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Unser Lottental

Eine heimatkundliche Studie von F. Thieme

Es gibt kaum eine Stelle in der näheren Umgebung Bochums, die so häufig das Ziel eines Ausflugs ist wie das Lottental. Jedes Bochumer Kind kennt seinen Namen, und die Leser dieser Zeilen werden schon recht oft das Tal durchwandert haben, vielleicht so oft, daß diese Gegend sie zu langweilen beginnt. Und trotzdem, oder gerade deshalb, um diese aufkeimende Langeweile zu ersticken, möchte ich den Leser bitten, noch einmal mit mir das Lottental zu durchwandern und zu schauen, ob es nicht doch noch weiterer Besuche wert ist.

Die meisten, die zum Lottental hinpilgern, werden es vorziehen, den eintönigen Anmarschweg statt zu Fuß mit der Straßenbahn zurückzulegen, sie fahren mit dann gewöhnlich bis zu Restaurant E. Hanefeld (Ecke Brenscheder- und Borgholz-Straße). Hier zweigt ein Seitenweg, die Glücksburger Straße, ab, die uns an einer Halde der Zeche „Julius-Philipp" vorbeiführt. Diese ist, wie so viele Zechenhalden des Industriegebietes, mit stattlichen Exemplaren der Weißbirke (Betula verrucosa) bewachsen, deren Standortansprüche bezüglich Feuchtigkeit und Nährkraft des Bodens recht gering sind. Ihr starkes Lichtbedürfnis - Birken haben das größte Lichtbedürfnis von allen Laubhölzern - wird auf diesem künstlichen Berge voll befriedigt. Wenn dann im Herbst ihre Samenkätzchen auseinanderfallen, dann sind diese dunklen Hänge dicht übersät mit den kleinen gelben geflügelten Samenkörnchen und ihren braunen dreilappigen Deckschuppen. Am Fuße der Halde wächst ein zweiter Baum, die Robinie (Robinia pseudacacia L), die allgemein „Akazie" genannt wird. Auch dieser Anfang des 17. Jahrhunderts aus Nordamerika in Europa eingeführte Baum ist sehr anspruchslos und wächst wie die Birke sehr rasch. Seines stark verzweigten Wurzelwerkes wegen wird er mit der Birke zusammen gern zum Aufforsten von Eisenbahndämmen, Stein- und Schutthalden benutzt. Die Kronen der Rovinien berühren sich fast mit denen der mächtigen Kastanien auf der anderen Straßenseite. Im Garten eines Hauses zur Rechten wächst ebenfalls ein Fremdling, die 1705 in Europa eingeführte Weymouthskiefer (Pinus strobus L.). Sie hat sich inzwischen Heimatrecht erworben und kommt in den Wäldern der weiteren Umgebung recht häufig vor.

Der Weg führt uns jetzt weiter an den Anlagen der Zeche „Julius-Philipp" vorüber; wir biegen links in die Marktstraße ein und nach etwa hundert Metern rechts in die Burgstraße. Diese führt zunächst durch Felder, dann an gartengeschmückten Häuschen vorüber. Von rechts her münden der Akazienweg und etwas weiter der Eichenweg ein. Letzterer liegt schon hart am Hange, der zum Lottental abfällt.

Jeder, der nach einer amtlichen Karte, etwa einem Meßtischblatt, wandert, wird bemerkt haben, daß der Name „Lottental" nicht auf der Karte zu finden ist. Er ist eine reine Lokalbezeichnung und seine Deutung daher, wie bei solchen öfters, unsicher. Die auf mehr wissenschaftlicher Grundlage arbeitende Namenforschung bringt den Namen mit dem bergmännischen Worte „Lutte" in Beziehung, einem Worte, das eine aus vier Brettern zusammengefügte Führung zur Zu- und Abfuhr von Luft in Bergwerken bezeichnet, wie sie heute durch Röhren geschieht. Mir scheint hier immerhin die Erklärung recht bemerkenswert, die mir ein alter Kumpel aus dem Lottentale verriet. Er sagte, daß damals, als das Bett der Lotte mit Brettern ausgekleidet wurde, bei „Kracht an der Steinhalde", der späteren Gastwirtschaft von Wengler, ein Stiepeler Bauer beim Kartenspiel zu seinen Kumpanen gesagt habe: „Dat wät so noch dat reinste Lottendal", woraus sich dann der ähnlich klingende Name „Lottental" entwickelt habe. Damals lagen auch noch ansehnliche Längen der Schleppbahn, auf der die Kohlen zur Ruhr befördert wurden, und von der heute noch die künstlichen Aufhöhungen mit Mauerwerk zu sehen sind.

