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Denkmäler der Eiszeit in der Bochumer Landschaft

Dr. F. Esser

Den letzten Abschnitt der erdgeschichtlichen Vergangenheit Westfalens, der um ein Dreißig- bis Hundertfaches unserer Zeitrechnung und darüber zurückliegen mag, kennzeichnet als „Diluvium " (=Ueberschwemmung) oder „Eiszeit" die Ausbreitung hochnordischer Gletschermassive (Skandinavien, Norwegen, Schweden, Finnland) nach Süden, die am Ende auch ganz Norddeutschland bis tief in die nordwärts sich öffnenden Täler des deutschen Mittelgebirges hinein als eine zusammenhängende, kilometerdicke Binneneisdecke nach grönländischem Muster überlagerten. Nur wenige Bergspitzen Norddeutschlands ragten damals aus dem weißen, blaugespaltenen Eismeere heraus, das sich ständig erneuerte aus seinen nordischen Quellen und aus ewig winterlicher Höhe, die nur Schnee und Hagel erzeugen konnte.

Für die dem modernen Ruhrstädter wunderliche Tatsache, daß diese große Heimsuchung urweltlichen Frostes auch noch die Landschaft an der Ruhr betraf, haben die Eiströme selbst Erkennungsmarken der verschiedensten Typen und Prägungen hinterlassen.

Solche Daseinsbeweisstücke, und damit wertvolle Naturdenkmäler des Werdens unserer Landschaft, sind in erster Linie jene merkwürdigen Steine, die der Volksmund „Findlinge", die Wissenschaft „erratische (verirrte) Blöcke" oder „Nordisches Geschiebe" nennt.

„Findlinge" nennt man sie, weil von der Brust,

Der mütterlichen, sie gerissen sind,

In fremde Wiege, schlummernd unbewußt

Die fremde Hand sie legt wie´s Findelkind."

(Annette von Droste-Hülshoff:

„Mergelgrube".)

Diese kopfgroßen bis viele Zentner schweren, in bezug auf Härte, Farbe und Zusammensetzung fremdartigen Steine, „blau, gelb, zinnoberrot, als ob zur Gant Natur die Trödelbude aufgeschlagen", findet man „am Tage" oder in Lehm, Sand und Kies eingebettet in der norddeutschen Tiefebene verhältnismäßig häufig, weniger alltäglich sind sie in Westfalen, und in der Bochumer Landschaft gehören sie schon zu den Seltenheiten.

Ein Teil dieser geologischen Naturdenkmäler hat bereits eine geschützte Aufstellung gefunden, andere lassen sich oft nur unter Schwierigkeiten an ihrer ursprünglichen Lagerstätte aufsuchen. Verwitterung und Industrierauch haben die frische Farbigkeit der nordischen Fremdlinge in ein unansehnliches, eintöniges Grau oder Schwarz verwandelt.

Aus der Düngergrube des Hofes „tom Brun (braunen) -stene" in Wiemelhausen hat die Naturdenkmalpflege einen ansehnlichen, roten Granitfindling gerettet, der heute vor der Bergschule in mustergültiger Weise aufgestellt ist und selbst seine „jüngste" Geschichte auf einer an ihm angebrachten Tafel berichtet:

„Dieser erratische Block, dessen schon in Urkunden des 14. Jahrhunderts gedacht wird, ist von Frau Wwe. Rottmann, der zeitigen Besitzerin des Brunsteinhofes, dem der Granitfindling den Namen verliehen hat, der Bergschule in Bochum überwiesen am 18. Dez. 1901."

Bemerkenswert sind auch die beiden vor der Turnhalle der Goethe-Oberrealschule liegenden nordischen Blöcke („Die Zwillinge"), die vor etwa 20 Jahren bei dem Bau eines Hauses an der Kurfürstenstraße am Stadtpark aus dem Lehm ausgeschachtet wurden, weiter der große, efeuumrankte Granit am Ufer des Stadtparkteiches (neuer Teil ) und ein stattlicher Rundblock vor dem Hause Nr. 21 an der Gudrunstraße.

Außerhalb des engeren Stadtbezirkes befindet sich ein kleines Freiluftmuseum erratischer Blöcke jeglichen Kalibers (27 Stück) bei den großen Eichen im Park e des „Hauses Weitmar". Das Hauptstück unter ihnen (Syenit) hat eine Länge von über 2 m, ungefähr dieselbe Breite und eine Höhe von 1,5 m.

Ein mineralogisches Rätsel ist ein etwa 20 Zentner schweres steinernes Findelkind echt nordischer Rasse, das vor längerer Zeit in der großen, an der Eisenbahnstrecke Bochum-Nord-Weitmar, nordwestlich von der Kirche Altenbochum liegenden Ziegelei in etwa 3 m Höhe über ihrem heutigen Niveau „aus Lehm geboren" wurde und zur Zeit am Ringofen die wenig rühmliche und den Naturschutz herausfordernde Rolle eines Prellsteines spielt. Dieser „Schwarzstein" ist nicht nur wegen seiner Größe (1m: 1m : 0,8 m) eine Seltenheit, sondern besonders wegen der eigenartigen, überaus harten, schwarzgrünlichen Masse, aus der er besteht, und deren Zusammensetzung und Herkunft bisher noch nicht ermittelt worden sind.

Eine Fundgrube reichlichen nordischen Geschiebematerials war von jeher der ausgedehnte Sandbezirk am Langendreerer Holz. Aus der Fülle der bisherigen Funde sind in rechter Weise der Nachwelt überliefert worden die wenigen, mäßig großen Geschiebestücke vor dem Märkischen Museum in Witten.

Von hier stammt auch der jüngste Sproß der Bochumer Findlingsgesellschaft, ein etwa 20 Zentner schwerer und ungefähr 1m : 0,9 m: 0,6 m großer, rötlicher Granitblock (Uland-Rapakiwi), der in letzter Zeit den Abbau in der großen Sandgrube bei Krengeldanz (Ecke Hörder-Langendreerer Straße) gefährdete und kürzlich in das Vorgelände der mächtigen Abstrichwand abgestürzt ist. Er befindet sich jetzt im Hofe des Bochumer Heimatmuseums (Haus Rechen).

