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Gedenkveranstaltung zum 65. Jahrestag der Pogromnacht

Ansprache von Frau Dr. Ingrid Wölk am Sonntag, den 9. November 2003 im Rahmen der Zentralen Gedenkveranstaltung zum 65. Jahrestag der Pogromnacht am 9. November 1938 an der Gedenktafel Huestr. 30, Ecke Dr.-Ruer-Platz

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 schändeten SA-Angehörigedie prachtvolle Synagoge der jüdischen Gemeinde Bochum und brannten sienieder. Viele Schaulustige sahen dem Zerstörungswerk zu. ÖffentlicheProteste aus der Bevölkerung sind nicht bekannt geworden.

Die Pogromnacht heute vor 65 Jahren versetzte die jüdische Bevölkerungin Angst und Schrecken, führte zur Zerstörung von über 260 Synagogenund anderen jüdischen Einrichtungen im ganzen Reich, zur Demütigung undMisshandlung jüdischer Menschen, zur Verhaftung von etwa 30.000jüdischen Männern und deren Verschleppung in Konzentrationslager undkostete zahlreiche Leben. Der Novemberpogrom war trauriger „Höhepunkt“einer Entwicklung, die mit der Ernennung Adolf Hitlers zumReichskanzler am 30. Januar 1933 und dem Machtantritt der NSDAP ihrenAnfang genommen hatte. Dieses Datum jährte sich in diesem Jahr zum 70.Mal. Es war der Beginn eines beispiellosen Prozesses, der mit derAusgrenzung und Entrechtung der Juden in Deutschland begann, nach demNovemberpogrom in offene Verfolgung überging und mit der Ermordung vonca. 6 Millionen Juden endete.

Die Anfänge erschienen vergleichsweise „harmlos“ und verleiteten vielezu der Fehleinschätzung, das NS-Regime werde sich schon bald überlebthaben. Kaum jemand vermochte sich vorzustellen, was noch folgen sollte.Aber auch die erste Phase - die Entfernung jüdischer Beamter, Ärzte undJuristen aus ihren Berufen und Positionen, der Boykott jüdischerGeschäfte und Praxen, die Herausdrängung der jüdischen Bevölkerung ausdem öffentlichen Leben - war irritierend, verletzend undexistenzbedrohend.

Der 9. November ist der „Symboltag“ für die Verfolgung derJuden in Deutschland. An diesem Tag versammeln wir uns Jahr für Jahr.Wohl wissend, dass Gedenken nicht zur Routine und zum Ritual erstarrendarf. Denn sonst mag es zwar der Gewissensberuhigung der Teilnehmendendienen, seinen Zweck aber hat es deutlich verfehlt. Erinnerung bedarfder aktiven Beteiligung. Deshalb bemühen wir uns besonders, auch jungeMenschen in die Veranstaltung mit einzubeziehen.

Dies ist heute im Vorprogramm wieder gut gelungen. Schülerinnen undSchüler verschiedener Schulen haben sich den Schicksalen ehemaligerjüdischer Bochumer genähert, haben Häuser aufgesucht, in denen dieselebten beziehungsweise Plätze, an denen ihre Häuser standen. Anauthentischen Orten und auf beeindruckende Weise haben sie daspräsentiert, was sie mit ihren Lehrern im Vorfeld erarbeitet hatten.

Für heutige Kinder und Jugendliche ist das Schicksal der damalsGleichaltrigen von besonderem Interesse. In deren Situation können siesich hinein versetzen. Wer selbst vielleicht schon einmal Mobbing-Opfergeworden ist, ein heute moderner Begriff, aber ein uraltes Phänomen,der kann nachvollziehen, was es heißt, in der Schule ausgegrenzt zuwerden, nicht an den gerade angesagten Aktivitäten teilnehmen zudürfen, von Lehrern und Mitschülern bloßgestellt zu werden, von bisgestern „besten Freunden“ geschnitten und missachtet zu werden. Invielen Bochumer Häusern haben Kinder und Jugendliche gewohnt, denen esgenau so erging und die nicht verstehen konnten, warum gerade ihnendies widerfuhr. Martin Buber, ein bekannter Religionswissenschaftlerund exponierter Vertreter der damaligen zionistischen Bewegung, hat imMai 1933 bewegende Worte für die Nöte jüdischer Kinder zu Beginn derNS-Zeit gefunden: „Die Kinder erleben, was geschieht“, so schrieb er,„aber nachts stöhnen sie aus dem Traum, erwachen, starren ins Dunkel -die Welt ist unzuverlässig geworden. Man hatte einen Freund, der Freundwar selbstverständlich wie das Sonnenlicht, nun plötzlich sieht ereinen fremd an, die Mundwinkel spotten: Hast du dir etwa gareingebildet, ich machte mir wirklich was aus dir? [...] Was istgeschehen? Man weiß ja so allerlei, aber man versteht dennoch nicht,wie das zusammenhängt. [...] Was ist mit der Welt geschehen? Aus demvertrauten Lächeln ist eine Fratze geworden.“ - Soweit Martin Buber1933.