Oben am Rande steht eine mächtige Buche wie ein Wächter, ihr gegenüber breitet sich eine rechteckige Wiese aus, die von Eichen, Hainbuchen und einigen Lärchen eingefaßt wird. Die meisten Leser werden jetzt den Zickzackweg durch das Waldstück hinabgehen, dessen festgetretener Lehmboden bei Regen so schlüpfrig ist, und dann links in das Tal einbiegen. Wir wollen uns heute zunächst einmal nach rechts, also etwa westwärts, wenden, die Lotte „aufwärts" wandern und nach ihrer Quelle suchen. Welch prächtige Riesenbuchen gibt es hier noch, wie stattlich sind die alten Hainbuchen mit ihren gedrehten „spannrückigen" Stämmen! Aber es sind immer nur vereinzelte Gruppen dieser schönen Naturdenkmäler, die wir noch finden. Noch vor wenigen Jahrzehnten bildeten sie hier noch einen geschlossenen Waldbestand, und in abermals wenigen Jahrzehnten werden die wenigen Zeugen landschaftlicher Schönheit ganz verschwunden sein, wenn die Menschheit dieses Gebietes nicht mit aller Kraft um den Schutz dieser Naturdenkmäler kämpft.

Nur wenige Minuten brauchen wir weiter zu wandern, um die Stelle zu finden, wo die Lotte aus einem etwa 35-40 cm weiten Rohre der Erde entquillt. Das Wasser wird dieser Stelle durch eine unterirdische Rohrleitung von der Zeche „Julius-Philipp" zugeleitet. Das Lottenwasser setzt sich demnach aus Schachtabwässern, den sog. „Sumpfwasser", und außerdem aus dem Waschwasser aus den Waschkauen zusammen; es ist also kein reines Wasser, sondern opalisiert vom Seifengehalt und hat auch noch einen Schachtgeruch an sich. Auch ein geringer Schwefelwasserstoffgehalt ist vorhanden. Das gemauerte Becken, in das sich das Wasser zunächst ergießt, dient als eine Art Klärbecken. Hier setzt sich ein großer Teil der Seife u. s. f. ab, hier spielt sich auch, wie das Nachlassen des Geruches zeigt, bereits im Kleinen ein auf der Arbeit der Bakterien beruhendes „biologisches Klärverfahren" ab. So verläßt das Lottewasser schon wesentlich klarer das Becken, nimmt aber noch immer einen durch die Seifen bedingten Laugengehalt mit. Wenn das Wasser auf seiner unterirdischen Wanderung von Zeche „Julius Philipp" bis hierher auch schon eine beträchtliche Wärmemenge verloren hat, ist es beim Ausfluß aus dem Rohr immer noch bedeutend wärmer als die Luft oder die freien Gewässer. So hatte es an einem Januartage - Lufttemperatur + 8° - z. B. + 20° C.

Dicht bei der „Lottenquelle" stehen noch die Reste des der Entlüftung dienenden Kamingebäudes und des Maschinenhauses der ehemaligen Zeche „Glücksburg", die 1880 stillgelegt wurde. Verschiedene der hier wohnenden alten Kumpels sind noch da eingefahren und erzählen von dem vielen Wasser in der Grube und der schlechten Entwässerung. Auch Badeeinrichtungen für die Berglaute gab es damals noch nicht, so daß sie in nassen Kleidern mit hochgeschlagenem Kragen heimwärts wandern mußten. Da für eine notwendige Erweiterung des Maschinenhauses hier kein geeigneter Platz zu finden war, wurde an einer anderen Stelle die Zeche „Julius-Philipp" abgeteuft und etwa 1875/76 in Betrieb genommen. „Glücksburgs" Schicksal war damit besiegelt.

