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Turmsorgen.

Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts erfuhr der Turm der St. Peter- und Paulkirche in Bochum eine umfangreiche Instandsetzung. Diese Arbeiten fielen in harte Jahre und zogen sich über die Zeit der Freiheitskriege hinaus. Gewiß werden Preise und Löhne von damals bemerkenswert sein.

Und so war es:

Ende Januar 1804 meldet Pastor Cramer bei der Stadtverwaltung, von dem großen Turme seien „vor und nach Steine herabgefallen", die „Passage über den Kirchhof" sei gefährlich. Man müsse einem größeren Unglück um so mehr vorbeugen, als auf dem Renteihause neben der Kirche ein Windsturm den Kamin herabgefegt habe, was zum Glück nachts geschehen. Auch der Landesbaumeister Pistor von Hamm, der den schadhaften Turm besichtigt, hält eine baldige Instandsetzung für recht nötig. Es geschieht aber nichts, wohl wegen der einfallenden Kriegsjahre. 1808 wenden sich die Lehrer Grimberg, Kämper und Weinschenk an die Stadt, endlich etwas zu tun; die Kinder ihrer neben der Kirche liegenden Schulen seien ständig gefährdet. Schieferdecker Lampmann von hier veranschlagt die Ausbesserung auf rd. 1340 Taler. Er setzt für 18 Ringel Wasserkalk 9 Taler und für den Transport aus dem „Mönsterlande" 6 Taler an, für 6 Fuder Steine 5 und für Fuhrlohn 4 Taler, für 10 Scheffel weißen Kalk 6 Taler, für 4 Karren Sand von „Recklinghausen" 6 Taler, für Arbeit an dem Mauerwerk 800 Taler, für 10 Ries „Schiefern" 50 Taler, für Transport von Ruhrort 30 Taler, für 150 Pfund „Blei" zu Rinnen 45 Taler, für Transport von Essen 1Taler, für 10 000 Schiefernägel 13 Taler, für 100 Fuß „Dannenborth" 4 Taler, für die Arbeit des Schieferdeckers 240 Taler.

Es bleibt beim Anschlag. Man denkt auch an einen Blitzableiter; auch die „große Schlaguhr ist außer Stande". Im Juni 1810 besieht sich Landesbaumeister Pistor nochmals den bröckelichen Jammer. Man scheint sich damals mit dem Gedanken getragen zu haben, das oberste Turmgeschoß abzubrechen und dann eine Kuppel auf den Rest zu setzen. Dagegen wendet sich Pistor mit aller Entschiedenheit. Weil es zu teuer kommt, den ganzen Turm „abzurüsten", schlägt er vor, die Ausbesserungsarbeiten auf einem fliegenden Gerüst vorzunehmen, wofür er 10 Taler ansetzt; die Mauerarbeit berechnet er mit 220 Taler, die behauenen 250 Quadratfuß Quadersteine mit 83 Taler 110 Scheffel Kalk mit 27 Taler, die Anke und das Blei mit 15 Taler. „11 2/3 Quadratruten Schiefer nach Westen behutsam abzunehmen und inwendig in den Turm zu legen", werde 35 Taler kosten diese drei Seiten „mit neuem Schiefer tüchtig einzudecken", komme auf 116 Taler. Die übrigen Seiten „mit den alten Schiefern ganz zu tüchtig zu reparieren" auf 82 Taler; 300 Quadratfuß neue Bretter aufzuschlagen und an den Kanten gerade zu Streichen, auf 5 Taler, die Bretter selbst werden 13 Taler kosten. 41 Rieß Schiefer einschl. Wassertransport von Ruhrort bis Hattingen 211 Taler, 11300 gr. Schiefernägel 14 Taler, 35000 kl. Nägel 29 Taler. Der Blitzableiter auf dem Turm wird auf 240 Taler kommen. Alles in allem rechnet Pistor 1057 Taler heraus.

Mittlerweile besieht sich Uhmacher Schulte die Turmuhr. Die Zifferblätter sind windschief und hindern die Zeiger am freien Gang; die Zeigerstangen nebst den Rädern sind „ineinanderverbogen - vermutlich durch mutwillige Jungens" usw. Er verlangt für das Gesundmachen 21 Taler.

