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Die Bochumer Armenprovisorei im 17. Jahrhundert

Dr. Höfken

Die Fürsorge für Arme und Kranke war in alten Zeiten der Kirche überlassen. Erst mit dem Wachsen der Stadt im 15. Jahrhundert macht sich in Bochum das Bedürfnis geltend, die Armenpflege in städtische Aufsicht zu nehmen; auch mußte für die ortsfremden Armen, die durchreisenden Pilger und die vielen in den Kriegsnöten von Haus und Hof Vertriebenen, die den Bürgern durch ihre Betteleien sehr zur Last fielen, die Möglichkeit einer Beherbergung und Verpflegung geschaffen werden. So richtete denn die Stadt im Jahre 1438 auf Grund einer Stiftung des Ritters Johann von der Dorneburg genannt Aschebroick in Eickel ihr „Gasthaus" ein, das in einem bescheidenen Häuschen auf der Gerberstraße Nr. 7, jetzt ein Teil der J. Baerschen Besitzung, ins Leben trat. Der Stifter hatte seinen in Gerthe gelegenen Bauernhof, genannt „des Rodden Gut", der Stadt unter der Bedingung vermacht, daß man von dem vurgenampten gude den ellen den armen und kranken broider in dem Hospital und gemeynen Gasthuse, dat man na datum disses brenffs to Boichem maken und stichten sal, spysen und laven sal to ewigen dagen". Unter „elend" verstand die damalige Zeit etwas wesentlich anderes als heutzutage; das Wort hieß so viel wie „heimatlos". Und diesem Stiftungszweck, den heimatlosen und armen Leuten eine Gaststätte zu bieten, hat das Haus während der ganzen Zeit seines Bestehens bis in das letzte Jahrhundert gedient.

In den ersten Jahrzehnten seines Bestehens wurde das Gasthaus von wohltätigen Bürgern mit Stiftungen an Land und Renten bedacht, so daß man eine regelrechte Verwaltung dieses Armenvermögens unter zwei „Vormündern" einrichten mußte. Im Gasthause selbst mit seinem Garten- und Wiesengelände wirtschaftete der „Gastmeister", der mit Knechten und Mägden im landwirtschaftlichen Kleinbetrieb von den Armenländereien alles das aufbringen mußte, was zur Verpflegung der Armen und Siechen notwendig war.

Die „Gastwiese" lag hinter dem Hause, von diesem durch den alten Stadtwall getrennt, und erstreckte sich über die heutige Heinrichstraße und Kanalstraße bis zur Thomasstraße. An ihr entlang floß der Stadtbach zur Bulksmühle (jetzt Löchtermann) in Hofstede, weshalb auch die Gerberstraße in alten Zeiten die „Mühlenstraße" hieß.

Die Wiese wurde 1622 verpfändet und erst 1805 wieder eingelöst. 1823 wurde das 305 kölnische Ruten große Gelände an Landrichter Bölling für 917 Rthlr. verkauft. In dem Kaufvertrag wurde dem Ankäufer u. a. zur Pflicht gemacht, die an dem Stadtbache von Grolmann im Jahre 1786 angelegte S c h l e u s e in Ordnung zu halten.

Der Gastgarten lag „vor der Bungerspforten" an der Alleestraße; er wurde in den Kriegsnöten ebenfalls verpfändet. Seit 1627 war er „belegt" (zu Pfand genommen). „Der Gastmeister hat den halben Gastgarten, übrige Halbscheid Christoph Schilling." (Rechnung von 1638.)

Ueber diesen Gastgarten findet sich im Stadtarchiv (30. Nr. 3) folgende Notiz aus dem 18. Jahrhundert: Der Gastgarten ist vom damaligen Bürgermeister Christoph Schilling belegt, durch eine Heirat aber der halbe Garten an die Erben des Kaspar Diedrich Grollmann gekommen, und ferner durch eine abermalige Heirat des Kriegsrates Grollmann an Mademoiselle Esselen gebracht. Die andere Halbscheid aber ist an die Erbgenahmen Schillings modo Herrn Rentmeister Homborg verblieben.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde das alte Gasthausgebäude mit der Neuordnung des Armenwesens nicht mehr für Aufnahme der Armen verwendet, sondern dem Ratsdiener Suls, später Ruchardt, zugewiesen. 1794 wurde es für 6 Reichsthaler jährlich verpachtet und 1801 für 412 Rthlr. an den Kaufmann J. H. A. Ballot verkauft. Den dahinterliegenden Garten „zwischen der Mettergang- und Schulteschen Lohgerberei nebst dem vorbeifließenden Mühlenbach" erwarb 1836 der Lohgerber Mettegang.

Als die Stadt durch den großen Brand, der im Jahre 1517 ganz Bochum in Asche legte, gezwungen war, zur Beschaffung von Wiederaufbaugeldern auch einen großen Teil der Armenländereien zu verpfänden, gingen auch die Einkünfte aus diesen so zurück, daß eine Neuregelung des Armenwesens notwendig war. Es wurde deshalb im Jahre 1523 ein neuer Gastmeister auf Lebenszeit (Rötger Steffen) angestellt, der von den Erträgnissen der Armenhöfe und -ländereien in Höhe von 50 Maltern Korn, Gerste und Roggen (1 Malter zu 4 Scheffeln zu 80 Pfund) seinen und seines Gesindes Lebensunterhalt beziehen, den Rest aber unter die Armen und „Elenden" verteilen sollte. Von den einkommenden Geldrenten mußte er den Pfandgläubigern, denen 16 Maltersaat Land. (1 Maltersaat = 624 Ruten) verpfändet war, Zinsen zahlen und die übrig bleibende Summe, „an Getymer des Gasthußes, an Bedden, an Laicken" und sonstigen Bedarf für die Armen verwenden. Jährlich nach Martini sollte er über seine Verwaltung den beiden „Vorständen oder Prokuratoren", die die Aufsicht über das ganze Armenwesen hatten, Rechnung legen.

Diese Selbstbewirtschaftung der Armenländereien durch den Gastmeister scheint sich aber nicht bewährt zu haben; denn am Ende des 16. Jahrhunderts hatte man sie abgeschafft und alle Ländereien in der Stadtfeldmark an Bürger der Stadt verpachtet. Dem Gastmeister war nur der Gastgarten zur eigenen Benutzung verblieben; außerdem hatte er noch freies Wohnen und freie Heizung im Gasthause. Da er kein Gehalt empfing, so war er auf die Einnahmen angewiesen, die er aus der Verpflegung und Beherbergung der durchziehenden Armen bezog.

Das Gasthaus bildete also die „Herberge zur Heimat" im alten Bochum, während die Versorgung der Ortsarmen den beiden „Provisoren der Armen" vorbehalten blieb. Zu diesen ernannten Bürgermeister und Stadtrat nebst den „Acht von der Gemeinheit" (den heutigen Stadtverordneten) jährlich zwei angesehene Bürger, die ehrenamtlich die ganze Verwaltung des Armenvermögens zu führen hatten. Die Aermsten der Gemeinde erhielten jetzt nicht mehr freie Beköstigung im Gasthause, sondern als „Hausarme" Spenden an Geld und Korn zum Unterhalt sowie zur Beschaffung der notwendigen Kleidung. Im Winter brachte man ihnen Kohlen zum Heizen in die Wohnung, wie auch der Gastmeister zum Heizen des Gasthauses zwei „halbe Gaben" Holz, die der Armenverwaltung aus der „Weitmarer Mark" zustanden, nebst den erforderlichen Kohlen bezog.

Diese Regelung des Armenwesens blieb bis zum Ausgange des 18. Jahrhunderts unverändert bestehen. Aus den Verwaltungsberichten der Armenprovisoren können wir uns ein Bild machen von der sozialen Lage der Armen im alten Bochum. Da diese Rechnungen gerade aus dem ganzen 17. Jahrhundert in große Anzahl in unserem Stadtarchiv noch vorhanden sind, so lohnt sich wohl eine eingehende Betrachtung der Armenverwaltung, der „Armenprovisorei", zumal Darpe in seiner Stadtgeschichte sie nur flüchtig berührt.

1. Die Besitzungen der Armenprovisorei

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts besaß die Armenverwaltung folgende Güter:
  1. Den FLEIGE-HOF IN GERTHE, aus dem 17 ½ Malter, halb Gerste und Roggen 5 Malter Hafer, 3 Gänse und 12 Hühner einkamen, dieser Hof ist das alte in der Gründungsurkunde genannte Roddengut.

  2. Den BRINK-HOF IN HILTROP, der je 3 Malter der genannten Getreidearten nebst 45 Stüber Geld als Ablösung für eintägige Hilfe beim Düngen und 4 Hühner gab; dieser Hof war eine Stiftung des Bürgermeisters Hermann Voß aus dem Jahre 1461. Das Gut wurde später von dem nahegelegenen Hofe Henrich zu Hiltrop aus bewirtschaftet und mit dessen Ländereien vereinigt; es war 9 Maltersaat groß.

  3. Den HONSCHEID-HOF IN SOMBORN, der je 6 Malter Roggen, Hafer und Gerste lieferte.

  4. Den BLANKENSTEIN-HOF in der alten Unterbauerschaft Krawinkel. Er gehörte zu dem Oberhofe Eickenscheid (bei Kray) der Abtei Essen. Schon im Kettenbuch (um 1350) wird er als „mansus Everhardi tho Krawynkel" mit einer Abgabe von 4 Malter Gerste großen Maßes, 10 Denaren „konixkope", 2 Schilling Schulgeld und 1 jungen Huhne genannt.

    Der Hof lag im Griesenbruch am Wege nach dem Gute Krawinkel (hinter dem Kosthause Stahlhausen) und hatte ungefähr 10 Maltersaat Land.

    Im 16. Jahrhundert war er von seinem Besitzer Blankenstein derart heruntergewirtschaftet worden, daß die Aebtissin sich veranlaßt sah, ihn in andere Hände zu geben. Er wurde nämlich nach dem Tode des Pächters Blankenstein im Jahre 1592 zu „freien und unhuldigen händen" gegen Lieferung von 2 Malter Braugerste und Zahlung von 4 Reichsthlr. „Herrenbede" (einer alten an den Landesherrn abzuführenden Grundsteuer) an die Provisoren in Erbpacht gegeben. Diese verpachteten die einzelnen Ackerstücke des Hofes weiter, auch waren im Laufe der Zeit einige Ländereien an Gläubiger der Stadt verpfändet worden; so hatte der Bauer Honscheid, spätere Schulte Krawinkel 6 Scheffelsaat Land „ auf die Diebergsmühle schließend", im Pfandbesitz, weitere 4 Scheffelsaat waren an die Familie Dr. Sittart versetzt. Nach und nach wurde durch die dauernden Geldnöte die Stadt gezwungen, auch den Rest des großen Hofes zu verkaufen beziehungsweise zu verpfänden. Weil die Stadt infolge ihrer großen Schuldenlast bis in letzte Jahrhundert diese Ländereien nicht einlösen konnte, verdunkelten sich infolgedessen die Besitzverhältnisse derart, daß selbst der Magistrat den Umfang des Hofes nicht mehr kannte und im Jahre 1789 die Aebtissin in Essen um ein „Pertinentienverzeichnis" des Hofes hat. Diese übersandte darauf eine Abschrift aus dem Lagerbuch des Oberhofes Eickenscheid aus dem Jahre 1670. Jetzt hatte man eine Grundlage, auf der man weiter nach den „verdunkelten" Ländereien forschte; allmählich zahlte man an die alten Pfandgläubiger die alten Schulden ab und rettete so noch manches wertvolles Stück Land für die Allgemeinheit. Auf diese Weise ist der große Grundbesitz , auf dem sich jetzt die Städtischen Gas- und Wasserwerke erheben, der Stadt wiedergewonnen worden.