Bemerkenswert wegen seiner Größe (2,30 m : 1,80 m : 1,80 m), besonders auch wegen seiner würdigen Aufstellung als „Denkmal" an der Krampenhofecke in Linden-Dahlhausen ist der „Krampenstein", ein Gneisblick, der ursprünglich auf dem vor einiger Zeit durch Feuer zerstörten „Sattelhof" oder „Krampenhof" lag.

An den landfremden Riesensteinen nahmen in grauer Vorzeit (bes. i. d. jüng. Steinzeit) die „ersten Menschen" der hiesigen Gegend ein besonders Interesse, nicht minder auch unsere altgermanischen Vorfahren, insofern sie geeignete Exemplare als Grab- und Opfersteine verwandten („Opfersteine", „Altarsteine", „Gottessteine", „Hünensteine"). Man glaubt, charakteristische Vertiefungen auf manchen Findlingen als Abflußrinnen für das Blut der auf ihnen geschlachteten Opfer (Tiere, Kriegsgefangene) deuten zu müssen.

Ein Denkmal dieses germanischen Götterdienstes ist der Ueberlieferung nach der berühmte „Horkenstein" („Horkosstein", „Herchenstein"), ein riesiger, mehrere hundert Zentner schwerer Ruhrsandsteinblock von etwa 4 m Länge, 1 m Breite und 1,5 m Höhe. Er lag ursprünglich auf dem Groten (d. h. des großen Wotans) Berge" unweit des Dorfes Linden an dem Fußwege zwischen Dahlhausen und Hattingen, gegenüber dem Dorfe Niederwenigern. Nach einer hübschen Sage soll er auf recht höllische Weise dorthin geraten sein. In der Literatur wird er zuerst erwähnt und beschrieben im Anfange des 18. Jahrhunderts. Der Volksaberglaube hat ihm eine Spukgestalt angedichtet, die sich in seiner Umgebung, den „Wihekeln" („geweihte Eichen"), nachts zu zeigen pflegte, so lange er noch an seiner ursprünglichen Lagerstätte lag. 1876 wurde der etwa 400 Zentner schwere Steinkoloß von dem damaligen Besitzer (Holzhändler und Gastwirt H. Eggemann) dem Hattinger Amtmann Schuhmacher geschenkt, der ihn auf eigene Kosten auf Schlitten vor das Amtshaus in Winz bringen ließ. An dem mächtigen Sandsteine ist deutlich eine roh ausgeschlagene Einkerbung, vermutlich die „B l u t r i n n e", zu erkennen. Aus ihr floß der Sage nach das Blut der aus der Barusschlacht flüchtenden Römer vom Horkenstein herunter in das „Haimbeckes-Siepen", das auf der Höhe von Linden anfängt und ruhrwärts geht.

Eine ähnliche, als „Blutrinne" gedeutete Kerbe weist der „Opferstein" bei Stiepel auf, der rechts an der in der Nähe der Wirtschaft Hasenkamp ruhrwärts sich neigenden Straße im Acker liegt.

Die Landbevölkerung der norddeutschen Tiefebene hat die in ihren Fluren verstreuten Nordlandsgesteine („Feldsteine") reich mit dem Zauber des Ueberirdischen und Geheimnisvollen bekleidet. In der Fülle recht phantastisch-bunter Volkssagen und Schauermären treiben der Teufel (wie mit dem Korkenstein), der wilde Jäger ,Wotan und sein Getier , Riesen (Hünen), Hexen , Zwerge und was sonst in der Spinnstubenromantik noch eine Rolle hat, mit, an und unter den fremden Blöcken ihr Unwesen oder Spiel. Namentlich haben sich auch die Schatzgräber von jeher ihrer gerne angenommen.

Im Geruche des Uebermenschlichen steht bekanntlich der „groute Kiesel ink van dän Kärlop den Tieppelsberg", den ein auf dem Tippelsberg in Bochum-Riemke hausender Riese beim Abschluß einer stürmischen Auseinandersetzung über das Brotbacken als letztes Beweisstück gegen seinen auf dem Mechtenberg zwischen Steele und Gelsenkirchen hausenden Widersacher geschleudert haben soll und der, sein Ziel verfehlend, am Dorfteiche zu Ueckendorf niederfiel. Der mäßig große Granitblock (Biotitgranit aus Smaland) ist heute eine Merkwürdigkeit im Südparke zu Ueckendorf, am Ufer des Teiches, dessen Wasser vor einiger Zeit auf unterirdischen Wegen abgeflossen ist. In der Nähe ist ein zweiter, rötlicher nordischer Block aufgestellt, der ungefähr die Größe des „Kieselinks" hat (1 m : 0,7 m : 0,8 m, Hornblendegranit vom Alandtypus).

Von allen Steinungetümen, die einst über den Mutterboden Bochums gewandert sind, hat sich am weitesten von seiner nordischen Heimat verirrt der „Isenstein", ein gewaltiger Granitblock (1,8 m : 1,5 m : 1m), der jenseits der Ruhr in der Nähe der Eisenbahnstrecke Hattingen-Niederwenigern in einer bei der Wirtschaft Neuhaus (Winz) ausgehenden idyllischen Waldschlucht liegt. Der 80-100 Zentner schwere, gut erhaltene Block verdient wegen seiner Lagerstätte jenseits der Ruhr das höchste Interesse der Heimatschutzbewegung und der Naturdenkmalpflege, da er leider ungeschützt vor Naturgewalt und Menschenwitz liegt. Nur die hohen Transportkosten sollen es vor einiger Zeit verhindert haben, daß er zu einem Kriegerdenkmal für eine in der Nähe liegende Ortschaft verschleppt und verarbeitet wurde.

Leider sind viele größere und kleinere Findlinge der Bochumer Landschaft, die in der geologischen kulturgeschichtlichen Literatur des vorigen Jahrhunderts erwähnt und beschrieben worden sind, zu Grab- und Denkmälern verarbeitet, als Prell- und Grenzsteine eingegraben und sogar zum Straßenbau gesprengt worden.

Noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts befand sich „im Oestern", unweit des Wanner Bahnhofes, ein „Hünenstein", den Altertumsfreunde für einen Altarstein hielten.

Nicht mehr auffindbar war schon vor 50 Jahren ein anderer „Opferstein", der noch 1790 in einem Haine bei Buscheis Hofe an dem Wege nach Herbede lag.

Verschollen ist auch ein merkwürdiger Stein, den i. A. des vorigen Jahrh. Der Pastor Petersen in seinem Kirchspiel Weitmar vorfand und beschrieb.

Verschleppt sind viele nordische Blöcke zwischen Bochum-Nord und Zeche „Prinz von Preußen", ferner zahlreiche Findlinge zwischen Herbede und Dahlhausen und in der Umgebung von Steinenhaus beim Bahnhof Blankenstein.

Zahlreich waren einmal erratische Blöcke im Gelände der Zechen „Julius-Philipp", „Hasenwinkel" bei Dahlhausen und „Vollmond".

Die vorstehende Zusammenstellung erratischer Blöcke in der Bochumer Landschaft macht keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist anzunehmen, daß manche der verlorenen Stücke in Museen, Parkanlagen, Friedhöfen, Schulen u. s. w. verschleppt worden sind. Solche Fund sind weniger wertvoll, weil in der Regel jede Kunde von ihrer ursprünglichen Lagerstätte fehlt.

Die moderne Sachlichkeit ermittelt unschwer mit Hilfe von Mikroskop, chemischen Untersuchungsmethoden und  an Hand von Vergleichstücken die mineralogische und chemische Zusammensetzung der steinernen Gäste und die Gegend, wo der Fels, aus dem sie bestehen, „gewachsen" ist. An der frischen Bruchfläche kleiner finger- bis handgroßer, von den Blöcken abgetrennter „Handstücke" vermag auch der Laie die bunte und formenreiche Mosaikarbeit der Natur aus kleinen und großen Kristallen von weißem oder grauem Quarz, weißem, gelblichem oder rötlichem vierschrötigen Feldspat, schwärzlich-grünen Hornblende prismen und -nadeln, ähnlich getönten Augit körnern, schwarzblinkendem Magnesiaglimmer (Biotit), silberigem Kaliglimmer (Muskowit) u. a. zu erkennen und zu bewundern. Je nach der Vorherrschaft einer Gruppe dieser Einzelbestandteile trägt das betr. Nordische Findlingsgestein seinen Namen. Im allgemeinen handelt es sich bei den in Westfalen und an der Ruhr vorkommenden nordischen Geschiebestücken um allerlei Arten von Granit, Gneis, Syenit, Diorit, Gabbro u. s. w. Reich vertreten ist das Volk der rötlichen, gefleckten Porphyre. Nicht selten findet sich der leicht verwitternde „Rapakiwi" („fauler Stein") mit blutwurstartigem Gefüge, in dessen Grundmasse oft viele Zentimeter große, braun-rote Feldspatkristalle eingebettet sind.

Da die Heimat dieser Gesteinsarten, wo sie „anstehen", die eingangs erwähnten nordeuropäischen Länder sind, bezeichnen die in Westfalen, also auch an der Ruhr vorkommenden Findlinge sogar den Weg des Eisstromes, der von Nordosten her gerade durch Westfalen bis zur Rhein-Ruhr-Gegend vorstieß („Leitblöcke"): Finnland-Bottnischer Meerbusen - Rodö - Aland - Gotland - Smaland - Schonen - Bornholm - Dänische Inseln - Westfalen (nach Wegner).

Mit den reinrassigen „nordischen Findlingen" sind auf dem Rücken des gewaltigen Eisschlittens („Oberflächenmoräne") oder im Inneren des Eises eingefroren („Innenmoräne") Schreibkreidemassen der Ostseeländer, insbesondere Feuersteine, und Gesteinsblöcke aus dem vom Eise überrannten Teutoburger Wald und Osning (Sandsteine) als Gäste in das Carbon des Ruhrbezirks gewandert. Die tiefschürfende Arbeit der diluvialen Eiswalz war so wirkungsvoll, daß sie selbst noch im Bereich der Ruhrberge Blöcke und Schollen der hier anstehenden Kohlensandsteine und Konglomerate zu einer, wenn auch nur kurzdauernden Wanderschaft veranlaßte. Solche „einheimischen Geschiebe", Denkmäler des Ruhrbiluviums, sind außer einigen Sandsteinen im Parke des Hauses Weitmar und dem Horkenstein: eine mächtige Konglomeratscholle auf dem linken Ufer des Oelbaches zwischen Kornharpen und Werne,  in der Nähe der Zeche „Heinrich-Gustav", ein in der Nähe auf dem rechten Ufer des Oelbaches liegen der größerer Konglomeratblock und der Stiepeler Opferstein (Konglomerat von Flöz Finefrau). Nach einer alten geologischen Theorie („Drifttheorie") sollen die fremden Steine zur durch Strömungen einer „diluvialen" bis zur Ruhr reichenden, vorzeitlichen „Nordsee", auf welcher mit Felssschutt beladenen und durchspickte Eisinseln und -berge schwammen, bis zu ihren gegenwärtigen Lagerstätten geflößt, „gedriftet" worden und beim Abschmelzen des Eises auf den Meeresboden, die heutige Flur, gesunken sein.

Diese Theorie wurde in neuerer Zeit durch den Nachweis der sogenannten „Grundmoräne" in den verschiedensten Gegenden Norddeutschlands und auch des Rheinisch-Westfälischen Industriebezirks zu Fall gebracht und ist heute einmütig verlassen.