Wenden wir uns von dieser Stelle noch eine kleine Strecke westwärts, so bemerken wir, wie der sich ständig hebende Talgrund ganz auskeilt und etwa im Akazienweg bei Haus Brenschede an der Baumhofstraße die normale Höhe der umgebenden Landschaft erreicht. Um Haus Brenschede herum sieht man alte Gräben, die darauf hinweisen, daß das Haus früher eine kleine Wasserburg war.

Wir machen hier wieder kehrt und wandern die Lotte „abwärts". Die alte, mit Brombeergestrüpp dicht bewachsene Halde zur Rechten stammt auch noch aus „Glücksburgs" Zeiten. An ihrem östlichen Ende beginnt das Tal eigentlich erst eindrucksvoll zu werden. Hier zeigt sich auch dem Auge deutlicher die Talform, die zweifellos eine Erosionsbildung darstellt, also der Arbeit des Wassers zu verdanken ist. Der mit jungem Schwemmboden ausgefüllte Talgrund ist stark mit Feuchtigkeit durchsetzt, worauf u. a. die an einer Stelle stehenden Weiden hindeuten. Auf den den Talgrund bedeckenden Wiesenflächen, die am Südrand von Bäumen und Sträuchern beschattet werden, leuchten an schattigen Stellen im Frühjahr die gelben Blütensterne des Scharbockskrautes (Ranunculus ficaria), das früher als Heilmittel gegen Skorbut (Scharbock) galt. Hier blüht im verborgenen das Veilchen, hier wachsen Gundermann (Glechoma hederacea) und der ihm ähnelnde kriechende Günsel mit ihren oberirdischen Ausläufern, während später auf den trockneren Stellen der überall Häufige salbeiblättrige Gamander (Teucrium scorodonia) seine grünlichgelben und daher wenig auffallenden Blütentrauben zeigt. Auch lebhaftes Vogelleben ist in dieser Ecke zu beobachten; überall zwitschert und singt es im Frühjahr und Sommer im Gebüsch und in den Baumkronen, während im Herbst und Winter nach Abzug der meisten Vogelarten die zierliche Blaumeise und die dreiste schwarzköpfige Kohlmeise ständig hier zu finden sind. Ihre Locktöne „Pink, Pink" (Kohlmeise) und „Sit, zizidäh, tgi tgi tgi, tetetettett" (Blaumeise) und ihr Gesang „Dididih" (Kohlmeise) und „Zizizihirrrr" (Blaumeise) werden den meisten Naturfreunden bekannte Laute sein.

Den feuchten Wiesengrund zur Rechten wandern wir weiter an der Lotte entlang. Die sanft ansteigende Höhe zur Linken trägt jetzt keinen Wald mehr; die Art des Menschen hat hier tüchtig gewütet, überall ragen die Baumstümpfe aus dem Erdboden. Aber schon breitet sich neues Pflanzenleben aus. Der Wind hat die mit vielstrahliger Federkrone aus weißen Haaren versehenen Samen des schmalblättrigen Weidenröschens (Epilobium angustifolium) hierher getragen, und die auf jedem Kahlschlag vorhandenen Pflanzen verbreiten sich nun als Wurzelwanderer weiter, indem sie Ausläufer durch den Boden schicken, aus denen überall neue Pflanzen hervorwachsen. Auch manches kleinere Tier findet hier im Kahlschlag seine Daseinsbedingungen. So leckt der Hirschkäfer den aus den Wunden der gefällten Eichen heraustretenden Saft. Er findet sich recht häufig hier und ist fast als ein Charaktertier des Lottentals zu bezeichnen. Ich fand männliche Exemplare von 3,8 bis 7 cm Länge (von der Geweihspitze bis zum Hinterleibsende gemessen). Schwankungen in der Größe kommen, wie beim Menschen, so auch hier vor und sind auch z. T. erblich bedingt. Die Extreme, wie sie sich in den beiden Zahlen ausdrücken, beruhen wohl aber auf der verschieden günstigen bzw. ungünstigen Ernährung der Larven dieser Käfer. Es ist jedenfalls nicht so zu erklären, wie das ein Vater seinem wißbegierigen Sprößling gegenüber mit folgenden Worten tat: „Die großen Käfer sind die alten, die kleinen die jungen, die wachsen noch!" Käfer können nicht mehr wachsen, wenn sie aus der Puppe geschlüpft sind, das verhindert schon der starre Chitinpanzer.

