ein höheres Niveau und in Harpen mit Hilfe des neuen Schützenvereins wieder Ansehen bekommen. Am Rande des schönen Volksparkes ist dann auch noch auf einer kleinen Insel ein Vogel-Schutzgehölz angelegt; zwei Parkwärter beaufsichtigen im Nebenberuf die ganze Anlage.

So hatte Harpen eine mustergültige, auf natürlicher Grundlage aufgebaute Volkserholungsstätte bekommen, die man weit und breit suchen konnte.

Schon waren neue Projekte in Angriff genommen.

Die evangelische Kirchengemeinde hatte vor 1914 ein eigenes großes Gemeindehaus am Harpener Hellweg begonnen. Der Rohbau stand fertig und verwitterte im Kriege; die Inflationszeit machte die Fertigstellung für die Kirchengemeinde ganz aussichtslos. Da erwarb die politische Gemeinde diesen angefangenen Bau und stellte ihn für ihre Zwecke fertig. Das war eine ungeheure Leistung.

Es wurde darin eine regelrechte Verwaltungsstelle eingerichtet, während sonst im alten, kleinen Gemeindehaus nur ein Meldeamt bestanden hatte. Neben einem großen Saale, der Festzwecken, Leibesübungen und Versammlungsaufgaben diente, liegen zwei kleinere Sitzungszimmer für die Gemeinderatssitzungen und Vereine. Eine Badeanstalt bot den Einwohnern Reinigungs- und auch Heilbäder. In der ersten Etage wurde ein Kreissäuglings- und Mütterheim hergerichtet, das sich der besonderen Fürsorge des neuen Landrats Stübmeyer erfreute und außergewöhnlich florierte.

Zur Verwaltungsstelle gesellte sich noch eine Einrichtung für Lungen- und Kleinkinderfürsorge sowie eine Volksbücherei.

Alles in allem ein Sozialhaus ersten Ranges, so gereicht der imposante Bau dem ganzen Orte zum Nutzen und zur Zierde.

Unermüdlich wurde in Harpen trotz Inflationszeit und politischer Wirren im Industriegebiet weitergeschafft, sogar während der Ruhrbesetzung durch die Franzosen, die auch in Harpen längere Zeit Quartiere bezogen hatten.

Jetzt wurde auch endlich dem Friedhofsstreit Beachtung geschenkt und kurz entschlossen im Anschluß an den evangelischen Friedhof an der Gerther Straße eine kommunale würdige Begräbnisstätte geschaffen. Es gelang, mit dem Elektrizitätswerk Westfalen einen Vertrag auf Lieferung von Gas abzuschließen, so daß von da an auch Harpen an das Gasversorgungsnetz angeschlossen werden konnte.

Das Feuerlöschwesen kam auf den erforderlichen Höchststand indem man eine elektrische Alarmsirene anlegte, einen Feuerwehrturm baute und die Freiwillige Feuerwehr mit modernen Geräten und neuer Dienstkleidung ausrüstete. Die Brandmeister Niederschulte, Gieseler und Jung haben sich sehr verdient gemacht.

Das Deutsche Rote Kreuz in Gerthe richtete in Harpen einen Sanitätszug ein, der sich bewährt hat

Mit besonderer Energie beteiligte sich Harpen am Konsortium für den Bau einer Bahn Bochum - Harpen - Gerthe - Castrop - Lünen - Münster. Es war der alte Traum, der schon lange Jahre vorher die Harpener Gemüter bewegte. Der Bürgermeister nahm die Interessen der Gemeinde in diesem Gremium wahr. Das Projekt hatte greifbare Gestalt angenommen, die vollständigen baureifen Pläne waren von dem Bahnspezialisten Hochschulprofessor Baurat Knipping, demselben von der Bergmanns-Treuhandgesellschaft, fertiggestellt worden. Die Genehmigung des Projektes wurde aber von der Reichsbahn hinausgeschoben, weil diese sich über die Lage des neuen Bochumer Zentralbahnhofes nicht schlüssig werden konnte.

Die nahe Erfüllung dieser Harpener Bahnwünsche ist in der Zeit des „Dritten Reiches" zustanden geworden.