Eine „Grundmoräne" entsteht, wenn ein vorstoßender oder rückwärtsgleitender Gletscher von dem durch Frost und Verwitterung zerriebenen und zersprengten Untergrund Blöcke losbricht und Lockermassen auf-wühlt, die dann durch die zahlreichen und vielverzweigten Innenströmungen der Eismasse verknetet und mit den auch durch die Spalten und mit der Strömung von der Oberfläche des Gletschers kommenden Geschiebemassen vermischt werden. So gleitet an der Sohle eines Gletschers ein mit Gesteinstücken aller Korngrößen gespickter Lehm („Block"- oder „Geschiebemergel") mit und enthält am Ende alle Gesteinsarten, die an der Bahn des Gletschers anstehen.

Auch die verschiedenen Eisströme des großen diluvialen Firnfeldes haben ungeheure Gesteinsmengen nordischer Gebirge und Blockmeere nicht nur als „Oberflächen- und Innenmoräne" sondern besonders auch in der „Grundmoräne" eingebacken, mit sich gewälzt und beim Auftauchen und Zurückweichen zurückgelassen. Als typischer Zeuge der Eiszeit („Glazialmarke") blieb in der vom Eise verlassenen Landschaft der Grundmoränenschutt zurück, Berg und Tal mit einer gleichmäßigen Decke überziehend.

Daraus folgt, daß es sich bei dieser Ablagerung nicht um eine Wirkung stehender oder fließender Gewässer handeln kann. Das beweist auch das die Grundmoräne bezeichnende ungeschichtete, regellose Durch- und Nebeneinander toniger, sandiger Massen und Gesteinssplitter, -brocken- und -blöcke. Überdies sind letztere nicht wie „Flußgeschiebe" abgerollt, sondern meist von kantig-eckiger Gestalt. Nicht selten finden sich unter diesen Steinen solche, bes. Sandsteine, die mit Schramm und Kritzspuren bedeckt sind („Gekritztes oder gechrammtes Geschiebe"), und andere, an denen zu Flächen geschliffene Kanten und Ecken vorkommen („Kantengeschiebe"). Diese auffälligen Schliffe und Schrammen vermag nur die „Eis- oder Glazialtheorie" zu erklären, und zwar als Scheuerwirkung des auf steingespickter Sohle vorrückenden Eisstromes auf den gefrorenen und aufgerauten Untergrund. Es ist völlig ausgeschlossen, daß solche angefeilten Blöcke etwa von Skandinavien bis zur Ruhr durch Wasserströmung oder auf Treibeis schwimmend gedriftet worden sind, da man durch Beobachtung an Gletschern und Bächen der Alpen weiß, daß Kritzen und Schrammen schon durch einen Wassertransport von wenigen hundert Metern verwischt oder völlig zerstört werden. Einen solchen seltenen „Scheuerstein" und damit ein wertvolles, erhaltenswürdiges Beweisstück der Glazialtheorie beherbergt die schon erwähnte Findlingsammlung im Schloßpark von Weitmar.

Die auch in der Bochumer Landschaft am Ende der Eiszeit abgelagerte Grundmoräne hat in der Nacheiszeit („Postglazial") eine Reihe von Veränderungen und Umlagerungen erlitten und trägt im Gegensatz zu der Grundmoräne jenseits der Elbe einen greisenhaften Charakter. Chemisch alterte sie durch Auslaugung des im dunkel-blaugrauen Mergel enthaltenen Kalkes und durch die Umwandlung der eisenhaltigen Mineralmassen in braungelbe Verbindungen. So entstand aus dem „Geschiebemergel" der „Geschiebelehm". D i e s e r wurde vielfach mitsamt seinem Steinghalt durch die Schmelzwasse des zurückweichenden Eises, namentlich in den Tälern, völlig abgetragen und weggeschwemmt. An geschützteren Stellen kam es nur zur Auslaugung der tonigen und sandigen Füllmassen, wo dann Anhäufungen größerer und kleinerer, fremder und einheimischer Geschiebe als „Steinkohlen" übrig geblieben sind. Meist haben sich auch von dieser „Steinbestreuung" nur vereinzelte größere Blöcke als letzter Rest der ursprünglich weit ausgedehnten Grundmoräne erhalten und stellen heute einen großen Teil der in der betr. Gegend beachtenswerten und schutzbedürftigen „Findlinge" dar.

In Bochum - Stadt und - Land ist die eigentliche Grundmoräne, soweit bisher festgestellt worden ist, bis auf kümmerliche Ueberbleibsel (z. B. bei Riemke) verschwunden. Eine typische „Steinkohle" trat früher in  der Ziegeleigrube der Märkischen Tonwerke  in Uemmingen ( nicht mehr vorhanden) auf. Vielleicht sind einige der in vorstehender Aufstellung erwähnten und abgebildeten erratischen Blöcke als letzte Aufbereitungsbestandteile der Bochumer Grundmoräne zu betrachten. Es ist anzunehmen, daß noch mehr Reste dieser eiszeitlichen Ablagerung als „Steinkohlen" oder „Findlinge" an noch unbekannten Stellen der Bochumer Landschaft unter der in der Nacheiszeit entstandenen Lößlehmdecke ruhen und auf ihre Entdeckung beim Häuser-, Straßen-, Bahn- und Ackerbau und im Ziegeleibetrieb harren.

Die ansehnliche Größe und das oft erstaunliche Gewicht der meisten Bochumer Wanderblöcke gestatten einen Schluß auf die Stoß- und Tragkraft der Binneneisdecke, die einst den Mutterboden Bochums überlagerte. Ihre Höhe betrug zwar nur einen Bruchteil der Mächtigkeit, welche dem Eise die Ueberwindung des Teutoburger Waldes gestattete, immerhin wohl schätzungsweise noch etwa 200 Meter. Nur solche mächtigen Eisströme konnten als „laufende Transportbänder" für derartige Riesensteine dienen und sie beim Auftauen zurücklassen.

