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Heimatliche Reis- und Nachbarhochzeiten.

Franz Pierenkämper.

Wer sich ein Bild davon machen will, wie schnell Sitten und Gebräuche, die jahrhundertelang unverändert bestanden haben, in wenigen Jahrzehnten aus der Mode kommen können, der braucht sich nur zu vergegenwärtigen, wie die Hochzeitsfeierlichkeiten noch vor etwa 40 Jahren in den ländlichen Ortschaften unserer Gegend vor sich gingen. Durch die völlige Umgestaltung der Verhältnisse, die darin ihre Ursache hat, daß aus dem ehemaligen seßhaften Bergmann, der in der Regel ein kleines Anwesen, einen sogenannten Kotten, besaß, zu oft fast ein heimatloser Proletar geworden ist, der sich durch nichts von den aus fremden Landen zugezogenen und hierher gelockten Leidensgenossen unterscheidet, haben sich die alten Sitten überlebt.

Diese Hochzeitsfeierlichkeiten beruhten auf dem Grundsatz der gegenseitigen Unterstützung. Nicht nur durch das Geschenkgeben kam dies zum Ausdruck, sondern die Nachbarn waren auch tätig an den Hochzeitsfeierlichkeiten beteiligt, indem sie ihre Häuslichkeit zur Bewirtung der Gäste auf eigene Kosten hergaben. Wollte man den Ursprung dieser Sitte bis auf ihre Wurzel verfolgen, so würde sich herausstellen, daß sie bis tief in die Zeit der Markgenossenschaften zurückreicht.

Eine solche Hochzeit wurde Reis- oder Nachbarhochzeit genannt; die erste Bezeichnung kam daher, weil Reisbrei die Hauptmahlzeit war, die letzte davon, weil die Nachbarn von den Hochzeitsfeierlichkeiten mit in Anspruch genommen wurden. Die Einladung geschah durch den „Gastbitter". In alter westfälischer Bauerntracht, bestehend aus blauleinenem Kittel, hoher Seidenmütze, in der Hand die „Wispelte" mit dem Handriemen, sagte er beim Eintritt in das Haus folgenden Spruch auf:

„Gu`n Dag!

Hier sett ek minen Staff, minen Kufen dobi,

Dat ek ok rächt willkommen si.

Ek well Ink onk seggen, wat ek hier dan:

N. N. met sine Frau lött inviteeren

Op Ris, Buotter un Plaß-Jäten.

Wä Ris well täten,

Draf `n Liäppel nich vergiätten.

Plässe as de Karrenrah`,

Ne Welle Buotter as `n Ei,

Wann se ok wiäget äin Pund of twäi, drei.

Dotau noch `n kloren Drunk un `n lustigen

Adjüskes! [Sprunk!

Es wurde auch wohl noch ein anderer Spruch aufgesagt, in dem noch besser der Charakter der Gebehochzeit zum Ausdruck kommt. Auch in diesem Spruche wird daran erinnert, Butter und Milch als Beisteuer zur Hochzeit nicht zu vergessen, sowie einige Taler Geld als Hochzeitgabe zu spenden, die, wie in den letzten Zeilen versprochen wird, wieder bei ähnlichen Anlässen zurückgegeben werden sollen. Auch kehrt hier die Mahnung wieder, Löffel und Messer nicht zu vergessen.

„Hier schickt mi Jan Pitter Oagle, dä Brüdigam,

Un Stine Lampe, dä Brut, bisamm.

Un lött Ink op dän Soterdag inviteeren

Op ennige Tonnen Beeren

Un Branntwin un ennige Musikanten

För dä jungen, lustigen Fanten

Un sör de Deerns, sick fröihlik te maken.

Un wann sä kämen, kräigen sä `n guodden

[Drunk te schmaken,

Ouk `ne Mohltid Jäten met en Stück vam

[Schenken,

„Do könnt sä an gedenken,

Äin Stück van `ne doe Kauh

Hört ouk dotan,

Äin Stück vam halwen Kopp,

Do gesöllt `n guodden Drunk op,

Gesnoden un gebroen äin Stück van dä Gans

Dat föert Junge un Olle an den Danz.