Das kulturelle Leben wurde gefördert durch die Feierabendgemeinde Gerthe - Harpen , die hochstehende und volkstümliche Veranstaltungen durch Musik- und Gesangdarbietungen, Vorträge und Theaterspiele im neuen Gemeindesaale veranstaltete. Für diese stark besuchte Einrichtung leistete die politische Gemeinde entsprechende Zuschüsse. Diese Feierabendgemeinde war ein besonderes Steckenpferd des damaligen Amtsbeamten und heutigen Stadtrats Habbe. Sehr verdient gemacht hat sich auch der Männer-Gesangverein Germania, der 1926 sein 50jähriges Bestehen feiern konnte. Männer wie Wilhelm Steinhäuser, Dietrich Zimmermann, Wilhelm Degener müssen hierbei neben anderen besonders hervorgehoben werden.

Auffallend ist, wie viele schwerarbeitende Bergleute Generationen hindurch sich immer wieder mit der Musik beschäftigen und sich in kleineren Musikkapellen vereinigt haben gemäß dem Rufe des Heimatdichters Sohnrey:

Musik ins Dorf." Auf diesem Gebiete hat sich besonders die Kapelle von Willi Cremer bei allen möglichen Gelegenheiten bewährt.

Eine große Bedeutung im öffentlichen Leben haben auch noch andere Vereine gewonnen; wie: zwei Knappenvereine, Bergmanns-Unterstützungsverein, Ev. Arbeiterverein, Ev. Frauenhilfe, Kriegerverein, Schützenverein, Turnverein, Theaterverein. Alle diese haben auch dazu beigetragen, dem Harpener Milieu ihren Stempel aufzudrücken.

Am 19. April 1922 erlebte endlich die Diaspora der katholischen Gemeinde die Einweihung ihrer neuen Kirche, zunächst als Filialkirche von Gerthe, nachdem seit 5. April 1913 der Saal des Wirtes Wieschemann als Notkapelle gedient hatte. Pfarrer Sondermann (Gerthe) hatte sich mit seiner bekannten Energie dafür eingesetzt. Pfarrvikar Scharlewski von Stiepel war der geschickte Rentmeister und Kollektant für die Finanzierung der Kirche und des Pfarrhauses. Mit seltenem Elan wußte Scharlewski die Geldquellen zum Fließen zu bringen. In seinem Kollektenbuche stand auf dem ersten Blatte seine Photographie in der Uniform eines Militärpfarrers aus dem ersten Weltkriege, geschmückt mit dem E.K. I. Darunter stand geschrieben: „Pfarrvikar Scharlewski stieg aus dem sonnigen Stiepel in die Wüste Harpen hinunter." Dieser Mann hatte Humor und Erfolg. Er soll später noch andere Kirchbauten zustande gebracht haben. An dem Bau der Kirche haben auch die katholischen Bürger in Harpen tatkräftigen Arbeitsdienst geleistet

Zur Zeit verwaltet der Pfarrvikar Konrad Schäfer seit 1941 diese Pfarrstelle. Bei all diesen großen Bemühungen um den Ausbau der politischen Gemeinde stand diese fast ununterbrochen in Abwehrkämpfen gegen Eingemeindungswünsche der Stadt Bochum. Zweimal wurden diese massiven Angriffe mit Erfolg abgeschlagen, zweimal entging Harpen dem Schicksal anderer Gemeinden wie Altenbochum, Riemke, Hordel, Weitmar.

Bei der zweiten Abwehr war Harpen sogar zum Gegenangriff übergegangen und hatte in aller Stille bei den zuständigen Berliner Stellen und Landtagsabgeordneten erreicht, daß bei der Eingemeindung von Altenbochum nach Bochum der Rest der Zeche Caroline, von dem schon vorher gesprochen ist, und die ganze Zeche Prinz von Preußen nicht mit zu Bochum kamen, sondern nach Harpen zur Muttergemeinde der Harpener Bergbau AG. geschlagen wurde, ein deutlicher Beweis des guten Einvernehmens zwischen der Harpener Gemeinde- und Amtsverwaltung und der Bergbaugesellschaft, die dabei mitgeholfen hatte!

Zum Glück waren alle bisher geschilderten öffentlichen Einrichtungen unter Dach und Fach gebracht, als die schweren Jahre der großen Arbeitslosigkeit mit aller Grausamkeit sich auf das Land legten.