Klar ist auch, daß dort, wo die letzten Findlinge vorkommen, die südliche Grenze der Herrschaft des Eises gewesen sein muß. Mit der genauen Feststellung dieses Grenzgürtels ist man noch nicht zum Abschluß gelangt. Während noch eine geologische Karte aus dem Jahre 1895 (Oberbergamt Dortmund) diese Grenze über die Linie Hörde-Langendreer-Uemmingen-Laer-Wiemelhausen nach Mühlheim-Eppinghofen zieht, verläuft sie nach neueren Untersuchungen und als Ergebnis der vorstehenden Aufstellung Bochumer Funde bei Witten über die Ruhr, von da über Steinenhaus - Blankenstein - Hattingen - Winz - Niederwenigern - Kupferdreh - Kettwig und dann weiter südlich nach Düsseldorf. Im allgemeinen hat die eigentliche Eismauer schon auf den Höhen bei Stiepel - Dahlhausen haltgemacht.

Ueber die Form dieser Gletscherfront, über die geologischen Verhältnisse in der Abschmelzzone und besonders über die notwendige Auseinandersetzung des in südwestlicher Richtung vorstoßenden Eisstromes mit der  ihm aus dem Sauerland entgegenkommenden Ruhr finden sich in der Bochumer Landschaft gewisse, noch nicht einwandfrei entzifferte Beweisstücke des Ruhrglazials, die zwar von den schon erwähnten (Oberflächen-, Innen-, Grundmoräne, Steinsohlen, Findlinge) sich unterscheiden, aber nur im Zusammenhang mit diesen verständlich sind.

So liegt im Dreieck Witten - Langendreer - Stockum eine verhältnismäßig umfangreiche „Sandwüste", die aus einer Reihe von Sandrücken und -kuppen von etwa 20 m Aufschüttungshöhe besteht. Außer der Form der Sandwälle fällt auf, daß sie mit einigen Ausnahmen vorwiegend in west- östlicher Richtung verlaufen und in ihrer Höhenlage mitunter sprunghaft wechseln. Weder Sage noch Geschichte wissen irgend eine hübsche oder schauerliche Mär über diese fremdartigen Sand- und Kieswälle zu berichten. Im Volke genießt dieser eigenartige Bezirk einen gewissen Ruf nicht nur wegen des auf ihm recht gut gedeihenden „Langendreer - Holzes" mit seinen stämmigen Buchen und ihrem üppigen Steckpalmenunterholze, sondern hauptsächlich um des vortrefflichen Sandes wissen, der hier „wächst", da in weitem Umkreise guter Mauersand nirgends in so verschwenderischer Fülle wie hier vorkommt. Seit Jahrzehnten wird darum in der Umgebung von Grabeloh in einer Reihe von größeren Sandgruben in wechselndem Tempo „gesandet".

Die Geologie hat das Vorkommen des Sandes an dieser „ungehörigen" Stelle längst, wenn auch nicht in erschöpfender Weise, geklärt. Die verschlungene und doch so folgerichtige Kette der Schlüsse, welche die Aufklärung des Langendreerer Sandvorkommens gebracht hat, ist ein so eigenartiges Meisterstück der geologischen Analyse, daß Heimatvereine und Schulen der Umgegend immer wieder die Sandkuhlen am Langendreer-Holz auf das Programm ihrer Wanderungen oder Lehrpläne setzen, um an Ort und Stelle diesen reizvollen Erkenntniswegen nachzugehen.

In dieser Hinsicht ist besonders lohnend der Besuch der großen, bereits erwähnten Sandgrube an der Ecke Hörder - Langendreerer Straße bei Krengeldanz  (früher Eigentum der Gelsenkirchener Bergwerks-A.-G., jetzt Privatbesitz). Der Schacht, durch den die frühere Besitzerin die Sande und Kiese als Bergeversatz nach unten schaffte, ist heute völlig verschüttet (rechts an der Einfahrt in der Kuhle). Diese Stelle ist deswegen für den Besucher bemerkenswert, weil zur Zeit bei der Ausschachtung festgestellt wurde, daß die Sandmassen im ganzen eine Mächtigkeit von etwa 80 Meter  haben und noch etwa 14 Meter unter den heutigen Wasserspiegel der Ruhr  hinabgehen.

Oberirdisch" ist die in gewaltigem Bogen verlaufende Front aus Sand, Kies und Lehm etwa 20 Meterhoch. Trotz des langjährigen „Sandens" und der ständigen Rückverlegung der Abstichwand hat die große Linie der in allen Farbtönen von Braun, Gelb und Grau spielenden Sandschichten den Wechsel und das Tempo der Abbaumethoden überdauert und verwandelt vom wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus die triviale „Sandkuhle" in einen der interessantesten und lehrreichsten „Aufschlüsse", über die der Ruhrbezirk und Westfalen überhaupt verfügen.

An der breiten Sandfassade beobachtet man eine vorwiegende wagerechte Schichtung der Sand - und Kiesablagerungen („Parallelstruktur"), die an vereinzelten Stellen durch lebhafte „Kreuzschichtung" (Diskordanz) unterbrochen wird. Die Korngröße des Sandes wechselt schichtweise, oft unvermittelt.

Diese auch in den benachbarten Sandgruben (z. B. aufdem Heimelsberg) wiederkehrende Gliederung der Sandschichten setzt als transportieren des Mittel fließendes Wasser voraus mit über aus raschem und unvermitteltem Wechsel von Stromrichtung und -geschwindigkeit. Es liegt nahe, die in nächster Nähe vorbeiströmende Ruhr für die Aufschüttung der Sandbänke verantwortlich zu machen. Diese Annahme gewinnt an Wahrscheinlichkeit durch das Studium der zahlreichen zwischen den Sandschichten eingelagerten Kiesnester, des Siebkieses („Kieselinge") an der Sohle der Grube und durch die mikroskopische Untersuchung der Sandsorten. Die durchweg abgeschliffenen und gerundeten Kiesbrocken und Sandkörnchen bestehen im wesentlichen aus einheimischem Material: aus schneeweißem Milchquarz (dev. Gangquarz), schwarzem oft weißgeadertem Kieselschiefer („Lydit" des Culm), braunem und gelbem Eisenkiesel und dev. Grauwacke, also aus Felsarten, die am Oberlauf der Ruhr anstehen. Das Auftreten dieser für die Ruhr typischen Flußgerölle oder -geschiebe („Leit - oder Charaktergesteine") an diesem Punkte hat die Theorie begründen helfen, daß die Ruhr, die heute um eine weniges südlich bei Witten schroff nach Westen abbiegt, in der Vorzeit (i. Tertiär) in ganz anderer Richtung wie heute und in beträchtlicher Höhe über ihrem jetzigen Wasserspiegel von Witten aus unmittelbar durch die von ihr selbst ausgewaschene „Pforte von Crengeldanz" nach Norden strömte. Dieser  Weg der Ur-Ruhr ist deutlich markiert durch zahlreiche Schotterfelder und Kies-Sandnester aus den oben genannten Ruhr-Leitgeröllen, die auf den Höhen der Bochumer Landschaft und noch weiter nördlich im Gelände auftreten: Witten - Langendreer - Kirchlinde - Bodelschwing - Dingen - Castrop - Herne -Buer - Dorsten - Vereingiung mit dem Rhein.