    Die Ländereien des Hofes wurden während des Dreißigjährigen Krieges einzeln an Gläubiger der Stadt verpfändet. Als bei Untersuchung des Armenwesens der Stadt durch einen Vertreter der Regierung im Jahre 1732 eine Aufstellung der Schulden („examen obligationum") vorgenommen wurde, fand sich, daß der ganze Besitz des Blankensteinhofes noch im Besitze der Gläubiger war. Man rechnete diese Ländereien auch nicht mehr zur Armenprovisorei, sondern zur Stadtkämmerei. In diesem Schuldenverzeichnisse werden als ehemaliger Besitz des Blankensteinhofes genannt außer zahlreichen Parzellen „aufm Distelberg" noch der Blankensteinkamp, der für 275 Rthlr. An Hugenroth im Jahre 1663 verpfändet worden war, und 1 Malterse und 9 Scheffelse Land „zwischen den Becken von Rodeschür", womit das Grundstück östlich des Maarbaches dicht an der Essener Chaussee vor dem alten Rodeschürmannshof gemeint ist. Bemerkenswert ist noch, daß der Hof mit einer halben Gabe Holz berechtigt war. (Pachtaufstellung von 1592 „noch unverpachtet die Hovesaith" [Hofesaat] und eine halbe Gabe Holz.")

  5. Den GASTHOF in Rechen. Der Hof lag an der Wiemelhauser Straße dort, wo jetzt das Röhrenwerk Müller erbaut ist. Wann er in den Besitz der Armenverwaltung gekommen ist, ist nicht überliefert, vielleicht ist er eine Schenkung des Hauses Rechen. Im 16. Jahrhundert muß das Hofesgebäude abgebrochen worden sein, die Ländereien wurden dann einzeln verpachtet, so z. B. sagt das Bürgerbuch S. 55, daß im Jahre 1581 vom Gasthof der „Kamp, so lengs dem Wege so nach Schellen Huis (Haus Rechen) geidt" die Wiesche, der Dyk (Teich) im Gasthoff, ein Kamp von 5 und einer von 6 Schefel sediges Land" verpachtet worden seien. Im 17. Jahrhundert war das Hofesgelände zu dem Berghof-Kotten am Hellweg (Brüderstraße), der ebenfalls alter Besitz der Armenprovisorei war, geschlagen und von dem Besitzer dieses Kottens in Pacht genommen. Der Berghof gehörte seit dem 17. Jahrhundert der Familie Möller, im letzten Jahrhundert der Familie Fröhling, bis das alte Kottengebäude dem Durchbruch der Rechener Straße zum Opfer fiel. (Der Kotten lag also neben der Wirtschaft Withake.) Die frühere Zugehörigkeit der einzelnen Ländereien zum Gasthofe oder zum Berggute kam in den alten Flurnamen auch späterhin zum Ausdruck.

    In der Provisorei-Rechnung vom 1615 wird über die Ländereien dieses Kottens folgendes ausgeführt: „Peter MÖLLER vermöge Pachtzettels von Anno 1604 gibt von dem BERGE oder GASTHOVE vor Rechen gelegen von Eichelngewächs, Wiesen, Dieken und Hude in der kleinen und großen Rechenschen Heyden und vom Lande: Erstlich 2 Sch. (Scheffel) Landes in dem Gasthove neben den Wieschen ist frey Land (also nicht zehntbar). 10 Sch. nächst Roffacken Kamp, noch 6 Sch. Landes negst Schelen Wische, noch 1 Moldersait frey Landt an dem Kampe negst dieser seiten gelegen. Noch in dem Merkendalle 5 Sch. Zehnt-Landts, noch 3 Sch. Landts an dem Stiege gelegen, noch 3 Sch. frey Landt auf dem Bergerhoiff schließend, thut zusammen 7 Malter 4 Scheffel. Vor diesmal nicht mehr denn 6 Malter Duplicis, das andere ist Splitthoff versetzt vor 100 R.dahler."

    Der Kotten umfaßte die Parzellen Flur 5 Nr. 189, 492-494, Flur 6 Nr. 49, 52, 57 in Größe von etwa 5 Morgen in Bochum und Flur 1 Nr. 61/211 „kleine Tacke", 1 Nr. 63 „Vorderster Kamp", 64 „am Gasthof", 81 „Burkamp", 83 „Wasmanns Kamp", 137 „kleine Rechener Heide, 179, 181 Brunsteins Heide (Holzung), an der oberen Steinstraße, in Größe von insgesamt 34 Morgen in der Katastergemarkung Wiemelhausen. (Grundakten Bochum Bd. 1. fol. 571, 589. Bd. 2. fol. 691.)

    Außer Gerste und Roggen („9 Malter Duplicis") hatte der Kötter noch 5 Malter Hafer im 17. Jahrhundert a n d i e A r m e n jährlich zu liefern.

  6. Den „ELLIAS-KOTTEN am Hellwege. Er wurde vor 1640 geteilt; die beiden neuen Kötter Brinkmann und Freisenbruch mußten je 3 Hühner den Armen liefern. Es waren nur kleine Hausstätten, die Rottstraße Nr. 6 und 8 lagen; letzte Pächter waren Scharpenseel und Ratland. (1816).

    Die Kaminsteuerliste von 1664 führt die Besitzung an: „Wessel Friesenbroch, ein alter lamer Man, gehöret den Armen; Henrich Brinkman, Holzschnieder, gehöret den Armen.

  7. Den „SONNENSCHEIN-KOTTEN" am Hellweg. „Gerth Sunschyn von Aldenbochum von der Armen Kotten 1 Haun", von 1 ½ Schepp Landes achter dem Kotten gelegen, 12 Scheffel 1 Viertel, halb Gerste und Roggen. (1618.) Diese kleine Besitzung lag an der westlichen Ecke der Neu- und Bahnhoffstraße.

    Ende des 17. Jahrhunderts muß Sonnenschein den Kotten als Eigentum erworben haben, da die Abgabe von 1 Huhn in Fortfall kommt, auch die Kaminsteuerliste von 1664 die Besitzung nicht mehr als Armengut anführt.

  8. Die VÖDELÄNDEREIEN in der großen Vöde und 9. das ARMENGEHÖLZ. Erstere wurden 1633 verpfändet (Rechnung von 1636); von ihrem Verbleib war nichts in Erfahrung zu bringen. Das ARMENGEHÖLZ lag „up dem Schreppinge", wo die Provisoren 1620 „einen Ort" für 5 Thaler verkauften. Die Waldung befand sich demnach in der Nähe des Bauernhofes Schrepping in Brenschede, welcher der Stadt und dem katholischen Primissariat gehörte.

    In späteren Armenrechnungen des 17. Jahrhunderts wird dieses Armengehölz mit dem Namen „Kömsack" im Jahre 1671 für 2 Rthlr. an Dietrich Schrepping, von 1674-1686 an Diekamp und Johann aufm Stote für 6 Rthlr. verpachtet, wobei Diekamp den mit „Gastloden" (wohl aus Gastlohe = Gehölz herzuleiten) bezeichneten Waldteil mit 1 ½ Rthlr. in Pacht hatte.

    Das Armengehölz wird mehrfach erwähnt, z. B. in der Rechnung von 1605 „11. Aprilis in dem Gastholte und op dem Schrepink gemessen ein stück Holt tho gelten (abzuschätzen) besein, Borgermeister, Rentmeister und Provisor verzehrt 1 Gulden. - 17. April die Herren und Provisor dat klene Gastholt besehn, als die Melscheig (gemeint ist die Witwe Melschede auf Haus Brenschede) ein Daach mecht wolde, der Borgmester, Koster von Wetmer und andere Tugen (Zeugen) verzehrt 3 Gulden." (Die Besitzerin von Haus Brenschede hatte also Holz zum Dachbau angekauft.)

    Später wurde auf einem Teile dieses Armengehölzes ein Kotten angelegt: der Kömsack-Kotten. Die Familie Hanefeld hatte seit 1771 diese Besitzung in Erbpacht. Die Besitzung war insgesamt 29 Morgen groß und besaß an Holzungen den 17 Morgen großen „Kömsack" (Altes Kataster Flur 1 Rr. 30) und den 3 Morgen großen „Gastlohden"; letzterer (Flur 1 Nr. 20) bildet heute einen Teil der Besitzung Brenscheder Straße Nr. 60 in Wiemelhausen. Die „Kömsack"-Holzung erwarb 1872 die Zeche Julius Philipp und legte auf dem Gelände die Zechenhalde an.

    Geht man von der Wirtschaft Hanefeld nach der Zeche Julius Philipp, so sieht man rechts der Straße das alte Kottenhaus. Die Inschrift über der Tür „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit so wird euch solches alles zufallen. Johan Heinrich Hanefeld Anna Maria Hanefeld als Eheleit. Uno 1793" weist auf das Jahr der Erbauung hin. Die Familie HANEFELD ist auch später im Besitze des Kottens geblieben, wie ein alter, im Anhang mitgeteilter Pachtbrief zeigt.

    Die den Armen gehörigen Bauernhöfe waren in „Erbgewinn" verpachtet, d. h. beim Versterben des Hofesbesitzers mußte der Nachfolger die Neuverleihung nachsuchen („gewinnen"). Da die Pacht nie geändert wurde, so hatte man durch Erhöhung der für diese Neugewinnung zu zahlenden Summe die Möglichkeit, die jeweilige Wirtschaftslage auszunutzen. Die Gewinngelder sind deshalb hoch; so mußte Honscheid in Somborn trotz der schlechten Lage des Bauernstandes im Jahre 1679 110 Reichsthaler, Rötger in Hiltrop im Jahre 1692 26 Reichsthaler „Gewinn" zahlen. Beachtlich ist die Verwendung der Gelder im letzten Fall, worüber der Provisor berichtet: „davon H. Doktor Woringen empfangen 2 Rthlr., welches an H. Bordelii Behausung ist verzehrt worden bei Verfertigung des Gewinnbriefes, und für den Rest gekauft 57 LEDEREIMER. Dabei aber getan 26 Stüber, so den Empfang der Eimer einen ohnparteyischen Schuster derzugezogen. Ist bei H. Doktor Rappert an Brandwein verzehrt 12 St., und von den Eimern wieder empfangen (aus der Stadtkasse) 15 Rthlr., welche an Kop und Gerling zu Hamme laut obligation seindt ausgethan, bleibt also noch zu empfangen (aus der Stadtkasse) 8 Rthler. 22. St."

    Wie so oft, mußte auch diesmal wieder der Provisor mit dem Armengeld der zahlungsunfähigen Stadt unter die Arme greifen, um die Beschaffung der zum Feuerlöschen dringend notwendigen Feuereimer durchzuführen.

    Außer diesem Besitz an ganzen landwirtschaftlichen Betrieben hatte die Armenprovisorei noch in der Bochumer FELDMARK eine Reihe von GRUNDSTÜCKEN, die ihr im Laufe der Zeit geschenkt worden waren. Ihr Bestand hat sich seit dem 17. Jahrhundert nur unwesentlich geändert. Auch aus diesen Ackerländereien kamen jährlich Kornrenten ein.

    Es werden z. B. in der Rechnung von 1761 folgende Pächter genannt:

    Joh. Heinrich Winkelmann im Weilenbrink gab von 2 Scheffelsaat „an der Belthaus Hegge" (bei Schulte Pels in Altenbochum) gelegen 3 Scheffel, Christoph Schriever von 3 Sch. Land „hinter dem Hagen" 1 Malter 2 Sch., Nottebaums Erben, jetzt Bürgermeister Kochs Erben von 1 ½ Sch. Land „am Markenbrückschen Wege" 3 Sch., Johann Mettegang, nunmehr Frau Morsäus „im Hirschen" auf dem Markt (einem dort gelegenen Wirtshaus), jetzo Justizrat Grollmann von 2 Sch. Land „aufm Ordesch" (an der Bergstraße) 3 Sch., Georg Severin, jetzo Jörgen Heinrich Monscheid, nunmehr Friedrich Rahmann von 1 ½ Scheffel Land „am Lohberg" 3 Sch., Philipp Hermann Springorum, ex post Bürg. Meister Kochs, nune Meister Heinr. Nummenhoff, anjetzo Wilhelm Flügel von 2 Sch. Land 2 Sch., Arnold Splithoff, anjetzo Justizrat Grolmann von 2 Sch. im „Hohenfelde" 1 Malter halb Gerste und Roggen.

    Von Johann Terhoven später Witwe Jörgen Nehring, anjetzo Heinrich Winkelmann auf dem Markt kamen von 2 Sch. Land „im hohen Felde" 1 Malter, von der Witwe von der Leithe anjetzo Frau Dr. Kremers von dem „krummen Maltersade im Lohberg" 2 Scheffel, von der Ww. Abeli, anjetzo Ww. Windelband von 1 ½ Sch. Land 1 Scheffel Korn ein; Ernst und Westhoff „aus seinen Scheunen" (jetzt Obere Marktstraße 20 und 22) gaben je 1 Sch. „duplicis" (halb Gerste und Roggen).