Die Finanzen waren zwar geordnet, aber die trostlose Zeit machte sich doch sehr lähmend bei den Verwaltungen bemerkbar und so auch im Harpener Gemeindehaushalt.

Es ging ein allgemeiner Wille durch Behördenstuben und Fachkreisen nach Erfindung neuer Mittel zur Überwindung dieser Krise. So wurden auch Zusammenlegungen von Verwaltungsgebieten zwecks Vereinfachung und zu Ersparnissen empfohlen. Von Berlin aus wurde die Tendenz der Verschmelzung von Gemeinden, Städten und Kreisen immer stärker vertreten, und wie man ja bei uns gesehen hatte, auch kräftig forciert. So näherte man sich auch im Amte Harpen dem Gedanken der Vereinigung der beiden Gemeinden Gerthe und Harpen zu einer einzigen Groß-Gemeinde, analog den Vorbildern von Castrop-Rauxel, Wanne-Eickel, Linden-Dahlhausen usw.

Die Ehe zwischen Gerthe und Hiltrop war z. B. seit 1907 ganz harmonisch verlaufen. Diese Gedanken schlugen Wurzeln, und e i n s t im m i g faßten beide Gemeinden Gerthe und Harpen den Beschluß, die Verschmelzung zu einer einzigen Groß-Gemeinde von rund 25 000 Einwohnern im Jahre 1926 zu vollziehen. Mitbestimmend neben der Sparmaßnahme war dabei auch noch die Überlegung, daß solche Großgebilde eine bedeutendere Verwaltungsselbständigkeit und Geltung besaßen als Orte unter 10 000 Einwohnern. Der letzte Gemeinde-vorsteher von Harpen war der Kaufmann Fritz Stute aus Kornharpen, ein kluger, gerechtdenkender und ausgleichender Mann.

Die neue Gemeinde sollte den Namen Gerthe - Harpen tragen - so war es vertraglich vorgesehen. Bis dahin war man ganz einmütig. In Berlin aber hatte man keinen Geschmack mehr an Doppelnamen und dekretierte einfach in der gesetzlichen Verordnung den Namen „ Gerthe" für die zusammengelegten beiden Orte. Trotzdem hielten die neu gewählte Vertretung der Gesamt-Gemeinde und die Amtsverwaltung an der Bezeichnung Gerthe - Harpen im amtlichen Verkehrfest. Der Postverwaltung Gerte jedoch war es vorbehalten, den ersten ernstlichen Riß in diesem jungen Gebilde zu verursachen, indem sie den Harpener Bezirk mit „Gerte II" postalisch kennzeichnete. Der bekannte Stammtisch in Harpen begann zu rumoren und seine revolutionären Kreise zu schlagen. Die vorgeschriebenen Ortstafeln an den Eingängen des Bezirkes wurden natürlicherweise wiederholt zertrümmert. Nur langsam kam Ruhe in diese aufgeregte Zeit.

Es gibt heute noch Leute in Harpen, die großsprecherisch an der Fälschung festhalten, daß die Zusammenlegung der beiden Gemeinden zwangsweise von Gerthe mit Hilfe der Staatsregierung betrieben sei. Sie halten lieber an ihrer Autosuggestion fest, als sich endlich urkundlich davon überzeugen zu lassen, daß die Vereinigung ohne jeden Zwang von allen Harpener Gemeindevertretern einstimmig beschlossen ist, weil diese jedenfalls am besten wußten, was die Stunde damals geschlagen hatte und wie man ihrer Gemeinde in der kritischen Zeit am vorteilhaftesten dienen konnte.

Zum Bürgermeister der neuen Groß-Gemeinde hatte man einstimmig den Bürgermeister Ibing wiedergewählt, Gemeinde-Vorsteher wurde der Zechen-Inspektor Heinrich Schulte.

Und immer wieder brandete die Eingemeindungsflut von Bochum an die Küste unserer so fest und wohlfundierten, blühenden Groß-Gemeinde.