Buotter un Miälk un Liäppel un Meß nicht

[vergiätten

Will ät gäste ouk Ris und Stuten te iäten.

Brengt wo ennige Dutzend Daler te bate,

Do füör es noch genaug Platz in de Lade.

Wann hüt or morgen de Fall sall wier

Sick eräignen, dann woll`n sä dat gennige ok wier

Dauhn, wat woll gedohn wör,

Denn äine Ehr is wert de annere Ehr!

In der Frühe des Hochzeitstages war im Hofe eine Feuerstelle aufgeworfen worden, worauf in einem mächtigen kupfernen Kessel Reis gekocht wurde. Die dabei zur Verwendung kommende Milch und Butter wurde des Vormittags von den Hochzeitsgästen zum Hochzeitshause geschickt. Dies geschah durch junge Mädchen, die bei dieser Gelegenheit auch schon in dem kleinen Hochzeitszelt das in der Nähe des Hauses errichtet war, das Tanzbein schwangen.

Wenn das Reiskochen, das durch hierzu als besonders befähigt angesehene Personen besorgt wurde, beendet war, so blieb der Bodensatz des Reiskessels nach einer alten Sitte für notleidende Familien bestimmt.

Wenn nun das Brautpaar mit den Trauzeugen sich dem Brauthause näherte, wurde ihm von Kindern, die ein dickes Seil über den Weg zogen, der Zutritt zum Hochzeitshause versperrt. Erst die Zahlung eines Lösegeldes gab dem Brautzug den Weg zum Hochzeitshause frei. Des Nachmittags gegen 3 Uhr zogen dann die Hochzeitsgäste aus allen Windrichtungen mit Kind und Kegel heran. Gewöhnlich nahmen 150 - 300 Personen an der Feier teil. Bei guter Witterung kampierten sie an den unter den Obstbäumen höchst einfach eingerichteten Tischen, auf denen Schüsseln voll Reis, mit Zucker und Kaneel bestreut, bereit standen. Hieran tat man sich gütlich. Ein jeder zog den mitgebrachten Löffel hervor und „traktierte" sich an dem Reis. In dem sogenannte Zelt, das nur aus einem Bretterboden bestand - die Seitenwände waren mit Zweigen abgesteckt - musizierte von einer kleinen Bühne aus, die durch einen Leiterwagen hergestellt wurde, eine Kapelle. Hier wurde getanzt, daß „die Heide" wackelte. Bier und Branntwein wurde an der Schenke, die auf der Tenne eingerichtet war, jedem nach Wunsch verabreicht. Wie schon angeführt, waren die Nachbarn an der Hochzeit unmittelbar beteiligt. Zu diesem Zwecke hielten sie Kaffee und Essen bereit, jeden Hochzeitsgast, der vorsprach, aufzunehmen und zu bewirten, wovon dann reichlich Gebrauch gemacht wurde.

Bevor man zur Heimreise aufbrach, begab sich jeder Teilnehmer zum Brautpaar, um das Hochzeitsgeld zu entrichten. Je nachdem wurden vier bis zehn Mark geschenkt. Die Höhe des Betrages wurde auf den Namen des Geschenkgebers in das Hochzeitsbuch eingetragen, denn es bestand, falls in der Familie des Geschenkgebers ebenfalls eine Hochzeit gefeiert wurde, die Verpflichtung zur Rückzahlung. Erst am frühen Morgen spielten die Musikanten den Kehraus. Eine solche Hochzeit war eine Volksbelustigung im wahrsten Sinne des Wortes, und es ging dort urgemütlich zu.

Der folgende Tag war besonders für die Nachbarn als Nachfeier bestimmt. Wer noch solche Hochzeiten mitgemacht hat, der wird, so unzeitgemäß die Sitte auch geworden ist, doch mit wehmütigen Gefühlen ihren Untergang bedauern.