    Aus der Benennung der Vorbesitzer in obiger Aufstellung ersehen wir, daß ihr ältere Provisoreirechnungen zugrunde gelegt worden sind.

2. Die Einnahmen der Provisorei.

Dieser gesamte Besitz an Liegenschaften lieferte jährlich durchschnittlich 50 Malter Korn (Gerste und Roggen) und 16 Malter Hafer; in guten Jahren stieg der Ertrag an Korn bis auf 64 Malter, in Zeiten des Mißstandes und der Not des Dreißigjährigen Krieges sank er bis auf 42 Malter.

Ein ganz erheblicher Teil der Armenländereien war seit alten Zeiten an Gläubiger der Stadt „versetzt". Der Niedergang der Stadt seit dem Brande von 1517 und die verarmte und durch dauernde Kontributionen zermürbte Bürgerschaft zu dem letzten Mittel greifen lassen, durch Verpfändung der bisher unangetasteten Armenliegenschaften Geld aufzutreiben. Für rund 900 Reichstaler hatte man noch im Jahre 1634 Höfe und Ländereien, die einen Ertrag von 39 Malter Korn brachten, verpfändet. Zeitweise war demnach über ein Drittel des gesamten Besitzes in den Händen der Gläubiger. Diese Pfänder hat die Stadt zwei Jahrhunderte lang nicht einzulösen vermocht, den die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, die Kontributionen in den Kriegen des Großen Kurfürsten und im Siebenjährigen Kriege ließen die Bürgerschaft nicht zu Ruhe und Geld kommen.

Immer größere Summen mußte die Stadt aufnehmen. 1659 war es endlich mit den Verpfändungen so weit gekommen, daß das Armenhaus selbst vorübergehend versetzt wurde. Die dazu gehörige Gastwiese war bereits 1622 an Henrich ter Boven (später Northaus) verpfändet. - 1646 hatte die Stadt 50 Rthlr. von den Eheleuten Jörgen von Rohme (Rahm) aufgenommen und hierfür 2 Scheffelsaat Land am Lohberg zur Vermeidung einer militärischen Exekution der rückständigen Kontributionen verpfändet. Der Kaufmann Grolmann hatte ferner bis 1714 der Stadt über 4000 Rthlr. vorgestreckt, wofür er großen Landbesitz der Armen zum Pfand erhielt. Dr. Kumpsthoff lieh 1618 1150 Rthlr.; auch die oben genannten Gläubiger Bürgermeister Witgenstein, Ratsherr Peter van Worringen, Amtsrichter Hugenpoth hatten in der Mitte des 17. Jahrhunderts Gelder gegen die oben genannten Pfandstücke vorgestreckt. Nach der Rechnung von 1761 hatten die Erben Homborg, später Mettegang den Nordhaushof, der vor dem Brücktore lag und 3 Malter Roggen und Gerste gab, ferner Justizrat Grolmann 6 Scheffel Land „im Hohenfeld", Landrichter Kumpsthoff 13 Scheffel „an den Becken", Peter van Worringen 3 Sch. „am Eichelbaum", Jörgen von Rahm 2 Sch. „am Lohberg", Bürgermeister Witgenstein 1 ½ Sch. „auf dem Springe", 2 Sch. Gartenland „am Frühmessenkamp", Witwe Hugenpoth 3 Sch. „am Freudenstein", Stratmann in Harpen ein Stück Land „im Kleykamp an der Rechenschen Mühle", Splitthoffs Erben ein Malterse Land „am Peddenbruch" im Pfandbesitz.

Unmöglich konnte sich die arme Stadt selbst von ihren Schulden freimachen; erst 1719 wurden auf Veranlassung des Königs große Kapitalien von Staatswegen zurückgezahlt, jedoch konnten auch jetzt noch nicht allen Gläubigen die Kapitalien zurückgezahlt werden, so daß noch 1761 die von Johann Georg Cramer und J. W. Flügel ausgestellte Armenprovisoreirechnung fast den dritten Teil der Ländereien als verpfändet anführen mußte. Diese jahrhundertlange Versetzung hatte natürlich eine derartige Verwirrung der Rechtslage zur Folge, daß im Laufe der Zeit noch kaum der ehemalige Bestand des Armenguts zu ermitteln war. Die Regierung griff endlich 1789 ein und beauftragte den Landgerichtsassessor Bölling mit „der Recherche des Stadt Bochumschen Armenwesens". Er hatte das ganze völlig ungeordnete Stadtarchiv nach den alten Rechnungsposten der Armenprovisorei durchzuforschen und erstattete nach langjährigen Arbeiten Ende Dezember 1801 einen umfangreichen Bericht über alle Schulden und seit Jahrhunderten verpfändeten Grundstücke der Armenprovisorei mit dem Erfolg, daß die Regierung in eingehenden Erlassen dem Magistrat in jedem Einzelfall Nachforschung und Wiedereinlösung der Ländereien zur Pflicht machte.

Jedoch wurden die weiteren Arbeiten durch die französische Besatzung 1806 - 1815, die für Bochum Stadt und Land ein „Zentralbureau der Wohltätigkeitsanstalten" einrichtete, verhindert. Später wurden sie vom Magistrat wieder aufgenommen. Diese Nachforschungen nach den ehemaligen Armenländereien dauerten bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts fort. Die günstige Lage, in die die Stadt mit dem Einzug der Industrie kam, ließ den Wunsch aufkommen, möglichst schnell die alten Gläubiger zu befriedigen und die Ländereien wieder für höhere Pacht frei zu bekommen. Bei diesen Untersuchungen des alten Besitzstandes kam es zu großen Schwierigkeiten mit den Gläubigern, die zum Teil behaupteten, die Ländereien nicht verpfändet, sondern zu Eigentum erhalten zu haben. Man stellte nach den alten Besitztiteln Nachforschungen an und verhandelte mit den Besitzern der Ländereien. So wurde die zum Gasthause gehörige große Wiese, die seit 1641 an Christoph Schilling, den damaligen Bürgermeister, für 100 Rthlr. verpfändet worden war, von den damaligen Pfandbesitzern Erben Grolmann und Kipp gegen Erstattung der später erhöhten Pfandsumme von 400 Rthlr. zurück gewonnen. Ebenso kamen 13 Scheffelsaat Land „zwischen den Becken" (an der unteren Alleestraße) von den Erben Kumpsthoff, 2 Sch. „im Hochfeld" von der Witwe Nehring in das Eigentum des Armenfonds zurück.

Andere Gläubiger hatte ihren Pfandbesitz weiter in Erbpacht gegeben, so daß diese Ländereien nach und nach dem Armenfonds verloren gingen. Um so leichter war dieses möglich, wenn der jeweilige Provisor nicht den gesamten Besitzstand kannte. Da konnte es vorkommen, daß der jeweilige Provisor nicht den gesamten Bestand kannte. Da konnte es vorkommen, daß der zeitige Besitzer das Grundstück öffentlich aufbieten ließ zum Zwecke des Ausschlusses von Gläubigern, der Armenfonds aber vergaß, seine Rechte anzumelden. Durch das ergehende Präklusivurteil kamen dann dessen Anrechte zum Ausschluß. So heißt es in einer Revenuenrechnung aus dem Jahre 1816, „von einem Garten beim Frühmessenkamp gelegen, sind in alten Zeiten eingekommen 2 Scheffel Roggen und Gerste; die Abgabe ist später verpfändet, der Garten öffentlich verkauft und unterm 27. Mai 1766 ein Präklusivurteil ergangen; mithin fallen weitere Ansprüche - salvo regressa gegen den derzeitigen Armenvorstand - weg. Auf dieselbe Weise verlor der Armenfonds ein Landstück „auf dem Springe" (an der Fiegeschen Brauerei) und 3 Scheffel Land „am Freudensteine".

Bei dieser verworrenen Rechtslage war es ein Stück, daß die Regierung der Armenverwaltung ihre Aufmerksamkeit geschenkt hatte und durch die eingesetzten Kommissare weiteren Verlusten vorbeugen ließ.

Gegenüber den Einkünften an Korn waren die Zinsen ausstehenden Kapitalien anfangs gering. In der Rechnung von 1615 sind nur rund 150 Gulden „Verschreibungen" aufgeführt, die in Kriegszeiten zu 10 Prozent ausgeliehen wurden. Im Laufe der Zeit mehrten sich die milden Stiftungen, die reiche Bürger in ihrem Testament oder durch Schenkung den Armen zukommen ließen, so daß 1682 von insgesamt 700 Reichstalern ausstehenden Kapitalien die Zinsen eingingen. Zu diesen Einnahmen traten die Geldpächte aus einigen kleineren Ländereien (z. B. den „Elsberggarten und dem Garten vor dem Butenbergstor", auf denen 1817 der Friedhof an der Wittener Straße angelegt wurde). Diese gesamten Geldeinkünfte wechselten von Jahr zu Jahr, da häufig ein Teil der Geldrenten verpfändet werden mußten, auch die Schuldner in Kriegszeiten im Rückstand blieben.

Durch gegenseitig gegebene Darlehen bestanden auch zwischen der Stadt und der Armenverwaltung Zinsforderungen. So schuldete die letztere dem Stadtrentmeister von 400 Reichstalern Kapital jährlich 24 Rtlr. Zinsen, deren Erhebung aber unterblieb „weilen die Armen Renten arg beschwert". Umgekehrt hatte der Armenprovisor von dem Stadtrentmeister jährlich zu fordern: 1. wegen des Buddenhofes 1 Thaler (2 Gulden 4 Aalb.), 2. wegen des langen Gartens 14 Albus, 3. von 1641 ab weitere 7 ½ Gulden 2 Albus.

3. Die Ausgaben der Provisorei.

Bei den ausgaben an Korn und Hafer erscheinen in den Rechnungsberichten einige Posten regelmäßig; so waren stets an die Herren von Eickel und die von Hugenpot zum Gosewinkel jährlich je 3 Malter Hafer und 5 Malter Korn zu liefern, wahrscheinlich als Renten für Darlehen. Später gingen diese Renten nach einander an die Familie Witgenstein, Sekretär Schmedden, Justizrat König, Geheimrat Grolmann über. (1761.)

Als Zulage zum GEHALT erhielten aus der Armenprovisorei jährlich der Stadtsekretär 1 Malter 2 Scheffel, der katholische Schulmeister und „Köster" 1 Malter, halb Gerste und Roggen, während die beiden Stadtdiener wegen ihrer häufigen Botengänge zwecks Beitreibung der Pächte je 2 Scheffel empfingen. An die Aebtissen von Essen, die durch den Hofesfronen op dem Brinken in Steele ihre Forderung beitrieb, waren jährlich die 2 Malter Braugerste und 4 Königsthaler Herrenbede aus dem Blankensteiner Hofe zu senden.

Auch andere in Diensten der Gemeinde stehende Personen erhielten alljährlich kleinere Kornmengen, so z. B. 1620: „19. April Hermann Gebbe wegen seines Porte Dienstes 2 Scheffel, 4. Juni Dirich Aschenkamp 1 Sch. Roggen wegen seines Schüttedienstes, 12. Jueni Hermann Gebbe, Khohirte 1 Sch. Roggen, Hans Brunebecke 1 Sch. Roggen von wegen seines Schüttedienstes." Seit 1630 fielen diese kleinen Gaben fort.

Für die BERATUNG IN RECHTSANGELEGENHEITEN stand dem Bürgermeister ein Rechtsanwalt - „Licentiat", später Procurator genannt - zur Seite, der als „Syndicus dieser Stadt pro solario" aus der Armenkasse jährlich in Naturalien oder Geld abgefunden wurde. So erhielt der „Rechten Licentiat" Belthaus von 1600-1624 jährlich 2 Malter Korn (halb Gerste und Roggen), 1625 4 Reichstaler. Später kam diese Zuwendung in Wegfall.

Der PROVISOR SELBST erhielt an „Krimpkorn" stets je 1 Malter von jeder Getreideart; den BEIDEN BÜRGERMEISTERN wurden nach altem Herkommen aus den beiden Stadtkotten je 2 HÜHNER am „Christmeß Abend" überreicht.

Von den einkommenden Geldern waren an den Schultheißen Elbers, der in den Kriegszeiten den Armen (1630) ein Kapital zur Verfügung gestellt hatte, jährlich 6 Taler Zinsen zu zahlen.