Die beste Zeit mußte vertan werden mit Abwehrkämpfen, da einstimmig der Wille bestand, unter allen Umständen selbständig im selbständigen Landkreise Bochum zu bleiben. Aber es raste der See und wollte seine Opfer haben. In Berlin setzte sich der Landhunger der Großstädte des Rheinisch-Westfälischen Kohlenreviers durch, und die Kreisverwaltungen mußten allgemein als angeblich unzeitgemäß im Ruhrgebiet verschwinden. Der Siegeslauf der Industrie hatte eine ewige Unruhe in der kommunalpolitischen Entwicklung des Ruhrbezirks im Gefolge.
„Wenn der Mantel fällt, muß der Herzog nach!"

Mit dem Verschwinden der Landräte war auch das Dasein der Landgemeinden zu Ende. Kreisfreie neue kleinere Städte wollte man nicht mehr.

Harpen wird Bochumer Stadtteil

Am 1. August 1929 ging, wie der ganze Landkreis Bochum, auch die Großgemeinde Gerthe - Harpen endgültig in der neuen Großstadt Bochum unter.

Zentralisation war seitdem die große Parole. Das gesunde Mitarbeiten aller Bevölkerungskreise durch ihre Parteivertreter, wie es sich seit 1919 in echt demokratischer Weise so günstig für den Ort erwiesen, war vorbei, nachdem den bisherigen Gemeinde-Vertretern doch eben die engere Heimat so sehr am Herzen gelegen hatte.

Aber das Notwendigste war inzwischen auch getan.

Die neuen Verhältnisse machten sich im besonderen Maße im kulturellen Leben bemerkbar, das völlig zum Erliegen kam. Das Kreiskinderheim wurde aufgelöst.

Seit dieser Eingemeindung kann nur ein besonderes Ereignis vermerkt werden, nämlich, daß zwei große Siedlungen ins Ortsbild hineingestellt wurden. 1933/34 wuchs im Kamperholz die Siedlung der Kinderreichen aus schlechtem, fast brachliegendem Boden heraus, gefördert durch die Bergmanns-Siedlung in Essen, und „Auf dem Knust" erstand auf ehemals bestem Weizenlande eine kleine Siedlerstadt für sich, begonnen schon 1928 vor der Eingemeindung vom Bauunternehmer Johann Gründer, fortgesetzt 1930-1931- 1932 von der Westfälischen Heimstätte der Provinz Westfalen. Unter ihrem tatkräftigen Vorsitzenden Alfred Tocco, unterstützt von guten Vorstandsmitgliedern, ist hier eine wahre mustergültige Volksgemeinschaft am Werke rund um die Stellen, auf denen Pastor Leich seine bedeutsamen Funde aus der Steinzeit machte, woran seit 1947 der Steinzeitweg erinnern soll. Ein zweiter Weg in dieser Muster-Siedlung ist 1947 auf meine Veranlassung dem alten Sozialistenführer und ehemaligen Gemeindevorsteher Konrad Horn zu Ehren benannt.

Wenn diejenigen Gemeindeväter das alles noch erlebten, die einmal sagten:

„Wi wöt für us bliven!"

Der aufkommende Nationalsozialismus schlug natürlich auch nach Harpen seine Wellen und sogar ziemlich kräftig durch den mehrgenannten Harpener Lehrer, Reichsredner und Geschichtsschreiber des Gaues Westfalen-Süd. Aber die kommunale Entwicklung in Harpen stagnierte in der ganzen Zeit seit 1933, abgesehen von den beiden oben erwähnten Siedlungen, an denen die Nationalsozialisten allerdings unschuldig sind. Unter der Herrschaft des „Dritten Reiches" wurden auch in Harpen die konfessionellen Schulen beseitigt und in Einheitsschulen umgewandelt

Ein besonderes Ereignis für den Ort bildete die Einebnung des sogenannten Kohleppels Teiches am Lütkendorpweg, der jahrzehntelang gute und schlechte Dienste geleistet hatte und von reinem Quellwasser aus den Kornharpener Feldern gespeist wurde. Im Herbst und Frühjahr bemerkte man oft an seinen Ufern das Ausruhen von Zugvögeln aller Art.

Harpen im zweiten Weltkrieg 1939/45

Der zweite Weltkrieg zog das ganze Leben in den Bann des Krieges und der Partei. Die Kirchen durften in diesem Kriege den Soldaten nichts mehr schicken, und die Stadt tat es auch nicht.