Einer unmittelbaren Teilhaberschaft der Ruhr an der Anhäufung der Langendreer Sandhügel widersprechen dagegen: die gewaltige Mächtigkeit und die weitläufige Ausdehnung des Sandes hier, die querzumtertiären Flußbett verlaufende und das Flußbett abriegelnde Richtung der Sandwälle und besonders ihr Reichtum an „ruhrfremden" Gesteinsarten, die als Einzelgänger in Gestalt kopf- bis kubikmetergroßer erratischer Blöcke im Sande auftreten, oder als „Kieselinge" von Faust- bis Kopfgröße, die nach Fortschaffung des feinen Sandmaterials beim Sieben übriggeblieben sind und haufenweise umherliegen, und als Feinbestandteile des Sandes, in dem man mit der Lupe das fremde Element in Form von Glimmerschüppchen, Feldspatteilchen, Augit- und Hornblendekörnchen und -splittern erkennen kann. Das nordische Material hat sich in allen Korngrößen und in solche Formenfülle in manchen Kieselhaufen mit den Schottersteinen der Ur-Ruhr vermischt, daß in den Sandgruben am Langendreer-Holz Freunde der Heimat und Schulen reichlich Gelegenheit haben, das fremde Geschiebe in seinen verschiedenste Abarten zu studieren und die „bunten Steine" zu hübschen Mustersammlungen nordischer „Eruptivgesteine" zusammenzustellen.

Ein steter Begleiter der großen und kleinen  nordischen Findlinge ist auch hier der aus dem Ostseegebiete stammende Feuerstein. Neben seinen hochnordischen „kristallinen" Vettern erscheint er in den Kiesnestern oder im Sande verloren in weißumrindeten, oft durchlöcherten, kugeligen, eiförmigen, bisweilen phantastisch geformten Knollen, häufiger in scharfkantigen Bruchstücken mit muscheligen, schwarzen, lichtgrauen, seltener mit braunen oder gelben Bruchflächen.

Man hat die in der „buckligen Welt" des Langendreer Sandes auftretenden petrographischen und geologischen Ungereimtheiten durch eine kühne Erweiterung des Begriffes „Endmoräne" zu vereinigen gesucht.

Unter einer „Endmoräne" im engeren Sinne versteht man Block - und Schuttwälle, die ein Gletscher während einer Stillstandslage beim Auftauen in einer gewissen Taltiefe vor seiner Stirn anhäuft. Den Hauptbeitrag zu diesem eine Gletscherzunge kranzartig umgebenden Steingürtel liefert das als Ober-, Innen- und Grundmoräne mitgeführte Gestein. Unter Mitwirkung des Schmelzwassers, das die Feinbestandteile (Ton, Sand) auswäscht und wegschwemmt, entsteht schließlich ein immer mehr sich erhöhender und ausbreitender Stauwall aus kiesigen Blockpackungen ohne oder nur mit roher Schichtung.

Auch im Randgebiet der diluvialen Binneneisdecke hielten sich zeitweise das Abschmelzen und der Nachschub des Eises das Gleichgewicht. Der immer wieder frische Ersatz an Moränenschutt erzeugte vor der Front der einzelnen Eislappen „diluviale Endmoränen" als langgestreckte Wälle und Hügelkette, die am Ende der Eiszeit als eine besondere Art der „Glazialmarken" zurückblieben (Baltischer Landrücken, Staumoränen in der Neumark, in Posen, im Fläming, in der Altmark, in der Lüneburger Heide u. a. a. D.).

Die verschiedenen an der Ruhr befindlichen, landfremde Sand- und Kieswälle erscheinen mit diesem Moränentyp nahe verwandt, zumal es bei der „Weitläufigkeit" der nordisch-norddeutschen Eisdecke nicht verwunderlich ist, daß der große an der Ruhr auskommende Eisschlitten nur noch wenige Fahrgäste aus nordischem Gestein enthielt. Der westfälische Eisstrom fand bei der Annäherung an die Bochumer Landschaft das breite Tal der nordwärtsströmenden, präglazialen (tertiären) Ruhr vor, benutzte es zum ersten Vorstoß, hobelte, durchfurchte und kolkte es aus, griff aus dem Bett der immer weiter nach Süden zurückweichenden Ruhr deren Geschiebe (Kies und Sand) auf und verarbeitete es mit der mitgeschleppten Grund- und Innenmoräne aus weiter nördlich an stehendem Gestein. Die Grundmoräne, die am Ende mit dem Eisvorläufer bis zur Wittener Berglandschaft vorstieß, enthielt neben verhältnismäßig spärlichem nordischen Geschiebe vorwiegend Kiese, Sande und Tone aus dem verlassenen Bett der Ruhr. Dieser regellos gemischte, Gesteinsbrei wurde durch die heraus- und abstürzenden Schmelzwasserbäche ausgewaschen, wobei die gröberen Sande, Kiese und Steine übrig blieben und die feineren tonigen und mergeligen Bestandteile als „Flußtrübe" fortgeführt wurden. Die Pforte von Crengeldanz, vertieft und ausgekolkt durch die Strudelwirkung gewaltiger Gletscherbäche, wurde während einer Stillstandsperiode durch vorgeschüttete Sande und Kiese versperrt und damit endgültig das tertiäre Bett der Ruhr verriegelt.