Hatte man so die ständigen Forderungen befriedigt, so konnten Bürgermeister und Provisoren mit den übrigen Einkünften an Naturalien und Geld frei schalten zum Besten der Armen und Durchreisenden, die Tag und Tag im Gasthause vorübergehend Obdach suchten. Nur mußten sie bei manchen Stiftungen auf den Zweck bedacht sein. So waren mehrere Kornrenten nur für die ARMENBEKLEIDUNG nach dem Willen des Stifters bestimmt. Sie werden deshalb in den Rechnungen bis 1655 getrennt als „Auffkompst und absonderliche Böhrung zu der Armenkleidung gehörig" angeführt. Jedoch blieb später dieser Zweck bei der Verteilung außer Betracht.

4. Die Fürsorge für die Stadtarmen.

Auf „Hochzeit Weynachten" und „Paschen" (Ostern) verteilte man unter die Armen bis zum Jahre 1620 je 4-6 Malter Gerste und Roggen und Geld. Weiter teilte man am 12. Februar und „Freitag vor Halbfasten" die „DOKTORS" und „PASCHENDALS"-Spende aus. Ueber diese Spenden wird z. B. berichtet:

1614, den 12. Febr. Eine Spende von Herren Johann SITTARD Doktoren selig verordnet hat dessen Erbfolger Hermann Sittard auf 12 reichsthaller geliebert: - 2 Malder Roggen, welche ab 4 Rthlr. 8 Alb. angenommen worden, dieselben zur Molle (Mühle) zu führen, Evert Haußmann 6 Alb. müssen geben. - Von den 2 Molder zu backen Wessel Steven 1 Thaler, dazu an Botteren (Butter) dey Diedr. Botten 23 ½ Alb., jede lib. (Pfund) 9 Alb. facit 4 Thaller 3 ½ Alb. Wobey nach verrichter Spände Borgm., Provisors, Stadtdiener dey Wessel Steven verthert 33 Alb. = Anno 1615, den Feyndag nur halbfasten ist des Paschendalß Spende mit Henrich Anholt empfangen 2 Molder und darhey getan 2 Scheffel. Davon 6 Schep. Roggen backen lassen das ander verkofft und davon Kirchengebühr (weil die Spende an oder in der Kirche verteilt wurde) verrichtet, ours übrige Butter gekaufft und dey die Spinde gelecht ausgerechnet und verrichtet. 1610 erhielten die Armen aus dieser Spende noch 200 Heringe.

Die Honscheidspende (jährlich insgesamt 26 Gulden oder 12 Taler) für die 4 Hausarmen wurde seit 1620 zunächst regelmäßig wöchentlich, später jährlich am zweiten Sonntag vor Weihnachten ausgeteilt. Ihre Verteilung ist bis ins letzte Jahrhundert beibehalten worden. Als Hausarme bezeichnete man alte gebrechliche Personen, die völlig auf Almosen angewiesen waren. In der Rechnung von 1682 werden sie namentlich angeführt: der alte Johann Bredenbach, Trine Steelmannß, die blinde Magdalen, Barbara Gordeß (Goertz). 1698 gab es 7 Hausarme. (Enneken Hackeny, Barbara Kersting, die Olienmühlersche, Wilhelm Schulte, Trine Sonnenschein, Trinken Theille, Wilhelm Zelle).

Bis 1620 mußte auch der „SPRINGORUMSPENDE" auf Freitag nach Sakramentstag durch Verteilung von 1 Malter Duplicis an die Armen Genüge geleistet werden.

Agnes Springorum hatte in ihrem Testament vom 6. 9. 1568 100 Taler den Armen vermacht.

Eine alte Spende war auch die Zuwendung des MICHEL VON BRECKERFELD in Höhe von 42 Talern, aus der der jeweilige Schuldner 1 Malter Korn liefern mußte, das am Freitag nach Sakramentstag an die Hausarmen verteilt wurde.

Die Verteilung der Gaben an den „3 Hochzeiten" des Jahres fand auf dem Rathause feierlichst in Gegenwart des ganzen Stadtrates und der Provisoren statt. Jeder Arme mußte persönlich erscheinen, auch mußten die Provisoren die Gaben selbst austeilen. Nach der Verteilung versammelten sich die Herren zu einem bescheidenen Mahle nebst herkömmlichem Trunke auf Kosten der Armenkasse.

Auch „trieb" man die beiden „DIENERS" der Stadt an diesen Tagen „bei" und verabreichte ihnen eine Mahlzeit; wegen der vielen Botengänge, die sie für die Armenverwaltung machen mußten, wurde jede auch jährlich mit 1 Paar Schuhe bedacht.

Der „SCHÜTTENGESELLSCHAFT" gab man ebenfalls bis 1632 jährlich 2 Scheffel Korn. In der Provisoreirechnung von 1600 wird hierüber folgendes gesagt: „op dem Vögelschießen Hinderich Einshoff Schüttenmeister wegen dem Durchgang im Schwan (?) verrichtet 2 Sch. duplicis." Eine interessante Notiz, da sie das noch heute bestehende SCHÜTZENFEST erwähnt, an welchem die waffenfähige Mannschaft der Stadt, die Schützen unter dem Befehl des Schützenmeisters teilnahmen. Dieser Bürgerwehr unterstand neben der Beaufsichtigung der Hütung in der Feldmark (Feldpolizei) vor allem die Instandhaltung von Wall und Graben. Die Verpachtung aus dem Wallgelände hatte der Schüttenmeister für die „Schüttengesellschaft" vorzunehmen, so wird auch der erwähnte „Durchgang im Schwan", der vielleicht die Verbindung des Gasthauses mit der Gastwiese durch den Stadtwall darstellt, von der Schützengesellschaft gegen zwei Scheffel halb Gerste und Roggen gepachtet worden sein.

In den Jahren, in denen das Schützenfest stattfand, wurde der Schützenkönig mit einem Geschenk feierlichst auf dem Rathause bedacht. So berichten die Armenrechnungen von 1600-1612 „dem Sutten" (Schützen) Könnige op dem Rathuß geschenket eyn Daller facit 2 Gulden 4 Albus. (14. Junius 1607). Später ist diese Spende fortgefallen.

Ueber die regelmäßigen Spenden an den höchsten kirchlichen Festtagen wurden Verzeichnisse geführt, die zum Teil noch erhalten sind. Aus ihnen kann man ersehen, welche Personen zu den „Armen" gerechnet wurden. Zunächst erhielten die in kärglicher Besoldung stehenden Angestellten der Stadt eine kleine Gabe. So empfingen die beiden Stadtdiener je 1 Scheffel und 1 Gulden; die fünf Stadttorpförtner, der Gastmeister, der Nachtwächter („der Stadtwecker"), der Totengräber, der Schweinehirte (gewöhnlich in den Rechnungen nur als „der Schwein" bezeichnet, seine Frau hieß die „Schweinische") und der Kuhhirte hatten Anspruch auf ½ Scheffel Roggen und ½ Gulden. Sodann verteilte man je ¼ Scheffel Roggen und 3-4 Stüber an eine größere Anzahl armer Leute, deren Bedürftigkeit bekannt war. Ihre Namen wiederholen sich deshalb oft Jahre hindurch in den Verzeichnissen. Auch die Familien der eben genannten Stadtangestellten erhielten solche kleinen Gaben (z. B. „des Gastmeisters Kinder, Entgen Dodengräbers Kinder, des Schweinehirten Bruder"). Da diese Gabenverteilung allgemein bekannt war, stellte sich auch viel armes Volk aus der Umgegend zum Empfang ein. So kamen regelmäßig „der Schwein" (-hirte) von Eickel, der „Schäper" von Brenschede und arme Leute von Stiepel. Auch das Pflegehaus für Aussäßige in Höntrop öffnete seine Pforten und ließ die armen Opfer dieser noch heute unheilbaren Krankheit an den Spenden teilnehmen. (1680 Ostern „den Leprosen 2 Stüber, Pfingsten: 2 Leprosen 6 Stüber, 1695 2 Aussäßigen 2 Stüber").

Zeitweise ließ man auch durch die Stadtdiener in der Umgegend von den Bauern milde Gaben für die Verteilung an den drei Festtagen sammeln. So wird z. B. vom 28. März 1647 berichtet: „Die Diener nach Gerte, Altenbochum und sonsten umher geschicktet, umb etwas vor die Armen gegen das hl. Osterfest benzutreiben - verzehret die Diener an Essen und Trinken 9 Stüber."

Die Fürsorge des Rates umfaßte die Armen jeden Alters und Standes. Findlinge - namentlich ausgesetzte uneheliche Kinder und WAISENKINDER wurden in die Obhut des Gastmeisters oder der Stadtpförtner gegeben und diesen Erziehungsbeihilfen in Gestalt von Korn und Geld gewährt. - Von besonderem sozialen Wert war die Unterstützung, die man heiratsfähigen armen Bürgerstöchtern oder bedürftigen MÄGDEN in Gestalt eines Zuschusses zur Aussteuer gewährte. So verzeichnet der Provisor: 17. Januar 1615, „einer Schemelen (züchtigen schamhaften) Dienstmagd auf Fürbitt klaren Springorums 6 Schep Roggen zu Ihrem Ehrentage und Bestatnuß (Hochzeit). - Den 15. Februar 1615 auf Vorweisung Zettull consulis Hen. Steinhawers Grieten Schröders ihm Sack oder Wölebrink einer Schamelen Dienstmaget und alten Borgers Dochter zu behoff Ihres Ehrentags 6 Mltr. Korns; darob Zedull sub. lit. 200 signiert."

Große Sorgfalt wandte der Rat auch den armen WÖCHNERINNEN UND KRANKEN zu. Die „Kindtbetterinnen" erhielten Unterstützung in Geld und Naturalien.

Die KOSTEN FÜR ARZT UND APOTHEKER wurden ebenfalls vom Provisor bestritten (z. B. „einem mangelhaften Menschen zum Arztelohn 10 Stüber; Bonaventur Brinkheggen verdingt, der dem Gastmeister Diedr. Habigsche den Beinbruch heilen soll, 5 Thaller (1615); 11. Februar 1692, ahn Apotecker Behme wegen bei ihm für arme Kranke geholte Medizin 34 Stüber.")

Bemerkenswert ist auch, daß man sich um die GEFANGENEN bekümmerte.

Besonders wohlwollend nahm man sich der verschämten HAUSARMEN an. Oft meldet der Provisor in seiner Rechnung, daß ihm von Nachbarn ein verschämter Armer angegeben worden sei, dem er kleinere Geldspenden ins Haus geschickt habe.

Beim Tode trug die Provisorei die Kosten des Begräbnisses der Armen - jede Ausgabe wurde mit peinlichster Sorgfalt aufgezeichnet. „den 15. Martis 1541 einem armen Mann ahm Hellwege auf Befehlig ein Kistwerk (Sarg) lassen machen, kostet 4 Gulden 8 Albus, ahn Nägel 3 Stüber, dem Dodengräber ½ Gulden, an Machelohn vom Kistwerk ½ Gulden - so lautete die oft wiederkehrende Abrechnung.

Nach der alten Sitte wurden die in dem Gasthause verstorbenen Fremden von den Nachbarn begraben, die jährlich hierfür zwei Scheffel Korn erhielten; von 1625 ab wird ein besonderer „Dodengräber" hierfür herangezogen.

Wie man kinderreichen Familien Kleidungsstücke schenkte, so sorgte man auch für Handwerker und andere Berufsarbeiter, indem man ihnen Geld zur Erlernung eines Handwerks mit auf den Weg gab. So heißt es z. B.:

„14. April 1674 Elßchen Hasselen zum Rock und Schnorbrust und dann zu einem Brustgen 1 ½ ellen grau Lacken von Rentmeister Grolmann gekauft 3 Reichsthaler 56 St., darunter 1 ½ ellen heyen (grobes Leinen) Tuch gefordert 26 St., zu Haken und Oesen 2 St. - 5. Juniy 1688. „Johann Teile seine Kinder zu behuff des Lehrgeldes 3 Schepp Roggen."