Öffentliche Luftschutzbunker wurden nicht errichtet Die Bevölkerung, und besonders die in den leichtgebauten Siedlungshäusern, war hilflos allen Fliegerangriffen ausgesetzt, die sich im letzten Kriegsjahre in zunehmendem Maße auch in Harpen bemerkbar machten. Die Verbandsstraße war ständig Beunruhigungsobjekt für feindliche Tiefflieger (Jabos). Die über Harpener Gebiet abgeworfenen Spreng- und Brandbomben sind nicht zu zählen, trafen aber meistens ins Ackerland, das von tiefen Trichtern übersät war, die alle unter großen Kosten und Mühen von den Bauern selbst wieder aufgefüllt werden mußten. Neben vielen Wohnhäusern sind auch die drei schönen alten Bauernhöfe von Nierhoff, Wilhelm Becker und Erich Schulte im letzten Augenblick noch den Bomben zum Opfer gefallen. Der letzte große Fliegerangriff am 24 . März 1945, der der Benzinanlage der Zeche Amalia galt, brachte auch Harpen zwar noch viel Unheil, es ist jedoch in der großen Hauptsache bewahrt und erhalten geblieben, auch wohl infolge seiner weiten Feldfluren.

In verschiedenen dafür geeigneten Ackerstücken hatte die deutsche Flak ihre Batterien und Scheinwerfer aufgebaut, daher auch wohl die vielen Abwürfe über diesen Gebietsflächen.

Als die amerikanischen Geschütze schon den Harpenern aus der Gegend von Aachen und vom Rheine her in den Ohren dröhnten, begann der Ortsgruppenleiter noch mit dem Bau von Panzersperren in dem Wahne, damit seinen Ortsbezirk verteidigen zu können. Es muß festgelegt werden für spätere Zeiten: Er ließ im Bockholtwalde schönste Buchenbäume fällen, und zwar in ein Meter Höhe über der Erde, um daraus seine Panzer-Barrikaden zu errichten! - Nur mit Mühe ist es gelungen, diesem unsinnigen Tun Einhalt zu gebieten.

Unter britischer Militärhoheit

Die Einnahme des Stadtteils Harpen geschah am 11. April 1945 durch amerikanische Soldaten. Ein Teil der Flak-Kasernen bevölkerte sich mit polnischen und russischen Zivilarbeitern, die frei geworden waren und von da an Schrecken über die ganze Umgegend verbreiteten. Totschlag, Vergewaltigungen, Raub, Diebstahl, Körperverletzungen waren an der Tages- und Nachtordnung.

Schauerlich hallten regelmäßig die Schreie der überfallenen Hausbewohner durch die Nächte, und Schüsse der Angreifer aus Pistolen und Gewehren und das Bersten der Handgranaten zeigten den Beginn der Überfälle an. Aber die Harpener standen zusammen, wie kaum anderswo. Zwar ließ sich nicht immer verhindern, daß man den Bauern und selbst armen Leuten das Vieh aus dem Stalle holte, daß man den guten, alten Landwirt und Gärtner Dreyer in Kornharpen erschlug und durchs Fenster warf, aber man alarmierte mit allen erdenklichen Radau-Instrumenten die ganze Einwohnerschaft, die zusammenlief und ohne Furcht zur Verhütung des Schlimmsten in Abwehr-Stellung ging.

Das waren schwere Monate, fast schlimmer noch als die Bombenüberfälle der Kriegszeit, bis endlich diese fremden Männer in ihre Heimat abtransportiert werden konnten.

Da waren die Entlassung und der Rücktransport der Kriegsgefangenen im Jahre 1918 aber ohne Zwischenfälle und ohne jede Vergeltung erfolgt.

Wenn in Harpen die allgemeine Not der Entbehrungen nach dem Kriege sich nicht so stark auf jeden legte, so ist das dem Umstande zuzuschreiben, daß in Harpen von jeher ein jeder Bergmann sein Gartenland und Vieh hatte und eifrig nach der Arbeit seine freie Zeit noch dazu benutzte, ein kleiner Selbstversorger zu werden. Es sind fleißige Leute, die Harpener Menschen, auch die neuen Siedler mit ihren großen Gärten. Als der Verfasser sich bei einem Besuche dieser Siedlungen über das viele und gutgeratene Obst wunderte und besorgt fragte, ob dieses denn nicht der Gefahr des Diebstahls ausgesetzt sei, wurde ihm geantwortet: „Hier hat jeder Siedler selbst genug davon, und keiner braucht in anderer Leute Gärten zu gehen."