Mit dieser in bezug auf Einzelheiten noch nicht ganz geklärten Auffassung der „Endmoräne von Langendreer" als einer „Sand-Urfläche" stimmt die Beobachtung überein, daß die Sand- und Kiesmassen vorwiegend aus „südlichen", einheimischen Gesteinsarten bestehen und daß der Anteil nordischen Geschiebes am Aufbau der Wälle gering ist. Schob doch die von Süden her gegen die Eisschranke bei Witten anströmende Ruhr dauernd ihre Schotter und Sande nach und vermengte sie mit ihren eigenen, durch die südwärts abließenden Schmelzwasser sortierten, vordiluvialen Ablagerungen („Gemengtes Diluvium").

Sie erklärt auch nicht nur die den eigentlichen Endmoränen fremde Parallel- oder Horizontalschichtung, sondern auch die Kreuzschichtung, die entstehen mußte, je nachdem der eine oder andere Teil des bei Langendreer anstehenden Eislappens abschmolz und Gletscherbäche von verschiedener Richtung und wechselnder Strömungsgeschwindigkeit abfließen ließ.

In die Beweiskette gehören ferner die Streifen und Schwarmlinien horizontal zwischen den Sandschichten eingebetteter, pulveriger und bröckeliger Kohle, die von Zeit zu Zeit beim Abteufen des Sandes in fast allen Sandgruben um Grabeloh zum Vorschein kommen. Denn das über dem Bochumer Carbon fastende Eisgebirge drückte neben den einheimischen Sandsteinblöcken und Konglomeratschollen gelegentlich auch Stücke von Kohlenflözen ab. Die von der Grundmoräne aufgenommene Kohle verwandelte sich unter dem Einfluß der mannigfach verwirrten Innenströmungen des Eises in eine verfließende Wolke kleiner und feinster Bruchstücke, die dem Aufbereitungsprozeß in den Abschmelzzonen unterlagen und schichtweise als eine besonders eigentümliche Art lokalen Geschiebes abgesetzt wurden.

Als sinnfällige Zeugen der großen im Norden der Bochumer Landschaft beginnenden Aufbereitung und Verlagerung von Gesteinsmassen der dem Tertiär noch vorhergehenden Kreidezeit haben die im Langendreerer Sande wenn auch spärlich vorkommenden Glaukonitkörnchen zu gelten. Der Glaukonit ist ein Eisen-Aluminiumfilikat mit beträchtlichem Kaligehalt, um dessentwillen er sogar in Amerika zum Düngen verwandt wird. Unter der Lupe erscheint er in kleinen, schießpulverartigen, grünlich-grauen Körnchen. Sande und sandige Mergel, die ihn in größeren Mengen enthalten, verdanken ihm ihre grünlich-graue Farbe („Grünsand" bei Wiemelhausen und an der Ecke Castroper - Blumenstraße am Schwanenmarkt).

Aufbereitungsmassen sind weiterhin die Knochenreste diluvialer Tiere, die im vorigen Jahrhundert in solcher Fülle, in einer Sandgrube nordöstlich des Langendreerer Krankenhauses gefunden wurden, daß sie zentnerweise als billiger Phosphatdünger („Knochenkiese und - sande") verkauft wurden. Einige F u n de befinden sich im Märkischen Museum zu Witten (Knochenreste und Zähne von Mammut und Wildpferd).

Wie an anderen Plätzen (Mülheim, Duisburg) scheint auch bei Witten eine Schwankung der Eis-Ruhrfront stattgefunden zu haben. Darauf deuten hin wellenförmige Verfaltungen dünner, zwischen den Sanden eingelagerter Lehm- und Lehm-Sandschichten, die das Eis beim Ueberrennen seiner eigenen Ablagerungen aus dem gefrorenen Untergrund auspreßte und ausstauchte.

Entsprechend der lappigen Form der im Süden der Bochumer Landschaft verlaufenden Eismauer bildeten einst hier die zu endmoränenartigen Gebilden vorgeschütteten Sande mehr oder weniger zusammenhängende Gürtel. Von dieser Guirlande aus Sand und Kies ist die „Endmoräne von Langendreer" nur ein Stück. Die anderen Bögen west- und ostwärts dieser Stelle haben durch die nacheiszeitliche Abtragung („post diluviale Erosion") bis auf wenige Findlingsblöcke das Schicksal der hinter ihnen liegenden Grundmoräne geteilt.

Es ist anzunehmen, daß die von den Stiepeler und Linden-Dahlhausener Höheit weggeschwemmten glazialen Massen zuerst in den Tälern sich zu mächtigen Kies- und Sandlagern anhäuften. Ein besonders geräumiger Stapelplatz für diese „abgebauten" Moränenmassen scheint das Oelbachtal gewesen zu sein.

Dieses Tal, dessen Rolle im Bochumer Diluvium noch nicht geklärt ist, ist vielleicht das Hauptdenkmal dieser Zeit. Daß die große Eiswalze durch dieses Tal gerollt ist, verraten einmal die schon erwähnten Harpener Konglomeratblöcke, dann einige kleiner Sandgruben an den Uferhängen, und wohl auch das Dasein des Tales selbst, dessen Breite (bis 2 km) mit der bescheidenen Wasserführung des Oelbaches in schroffem Widerspruch steht. Es liegt nahe, das ganze Tal als eine nun geheuren Gletscherschliff der auf der Linie der alten Ruhr vorstoßenden Gletscherzunge aufzufassen und den kleinen O e l b a c h als einen winzigen Nachkömmling der gewaltigen Schmelzwasserströme, die während der Rückwärtsverlegung der Eisfront sich auf diesem bequemen Wege einen Abfluß zur Ruhr suchten.

Von den gewaltigen Sand- und Kiesmengen, die während des Vor- und Rückgleitens des Eises in diesem Tale hier vorgeschüttet, dort abgetragen und wieder umgelagert wurden, sind nur kümmerliche Ueberreste vorhanden. In diesem Zusammenhang ist es begreiflich, daß noch heute die Ruhr in ihrem Unterlauf unter ihren Sand- und Schottermassen nordisches und norddeutsches Geschiebe als einen Rest dieser ehemaligen Moränenablagerungen mit sich führt.