5. Die Führsorge für durchreisende Arme; das Gasthaus.

Eine schwierige Frage war das Verhalten gegenüber den fremden und durchreisenden Armen. Der Zustrom der Fremden wuchs seit dem Ende des 16. Jahrhunderts infolge der Spanier und der Verwüstungen, die der klevische Erbfolgekrieg mit sich brachte, immer mächtiger an. Leute jeden Standes bevölkerten nun die Straßen des Hellwegs. Noch schlimmer wurde der Zudrang der Fremden während des Dreißigjährigen Krieges. Infolge des unausgesetzten Druckes der Bevölkerung durch Brandschatzung und Plünderungen, Durchzüge und Kontributionen war sie in einen Zustand völliger Ermattung versunken. Beim Mangel jeder Schaffenskraft nahm die Arbeitsscheu derartig zu, daß ganze Horden von Arbeitsscheuen und Bettlern sich zusammenschlossen und von Ort zu Ort zogen. Der Bettel wurde eine Gefahr für die Gesellschaft.

Der eigenen Armut ungeachtet, gaben Bürgermeister und Rat dem fahrenden Volk milde Gaben, soviel sie nur konnten. Täglich sprachen arme, von Haus und Hof vertriebene Leute im Rathause vor, um ein kleines Zehrgeld zu erhalten. „Zwei arme Beraubte von Oestreigh Kommende Wandersleut so gar blott (bloß) an Schou und Kleidern, da sie consulen (den Bürgermeister) nit antroffen, zu zehrung geben 1 Gulden. - Einem armen Jungen, so von Langeilberg, zwischen Lip- und Soest Stat gelegen, bortig, so ganß tieff am Wunden Fieber im Gasthause drey Wochen gelegen, demselben durch meine Magtt und Kinder zubringen lassen an Botter, Weggen, Fleiß und Bier 3 Gulden. - Einer Frowen auß dem Landt Braunschweig so ein dreijährig daub und stum Kindt gezeigt, zu Zehrung 28 Albus. - Einem armen Stummen mit einer Schellen 3 Alb. - Zweien beraubten Krämern, so ledige Krämkorb getragen und daß sie beraubt geklagt gegeben 8 Alb. - 3 Studenten, so musiziert, zur Reisezehrung legiert 6 Alb. - 3 Studenten, so von Münster komen und auff Cöln reisen wollen, zur Reysen 9 Alb. - 2 Mans Persohns so van dem Erbfeindt dem Tork (Türken) gefangen gewesen denen mitgeteilt 1 Gulden. - einem armen Mann, der seine Beine hatt ablassen thun und guth Schreibens vorgebracht hat, dem mitgeteilt 1 Gulden, den armen Mann durch Peter Möller nach Dortmund fahren lassen, mitgegeben zu Zehrgelde 2 Gulden auf Befehl Bürgermeister Dirch Badde. - einem armen Priester, der in Kriegszeiten verdriessen ist, 1 Gulden. - Den 9. Aprilis (1639) ist eine arme Fraw ins Gasthaus komme, durch die Gastmeistersche ihr geschickt 6 Alb. - Selbigentags ist noch eine andere Fraw ins Gasthaus gekomme, und vorab einen Almosen mitgeteilt. -

4. August (1644) auf Geheiß Bürgerm. an Johann Goert zu Aldenbockum wegen seines großen erlittenen Schadens wegen der Feuersbrunst auß christlichem Mitleiden geben 6 ½ Gulden - vier haußverbrannten Frawen mit sieben Kindern gegeben laut zettel 6 Stüber. - 17. Sept. (1654) vermöge Zettels ahn den Scharfrichter, der Michelen Horstberg Schulter geheilet - 6 Gulden. - einer armen Frawen zur Ebbentorp so ehr kindt ein Bein gebrochen, zur Steur der Arztelohn gegeben 1 Gulden. - einem armen Kind von Maßen, dessen Eltern verstorben , und ihr Haus von den Franßosen abgebrandt, auf Befehl des H. Bürgermeisters Brochmann gegeben 10 St. (1674). - einer importünen Bettlerin 20 St. Zwei Vertriebenen vom Adel aus dem Elsaß - 15 St. - zu Erbauung einer neuen reformierten Schulen zu Lünen 1 Reichsthlr. (1680), - einem Menschen, der seine Füße mehr hatte, fort auf Essen gebracht, durch Dirich Möller 7 St. 6 Pfg. - einem, dem sein Hauß durchs Wetter angezündet worden, 10 St. - einer armen Frawen von Castropff so am Kindt den Krebs Schneiden laßen wollt, gegeben 8 St. (1677). - Zweien Soldaten Frawen, deren Männer vor Bonn tot geschossen 15 Stüber.

Zweien Bürgern aus der verbrandten Stadt Kochem an der Mosel 15 St., dem Churfürstlich-kölnischen Mundkoch auß Bonn gegeben 6 St., in der Belagerung Bonns einem blaßierten und gelehmten Soldaten 6 St., einer armen Soldaten Frau mit kleinen Kindern 6 St., einem aus dem grömischen Gebiethe durch kentlicher übergießung großen Wasser zur höchsten Armuth gerathenen Medico. 15 St., zweien Reitern von dem spanischen Regiment 7 St. 6 Pfg., einem armen Soldaten, welchem die beiden Beine abgeschossen 4 St., einer Witwe, der ihr Mann im Treffen todt geblieben 5 St., einer Hochadeligen Persohn durch der Kriegsflam vertrieben 15 St., einem dorstigen Mann 6 St. (1690), einer armen Soldaten Fraw auß Brabaendt kommendt mit zwei Kindern, eins an den Pocken gestorben, ein Sarck machen lassen (1694), einer Soldatenfraw zur Steuer eines Sarckleins vor ihr abgestorbenes Kindt 7 St., einer Fraw, so ein armes verstorbenes Kindt aufferziehet, gegeben 10 St., - (1696), einer armen Kindtbetterin, so im Gasthaus lieget, 10 St. - einer Obristleutnants Wittib gegeben 15 St. -

Diese k l e i n e Auslese aus einigen Tausenden Rechnungsposten läßt die ganze Not der Zeit an unseren augen vorüberziehen. Vier Gattungen treten unter diesen fahrenden Leuten besonders hervor: die fahrenden Studenten, ausgediente Soldaten und Deserteure, „abgebrandte Leute2, denen rohes Kriegsvolk das Haus über dem Kopfe angezündet hatte, und die große Masse der Arbeitslosen. Allen gibt der nachsichtige und freigebige Rat einen Zehrpfennig mit auf den Weg, mancher Betrug, manches Vorschützen von Unglück und Not und Vorzeigen falscher Legitimationen mochte dabei unterlaufen. Man mußte froh sein, wenn man die Leute vom Halse hatte und diese sich nicht durch Zusammenrotten noch de Stadt gefährlich machten. Duldete man so den Bettel, so achtete man andererseits streng darauf, daß kein Bettler sich länger als einen Tag in der Stadt aufhielt. Widerspenstige ließ man durch die Pförtner ausweisen.

Erkrankten die Fremde, so mußte man ihnen Aufnahme und Verpflegung im Gasthause bis zu ihrer Genesung gewähren. War hier kein Platz mehr, so brachte man sie in der Bürgerschaft unter, wo sie in Scheunen und Backhäusern Unterkunft fanden. So erfahren wir u. 21. März 1644: „Der kranken Frawen in Severins Backhaus durch Hackert tho Wiemelhusen fahren lassen 3 Faß Kohlen." Sobald die Kranken aber auch nur einigermaßen wiederhergestellt waren, schob man sie schleunigst über die Stadtgrenze ab. Konnte der Kranke noch nicht gehen, so holte man einen Wagen herbei und brachte ihn nach Dortmund oder Stalleicken - auf dem Wege nach Essen, wo die jetzt noch stehende kleine Kapelle an das alte „Malatenhaus" erinnert - ins nächste Krankenhaus (z. B. 1697, Diederich Möller, einen armen Mann nach Stalleicken gefahren 7 St., eine Soldatenfraw, so ins Kindbett kommen, nach Dortmund gefahren 45 Stüber). Es sind das die sogenannten Bettelfuhren, die im ganzen Deutschen Reich in Brauch waren. Was sonst aus dem fahrenden Gesell wurde, ob er auf der Landstraße verkam oder die Heimat erreichte, war der abschiebenden Behörde gleich. Einige charakteristische Bettelführen seien vermerkt: 2. August 1607 „einen armen Mann, dem beide beine aff waren, so die von Essen hier tho Bockum lassen farren denselbigen wydder na Durthmund lassen farren, dervor gegeben 15 Alb." „Ungarn, so die von Durthmund allhier gesandt op eym Perdt, wydder na Stelle (Steele) latten farren."

Seinem Namen entsprechend war das Gasthaus in erster Linie zur Pflege der auswärtigen Wanderer bestimmt; diesem Zweck hat es während des ganzen 17. Jahrhunderts gedient. Einheimische fanden nur in ganz seltenen Fällen Wohnung und Aufnahme im Gasthaus. Der Gastmeister selbst wohnte als Herbergsvater im Gasthause, er bezog nur einige kleine Gaben an den „3 Hochzeiten" des Jahres und war im übrigen auf die Einnahmen von den Gästen für Herberge und Verpflegung angewiesen. Da er selbst zu den Armen gehörte, war auch seine Familie auf die Mildtätigkeit des Provisors angewiesen, von dem sie die notwendige Kleidung bezog.

Wieviel Stuben das kleine Gasthausgebäude zur Unterkunft der Fremden hatte, wissen wir nicht; jedenfalls werden es nicht mehr als 3 gewesen sein, wie wir aus der Einquartierung der verwundeten Soldaten im Jahre 1635 und den regelmäßigen Strohlieferungen für die Betten in den Kammern entnehmen können.

Zu Heizzwecken stand dem Gastmeister eine halbe Gabe Holz zur Verfügung, welche die Bürgerschaft straßenweise (z. B. die Hellwegs- oder Butenbergsrotte) im Herbst in der Weitmarer Mark schlug und mit 4 Fuhren ins Gasthaus brachte, - die andere halbe Gabe Holz der Armenprovisorei wurde verkauft. Von den Fuhren erhielt eine Fuhre der katholische Rektor für seine Schule. Für das Abfahren jedes Fuders Holz wurden 1667 30 Stüber Fuhrlohn gerechnet; beim Abhauen verzehrte die „Hellwegsrotte" für 30 Stüber.

Als eigentliches Feuerungsmaterial für die Oefen benutzte man stets Kohlen, die faßweise von den „Kohlenbergen" in Brenschede und Weitmar, wo die Kohle offen zutage trat, bezogen und durch benachbarte Bauern - genannt werden häufig Dickamp, Hackert, Stratmann in Wiemelhausen oder Möller vom Hellwege - ins Gasthaus geschafft wurden. 1667 kosteten 9 Faß Kohlen 45 Stüber (1 Faß = 1 Ringel = 75 kg).

Die Einrichtung an Betten, Wäsche usw. wurde von dem Provisor gestellt, der auch darauf achtete, daß das Haus in gutem baulichen Zustand blieb.

So lieferte der Provisor am 9. September 1620 „2 Bedde Lacken in das Gasthaus, daran sind 8 Ellen, jede Elle 15 Albus facit 5 Gulden; die Lacken zu nähen 6 Alb. - am 12. Dezember noch ein Paar Lacken geliefert zum gleichen Preis."

1606 werden erwähnt: 2 Beddesteiden (Bettstellen) in der Kammer by der Armen kocken (Küche) unten, 2 Beddesteiden op dem bonne (Hausboden) und noch 2 weitere Beddesteiden, woraus man auf 3 Kammern für Beherbergungszwecke schließen kann.

In einer anderen Rechnung werden folgende Ausgaben genannt: am 27. Januar 1683 „8 ellen hagen tuch (grobes Leinen) zu behuff einer Bettlacken, die alle 8 Stüber und 2 Stüber zu Gem. facit 50 Stüber"; ferner schickte man der „Gastmeisterschen zu eigenem Stroh in der Bettstede" das nötige Kleingeld zum Ankauf. Am 18. Juni lieferte der Provisor in das Gasthaus „zwey borden Wandtauwe" (Wand-Ruten, Flechtwerk) zu 11, und „für 3 Stuben Stroh" zu 3 Stüber, 1641 „ein Bette mit zwey Lacken, so gewogen 56 Pfund - stelle zur Diskretion der Herren 15 Gulden."