Bei der Wahl der Stadtverordneten für die Stadt ist auch ein Mandat auf ein Mitglied von Harpen gefallen, und zwar auf die Stadtverordnete Frau Erna Herchenröder-Lohmann, die sich nun wieder eifrig für die Belange ihres alten, lieben Heimatortes einsetzt. Möge ihrem guten Willen in dem großen Parlamente Erfolg beschieden sein! - Eines tüchtigen Bergmannes, eines echten Harpener Jungen, sei an dieser Stelle auch noch gedacht, es ist der oberste Beamte des Oberbergamtsbezirks Dortmund, der bis 1949 jahrzehntelang diese bedeutungsvolle Stelle innehatte - der Berghauptmann Fritz Nolte aus Harpen. Eine Frau aus Harpen, die Tochter des verstorbenen Pastor Dieckerhoff, jetzt Frau Dr. Rehling, ist Mitglied des Europarates und des Bundestages.

Infolge der grauenhaften Zerstörungen durch den Bombenkrieg in der Altstadt hat auch der Stadtteil Harpen starken Zuzug bekommen; Vertriebene aus dem Osten sind ebenfalls untergebracht worden. So ist es in allen anderen Stadtteilen der Fall, weshalb die Stadtverwaltung diesen veränderten Zuständen insofern Rechnung getragen hat, als die in der Nazizeit übertriebene Zentralisation der Verwaltung weitgehendst gelockert und die einzelnen Verwaltungsstellen mit größeren Befugnissen betraut sind. Damit ist vorläufig ein starker Grund des ewigen Unwillens in der Bevölkerung seit der Eingemeindung wegen der zeitraubenden und kostspieligen Fahrten zum Rathause endlich beseitigt. Ich hege mit den Harpenern die feste Zuversicht, daß im neuen demokratischen Zeitalter die Stadtverwaltung immer mehr den Belangen dieser eingemeindeten Stadtteile Rechnung trägt und damit das drückende Gefühl dieser Bewohner, Bürger zweiter Klasse zu sein, zum Verschwinden bringt.

Von einem gesunden Aufbauwillen zeugt auch das Wiederersteben der Bauernhäuser Erich Schulte und Wilhelm Becker in zeitgemäßem, solidem, wohlgelungenem Baustile. Mit der Fortsetzung der Siedlung „Auf dem Knust" hat man 1948 einen erfreulichen Anfang gemacht. Nach Beendigung des Krieges sind sogleich wieder die konfessionellen Schulen‚ die 1939 beseitigt waren, ins Leben gerufen, daneben eine christliche Gemeinschaftsschule. Die Maischützen halten seit 1948 auch wieder ihren traditionellen Einzug in Harpen, und zwar in immer größer werdendem Umfange.

Schlußbetrachtungen

Wenn in früheren Zeiten ein Harpener von Hause fort gewesen war, zu Fuß den langen Weg von der Bahn zurückgepilgert und von weitem den Kirchturm seines Dorfes erblickte, dann freute er sich genau so wie ein Hamburger Seemann auf der Elbe, wenn der „Große Michel"  (Michaeliskirche) in Sicht kam. „So, nun bin ich weit genug", dachte er dann erleichtert.