Im Bereich des Oelbachtales wird zur Zeit an drei Stellen Mauersand als Geschenk des Ruhrdiluviums abgebaut: in einer Grube zwischen Havkenscheid und der Zeche „Karoline" (Meßtischblatt „Bochum", rechts 177 mm, oben 76 mm), in einer kleinen Kuhle bei Uemmingen auf einem Hofe unweit Schulte Sutum (Meßtischblatt „Bochum", rechts 116 mm, oben 128 mm) und am großen Sandhügel zwischen Kirche und Haus Laer (Meßtischblatt „Bochum", rechts 1600 mm, oben 158 mm). In seiner mineralogischen Zusammensetzung gleicht de in den beiden zuerst genannten Gruben vorkommende Sand dem Langendreerer Material. Nordisches Geschiebe wurde bisher in ihnen nicht nachgewiesen, dagegen in mäßiger Stückzahl in der „Endmoräne von Laer".

Die Armut dieser Grube an nordischen Blöcken und Brocken wir ausgeglichen durch einen überraschenden Reichtum an Glaukonit, der den viele Meter mächtigen, glaukonitführenden Sandschichten die bezeichnende grün-graue Farbe verleiht. Wegen dieses „unreinen Teints" ist der aus dieser Grube stammende Grünsand bei den Maurern der Umgebung nicht gerade beliebt („fauler Sand"). Er ist keinesfalls an Ort und Stelle „gewachsen", sondern nach Vorhergehendem „verirrte Kreide", die das diluviale Wasser aus der wenig nördlich dieser Stelle anstehenden „Oberen Kreide" südwärts verfrachtete und hier als „fluvioglaziales Sediment" ablagerte. Als „heimische Findlinge" sind darum auch die im Laerer Sande vorkommenden Kreideversteinerungen von Seeigeln, Muscheln (Austern) und Belemniten („Donnerkeile", „Teufelsfinger") zu betrachten. Der über, zwischen und unter den Grünsandschichten lagernde glaukonitfreie und -arme Sand der vorzugsweise aus der Kuhle ausgefahren wird, hat im wesentlichen dieselbe Zusammensetzung und Güte wie der 3-4 Kilometer östlich bei Langendreer anstehende. Die enge Verwandtschaft erweist sich auch in dem Auftreten dünner, schwarzer Schichten pulveriger Kohle zwischen den Sandschichten. Als Mischung von „Kreide" und „Diluvium" verdient die kleine „Endmoräne von Laer" immerhin als „Glazialmarke" besonderer Prägung nicht geringeres Interesse als die große Konkurrenz bei Langendreer.

Man hat versucht, die ehemals beträchtlichen Anhäufungen nordischer Geschiebe bei Steinenhaus - Blankenstein, jenseits der Ruhr, als enmoränenartige Gebilde zu deuten. Es ist möglich, daß (wie bei Kupferdreh-Heisingen) die durch das alte Ruhrtal und die Oelbachniederung vorstoßende Gletscherzunge vielleicht beim ersten Vordringen des Eises bei Witten - Herbede die Höhen südlich der Ruhr erreichte und dort ihren Moränenschutt ablud. In diesem Falle mußte die vom Eise abgesperrte Ruhr im Hinterlande zu gewaltigen Staubecken und Seen anschwellen. Als Zeuge dieser urweltlich großen Ueberschwemmungen im Sauerlande können gewisse in großer Höhe bei Menden, Iserlohn , Hohenlimburg, Barmen u. a. a. D. lagernde Lehmabsätze („Schmelzwassertrübe") und Ruhrschotter gelten, denen sich in der Gegend der Lennemündung noch Lennegeschiebe zugesellen.

Ebenso wahrscheinlich ist, daß der hochgeschwollene Ruhr-Schmelzwasserstrom von dem vielgewundenen Rande der an seinem nördlichen Ufer endenden Eiskappe neben ausgewaschenem Moränenschutt auch größere Eisblöcke und -berge loslöste und abtrieb und bisweilen das in den Eisinseln eingefrorene Moränenmaterial auf dem südlichen Ufer landete, so daß das vereinzelte Auftreten erratischer Blöcke (bei Steinenhaus, „Ifenstein") nicht verwunderlich ist . . .

Der Zweck dieser Arbeit ist, die Allgemeinheit und vor allem die Heimatschutzbewegung und Naturdenkmalpflege auf eine besonders reizvolle Gruppe geologischer Seltenheiten hinzuweisen, welche die „Sintflut" als stummer und doch so beredte Zeugen ihres Daseins in der Bochumer Landschaft hinterließ. Die meisten der aufgeführten Findlingsblöcke sind in der geologischen Fachliteratur weder genannt noch beschrieben, und nur einige wenige befinden sich „in sicherer Stellung". Oft ist es mehr die petrographische Eigenart, die eine erratischen Block erhaltenswert und schutzbedürftig macht, als seine Größe. Unzweckmäßig wäre es, alle noch nicht gesicherte Findlinge von ihrer Lagerstätte zu entfernen und in „Schutzhaft" zu nehmen, da manche ihrer Umgebung einen eigenen landschaftlichen Zauber verleihen. Oft wird es genügen, bei dem betreffenden Besitzer Verständnis für den in seiner Landmark ruhenden Fremdling zu erwecken. Mit der Weiterentwicklung der Ruhrstadt werden sich jedoch die Fälle mehren, wo de Heimat- oder Naturschutz sich für eine geschützte Aufstellung innerhalb städtischer Anlagen, Museen u. s. w. entscheiden muß. Industrie und Städtebau werden in absehbarer Zeit auch die beiden „Endmoränen" bei Langendreer und Laer aufzehren; darum ist es mit Rücksicht auf ihren geologischen Wert und ihre Bedeutung für die Geschichte der Bochumer Landschaft wünschenswert, daß hier und da ein bescheidenes, besonders charakteristisches Stück unberührt und gesichert bleibt.