Eine „Kockenpanne" (Küchenpfanne) wird 1606 neu angeschafft für 16 Albus. Im gleichen Jahre werden 500 Dachpfannen gekauft, und das ganze Gebäude wird gründlich instand gesetzt. Man deckte das Dach neu, besserte die Fachwerkwände aus, brachte neue „Wends Staken", 5 „borden bantroden" (Flechtwerk) an, machte in der Wand „eine Ruge" (Kette) von 7 Fuß Länge, erneuerte die Türen („Pforten") und Fußböden („Bonnebreder") in den Kammern, brachte an dem „hemeligen" Gemach (dem Abtritt) neue Holzwände an, nagelte an das Haus „4 damppel heu", und legte die „Druppel" (Dachrinnen) neu. Auch die Betten wurden „gelappt" (geflickt), und neue Laken angeschafft. Im folgenden Jahre setzte man neue Fenster „Gelasser" (Gläser) „an die nigge Kamer baven in der Kocken (Küche) und „in die Kammer by der Armen Kocken" ein und „rustete" die auseinandergefallenen „Bettsteiden" in der letztgenannten Kammer um „op dem Bonne" (Bön = Hausboden). Ferner besserte man „dat lange Hall" (Gerät für die Feuerung) im Gasthause aus.

Im Jahre 1620 deckte man das Dach des Gasthauses neu. „den 27. July 2 Leiendecker (Dachdecker) up dem Gasthaus die Pfannen tho rechte gehangen, und etzliche Laten, Docken, 100 Pannen darauf gethan, die kosten 3 Gulden 5 Albus. 2 Stück Latten jedes 8 Fuß langs, der Fuß 6 Heller facit 8 albus, und vor 3 Albus nagell, dar die Latten mitt oppenagelt. Item vor ½ Gulden schowe (Strohbünde), dar die Docken sein von gemacht, dem Meister Dageslohn 10 Alb. dem Knecht 6 Alb. vor Kost und Bier 1 Gld. 2 Alb., das schlapgelt mit eingerechnet. Item einem Manne, der em rette (der ihm Half) ½ Gulden."

„den 8. Sept. einen Botten nach Gerte geschickt und Fleige bedden lassen, das ehr Steine soll füren an das Gasthaus, dem gegeben 4 Alb. - 3 Foder Steine gekauft in der Belthaus Heide (der Steinbruch bei Schulte-Bels war also damals schon in Betrieb) kostet jeder Foder 15 Alb. facit 2 Gl. 9 Alb."

Mit diesen Steinen wurden dann von Hans Brunnbeck 2 Holler (Schornsteine) am Gasthause, die eingefallen waren, instand gesetzt; eine Woche später wurden wieder 2 Tage lang Mauerarbeiten geleistet, wofür Brunnbeck pro Tag 13 Albus, sein Gehilfe („ein armer Mann, der ihm rette") 12 Albus erhielten. Im Dezember wurde auch der „Gastpütte" (Brunnen) gemauert für 9 Albus.

6. Die Provisorei in den Kriegszeiten.

Auch den Gang der kriegerischen Ereignisse können wir an Hand der Provisoreirechnungen verfolgen; sie bilden eine willkommene Ergänzung zu den Schilderungen Darpes (Geschichte der Stadt, S. 230 ff.) zumal dieser die Rechnungen nicht in den Kreis seiner Angaben gezogen hat.

Im Jahre 1626 ist Bochum der Schauplatz der Kämpfe der Spanier, unterstützt durch kaiserliche Truppen, gegen die Holländer, mit denen der Kurfürst von Brandenburg im Jahre 1622 ein Bündnis geschlossen hatte. Als Ende März 1626 Graf Isenburg mit seinem Regiment heranrückte, kam es zu einem Gefecht mit dem abziehenden Feinde, wobei die „doit geschlagenen Soldaten", darunter ein „Reuter" auf Armenkosten bestattet wurden. Die Wut der abziehenden Holländer war so groß, daß sie die Stadt bei Nacht völlig ausplünderten. Gegen eine nochmalige Plünderung durch kaiserliche Truppen suchte sich die Bürgerschaft durch ihre Abgesandten Wessel Steven (Steffen) und Friedrich Roiken zu schützen; sie erreichten auch von dem Oberstleutnant einen „Salveguarden" d. h. die schriftliche Zusage des Schutzes vor Plünderung, mußten aber die Kontribution, wozu der Armenprovisor 3 Rthlr. beisteuerte, zahlen. Auch die Garnison in Bochum wurde, nachdem man dem Obersten einige mit Mühe aufgebrachte Geldsummen „verehrt" hatte, auf 37 Mann herabgesetzt. Erfreut über diesen günstigen Ausgang schenkte der Armenprovisor den fleißigen „Thornwächtern" 20 Gulden.

Das kaiserliche Kriegsvolk blieb bis zum Jahre 1629 in der Umgegend von Bochum, dann konnte die mit dauernden Kontributionen, Brandschatzungen und Plünderungen belästigte Landbevölkerung für einige Zeit aufatmen, weil im Beschlusse von Regensburg (9. 12. 1630) der Abzug der kaiserlichen, spanischen und ligistischen Truppen aus der Grafschaft Mark angeordnet worden war.

Im Jahre 1632 wirkten neue Kriegsunruhen störend und ängstigend. General Pappenheim zog, von der Weser kommend, im Sommer durch Bochum, dann quartierten sich anfangs 1633 die kaiserlichen Truppen unter Graf von Grunsfeld in der Stadt ein. Im Sommer folgten feindliche Regimenter unter dem Landgrafen von Hessen. Am 1. September drängten die Pappenheimer diese wieder ab. So wechselten Freund und Feind; die Bürgerschaft kam erst Ende September von Einquartierungen und Durchzügen zur Ruhe. Im folgenden Jahre zogen Schweden und Hessen den kaiserlichen entgegen und eroberten Hamm. Im Sommer plünderten die Pappenheimer in Eickel; am 22. Juni raubten sie dort die Kirche aus, schlugen die Kirchenkiste auf und nahmen Kirchenparamente und wichtige Urkunden mit.

Zu all diesen Kriegsplagen gesellte sich im Jahre 1635 noch eine weit furchtbarere, die Pest. Im Juli brach diese Seuche in der Stadt aus und wütete furchtbar unter der Bürgerschaft. Nicht nur Bürgermeister und etliche Ratsherren wurden von ihr hingerafft, weit mehr noch griff sie unter der ärmeren, dicht in den kleinen Häusern zusammenwohnenden Bevölkerung um. Kein Tag verging, ohne daß der Provisor mehrere „Särcke" zur Wegschaffung der Toten beschaffen mußte. Erst Ende Oktober war die Pest erloschen. Kaum hatte die Bürgerschaft sich erholt, da rückten feindliche Truppen, Hessen und Schweden, die von dem kaiserlichen Feldmarschall Graf Götz über Dortmund zurückgetrieben wurden, in Bochum ein. Viele verwundete Soldaten schleppte sie mit sich; das Gasthaus wurde schleunigst zum Lazarett eingerichtet, und von Weihnachten 1636 bis Mitte April 1637 wurden auf Kosten der Armenkasse die Verwundeten verpflegt. Alle paar Tage ließ der Armenprovisor ihnen „brodt, schmals, biehr, botter, krudt (Gewürz)" reichen. Trotz ihrer Verwundung müssen sie einen gesegneten Appetit gehabt haben, denn an jedem dritten Tag sind für zwei von ihnen 15 Pfund Brot, 1 Pfund Butter und 3 Quart Bier zu liefern.

Auch in den folgenden Jahren hatte die Stadt unter Einquartierungen und den damit verbundenen Plackereien zu leiden. Kranke Soldaten stellten sich im Gasthause ein, die sich vom Provisor verpflegen ließen. „Den 9. Juni (1639) ein kranker Soldat ins Gasthaus kommen, dem auf befehl der Herren durch den Gastmeister geschickt. - 8 Alb.; noch den 12. Juni ein reuter von Buttersheim dazu ins Gasthaus kommen, welcher alda 19 Tage verplieben, taglichs den beyden 3 quart bier gelangt, jede ad 2 ½ alb. ½ lib. (libra = Pfund) Botter ad 3 St. Und über den dritten Tag einem Jeden ein stück fleisch. Als der Soldat wedder verreisen wollte, zu Zehrgelt ihm mitt geben ½ Gulden. Der Reuter noch zweymall bey mihr gessen, setze davor neben dem Bier ½ Gulden 6 Alb."-

„Den 21. Juni (1650). Ein Soldat aus dem Brunswicker Lande ihns Gasthaus kranklich angelangt, bis den 30.ten ahn geld geschickt, - 20 Stüber. Den 2. Juli vorg. Soldat verstorben. Ein Sarck machen lassen. Kostet 4 G., machelohn 13 St., Nägel 8 St., Dodengraber 6 St. 6 Pfg." Außer diesen Nachzüglern vom Heerestroß, die von Zeit zu Zeit sich im Gasthause verpflegen ließen, hatte die Armenkasse wenig unter den ewigen Kontributionen und Requisitionen der Truppen zu leiden, um so mehr aber die Bürgerschaft, die monatlich Gelder zum Unterhalt der Truppen nach Hamm oder Lünen senden mußte. Da sie, völlig verarmt, ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnte, erschienen fast regelmäßig Exekutionskommandos zur Beitreibung dieser Gelder, so daß die Stadt auch noch deren Verpflegung übernehmen mußte.

In welchem Drucke die Bürgerschaft ständig war, spricht sich aus den vielen Schuldverschreibungen, die zur Bezahlung der Kontributionen, aufgenommen werden mußten, aus. So heißt es z. B. in einem Schulddokument von 1652: „demnach unsere Vorgessene (Vorfahren) in anno 1644 zu Abzahlung dahmaliger hochlaufender heßischer contribution und zu abkehrung der militair execution dahero besorgenden großen schadens von den Eheleuten von der Drewen 60 Reichstahler aufgenommen und an gutem golden und silbern payment empfangen, auch dafür sichere Ländereyn in der Vöden verschrieben, nunmehr aber uns bey continuierenden Beschwer diese Grafschaft Mark geldern hochnötig und dey diesem theuren Jahr und ausgestandener lottringschen Außplünderung, wohin die Bürger dazu keine Mittel finden können." . . .

Mit dem Westfälischen Frieden (1648) endete die Kriegsplage noch nicht dauernd, da dieKontributionen zum Unterhalt des brandenburgischen Heeres - der Große Kurfürst führte Kriege mit Schweden und Polen - anhielten.

Bald sollte die Bürgerschaft auch wieder unter neuen Kriegsleiden stöhnen. In dem 1 6 7 2 zwischen FRANKREICH und HOLLAND ausgebrochenen KRIEGE stand der Große Kurfürst auf der Seite der Holländer. Im September dieses Jahres drang ein französisches Heer in die Grafschaft Mark ein. MARSCHALL TURENNE besetzte das Stift Essen; das Schloß in Borbeck wurde sein Hauptquartier. Bochum sah wieder die Truppendurchzüge; der Provisor mußte am 4. Oktober „die Breder zu dem Sarcke des hinterbliebenen und verstorbenen Französischen Soldaten", der an „Merß Hauß" starb, liefern und berichten, daß „bei Auffbruch des Generals Turenne 4 Malter Hafer in Säcken" ihm vom Feinde abgenommen worden seien. Auch steuerte er zu dem Schutzbrief, den der General ausstellte, 6 Gulden „Sauvegardengelder" bei. Turenne zog von hier nach Unna, das er im Februar 1673 belagerte. Er warf 65 Bomben in die Stadt, wodurch 222 Häuser eingeäschert wurden.