Das war einmal! Kaum einer kommt noch zu Fuß zurück ins Heimatdorf, und kein Kirchturm ist ihm und den vorbeisausenden Autos heute mehr Richtweiser und Kennzeichen für den Ort. Ein selten schwerer Orkan hat am 14. November 1940 dieses Harpener Wahrzeichen einfach wie mit einer Handbewegung fortgefegt - heute im Anblick der vielen Kirchenruinen im ganzen Lande eine Bagatelle, damals für Harpen ein großer Schmerz. Pfarrer Leich mußte diese Katastrophe selbst mit ansehen. Mit dem Verluste dieses Turmwegweisers verloren bald darauf am 1. 12. 1942 die Harpener evangelischen Christen auch den treuen Wegweiser ihrer Seelen, ihren besten Freund und Kenner der Gemeinde, ihren langjährigen Pfarrer, indem dieser nach seiner Pensionierung vom Superintendenten veranlaßt wurde, seine Wohnung nach Bochum-Laer zu verlegen und sein liebgewordenes Harpener Arbeitsfeld zu verlassen. Unter den Bochumer Pfarrern ist wohl keiner, der dieser Stadt soviel an geschichtlichen Werten gegeben hat, wie unser Heimatfreund Karl Leich. Seine ganze Anhänglichkeit und Verbundenheit mit Harpen leuchtete aus seinem, die Zuhörer tiefergreifenden Vorfrage hervor, den er in seiner traulichen Kirche der Vereinigung für Heimatkunde aus Anlaß deren 25jährigen Jubiläumsfeier hielt. In 50 Jahren fanden Bergleute keinen warmherzigeren Interpreten ihres schweren, doch wertvollen Daseins - und die Heimat keinen besseren Freund!

Vieltausend Jahre der Vergangenheit vermochten nicht, in das Buch der Gemeinde Harpen soviel einzutragen wie diese letzten 50 Jahre! Vorgeschichte ist an unserem Geiste vorbeigezogen, und Frühgeschichtszeit ist durch die Spatenforschung ans Tageslicht gerückt, das Mittelalter hat die Kirche erstehen lassen, Maischützen haben mehr als 500 Jahre hindurch den Maibaum geholt, fremde Kriegsvölker sind den Harpener Hellweg entlanggezogen - aber erst das letzte halbe Jahrhundert hat an der Struktur des Ortsbildes und dieser Menschen so bedeutend gearbeitet, während vorher Harpen eines jener schönen Dörfer war, in dem Jahrhunderte den Atem angehalten hatten.

Welche Wandlung in dieser kurzen Zeitspanne!

In Erinnerung sehen wir noch um 1900 die alten Harpener Bauern selbst den Pflug in harter Hand durch Urväterboden führen, wir hören den Bergmann noch von Schlägel und Eisen, vom Fäustel, Grubenpferd, Pferde-jungen, vom großen Grubenunglück auf Caroline und von ihrem Betriebsführer „Zorn" erzählen.

Heute zieht knatternd der Trecker, geführt von einem Knechte, die Ackerfurchen; Straßenbahnen und Kraftfahrzeuge regeln den Verkehr auf den einstmals stillen Dorfstraßen; Bohrhämmer und Schüttelrutschen durchzittern Muskeln, Ohren und Nerven der Männer im Schachte; elektrische Transportbahnen verdrängten Grubenpferd und seinen Treiber!

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Zum Schluß möge noch die Statistik über die Einwohnerzahlen die Situation erläutern: 1817 = 350, 1850 = 660, 1870 = 1300, 1880 = 1531, 1900 = 3920, 1929 = 5771 (Jahr der Eingemeindung), 1950 7511. Wenn diese Zahlen zwar nicht den geringsten Vergleich aushalten mit dem bekannten, außergewöhnlichen Wachsen anderer Industrieorte im Ruhrgebiet wie z. B. aller Nachbargemeinden, so ergeben aber auch sie ein Spiegelbild von der überragenden Bedeutung der letzten 50 Jahre im Leben dieses uralten Stadtteiles Bochum-Harpen.

Keine Fabriken noch Zechenanlagen stören bis heute den geschlossenen ländlichen Charakter als eines gesunden, schönen Wohngebietes im Verbande der großen Stadt Bochum, und die bauliche Entwicklung in Harpen rechtfertigt allein schon die vollzogene Eingemeindung.

Unterdessen bauen im Schatten und Schutz der katholischen Kirche tatkräftige und glaubensstarke Arbeitsleute, durchdrungen von einem gesunden Gemeinschaftsgeiste, an einem neuen Halbjahrhundert, an der ersten „Katholikentag-Siedlergemeinde". Zugleich schießen „Auf dem Knust" immerzu weitere mustergültige Eigenheime aus dem Boden hervor, der schon vor 4000 Jahren von vorgeschichtlichen Jägern und Bauern un-bekannter Stämme, später von germanischen Völkern, besiedelt war.