Bürgermeister Jacobi berät mit den „Munizipal-Räthen", wie nun endlich etwas getan werden soll. Den Blitzableiter will man zurücklassen „bis zu besseren Zeiten". Man stellt fest, daß in der ganzen Gegend für das fliegende Gerüst keine Taue und Seile zu haben sind. Nächstens soll die Uhr auch auf eine Außenglocke schlagen. Darum stellt man dem Präfekten des Ruhr-Departements in Dortmund vor, in der Canton-Stadt richte sich alles nach dieser einzigen Uhr; die Nachtwachen lösten sich alle Stunde ab; „sie muß selbst der Gendarmerie zur Richtschnur dienen". Der Herr Präfekt möge darum aus dem aufgehobenen Kloster zu Lütgendortmund eine Glocke hergeben. Der Präfekt antwortet:

„Auf Ihren Antrag v. 21. D. eröffne ich Ihnen, daß im aufgehobenen Kloster zu Lütgendortmund keine disponible Glocke vorhanden ist; und übrigens hängen fast in allen Orten die Schlagglocken in den Türmen, die recht gut gehört werden. Möchte es an Schallöchern fehlen, so müssen diese gebrochen werden.

Ich grüße Sie!"

Man findet auch, daß er vorteilhafter ist, den Schiefer - es handelt sich um Moselschiefer - auf der Ruhr nicht bis Hattingen, sondern nur bis Steele kommen zu lassen; der Wasserweg sei kürzer und die Abfuhr auf der Steele Chaussee leichter. Aus Weitmar müssen 3, aus Wiemelhausen 2, aus Goy und Hamme 3, aus Riemke 2 Spanndienstpflichtige dazu die mit 3 Pferden bespannten Karren stellen, auch Stroh mitbringen, damit „die Leyen nicht beschädigt werden". Der Verding der Arbeiten wird in den „Nachrichten des Ruhr-Departements" (Dortmund) und in den „Allg. Politischen Nachrichten" (Essen) bekannt gemacht.

Der Gedanke, den Turm hab abzubrechen, taucht aber nochmals auf. Man entscheidet sich aber nun doch endgültig für eine „Reparatur", da sie einer völligen Abnahme vorzuziehen sei, „da ohne daß das Ansehen der Stadt sehr leiden und die Kosten der Abnahme denen der Reparatur bei weitem übersteigen würde."

Die Dacharbeiten hat Schieferdecker Adels in Werden übernommen. Als ihn der Bürgermeister von Werden auf Bitte der Bochumer mahnt, endlich anzufangen, erklärt er, „weil er die Lieferung von Schiefer und Nägeln nicht bekommen habe, habe er mit der Sache nichts mehr zu thun". Für ihn gewinnt man den „Layendecker" Schlimbach aus Steele. Da nun aber im Dezember 1810 ein furchtbarer Sturm den ohnehin kranken Turm sehr beschädigt hat - „der Turm wäre abgeweht, so er nicht so fest gebaut gewesen" - verlangt er 230 Taler, wofür er den Turm „in allem tadelsfrey reparieren wollte". Am 17. Juni 1811 fängt Schimbach mit seiner Arbeit an. Die Mauerarbeiten übernehmen Meister Nengelken und Würfel von Bochum; ersterer liefert die Steine. Für 37 ½ Fuß Haupt-Gesimssteine werden 25 Taler, für 103 Fuß Fenster- und Band-Gesimssteine werden 51 Taler, für 104 Fuß Quadersteine 34 Taler bezahlt.

Die drei Holz-Zifferblätter in den Turmfenstern sind so schadhaft, daß sie abgenommen werden müssen. Schreinermeister Cruismann macht aus den brauchbaren Resten zwei neue für 1 ganzen Taler und 40 Stüber. „Mahler" Benedikt in Wattenscheid verlangt für das Vergolden der Ziffern eines Blattes 10 Taler. Das ist viel Geld; deshalb wird vorgezogen, die Blätter „dreymal mit schwarzer Farbe und gelben Ziffern zu überziehen", was nur 2 Taler kostet. Schlimbach fordert für Abnehmen und Aufhängen der Zifferblätter 10 Taler. Würfel tut es für 6. Schlimbach fordert für des beschädigten Turmhahns Reparatur und Aufsetzen desselben 5 Taler; das Vergolden des edlen Höhenvogels besorgt Benedikt, „Vergolder in Wattenscheid", für 8 Taler.