Im Frühjahr nahmen FRANZÖSISCHE TRUPPEN unter GENERAL BILLIERS in Bochum QUARTIER und fielen den Bürgern und auch dem Provisor zu Last. Dieser berichtet über seine Auslagen in der Abrechnung von 1673, wie folgt: „Anno 1673, den 6. u. 7. Juni bei Anwesenheit der französischen Völker unterm Kommando des Generals Villiers habe dem Colonel Humier wegen seiner dreißigtäglichen Portionen, davon der Stadt täglich gewesen 2 Rthlr. 13 St., Und der Tafelgelder, davon täglich gewesen 3 Rthlr., Elf Tage so anoch gefordert, in Abwesen(heit) des Rentmeisters, wiewoll dieselben anoch nicht verflossen, bezahlen müssen: 63 Gulden 48 Stüber. - Dem Rittmeister Brun 19 Gulden. - Noch für einen Tag aus dem Mai die Tafelgeldre dem Colonel ab 3 ½ Rthlr., dem Rittmeistre ad 1 ½ Rthlr. - dem Major Dassn, so bey der Wittibe Severin logiert, daß er den akkord am 2. Juny mit dem General Villiers gemacht, wegen der geforderten Tafelgelder, so anfangs er so woll als Humier prätendiert, daß für ein Väßken Weins, so dey Woringen genohmen, die Präsension verlassen, geben 8 Rthlr. (Der Major hatte also auf die Tafelgelder gegen Ueberlassung eines Fäßchens Wein verzichtet.) - Dem Regimentz Quartiermeister, daß das Korn auf Befehl abzuschneiden verbotten und die Order ahn das Rathauß angeschlagen; auch daß dieDurchmärsche der vor und nach ankommenden Regimenter befördert und durchgeführt, gegeben 4 Gulden. - Dem Reiter Theodoro für seine Mühe, so als ein Dolmetscher und hin und wieder zu reiten gebrauchet, gegeben 7 Rthlr. - Den 3. Mai, alß mit dem Colonel Humier wegen der geforderte Tafelgelder akkordieren wollen, aber nichts erreicht, ist geholt worden im Beisein des H. Oberst Wachmeisters Loe, des Bürgermeisters Schillings und des Sekretarii 6 Quart Wein ab 1 Rthlr. 30 St. - Den 4. Juni Jörgen in Johann Kempmanns Behausung, als mit einem Teil der Völker nach Dortmund gehen müssen, zu Zechengeld mitgeben 5 St. - Den 6. Als dem Colonel ein Attestation geben müssen, zu Zechengled mitgeben 5 St. - Den 7. dem Rittmeister noch 4 Quart Wein bei Lütecke, ohne den Wein, so vorigen Abentz demselben gefüllet und dey Diederichen Woringen zu Rechen geholet worden, füllen lassen ad 1 Thaler. - Den 7. beim Aufbruch holen lassen 2 Quart - 30 St." Am 10. Juni zogen die letzten Truppen endlich ab und wurden von Johann Henrich Istern (?), der auch schon am 24. April für den Colonel den Wegführer hatte spielen müssen, nach Dortmund gebracht.

Die Unsicherheit auf der Straße außerhalb der Stadt durch das überall umherstreichende Kriegsvolk war so groß, daß der Bauer Honscheid in Somborn, der an den Provisor Kapitalzinsen und sein Gewinngeld zahlen mußte, diese Summen nicht abliefern konnte, sondern „gefahrenhalber" auf dem Armengut in Hiltrop niederlegte, von wo sie ein Bote abholte, der „wegen der Gefahr" 22 St. Trinkgeld erhielt.

Mancher Bauer war durch Einquartierung und Zwangslieferungen um sein Hab und Gut gebracht; so mußte manchem Schuldner, darunter dem Schulte zu Kramwinkel, „weil von den franßösischen Völkern gantz verdroben"" seine Kornlieferung erlassen werden. Bei andern Bauern konnte erst im Wege der Exekution die Pacht beigetrieben werden. Z. B. „drei Malter Korn von H. von Ossenbruch gesuchten Arrestes halber bei H. richter Kumpsthoff zu Eickel gewesen, und denselben wieder relaxiert erhalten, pro decreto Domino judici gegeben 13 St."

Mahnungen und selbst Pfändungen halfen aber wenig, wenn bei der allgemeinen Unsicherheit der Wege jeder Verkehr unmöglich war. So konnte man nicht einmal im Jahre 1641, als man dem Pastor zu Harpen, der mit der Kornpacht im Rückstand war, ein Pferd fortnahm, dieses nach Bochum einbringen, wie der Provisor meldet: „als dem Pastore zu Harpen durch Stoffeln Jartzen pfänden lassen, wir aber vernohmen, daß sich einige Statisch Volk (Soldaten der niederländischen Generalstaaten) allhier einquartiert, deswegen die Pfande wieder zurückgeben müssen, und nitt auff Bochum bringen durffen; dahmal zu harpen mitt ihm verzeert. - ½ Gulden." Tag für Tag mußte Stoffel Jarzten die Schuldner an Zahlung der Pächte und Kornlieferung erinnern, bekam er auch dafür eine besondere Belohnung von ½ Scheffel Korn, so kam doch wenig ein. Endlich lieferte der säumige Pastor sein Korn ab. „als der Pastor zu Harpen zu zweyen Reissen etzlich Pfacht bracht, dann ahn hier ausgelegt 11 Quart, weil er Knecht und Junge bei sich gehabt."

Andererseits jedoch suchte man auch den verarmten Bauer, der durch die langen Kriege an seinem Hab und Gut Schaden erlitten hatte, wirtschaftlich selbständig zu erhalten. So bestimmte man zugunsten der Pächter, daß derjenige, der ohne Verschulden keine ausreichende Ernte einbrachte, von der Entrichtung der Pacht befreit sein sollte. „Weilen im Jahre 1684 mißwachs und überaus große Dörre gewesen", erhielten die Bauern Ausstand und später Erlaß der fehlenden Kornmengen. Diese Nachsicht wurde in den Kriegszeiten häufig gewährt und die „Restanten pro deo" - gegen Gotteslohn - erlassen. So wird z. B. 1648-1650 „Dennishoff zu Rechen, weilen der Hof wüst liegt und keine Pferde zu bekommen", seine Schuld erlassen, und Fleige zu Gerthe, „weil er sich beklaget, daß andere Ampts Eingesessenen ihre Gewinnthaler wegen schwerer Kriegskontributionen mit der Halbscheid der Pfachten übersehen worden und so auch dessen zugewiesen verhoffet", das halbe Gewinngeld und die halbe Pacht geschenkt.

In dieser schweren Zeit vergaß die Stadt ihrer treuen Diener und Helfer nicht. „Dirich in der Pforte, welcher wegen Mangel der Diener in der frantzösischen Zeit Tag und Nacht in Stadtdiensten aufgewartet und kontinuiert 75 Tage, welche ich mit Essen undt trinken täglich auf Befehl des Magistratus versehen müssen, auch weilen damahlig die Stadt nichts in Vorrath an Geldt hatte auch nichts aufgeschlagen worden, die Bezahlung aus der Provisorei, aus der ich es selbst in Handt hatte die Bezahlung zu erheben, promittiret, so rechne ich jeden Tags vor essen und trinken 12 St. - facit 15 Reichsthaler. Dirich auch auf Befehl des Magistrats ein neu Kleidt geben müssen ad 4 Ellen Lacken, die elle ad 45 St. - 3 Rthlr. Wie gedachter Dirich erschossen, selbigen auff Geheiß der Herren ein Sarck geben müssen samßt negel und Todtgräber, kostet 1 Thlr. 11 St. 6 Pfg.; weilen selbiger soviele dienste der Stadt in der frantzosen Zeit gethan, - ihn mit Gesang zu Kirche bringen lassen, dazu getan 1 St. 15 Pfg. Der Wittib ein Scheffel roggen gegeben." (1680.)

Neben Bettlern zogen jetzt auch andere „KOLLEKTANTEN" durchs Land, die für den Wiederaufbau von Kirche, Schulen und Klöstern milde Gaben einsammelten. Für alle hatte der Provisor eine offene Hand. „Einem Kollektanten wegen einer verbrandten Kirche in der Stadt Münster 1 Reichsthaler (1680), einem Kollektanten wegen einer Kirche in Sachsen 1 Thaler, wegen einer verbrandten Stadt in der Grafschaft Mansfeld 15 Stüber, zwei Nonnen aus der Grafschaft Mörs zur Reparatur des Klosters 1 Rthlr. (1688), zur Kirche zu Hockeswagen im bergischen Land 20 St., zur Reparierung der in der Stadt Sobernheimb ruinierten lutterischen Kirchen (1691). - Diese Beispiele mögen die Tätigkeit der vielen im Lande umherziehenden Kollektanten veranschaulichen. Mit dem Frieden zu St. Germain en Laye, den der Kurfürst Friedrich Wilhelm (1679) mit den Franzosen schloß, kehrte die notwendige Ruhe endlich auch in Bochum ein, ohne bis zum Ende des Jahrhunderts gestört zu werden.

7. Die Rechnungslegung.

Entgegen der Freigebigkeit in früheren Zeiten, wo man wahllos jedem Bittsteller - mochte er an dem Orte ansässig oder ein durchziehender Fremder sein - mit Gaben bedachte, machte sich im 17. Jahrhundert immer mehr das Bedürfnis der vorherigen Prüfung auf Würdigkeit und Bedürftigkeit geltend. Keine Gaben wurden ausgeteilt, ohne daß der Bürgermeister oder einer vom Rat seine Genehmigung erteilt hatte, zu welchem Zwecke er dem auf der Ratsstrube vorsprechenden Armen eine Anweisung an den Provisor ausstellte. Dieser sammelte die „Zettel" und legte sie seiner jährlichen Abrechnung fortlaufend numeriert bei.

Die VERWALTUNG wurde ehrenamtlich geführt, da ein Gehalt des Provisors nicht erwähnt wird. Meistens wurden 2 Provisoren ernannt, jedoch übte nur einer die Handhabung der Buchführung aus, der andere wird wohl nur zur Stellvertretung gewählt worden sein. Die Rechnungsführung war nicht einfach, da zahlreiche kleine Posten zu verrechnen waren, von denen viele jährlich ihrer Höhe nach wechselten.

Jede Jahresrechnung der Provisorei wurde von den beiden Bürgermeistern in Gegenwart der Ratsverwandten und der Acht von der Gemeinheit durchgesehen und die Schlußsumme der Ein- und Ausgaben ermittelt. Zu diesem Zwecke zog man die Ausgaben an Korn von den Einnahmen ab, veranschlagte den Rest in Geld, wenn der Provisor es nicht vorgezogen hatte, die überschüssigen Kornmengen auf dem Kornmarkte in Hattingen zu verkaufen, zählte diesen Geldanschlag zu den Einnahmen in Geld und zog die Geldausgaben ab. Die Schlußsumme mußte der Provisor bar entrichten; sie wurde auf die neue Jahresrechnung vorgetragen. Oft jedoch war er hierzu nicht imstande, so daß man das Geld als Kapital auf Zinsen ihm lieh. Manchmal konnte es jedoch auch vorkommen, daß ein sehr mildtätiger Provisor mehr ausgegeben hatte, als er an Korn und Geld vereinnahmt hatte; er war dann gezwungen, bis zum nächsten Wirtschaftsjahr auf sein Geld zu warten.

Nach alter Sitte wurde bei der jährlichen Revision der Armenrechnung durch den hohen Stadtrat auf Armenkosten ein ganz gehöriger Trunk veranstaltet. So wurde 1651, den 30 Oktobris, „als die Rechnung abgetan", von den beiden Provisoren, den beiden Bürgermeistern, den sechs Ratsverwandten und den acht Gemeinheitsleuten 80 Quart Bier zu 2 Rthlr. 16 St. Vertrunken; bei derselben Gelegenheit verbrauchte man am 11. November 1699 „an Brandwein, Banquett, Tubak und Pfeifen, Lichter, Essen und Trinken 4 Reichsthaler 45 Stüber."

Auch sonst pflegte man nicht trocken zu sitzen, wenn man in Armensachen beriet, mochte hierzu eine Beratung mit dem Licentiat oder Procurator (Rechtsanwalt) wegen eines Prozesses gegen einen säumigen Schuldner oder Verhandlungen wegen der Verpachtung der Armenländereien oder sonstiger Angelegenheiten den Anlaß bieten. Sie ließ der Provisor, als er mit Herrn Esselen „wegen Honscheds Pferde zu disputieren zu tun gehabt, um ein Schreiben aufzusetzen", ¼ Quart Wacholderwasser holen (1641).

Als man Honscheidshof „an Görgen zu Gerthe seiner Schwester Mann neu verpachten wollte", vertranken die Bürgermeister mit dem Rat und Provisoren 40 Quart Bier. (6. Juli 1644). Auf diese Weise wurde manches Quart Bier und manches „Kümpgen" Wacholderwasser, wie es 1643 in einem Rechnungsposten heißt, von den gestrengen Ratsherrn Altbochums vertilgt. In guter Gebelaune spendierte der Provisor auch den Korn- und Geldlieferanten, den „exekutierenden Dieners", den Bürgerrotten, die das Holz in der Weitmarer Mark für die Armen schlugen, wie auch den Handwerkern, die für das Gasthaus Reparaturen ausführten. Jeder erhielt sein Trinkgeld oder eine Anweisung auf einige Quart Bier. „Welch ein Glück, daß so Rat und Bürgerschaft in Leichtlebigkeit es fertig brachten, Lehte trinkend durch eine Zeit sich durchzuschlagen, deren Not und Jammer sie nicht ändern konnten; ein Stück Verstand mochte allerdings dabei zeitweilig oder gar dauernd dem weniger Trinkfesten in dem Naß untergehen und hell manches biederen Ratsherrn Kupfernase leuchten."