Das Wasser der Lotte ist jetzt ziemlich klar geworden. Der Wasserstand ist zeitweise recht niedrig und beträgt dann 1 bis 2 cm. Die große der Luft dargebotene Oberfläche des Wassers bedingt eine starke Verdunstung, gleichzeitig ist der Wärmeverlust - obgleich Wasser die Wärme nur langsam abgibt - ein relativ großer. So betrug die Wassertemperatur an dem oben erwähnten Januartage bei der gleichen Lufttemperatur wie vorher dicht vor der Stiepeler Straße + 11 ° C, so daß auf einer Strecke von 800 bis 900 m Länge bereits ein Temperaturabfall von 9 ° C vorlag. Der starke Temperaturabfall einerseits als auch die schon erwähnten chemischen Beimengungen anderseits bedingen, daß das pflanzliche Leben in der Lotte sich auf ganz unempfindliche Organismen beschränkt; es sind eigentlich nur Quellenmoose und einige anspruchslose Algen da, die die gequollenen Seitenbretter des teilweise dammartig erhöhten Lottenbettes bedecken. Tierisches Leben im Wasser ist nicht u beobachten; einige Gräser nützen die Feuchtigkeit des Uferrandes aus, die an undichten Stellen des Bettes so groß wird, daß sie sich den Fußgängern recht unangenehm bemerkbar macht. Auf dem Talboden zur Rechten zeigt sich jetzt eine kleine Erosionsrinne, in die bald andere einmünden. Es beginnt die Bildung eines Wiesenbaches, der überall kleine Zuwässer erhält und besonders in der feuchten Jahreszeit bald recht stattlich anwächst. Er vervollständigt eigentlich das Tal geographisch erst. Die Einheimischen nennen dies Gewässer Blenne-Bach. Er fließt im Talgrund etwa nach Osten und beginnt bald, wie jedes fließende Wasser in einer Ebene mit kleinen Unregelmäßigkeiten, wellenlinienartige Windungen zu machen, zu mäandrieren. Die Temperatur dieses Bachwassers liegt natürlich wesentlich unter der der Lotte; sie nähert sich an seiner Ursprungsstelle stark der Lufttemperatur und betrug + 7,5 °C. Die Felder auf dem Schräghang an der Straße leiden stark unter Wasser; breite Erosionsrinnen führen hinab zum Wiesengrund, in den von WSW her ein zweites Tal einmündet.

Die Lotte ist kurz vor der Stiepeler Straße eine kleine Strecke von ihrem Lattengefängnis befreit worden. Der natürliche steinige Grund gibt jetzt den Quellenmoosen und Algen eine bessere Möglichkeit zum Anwachsen; es scheint auch so, als ob der natürliche Untergrund die Selbstreinigung des Wassers günstig beeinflußte. In der Nähe des Uferrandes wachsen Mieren, Kreuzkraut (Senecio vulgaris), Storchschnabel, Ackerschachtelhalm und Rippenfarn (Blechnum spicant). Auf den Hängen, die zu einer Geflügelfarm hinaufsteigen, stehen einige Ilexbüsche.

Au der anderen Seite der das Lottental etwa rechtwinklig überquerenden Stiepeler Straße, da, wo vor dem Häuschen von Aug. Schulze ein schöner Vogelbeerbaum steht und eine weniger schöne Verkaufsbude das Landsschaftsbild „ziert", ist die Lotte schon wieder in ihr Lottengefängnis zurückgekehrt. Die Sohle des Tales wird jetzt breiter. Die westlichen Hänge des ziemlich steil ansteigenden Grumberges (=Grindberg, im Grind, Kiesgrund, zu grinden, d. h. zerreiben) zur Linken, deren Schiefertone geologisch dem mittleren Oberkarbon angehören, sind heideartig mit Calluna und Ginster bewachsen. Sie sind heute ebenso wie die sich anschließenden, mit Eichen, Hainbuchen und vor allem Birken bewachsenen Höhen nicht mehr zugängig, da sie vom St. Elisabeth-Hospital angekauft und eingefriedigt sind für ein Schwestern-Erholungsheim.

