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Jakob Mayer.

Joseph Sternemann.

Die Entwicklung der deutschen Eisen- und Stahlindustrie gründet sich auf eine fortlaufende Kette von Erfindungen technischer Hilfsmittel. Ein Glied dieser Kette ist die Erfindung des Stahlformengusses durch den Bochumer Jakob Mayer, Gründer der Gußstahlfabrik Mayer & Kühne, aus der der „Bochumer Verein" hervorging.

Könnte Jakob Mayer nur die Ehre für sich in Anspruch nehmen, das größte industrielle Unternehmen Bochums ins Leben gerufen zu haben, wahrlich, es wäre Grund genug, daß die Bochumer seiner in steter Dankbarkeit gedächten; denn seine Gründung war letzten Endes die Ursache der Entwicklung Bochums von der kleinen Ackerstadt zur Industriestadt. Leider hat man ihn fast vergessen. Es ist hier nicht der Ort, dem Grunde dafür nachzugehen, aber auch in der industriellen Welt erinnert man sich seiner noch kaum. Als Erfinder des Stahlformengusses und der darauf beruhenden Herstellung von Kirchenglocken, Schiffs- und Eisenbahnmaterial ragt Mayers Bedeutung weit über die Mauern Bochums hinaus; denn seine Erfindung aus dem Jahre 1847 führte die deutsche Eisen- und Stahlindustrie in völlig neue Bahnen; sie bedeutete einen solchen Fortschritt, daß die englische Stahlindustrie durch die deutsche in Schatten gestellt wurde.

Das Leben eines Erfinders ist immer interessant, und sein Name verdient es, der Nachwelt erhalten zu bleiben. Darum will ich das Lebensbild des genialen Jakob Mayer hier kurz wiedergeben.

Droben im Schwabenlande, in dem heute 1700 Einwohner zählenden Marktflecken Dunningen bei Rottweil, auf der Hochebene zwischen Schwarzwald und Neckar, erblickte Jakob Mayer am 1. Mai 1813 das Licht der Welt. „In der Schaurre" beim Dorfbach steht sein Geburtshaus. Es trägt die Nummer: 323. Mayers Vater, der Bürger und Bauer Adam Mayer, plagte sich jahraus, jahrein mit seiner Frau Luitgard auf dem Felde, um seiner Familie, zu der sieben Kinder zählten, den nötigen Lebensunterhalt zu verschaffen. Jakob war in der Reihe der Kinder das vierte. Schon sehr früh offenbarte der Knabe eine große Neigung und viel Geschick für Mechanik. Der seit dem Ende des 17. Jahrhunderts im südlichen Schwarzwald und den angrenzenden Bezirken betriebenen Herstellung der berühmten Schwarzwälder Uhren schenkte er schon während seiner Schulzeit die größte Beachtung. So erklärt es sich, daß Jakob nach vollbrachter Schulzeit den Wunsch äußerte, Mechaniker zu werden. Dieser Wunsch konnte dem strebsamen Knaben aber in der Heimat nicht erfüllt werden, denn die Schwarzwälder Uhrmacher hüteten ihr Kunsthandwerk ängstlich als Geheimnis und nahmen nur ihre Söhne oder die von nahen Verwandten in die Lehre. Doch es fand sich ein Ausweg. Die Eltern schickten ihn nach Köln, wo ein Oheim mütterlicherseits, Dominikus Mauch, in dem Hause Hämergasse 17 das Handwerk eines Mechanikers und Uhrmachers ausübte.

Der Oheim war ein fleißiger und fortschrittlicher gesinnter Mann und, wie sein Totenzettel vermerkt, mit seltenen Geistesgaben ausgestattet. In seinen Mußestunden befaßte er sich mit Versuchen zur Herstellung von Gußstahl, zu dem Zwecke, sich von der englischen Uhrenstahlfederfabrikation unabhängig zu machen. Selbstverständlich überdeckte er diese Versuche mit dem Mantel des Geheimnisvollen. Das aber war es, was den talentierten angesehenden jungen Mechaniker fesselte. Er sann auf Mittel und Wege, das Geheimnis seines Meisters zu ergründen. Doch die vielen angestellten Versuche mißglückten. Schließlich verfiel er auf eine List. Er wußte den Sohn seines Meisters, der mit ihm die Kammer über der Werkstatt bewohnte, dahin zu überreden, daß sie ein Loch in den Fußboden bohrten, um dadurch den Meister bei seinen Versuchen zu beobachten. Es ist nicht bekannt geworden, auf welchem Wege Dominikus Mauch sein Ziel zu erreichen strebte, wir wissen nur, daß Jak. Mayer später einmal geäußert hat, sein Oheim sei auf falschem Wege gewesen. Aber die Versuche des Oheims waren nicht vollends wertlos: sie spornten den Geist des jungen Mechanikers mehr und mehr an und bereiteten ihm den Weg zu seinen späteren Erfolgen.