Bis zum Winter 1810 ist die meiste Arbeit getan - nur nicht das Bezahlen. Letzteres verursacht auch damals die üblichen Kopfschmerzen. Eine Umlage auf die Bürger der Stadt - der Turm ist von den drei Konfessionen zu unterhalten - unterscheidet 5 Klassen. Die 1. wird zu 1 Taler 20 Stüber, die 2. zu 1 Taler, die 3. zu 40 Stüber, die 4. zu 20 Stüber, die 5. zu 10 Stüber angesetzt. Zur 1. Klasse werden 8 Bürger befunden, zur 2. nur 26; in der 5. Klasse zahlen weitaus die meisten. Die Einschätzung in den betragspflichtigen Ortschaften des Kirchspiels wird den Vorsteher anvertraut. Im ganzen werden vier Umlagen erhoben, damit eine einmalige drückend empfundene Abgabe vermieden wird. Das Geld kommt nur langsam ein; es sind viele Mahnungen nötig, ja sogar „Exekutiones". Noch im Februar 1813 kann Schlimbach nicht ganz „befriedigt" werden, „da nicht soviel Geld da ist". Inzwischen sind noch durch die zu Dortmund eingetauschte Turmuhr 67 Taler hinzugekommen. Durch einige der unvermeidlichen Nachzügler kommen noch etliche Reste ein - zur Freude des Rendanten, der am 12. Mai 1812 eine Einnahme von 1177 Talern nachweist, dem an Ausgabe 1212 Taler gegenüberstehen, weshalb 35 Taler Vorschuß auszugleichen bleiben. Mehrmals meldet sich auch noch Nengelken; er hat noch nicht ganz die gelieferten 78 300 „Schiewernägel" bezahlt bekommen. Schlimbach kommt noch mal auf den Hahn zurück, den er „in guten Stand zu setzen hatte, wie er von dem Kupferschläger fertig war, war nöthig ihn vergulden zu lassen". Man reicht ihm eine „freiwillige Gabe". Februar 1813 sind viele Mahnzettel auszutragen von den „Thurmschätzen". Polizeidiener Hörster läßt sie aber liegen und setzt den Empfangstag eigenmächtig einen Monat später an. Kommunalempfänger Ostermann klagt darum: „Wenn ein Polizeidiener thun kann, was er will und nicht, was er soll, dann kann man sich in der Folge auf denselben gar nicht verlassen". (Vielleicht aber hatte die Polizei damals noch etwas anderes zu tun: es war 1813!) Etwas harthörig sind auch die Brenscheder, die sich an den Präfekten Romberg nach Dortmund wenden, der eine andere Umlage anordnen soll. Was aber - jetzt nach mehreren Jahren - nicht mehr geht. Auch die Weitmarer haben wenig Luft, den Bochumern bezahlen zu helfen. Sie haben sich zu „Ausschlägen" für die eigene Kirche nicht unwillig bewiesen. „Es zahlt keiner aus dem Bochumschen Kirchspiel nach Weitmar. Warum sollen wir in Weitmar nach Bochum zahlen". Die Bochumer setzen dies langen auseinander, daß die katholischen Weitmarer zahlungspflichtig seien. Ob sie gezahlt haben, wird nicht berichtet. Aber einerlei: 1815 betont Bürgermeister Jacobi: „Der hiesige große Thurm ist die vorzüglichste Zierde der hiesigen Stadt; auch wird von jedem Kenner die alte Baukunst mit Vergnügen bewundert."

Mit der vorhin erwähnten in Dortmund eingetauschten Glocke ist es so:

Ende Januar 1812 teilt Rendant Hüttemann  in Dortmund dem Pfarrer Cramer  an St. Peter und Paul in Bochum mit, am 3. Februar komme in Dortmund  eine schöne große Glocke zum Verkauf, welche ungeachtet der Dicke nicht viel, über 3000 Pfund wiege. Ein Sachkundiger habe das Pfund zu 24 Stüber geschätzt. Doch habe das luth. Consistorium in Hörde für eine andere Glocke 29 ½ Stbr. das Pfund bezahlt. Die Bochumer haben dann auch die dicke Glocke von der Nicolaikirche in Dortmund gekauft. Am 6. Februar erscheint nämlich Pastor Cramer mit den Consistorialen Winkelmann, Crüsmann, Steffen und Homberg  beim „Maire" Jakobi, und sie stellen ihm vor, recht vorteilhaft gekauft zu haben.