Die Wiesen des Talgrundes sind von zahlreichen Entwässerungsgräben durchzogen, in denen Wasser mit buntschillernder ölartiger Eisenhaut steht. Das Wasser wird hier von bestimmten Bodenschichten nicht durchgelassen, es stagniert. Der Kalkgehalt des Bodens, der der Säurebildung entgegenarbeitet, wird dabei gering, der Gehalt an kieselsäurenhaltigen freien Humussäuren vergrößert sich. Auf solchen Böden finden wir die sog. „sauren Wiesen", auf denen die Gräser größtenteils durch die Ried- oder Sauergräser (Fam. Cyperaceae) ersetzt werden. Zu ihnen gehören die Seggen (Carex) und Simsen (Scirpus) und auch das Wollgras (Eriophorum). Wohl den meisten sind seine den Aehrchen zur Zeit der Fruchtreife angehefteten Wollbüschel schon aufgefallen, die wie weiße Wattebäusche aus den Wiesen herausleuchten. In diesen Wiesen wachsen auch die bekannte Sumpfdotterblume (Caltha palustris), das Wiesenschaumkraut (Cardamine pratensis), der Wiesenknöterich (Polxgonum bistorta); weite Flächen bedecken die ebenfalls für saure Wiesen eigentümlichen Sumpf-Schachtelhalme (Equisetum palustre). Natürlich trägt die Lotte nicht, wie man öfters hört, zu dieser Beschaffenheit der Wiesen bei, wohl aber bringt der Blenne-Bach, der drüben auf der anderen Talseite am Fuße der mit Eichen, Hainbuchen und einigen Birken bewachsenen Höhen fließt, immer neue Wassermengen herbei. Auch Regenrinnen führen in großer Zahl von den Höhen herab. Mitten über die Wiesen hinweg zieht sich an einer stark eisenhaltigen Wasserader eine Reihe von Schwarzelen (Alnus glutinosa) entlang, der Bäume, die von allen unseren Holzarten die meiste Feuchtigkeit verlangen. Daß sie in solchem stickstoffarmen Boden wie hier noch so gut fortkommen, verdanken sie den Bakterien in den orangefarbenen, knolligen Ausmüchsen an ihren Wurzeln. Diese vermögen nämlich den Stickstoff der im Boden vorhandenen Luft direkt zu verarbeiten und lassen dann, ähnlich wie das bei Schmetterlingsblütlern vorkommt, die Stickstoffverbindungen den Erlen zugute kommen. Der Blenne-Bach verzweigt sich nun und fließt in mehreren Armen durch die immer feuchteren Wiesen, die dicht vor der Wirtschaft Wengler am sauersten zu sein scheinen. Der Lauf des Hauptarmes vom Bach wird hier von einer Reihe Kopfweiden begleitet.

Auf den Hängen zur Linken ist jetzt der Wald verschwunden. Auf der sich bis fast an die Straße erstreckenden feinsandigen Lehmdecke, die nach unten in kalkhaltigen Löß übergeht, sind Felder angelegt. Hier, am Eingang eines kleinen Seitentales befindet sich noch ein alter Stolleneingang, der zur Zeche Julius-Philipp gehört und sich ungefähr bis zum Gehöft Schrepping hinzieht, aber längst außer Benutzung ist. Er steht aber heute noch mit den benutzten Stollen der Zeche in Verbindung.

Wenige Minuten später ist die Wirtschaft Wengler erreicht, wo viele bei Kaffee „mit" oder „ohne" oder bei „Eiserkuchen", einem westfälischen Gebäck, zu raste pflegen. Auch der „Zoo", die in Glaskästen an den Wänden aufgehängten Tiere, wird dabei meist mit Interesse betrachtet. Auch diese Einrichtung, die mitunter recht weit ausgebaut sein kann, (ich denke an die Sammlungen „in der Uhle" und in Luhns-Mühle) scheint mir eine bemerkenswerte Lokalerscheinung zu sein.