Nach beendeter Lehrzeit blieb Jakob Mayer noch zwei Jahre in Köln. Dann zog es ihn in die Fremde. Er siedelte nach Sheffield in England über, um in den dortigen Werken mit der Herstellung von Eisen und Stahl vertraut zu werden. Zwei Jahre arbeitete er hier mit großem Fleiße, getragen von dem Wunsche, Gedanken der englischen Stahlindustrie nach Deutschland zu verpflanzen. Sein Fabrikherr schätzte ihn wegen seiner Fähigkeiten so sehr, daß er sich herbeiließ, den jungen Deutschen in manches Geheimnis der Stahlindustrie einzuweihen. Dieses Vertrauensverhältnis machte den Aufenthalt Mayer in England bedrohlich. Hatte er schon immer unter den Anfechtungen seiner englischen Mitarbeiter zu leiden gehabt, so nahmen diese schließlich eine feindselige Stellung gegen ihn ein, die so weit ging, daß man ihm nach dem Leben trachtete. Er war gezwungen, England fluchtartig zu verlassen. Einem auf ihn verübten Anschlag entkam er durch eine Abzugsdohle (Kloakenanlage). Ein im Hafen fahrtbereites Schiff nahm ihn als Schiffsschlosser auf und setzte ihn nach vielen Kreuzfahrten endlich an den heimatlichen Strand.

In seinem Heimatdorfe Dunningen begann Jakob Mayer, Tiegelstahl zu fabrizieren. Wegen der hohen Preise für Holzkohlen verließ er Dunningen alsbald wieder und siedelte sich in Köln an. Im Mauenheimer Hof der Vorstadt Rippes stellte ihm sein späterer Schwager Johann Volk im Jahre 1837 Werkstatt und Ländereien zur Verfügung. Fünf Jahre lang setzte Mayer die ganze Manneskraft seines strebsamen Lebens, seine reichen Erfahrungen und sein erspartes Geld ein, um die in England gefaßten Pläne zu verwirklichen. Da aber der Stahl durch die schwefelhaltigen Aachener Kohlen minderwertig wurde, so brachte ihn das zu der Ueberlegung, das in Köln-Rippes mit wenigen Leuten betriebene Unternehmen aufzugeben und das westfälische Kohlengebiet aufzusuchen. Die Absicht, sich in Steele niederzulassen, ließ er fallen, um sich in Bochum mit dem Kaufmann Eduard Kühne aus Magdeburg zu verbinden. Das war im Jahre 1842.

Alte Nachrichten melden, daß die Bochumer Ackerbürger damals mißtrauisch den Kopf geschüttelt hätten, als die beiden Fremden an der Landstraße nach Essen einige Morgen Land zum Preise von fünf Talern die Rute kauften. 1843 konnte der Betrieb mit wenigen Arbeitern aufgenommen werden. Die Stahlfabrik entwickelte sich im Laufe der Jahre immer mehr. 1850 zählte sie etwa zwanzig größere und kleinere Werkstätten und Lagerräume. Reste der alten Fabrik stehen noch hinter dem Hauptportal des Bochumer Vereins.

In Bochum gelang es Mayer nach vielen mühevollen und vergeblichen Versuchen im Jahre 1847, die große technische Aufgabe des Stahlformengusses zu lösen, das heißt, eine feuerbeständige Formmasse herzustellen, in die der schwere, flüssige Stahl gegossen werden konnte. Es ist oben schon ausgeführt worden, welche Bedeutung diese Erfindung für die gesamte Eisenindustrie gewann.

Obgleich die Erfindung in Deutschland nicht patentiert war, blieb sie doch zehn Jahre lang alleiniges Eigentum der Bochumer Gußstahlfabrik. Erst in den sechziger Jahren wurde der Stahlformenguß von anderen inländischen Fabriken nachgeahmt.

Eine sechspfündige Kanone war das erste Gußstahlerzeugnis. In der Fabrik von Kamp &Co. in Wetter gebohrt und fertiggestellt, wurde sie in Bochum Schieß- und Sprengversuchen unterzogen. Weitere Geschütze folgten. Die preußische Militärverwaltung stellte der Firma Mayer & Kühne die amtliche Bescheinigung aus, daß ihre Geschütze denen der Kruppschen Fabrik ebenbürtig seien.

Doch nicht auf dem Gebiete der Geschützefabrikation, sondern durch seine Gußstahlglocken sollte das Werk Weltruhm ernten. 1851 ist das Geburtsjahr der ersten Gußstahlglocke, die im folgenden Jahre mit zwei weiteren Glocken auf der Gewerbeausstellung in Düsseldorf zur Schau gestellt wurde. Als Anerkennung erhielt der Erfinder die silberne Medaille.

