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Die Geisterburg.

Wilma Weierhorst.

Endlich ist sie zur Ruhe gekommen, die nimmermüde, rastlose, ewig schäftige Stadt, und unter einem weichen, blausammetnen Mantel liegt sie der Nacht im Arm, von den Sternen träumend, die leise am Himmel ziehen.

Am Tage hat sie um der Sonne Gold geweint, und nun im Schlafe seufzt sie nach den Sternenherrlichkeit. Da langt die mütterliche Nacht behutsam - lächelnd nach dem schönsten Sterne, ihn ihr in die Hände zu legen, damit sie im Träume nicht ohne schimmernde Freude sei. Doch wie sie meinet ihn zu fassen, ist er vor ihren Augen verschwunden und mit ihm alle anderen, die da funkelten, und statt ihrer brennt eine glutrote Spur am dunklen Horizont.

Da hebt sie ihr Haupt, daß sie sehen kann, wer er ist, der ihr zuvorgegriffen und immer glühender den Himmel malt. Vom Morgen ist`s noch allzuweit, und die Sonne kann doch nur im Osten Auferstehung feiern. Es schreit auch nirgend eine Glocke „Brand!" Johannis ist in diesem Jahre lange schon vergessen. Wer mag es da nur sein, der ihr die Sterne nahm?

Und es zuckt ihr Herz in einem tiefen Schauer jäh zusammen, denn eine geheimnisvolle Stimme raunt ihr zu. „Ich nahm sie dir. Ich, der Geist der Arbeit, der ungekrönte, gewaltigste Herrscher der Welt. Von meinen Befehlen sind die Tage voll. Vor ihnen beugt sich auch der stolzeste Menschennacken, und selbst die Sterne gehorchen meinem Winke. Und unter deinem Mantel, Nacht, baue ich mir meine Burgen, meine Schlösser, und kein Tag und keine Zeit wüßte eins von meiner glühenden Schönheit zu haben. Schau nur - so wie dieses da, wirst du ungezählte finden, an allen Enden der Welt, in Hunderten von Städten. Ja - ich bin reich, wie kein zweiter der Erde, und niemand feiert meine Feste, wenn sie auch nur für einer Geisterstunde Dauer sind".

Und die Nacht sieht hohes, schweres Eisengerüst in einem lebendigen Purpurschein leicht und durchsichtig wie rosiger Alabaster werden. Schimmernde, zartfarbige Dämpfe decken des Geiserfürsten glutenden Tisch, an dem er sein einsames, königliches Mahl verzehrt. Die Menschen der Nachtschicht sind seine Trabanten, die in eiserner Arbeit ihm glühendes Eisen in glühende Eisenpokale schenken und stumm und schaudernd sehen, wie es ihm zu glühendem Blute wird. Und der letzte Tropfen ist noch nicht getrunken, da füllt ein Wink seiner Hand Eisenkorb um Eisenkorb mit roten, strahlenden Schätzen, rinnt flüssiges, feuriges Gold von seinem Tisch über seines Schlosses Stufen in die Tiefe hinab.

Und der Geist steht und lächelt, wie nur die Gewaltigen lächeln, die wissen, daß sie auf unerschütterlichen Thronen sitzen. Dann neigt er sein Haupt, und mit seinen brennenden Augen verlischt, versinkt die Herrlichkeit seines Festes, seiner Stunde, seiner Burg. - - -

Langsam finden die Sterne ihr Leuchten wieder. Aber die Nacht hat vergessen, nach dem schönsten zu langen, obwohl es ihren Händen so nahe ist. Ihr Sinnen ist voll von der glutenden Herrlichkeit, und morgen und übermorgen und immerfort wird sie sehnend auf die Stunde warten, in der das Märchen aus tausend und einer Nacht wieder in heißem Leben lächelt.