Gleich hinter Wengler sieht man die alte, anfangs schon erwähnte Steinhalde, hinter der der „mäandrierende" Bach wieder zum Vorschein kommt. Hier erreicht das Tal landschaftlich seine größte Schönheit. Links zieht sich ein langer Höhenzug des Oberkarbon hin, während von rechts, also von S her, die flachen oberen Talterrassen der Ruhr, aus diluvialem Schotter mit Lehmdecke bestehend, an den Talgrund herantreten. Sie stammen wohl aus der letzten Eiszeit und liegen 40 bis 50 m über der heutigen Talaue der Ruhr.

Der von dem windungsreichen Blenne-Bach durchschnittene Wiesengrund ist mit zahlreichen Pflanzen besetzt. Hier wachsen am sumpfigen Rande wieder Schachtelhalme, während an etwas trockeneren Stellen Knabenkräuter (Orchis latifolia u. maculata) und der Halbschmarotzer Klappertopf (Alectorolophus) stehen, der mit seinen feinen Saugwurzeln Anschluß an die Graswurzeln sucht. Unter den Sträuchern am Böschungsrand, wo an Sommerabenden die Leuchtkäfermännchen wie kleine Sternschnuppen herumfliegen und ihr ebenfalls leuchtendes, aber flügelloses Weibchen aufsuchen, blüht auch hier und da die Goldnessel (Galeobdolon luteum) mitten zwischen de überall häufigen Fingerkräutern.

Das Wasser auf den Höhen zur Linken hat sich an einer Stelle mitten durch den Buchenwald ein kleines Erosionstal tief eingeschnitten. Aus ihm strömt der Lotte ein klares Bächlein zu, das jetzt ganz die Herrschaft übernimmt. Während noch 5 cm vor der Einmündung das Lottenwasser eine Temperatur von + 10,5 ° C aufwies, war diese 1 m hinter der Einmündung dieses „Nebenflüßchens" bereits auf 8,2 ° C gesunken. Damit war die Lufttemperatur fast erreicht, der Temperaturabfall praktisch beendet. Da außerdem hier viel klares Wasser in die Lotte einfließt, wäre anzunehmen, daß nunmehr die Flora und Fauna genügende Existenzbedingungen haben müßten. Es zeigt sich aber auch weiterhin weder tierisches noch stärkeres pflanzliches Leben in dem Wasser. Der Grund dafür ist wohl darin zu sehen, daß von Zeit zu Zeit (bei besonders starkem Arbeiten der Pumpen und bei Schichtwechsel) eine große Menge Schacht- und Waschwassers auftritt, daß dann die günstigen Einflüsse des „Nebenflüßchens" wieder ganz abschwächt und mit seinem großen Kaloriengehalt auch den Temperaturabfall wesentlich verlangsamt. Ich beobachtete einmal eine solche Störung gerade an dieser Stelle. Es war an einem Sonntag. Punkt 12 Uhr mittags kam aus Westen eine hohe „Flutwelle" dunklen Wassers im Bett der Lotte dahergerollt, alles mit sich reißend und fast über den Rand tretend. Die Welle schritt mit der Geschwindigkeit eines gewöhnlichen Fußgängers vorwärts.

Der Grund der Hänge bekommt auch etwas Feuchtigkeit dabei ab, was den Eichen und Hainbuchen recht gut zu bekommen scheint. Die etwas weniger Bodenfeuchtigkeit liebenden Buchen finden sich in den trockenen Zonen des Hanges. Wer mehrere Jahre hintereinander hier vorübergewandert ist und dabei etwa nach Eicheln und Bucheckern gesucht hat, der wird gemerkt haben, daß die Ausbeute in den einzelnen Jahren - ähnlich wie bei den Obstbäumen - eine recht verschiedene war. Das kommt daher, daß die Buchen und Eichen, die erst spät, nämlich im 40. Bis 60. Lebensjahre, ihre „Mannbarkeit" erreichen, d. h. Samen hervorbringen können, nur in bestimmten Zeiten sog. Samenjahre („Vollmasten") haben. Bei Buchen treten solche Samenjahre unter günstigen Verhältnissen alle 5-8, unter ungünstigen alle 9-12 Jahre auf, während sich bei Eichen Vollmasten alle 3-7 Jahre zeigen.