Weit größer war der Erfolg auf de Weltausstellung in Paris im Jahre 1855, die die inzwischen (1854) in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Fabrik mit drei Glocken beschickte. Die Glocken, die alle die in der Ausstellung vorhandenen Bronzeglocken an Größe übertrafen, erregten das Aufsehen aller Besucher und bei dem Wettbewerb auch Zweifel über ihre Gestehung aus Gußstahl. Auch Krupp gehörte zu den Zweiflern. Man stellte die Möglichkeit, Glocken in solchen Ausmaßen aus Gußstahl herzustellen, hartnäckig in Abrede und behauptete, sie seien aus Gußeisen. Zur Behebung der Zweifel schickte die Bochumer Gußstahlfabrik eine weiter Glocke nach Paris, von der der Anguß noch nicht entfernt war, ließ diesen dort abnehmen und zu einer quadratischen Stange schweißen. Aber noch waren die Zweifler nicht beruhigt. Sie warfen dem Erfinder Betrug vor, indem sie behaupteten, daß bei der Glocke nur die zuletzt eingegossene Masse wirklicher Gußstahl, das übrige Roheisen oder auch, daß der Anguß durch Ausglühen weich gemacht sei. Da wallte dem biederen Schwaben das Blut. Mayer reiste sogleich nach Paris und ließ in Gegenwart des großen Preisrichterkollegiums, zu dem auch der preußische Oberberghauptmann von Dechen gehörte, die angestrittene Glocke durch zwei mitgebrachte Arbeiter zerschlagen und beliebige Stücke ausschmieden und härten. Da verstummten die Zweifler. Die Preisrichter erkannten dem Werk den höchsten Preis zu, die große Ehrenmedaille in Gold, eine Auszeichnung, die in der Stahlgruppe nur noch einer belgischen Firma für gewalzte und polierte Bleche zuteil wurde. Jakob Mayer wurde von Napoleon III. zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt. Der Ruf der Bochumer Gußstahlglocken und der übrigen Gußstahlerzeugnisse des Werkes war damit begründet. Mayers Verdienste um die deutsche Industrie fanden auch von staatlicher Seite die gebührende Anerkennung. Wilhelm I. verlieh ihm den preußischen Kronenorden und der württembergische König den Friedrichsorden. Papst Leo XIII. ernannte den Erfinder der Gußstahlglocken zum Ritter des Gregoriusordens.

Nach der Umwandlung der Gußstahlfabrik von Mayer & Kühne in eine Aktiengesellschaft blieb Mayer technischer Direktor. Zum kaufmännischen Direktor wurde vorübergehend der Regierungsassessor a. D. von Sybel, 1855 der Kaufmann Louis Baare aus Minden bestellt. In jahrelangem Zusammenwirken haben Mayer und Baare in Gemeinschaft mit dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates, Jean Maria Heckmann aus Köln, und einem Stabe tüchtiger und fleißiger Beamten und Arbeiter das kleine Werk, dessen Tagesproduktion mit einem Pferde bei zweimaliger Fahrt nach dem in der Nähe von Bochum gelegenen Dorfe Herne zur Köln-Mindener Bahn gebracht werden konnte, zu einem der größten Eisen- und Stahlwerke Deutschlands gemacht. Lange Zeit war die Bochumer Gußstahlfabrik nach der Kruppschen Fabrik das größte Stahlwerk Deutschlands.

Recht treffend gibt Maayers Bedeutung für die deutsche Industrie ein Wort wieder, das Max Schlesinger gelegentlich der Wiener Weltausstellung 1873 über das Verhältnis der Kruppschen Fabrik zum Bochumer Verein in der Kölnischen Zeit äußerte: „Beide können neidlos und selbstbewußt einander ins Auge schauen, und wie Goethe in bezug auf Schiller, so könnte das ältere Essen auch von den jungen Bochum sagen, die Deutschen sollten sich glücklich fühlen, zwei solcher Kerle, wie wir sind, zu haben."

Diese anerkennenden Worte waren dem nun Sechzigjährigen sicherlich eine Genugtuung für manche erlittene Zurücksetzung. Mayers äußeres Leben verlief nämlich in großer Einfachheit und persönlicher anspruchslosigkeit. Er ging den geraden Weg der Pflicht und fand neben seiner beruflichen Tätigkeit noch Zeit, der Stadt seine Dienste als Stadtverordneter, der katholischen Kirchengemeinde seine Kräfte als Gemeindevertreter und manchen gemeinnützigen Anstalten seinen gern gehörten Rat zu leihen.

Ein schweres inneres Leiden setzte seiner rastlosen Tätigkeit am 30. Juli 1875 ein jähes Ende. Sein Grab ist auf dem alten Friedhof an der Wittener Straße. Ein im gotischen Stile gehaltenes Denkmal mit der Büste des Toten zeigt seine Ruhestätte an. Möge es uns und den kommenden Geschlechtern erzählen von deutschem Geiste, deutscher Willenskraft, deutschem Fleiße und deutscher Pflichttreue.