Wer hat sich der verunsicherten und verängstigten jüdischenKinder in Bochum angenommen? Die besorgten Eltern waren häufigüberfordert, hatten sie doch selbst keine schlüssigen Erklärungen undsuchten noch nach Lösungen. Einige Kinder hatten in den weiterführendenSchulen noch für eine kurze Weile verständnisvolle Lehrer, die sieschützten, so gut es eben ging oder Freunde, die sie nicht im Stichließen. Für viele wurde die jüdische Schule - die ja hier an dieserStelle stand - zum Zufluchtsort, denn die höheren Bochumer Schulendurften sie nicht mehr besuchen; und nach dem Novemberpogrom 1938mussten dann alle jüdischen Schülerinnen und Schüler - sofern sie nochschulpflichtig waren - zurück zur jüdischen Volksschule. Hierunterrichtete Else Hirsch, eine beeindruckende Persönlichkeit, die ichnun ins Zentrum meiner Rede rücken möchte.

Unter „normalen“ Umständen würde es sich nicht gelohnt haben, vielAufhebens von Else Hirsch zu machen, die 1927 von Berlin nach Bochumgekommen war, um hier die Lehrerinnenstelle an der jüdischen Schule zuübernehmen. In der Erinnerung ihrer Schülerinnen und Schüler wäre sieeine schrullige Person geblieben, eine „altjüngferliche“ Lehrerin, diesich unvorteilhaft kleidete und frisierte, die eigentümlicheGewohnheiten hatte und über die man sich lustig machte. Aber es warenkeine „normalen“ Zeiten, und die unscheinbare Frau wurde zur Heldin.

Sie war eine gebildete und vielseitig interessierte Person.Entsprechend ihrer Qualifikation und Erfahrung hätte sie auch anhöheren Schulen unterrichten können. Sie hatte gute Zeugnisse. Einerihrer Gutachter schrieb über Else Hirsch: „Die Dame verdient es, alsLehrerin wie als Mensch bestens empfohlen zu werden.“ An die jüdischeSchule in Bochum war sie eher zufällig geraten. Hier beschränkte siesich nicht auf ihre Arbeit an der Schule. Sie engagierte sich in derjüdischen Gemeinde. Sie unterstützte die Arbeit des JüdischenFrauenvereins. Sie bot Hebräischunterricht für Mädchen an -nachmittags, in ihrer Freizeit. Und als die Synagogengemeinde sie nichtmehr bezahlen konnte, tat sie es ehrenamtlich. Else Hirsch hatteoffenbar ein gutes Gespür für das, was nach dem Machtantritt derNationalsozialisten notwendig war. Im Oktober 1937 nahm sie an einemFortbildungskursus Englisch der Reichsvertretung der Juden inDeutschland bei Berlin teil, um in Bochum Englischunterricht fürpotentielle Emigranten erteilen zu können.

Und in größter Not konnten die jüdischen Bochumer auf sie zählen. Sowar sie auch nach der Pogromnacht im November 1938 sofort zur Stelle,als zupackende Hände benötigt wurden und brachte gemeinsam mit einemTeil ihrer Schulkinder das Schulgebäude sowie das Gemeindebüro so weitwieder in Ordnung, dass drei Tage später die Gemeindearbeit und derSchulbetrieb wieder aufgenommen werden konnten.

Else Hirschs wichtigste Aufgabe für die Gemeinde in dieser Zeitaber wurde die Organisation von Kindertransporten ins Ausland. Dennmittlerweile war die Hoffnung auf ein baldiges Ende des „DrittenReichs“ gestorben, und wenigstens die Kinder sollten eine Zukunfthaben. Ihren Eltern dürfte die Entscheidung, sie ins Ungewisse zuschicken, unsagbar schwer gefallen sein. Niemand wusste, wann es zueinem Wiedersehen kommen würde. Und viele der verschickten Kinder sahenihre in Deutschland gebliebenen Eltern nie wieder.

Gemeinsam mit der Gemeindesekretärin Erna Philipp und in Absprache mitder Reichsvertretung der Juden in Deutschland stellte Else Hirschzwischen Dezember 1938 und August 1939 zehn Kindertransporte zusammen,die nach Holland und England gingen. Im Juni 1938, war sie sogar fürmehrere Wochen nach Palästina gereist. Es ist zu vermuten, dass siehier die Möglichkeiten und Bedingungen der Jugend Allijah für BochumerKinder erkunden wollte.