Im Wiesenbach, dessen Lauf durch Kopfweiden und Erlengestrüpp weithin zu verfolgen ist, herrscht ein reges pflanzliches und tierisches Leben. Auf den ersten Blick merkt man davon allerdings nicht viel. Aber wenn man einen Wassertropfen unter dem Mikroskop untersucht, ändert sich dieser Eindruck sofort. Auch ohne Mikroskop kann man schon manches entdecken, besonders wenn man sich einen Stein vom Bachgrund herausnimmt und diesen genauer studiert. Ab und zu findet man einen Egel, der sich mit seinen Saugnäpfen festhält, viel häufiger platte, schleimige, dem Stein flach anliegende Strudelwürmer (Planaria), die die eigentümliche Fähigkeit haben, wenn sie in mehreren Teile zerschnitten werden, jeden dieser Teile wieder zu einem ganzen Tier auswachsen zu lassen. Eilig huschen über die Steinfläche platte, breitköpfige, mit frei langen Schwanzfäden versehene Eintagsfliegen, die etwa drei Jahre ein vorbereitendes Wasserleben führen müssen, um zur fertigen Eintagsfliege zu werden, die dann - Ironie des Schicksals - nur 2-3 Tage lebt. Weiter finden wir stets die aus Sand, kleine Steinchen oder Holzstückchen zusammengeklebten Röhrengehäuse, in denen die Larven de Köcherfliegen wohnen; auch mützenartige kleine Gehäuse von Schnecken (Ancylus fluviatilis) sind dem Stein fast angeklebt. Auf jeden Fall wird vermieden, dem strömenden Wasser eine größere Angriffsfläche darzubieten, und nur auf diese Weise vermögen jene Tiere sich in dem lebhaft strömenden Wasser des Wiesenbaches eine festen Wohnort zu erhalten.

Die Talsohle verengt sich jetzt. Auf der Talterrasse zur Rechten liegen einige Kotten; hier und da weidet ein Rind oder ein Schaf. Zänkische Elstern, die von Jahr zu Jahr dreister werden, sieht man überall. Der Buchenwald zur Linken wird jetzt lichter, die Höhe flacher. Zu den Eichen und Hainbuchen treten an trockenen Stellen einige Birken. Besonders auffallend ist eine hart am Wege stehende knorrige Hainbuche, die gelbe Wanderzeichen des S. G. V. trägt.

Der Talboden verbreitert sich nun wieder; Wiesenauen bedecken ihn. Links tritt eine mittlere, mit Schotter und Lehmboden versehende Talterrasse der Ruhr auf, die etwa 20-25 m über dem heutigen Talboden der Ruhr liegt. Wir nähern uns jetzt dem geologisch interessantesten Teile des Tales, das den südlichen oder Stockumer Hauptsattel durchschneidet. Der Sattelkopf dieses oberkarbonischen Sattels ist hier sehr schön aufgeschlossen. Hier ist zum Abbau der zutage tretenden Magerkohle 1918 die Zeche „Klosterbusch" angelegt, die zunächst mit Stollenbetrieb arbeitete, heute aber bereits Kohle abbaut, die 400 m tief liegt. Mit einer Drahtseilbahn wird diese über die Ruhr nach Herbede geschafft. Die höheren Teile tragen alle Wald oder Gestrüpp. Der Wald bleibt nördlich der Straße; er besteht meist aus Eichen und Buchen. Südlich der Straße verwandelt sich der Talgrund in eine Sumpflandschaft, die mit ihrem moorigen Boden und ihrem Schachtelhalmmeer einer kleinen Karbonlandschaft ähnelt. Schilf wächst natürlich auch hier; am Sumpfrand stehen Erlen und einige Pappeln.

Wir wandern an der alten bemoosten, mit Farnen bewachsenen Mauer eines Kottens entlang und kommen zu drei mächtigen alten Hainbuchen, die wie Wächter den Ausgang des Lottentales bewachen. Wenige Meter weiter ergießt die Lotte ihre Wässer in die neu angelegten Kläranlagen des Oelbaches.

Wir sind am Ende unserer fast 4 km langen Wanderung durch das Lottental.