Die hiesige Glocke sei seit 1786 ganz unbrauchbar und nehme die Stelle im Thurm vergeblich ein. Sie solle gegen die Dortmunder Glocke eingetauscht werden, so daß etwa 200 Taler aufzubringen und auf die drei Religionsgemeinschaften zu verteilen seien. Die Bochumer hätten für das Pfd. 19 ½ Stüber geboten, ein „Handelsjude" aus Lünen wollte für die geborstene Glocke 4 Stüber weniger aufs Pfund zahlen. Man müsse auch deswillen eine Glocke wieder haben, um mit derselben das Zeichen zu geben, wenn Feuer ausgebrochen sei. Die Verwendung der zweiten Glocke, die sonst „die Toten verläute", habe schon bösen Schrecken und große Mißverständnisse veranlaßt. Der hohe Munizipalrat in Bochum billigt Kauf und Tausch, desgleichen der Präfekt von Romberg  in Dortmund.

Man meint auch, „es gebürde wohl, daß ein Neues Sehl (Seil) zum Leuten der Klocke hinzukomme", und setzt 10 Taler dafür an. Im ganzen bleiben nach Abgabe der geborstenen Glocke 508 Taler 37 Stüber aufzubringen. „Bey diesem „Fahl" (Fall) wäre es nicht unbillig, weil die Katholischen die Glocken mehr Gebrauchen als die übrigen Relions, das die Katholischen vom obigen quanto zwey Drittel als zu 339 Rtlr.4 Stbr. und die übrigen Relions ein Drittel zu 169 Rtlr. 33 Stbr. zu bezahlen übernehmen." In der 1. Umlage ist der geringste Beitrag 10 Stüber, der höchste 5 Taler. Diese Umlage bringt´s nicht. Man legt nun nach der Grundpatent- und Personal- und Mobilarsteuer von 1812 um. Dr. Kortum z. B. hat 2 Taler 49 Stüber 3 Pf. zu zahlen. Natürlich gibt es auch allerlei Einsprüche, die sich aber sauerfüß auflösen. Inzwischen stellt sich auch heraus, daß sich die Bochumer mit dem Gewicht der geborstenen Glocke „vertan" haben müssen. Der Kupferschläger Wenke in Dortmund, der eigentlich die Nikolai-Glocke gekauft und die geborstene Bochumer Glocke zum Eintausch angenommen hat, hat letztere zur Hälfte an den Obervorsteher der Judenschaft Aron Jakob in Limburg abgetreten. Friedr. Detmar Cramer in Bochum bescheinigt der Wahrheit gemäß, die „kurtz geschlagene" Glocke habe 3228 ½ Pfd. gewogen, wovon gen. Jakob die gute Halbscheid erhalten solle. Die Bochumer wollen ihm 1428 ½ Pfd. zugewogen haben; beim „Nachwiegen gleich nach dem Abladen" findet Jakob nur 1378 Pfd., was natürlich längeres Hin- und Herrechnen verursacht. Die „Ackerwirthe" Peters, Friemann und Püttmann von Altenbochum haben die 3600 Pfd. schwere Glocke von Dortmund auf einem mit 6 Pferden bespannten Wagen herübergeholt. Im Januar 1819 melden sich die drei beim Bochumer Bürgermeister, es sei noch immer nicht der Fuhrlohn bezahlt. Sie fordern 18 Taler gemein Geld. Schon mehreremale seien sie mit ihrer alten Forderung herangetreten, ohne befriedigt zu sein. Sie hätten für je 100 Pfd. 36 Stüber gefordert; wenn ihnen aber ihre Forderung baldigst ausgezahlt werde, wollten sie für je 100 Pfd. nur 30 Stüber fordern. Der Kommunalempfänger Ostermann bekommt nun endlich vom Bürgermeister Anweisung, die 18 Taler aus der Umlage zu zahlen, und die Bochumer 3600-Pfundö-Glocke tönte endlich rein und - schuldlos.

Kleff.