Else Hirsch selbst emigrierte nicht. Während ihre MitstreiterinErna Philipp von einem elften Transport nach England nichtzurückkehrte, blieb Else Hirsch in Bochum. Ihre Gründe kennen wirnicht. Traute sie sich den Schritt in ein neues Leben nicht zu? Oderhielt ihr Verantwortungsgefühl sie zurück? Es würde zu ihr passen.Schließlich gab es in Bochum noch jüdische Kinder. Die mittlerweile ausder Trägerschaft der Stadt entlassene und als private Schule weitergeführte jüdische Schule Bochums hatte im Juli 1940 noch 21Schülerinnen und Schüler. Die mussten weiterhin unterrichtet - und waswichtiger war - gerettet werden. Seit der Emigration von Erich Mendelim August 1939 war Else Hirsch die einzige Lehrerin.

Sie blieb bis zuletzt. Sie blieb, bis es zu spät war. Vielleicht wolltesie es so. Die Rettung der Kinder gelang nicht. Unter den 500namentlich bekannten Bochumer Opfern der Shoa befinden sich 19, die zumZeitpunkt ihrer Deportation höchstens 16 Jahre alt waren.

Auch Else Hirsch wurde deportiert und ermordet. Nachderzeitigem Erkenntnisstand wurde sie zusammen mit einem Teil ihrerSchülerinnen und Schüler Ende Januar 1942 ins Ghetto Riga deportiert.Einer ihrer Schüler, der damals 12jährige Ruben Horst Möller, erinnertsich daran. Er war mit seiner Mutter und seinem 15jährigen BruderWilhelm auf demselben Transport, und er war in Else Hirschs Klasse, bisdie jüdische Schule - im September 1941 - endgültig aufgelöst wurde.

Im Ghetto Riga - man glaubt es kaum - tat Else Hirsch das, was sieimmer tat. In einem verlassenen Gebäude unterrichtete sie die Kinder.Und sie half den alten Menschen. Ruben Möller hat sie beim Sammeln vonLöwenzahn und Brennnesseln im Ghetto beobachtet. Sie kochte darausnotdürftige Mahlzeiten für Alte und Schwache. Der Unterricht für dieKinder wurde abgebrochen, als es für diese zu gefährlich wurde, sich imGhetto sehen zu lassen. Denn im Ghetto Riga wurden in regelmäßigenAbständen arbeitsunfähige Menschen - also Alte, Kranke, Behinderte undKinder - selektiert und getötet. Ruben Möller überlebte zusammen mitseinem Bruder als einer der ganz wenigen. Else Hirsch beschreibt er alseine Frau mit großem Mut und großer Hingabe. In Riga verliert sich ihreSpur.

Erinnern tut Not. Zum Beispiel an die Familien Schönewald und Weinberg,Marienthal und Kaminski. Oder an die Gründerfamilie des ehemaligenWarenhauses Gebrüder Alsberg AG, das bereits 1933 „arisiert“ worden warund danach als Kaufhaus „Kortum“ weitergeführt wurde. An Menschen also,die damals in Bochum lebten, die - aus der Bahn geworfen und außerLandes getrieben - ihr Leben im Exil neu finden und gestalten mussten.Oder die gar, wie Alfred Alsberg und seine Frau, inKonzentrationslagern ermordet wurden. Ihre Schicksale haben uns heutenachmittag die Schülerinnen und Schüler wieder nahe gebracht.

Auch Else Hirsch und viele ihrer Schützlinge haben dieVerfolgung während der NS-Zeit nicht überlebt. In der Erinnerung ihrerwenigen heute noch lebenden Schülerinnen und Schüler ist sie präsent.In Gedenkbüchern findet sich ihr Name. Und im Südwesten Bochumserinnert seit einigen Jahren ein Straßenschild an Else Hirsch.

In Bochum ist einiges in Bewegung geraten. Der Wunsch nach einemDenkmal für die Opfer der Shoa soll in die Tat umgesetzt werden. DiesesDenkmal könnte aus einer Vielzahl von Namenstafeln bestehen, dieüberall im Stadtgebiet an die deportierten und ermordeten jüdischenBochumer erinnern. Es wäre ein prozessuales Denkmal, das nach und nachGestalt annimmt. Erst im Kopf des Betrachters fügt es sich zu einemGanzen und verhindert damit „Erinnerungsroutine“. Dieses Denkmalbraucht die aktive Teilnahme vieler Bochumerinnen und Bochumer.