Mit diesen Worten kennzeichnet Darpe (Geschichte, S. 320) treffend die während des Dreißigjährigen Krieges eingerissene Unsitte des Trinkgeldergebens und des Lebens auf Kosten der Allgemeinheit. Man konnte es auch schließlich den leitenden Personen, Bürgermeistern wie Provisoren, die jährlich wechselten und ihr Amt nur ehrenhalber führten, nicht verdenken, wenn sie für ihre große Mühewaltung durch kleinere Zechgelage anläßlich der Beratung öffentlicher Angelegenheiten auf „Staatskosten" sich zu entschädigen suchten.

Wie man im 17. Jahrhundert die Armut und Bettelei als ein notwendiges Uebel ansah, gegen das man mit Verschaffung von Arbeit und Verdienstmöglichkeit nicht einzuschreiten wußte, so blieb es auch noch bei diesem Zustande bis weit in das 18. Jahrhundert. Erst die unter Friedrich dem Großen erstarkte Staatsgewalt nahm den Kampf gegen Armut und Bettel auf, jedoch brachte erst das letzte Jahrhundert eine staatliche geregelte Armenverwaltung, die nicht auf milde Stiftungen wohltätiger Bürger angewiesen war, sondern auf die gesetzliche Unterhaltungspflicht des Gemeinwesens.

Urkundenanhang.

1.Verpachtung des Gasthauses im Jahre 1548.

(Bürgerbuch S. 292.)

Wy Johan Flassche und Johan Bitter Burgermeister, Willem Semt, Christoffer Stevens, Henirch op dem Berge, Johan op der Borg, Rotgher Ernst, Hermann Hoberg, Raatsfreunde Johan op der Borg vurst. und Johan Slote, Burständer, Dyrich Beckmann, Wessell van der Hembeck, Hermann Ovelgünne, Henrich Roffhake, Johann Springorum, Johann vam Loe b. und Christoffer Pütmann van wegen der Gemeinheite doen kunt, bekennen und beteigen in und vormetz düssen besengeldern brevn vor uns und unsre Nakomlinge der Stadt van Bokum, wie dat wy Johan Koppelborg und Sigell sine elige Huisfrou vor bede levenlank verdan hewen und zu Macht düsses Breffs verdoen to Lone und zu Trost der verlatenen Armen UNSERM GASTHUYß to regeren und zu sorgen to hebben in Maten und Mauren als hegenabeschrewen.

Erstlich sulte den gedachten Elüde heben Huiß und Hoeff binnen Bokum und den Garden buten Bokum by des Bastardes Garden gelegen loeß und ledich sunder einiger Gyfften. Doch sullen sy die solange zu andern Noitwille halden und sullen dy armen Pelgrime und armen twe Jair met der Hebe wegen underhalden und so lange dy halwe Gawe Holtz in der Wytmer Mark haben und so sy na Bovergank (= Ablauf) der schweren Jahre der Armen nicht lange underhalden wolden, so sollen dey Vorständer eyn Huiß achter in den Hoeff setten und eine Frowe achter darinnen bestellen to underhaldung der Armen und dey selwe Frowe sall dy halwe Gawe Holzt to enen und der Armen Brand heben, doch sal der Gastmeister dat Ort Holtz nest dem Borger Holt hewen. Item noch sal man eme dat Berenbroeke (=Bärenbruch) gentlich verdoen und sullen dat die andre Tyt haewen und foeren (= Holz hauen und abfahren dürfen). Item vor dey Gasthove to Rechen sullen sy jerlix dry Daler op Martini gewen und den timlich (= geziemend) bepotten doch gheine Stämme bloiten (= blößen, abhauen) buter Wysonge de van Bokum. Und vor dey Länderie, de untertyt in dat Gasthuyß bebürt were, sullen sey jerlix op martini jeden Wynter gewen und woll betalen oyff und twentych Malder hardeß Schultkorn halff Roggen und halff Gerste, und so sey dat Lant, dat dey Burger underhawen, noch to sich under den Ploich (= Pflug) nehmen, als dey Bürger oere gebure und Bette utgeslotten heben (= die Pacht abgelaufen ist) sollen sey noch dar jerlix so vill Pachte van dem Lande gewen, als dey Bürger itzund doen, anoch sullen gedachte Glüde den van Bokum alle Jahre mit vier Diensten mit Wagen and Perden verpflicht sein und sunst auch gemeinen Burgerdienst doen und eyn Perdt underhalden, dar man op leden kann und so dat den van Bokum noduth, enen dag doen, und so dat länger verblewen, sodann den timlichen dagehure vor gewen (= die geziemende Tagesmiete). Item auch befürwort, als de van Bokum wysche erlediget und loit woere, dat sey dey Wysche winnen und in dat Gasthuyß gebruken vor so voell Pachte, als dey Burger dar van gewen wullen. Dyt vereinigen habe wy Burgermester, Ratzfreunde Vorständer und gemente Burger den opgedachten Elüden vor und und unsere Natkommlinge to gelowet to waren und echte vollkommen Wartschop (= Bürgschaft) to doen erer beider lewen lank und nicht lenger. Und na Affsterwen erer beden in sullen der gedachten Elüden Kynder noch twe Jar in Ansprake unser Gasthusche Land oder 8 Belte (= Felder) heben, dan were sey andern van winnen können. Und so yn tyt oeres Lewens dat Land besaet wäre und dey gedachte Elüde dan verstorwen, sullen ere Kynder dat Lant vor dey Pächte bloitten mögen, sullen doch Kaff und Stroe by der innen bliwen und sullen oere andre Guder unbeswert na sich nehmen und doen dar erstlich und in gelowet, so sey den Urloff van den van Bokum heben und hebe wy gedachte Burgermester . . . den opgedachten Elüden dey Possession oere beden Lewenlank dieß to gebruken gegewen.

Urkunde der Warheit heben wy unser Stadt Sygell vor uns und unsre Natkoemlinge an dyssen Breff gehangen. Datum in dem Jahre y v acht und vertig den ersten Dag des Monats July.

2. Auszug aus dem Testamente

Der Elisabeth von Havkenscheid, Witwe des Dietrich von der Leythe zu Laer. (Dortmund, den 13. 8. 1598.)


Nachdem ich Elisabeth von Havkensche, weyland des Edlen und Ehrenvesten Dietrich von der Leythen zu Laer nachgelassene Wittib zu Gemüt geführt, daß ich gleichmäßig allen anderen Menschen von dieser Welt muß, und nichts gewisseres ist, denn der Todt und ungewisseres, denn die Stunde desselben, damit ich denn von diesem Jammerthal und falschen Welt nicht ohne einigen letzten beständigen Willen und Testament, darinnen ich wie es mit allen meinen Gütern, gereiden und ungereiden, nichts davon ausbescheiden, ach meinem tödlichen Abfall gehalten werden soll, so habe ich diesen meinen letzten Willen und Testament in scriptis gemacht, beschlossen.

Nachdem auch mein seeliger Junker vorgemelt in seinem letzten Testament von mir begehrt, die ARMEN der Stadt und Kirchspiels Bochum zu gedenken, so legiere und verschenke ich denselben erstlich fünftehalb hundert gewährte Thaler, so auf Kornrenten so viel möglich belegt werden sollen, derselben Pension jährlich zu Behuf einer Spenden von zwei Malder Roggen nach Gelegenheit der Zeit unter trostlose HAUSARME und Wesekens (Waisen) wie denn auch, was diese Rente mehr tun, zu Kleid und Schuhen auszuteilen. - Noch 300 derselben Thaler, davon die Pension (Zinsen) verwendet werden soll, zu Behuf armen und fleißigen STUDENTEN, welche aus dem Kerspel (Kirchspiel) Bochum bürtig, dieser Steuer bedürftig und zu studieren an anderen Oertern und Schulen ausgeschicket seien. Item noch 200 derselben Thaler, deren jährliche Pension ARMEN KINDERN zu Bochumb und im Kerspel daselbst umb ein ehrlich HANDWERK zu lernen zuzuwenden. Noch 200 derselben Thaler, deren Pension zu Behuf armer frommen MÄGDE zu Bochumb und dessen Kerspel ehelichen Bestatnus (Heirat) angewandt werden sollen. Endlich 200 Thaler ARMEN ALTEN LEUTEN, welche aus Armut ihre Haus heuer (Miete) nicht bezahlen können, die Pension derselben zu Behuf auszurichten.

Und dieweil ich über das allbereits zu Behuf bemeldter Armen zu Bochum 300 Goldgulden Hauptgelder doniert und gegeben, und deshalben der Herr Pastor und alten Bürgermeister zu Bochumb einen Brief von 300 Goldgulden von mir empfangen, von welcher Pension jährlich auf St. Wesselen (Wenzel) Tag ein weiß wüllen Tuch trostlosen Armenleuten, so es am meisten zu Bochumb bedürftig, und von der übrigen Pension auf Mendel Abend (Gründonnerstag) schemelen Hausarmen eine Spende davon ausgeteilt werden soll, so will ich solche Gist nochmals hiermit confirmieret und bestätigt haben.

Für diese Legaten habe ich darauf sprechende Briefe und Siegeln in eine Kistken, so besonders dazu gemacht, verschlossen und will, daß diese abgeliefert und der Reichsthaler zu 37 Schilling, der Goldgulden zu 41 Schilling gerechnet werden.

3. Pachtvertrag über den Kömsack-Kotten vom Jahre 1793.

Wir Bürgermeister hiesiger Stadt Bochum und Provisores der Armen hierselbst tun kund und bezeugen hiermit, daß, nachdem der sogenannte Gastlohn und der im Kömsack gelegene Kotten teils durch Absterben des Christ. Henrich Kömsack, teils durch Unvermögenheit und Alter dessen nachgelassener Wittib Anne Marie Winkelmann, als welche blind worden und dem Kotten nicht mehr vorstehen kann, gewinnlos geworden, wir selbigen zum Vorteile der Provisorey an die Eheleute Konrad Henrich HANEFELD und Marie Katharine Spieker dergestalt für ein vereinbartes Gewinn auf ihr Lebenslang verthan haben, daß
  1. selbige die gemeldete Wittib Kömsachs zeitlebens in Nahrung und Kleidung gleich als wenn es ihre leibliche Mutter wäre, unterhalten, in Not und Krankheit verpflegen und bei ihrem Absterben ehrlich beerdigen lassen.

  2. sollen Anpächter ohngefähr ein Maltersede BUSCHLAND uhrbar machen und zahlen davon an Pacht jährlich um Martini 3 Rthlr., dazu an bisheriger Pacht 6 Rthlr., nebst 2 Hühnern und 9 Faß Kohlen, welche jährlich frey an das Gasthaus geliefert werden müssen, im gleichen 18 Faß von jedem auf diesem Provisoren Grund befindlichen KOHLBERGE, wenn nämlich selbige betrieben werden.

  3. bleiben das sämtliche GEHÖLZ und die HALBE EICHELMAST zur Disposition der Provisorey und sollen Anpächter Eichen oder Buchengehölz zuzueignen oder abzuhauen dey Verlust ihres Gewinnrechts nicht im geringsten befugt sein, sondern

  4. selbiges in gutem Stande halten, auch zu diesem Zwecke sofort einen HEISTERKAMP auf ihre Kosten anlegen und daraus ohnentgeltlich alljährlich den Busch bepflanzen,

  5. die Windschläge jedesmal anzeigen und ohne Vorwissen der Gutsherrschaft nichts davon verkommen lassen,

  6. den Busch, Länderey, Wiesen nebst Anschüssen ingleich Hof, Garten, Haus und Scheune ohnentgeltlich in gutem Stande erhalten.
Bochum, den 3. 7. 1771.

G. H. Lennich, J. Jacobi cons. J. E. de Boy Senator et provisores.

(J. H. Hanefeld löste im Jahre 1827 die jährliche Erbpacht für 258 Rthlr. und die sonstigen Rechte der Armenprovisorei (Gewinngeld und Nutzung des Holzes) für 90 + 240 Rthlr. ab und wurde hierdurch Eigentümer seines Kottens.)