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Waltraud Jachnow

Porträt von Frau Waltraud Jachnow, Ehrenvorsitzende der Gesellschaft Bochum-Donezk, schwarz-weiß Aufnahme
Porträt von Frau Waltraud Jachnow, Ehrenvorsitzende der Gesellschaft Bochum-Donezk

geboren am 22. Juli 1941
Ehrenvorsitzende der Gesellschaft Bochum-Donezk
Ehrenring der Stadt Bochum (1999)
Bundesverdienstmedaille (2000)
 

Interviewtermin: 6. Januar 2005

"Ich beginne gerne Dinge, die noch nicht so populär und mit entsprechenden Widerständen verbunden sind." 

Waltraud Jachnow ist eine charmante Dame. Mit der Bescheidenheit einer gebildeten Frau erinnert sich die Mutter von drei erwachsenen Kindern an die Anfänge ihres Engagements in der Gesellschaft Bochum-Donezk: "Ich wurde gefragt, weil ich Russisch kann." 

Mittlerweile wird die Gesellschaft getragen von mehr als 300 Mitgliedern. Dazu gehören nicht nur Einzelpersonen, sondern vor allem Schulen, Verbände und Institutionen. Besonders stolz ist Waltraud Jachnow darauf, dass die Mitglieder praktisch das ganze Spektrum der Bochumer Gesellschaft abbilden: vom Stadtkatholikenausschuss über die GEW bis zum Bochumer Kulturrat oder dem Shanty-Chor. Der Verdienst von Waltraud Jachnow ist dabei, dass sie mit ihrem unermüdlichen Einsatz und Engagement der Gesellschaft eine Seele und Leben gibt. 

Waltraud Jachnow wuchs auf in der DDR mit Russisch im Schulunterricht. Unmittelbar vor dem Mauerbau 1961 ging sie nach West-Berlin, studierte Slavistik und Germanistik. Auch nach ihrer Heirat 1966 arbeitete sie an verschiedenen Universitäten in Berlin, Kostanz und Bochum. Die Arbeit war "nebenbei", wie sie sagt, denn Familie und Beruf zu vereinbaren, sei nicht einfach. "Es gibt Nischen für Frauen. Meist in der ehrenamtlichen Arbeit." Die sei für sie aber nie "Ausweg oder Bonbon" gewesen und dürfte so auch nicht verstanden werden. "Eine stärkere Würdigung wäre gut und wünschenswert", wenn sie die Kritik auch nicht auf sich bezogen wissen möchte. 

Große Bedeutung hat für sie, dass ihr die Ehrung des Bundespräsidenten auf Vorschlag eines ehemaligen Zwangsarbeiters zuteil wurde. 

Für Waltraud Jachnow ist die ehrenamtliche Arbeit ein Fulltime-Job. Anders hätte sie nicht so viel in Bewegung setzen können. Die Gesellschaft Bochum-Donezk wurde 1987 kurz vor der offiziellen Städtepartnerschaft gegründet. Das Anliegen war, "die Partnerschaft von Anfang an auf Bürgerebene zu bringen", so Waltraud Jachnow. Denn die Gefahr, dass sie bei den Offiziellen erstarrt, war groß. Vor allem in den ersten Jahren noch zu Zeiten der Sowjetunion. 1988 besuchte sie die neue Partnerstadt in der Ukraine mit der ersten Schülergruppe vom Goethe-Gymnasium. Seitdem sind viele Verbindungen gewachsen. Trotz großer Hindernisse wie der Entfernung von Bochum nach Donezk über 3.000 km, der Sprache oder politischen Veränderungen. Die Sowjetunion löste sich auf, die Ukraine wurde selbständig. 

1992 kamen die ersten ehemaligen Zwangsarbeiter aus Donezk auf Einladung der Gesellschaft nach Bochum. Wesentliches Arbeitsgebiet von Waltraud Jachnow wurde die Hilfe für die ehemaligen Zwangsarbeiter, die während des Nationalsozialismus aus ihrer Heimat nach Deutschland verschleppt worden waren. Hauptauslöser dafür war ein Zeitungsbericht in Donezk 1997. Darin wurde geschrieben, dass die Gesellschaft Bescheinigungen über Zwangsarbeit ausstellt. Angegeben waren Name und Adresse von Waltraud Jachnow. Massenhaft Post kam. Mühsam war jeder Einzelfall: alle Briefe wurden übersetzt und es wurde akribisch recherchiert. Oft war aus nur sehr vagen Angaben herauszufinden, welcher Ort, welches Unternehmen gemeint sein könnte. Heute kann sich die Unermüdliche freuen, mehr als 300 Menschen zu einer Bescheinigung über ihre Zwangsarbeit verholfen zu haben. 

Ein weiteres wichtiges Projekt, das Waltraud Jachnow maßgebend vorangebracht hat und bringt, ist die Hilfe für leukämiekranke Kinder in der Partnerstadt. Die zuständige Klinik in Donezk hatte nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht die Möglichkeit, Medikamente einzukaufen, eine besonderes kritische Situation nach der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl. Hier sprang die Gesellschaft ein. Sie stellte Kontakte zu den Spezialisten an der Essener Universitätsklinik her. Bis heute wird die Kooperation aufrecht erhalten durch Spenden aus der Bevölkerung und den Austausch von Ärzten, Pflegepersonal und Psychologen. Die Sterblichkeitsrate der in Donezk behandelten Kinder konnte erheblich reduziert werden. 

Hilfe brauchen auch die an Diabetes leidenden Kinder. Etwa 150 sind in einer Diabetes Selbsthilfegruppe in Donezk organisiert. Seit 1994 gibt es kontinuierliche Verbindungen zu den kleinen Patienten in Donezk. Zunächst wurde sogar Insulin geschickt. Mittlerweile funktioniert die Versorgung dort wieder, aber Teststreifen, auch Kleider und Spielzeug werden regelmäßig gespendet. Ein Oberarzt im Marienhospital in Gelsenkirchen, spezialisiert auf Diabetiker-Schulung für Kinder, unterstützt die Gesellschaft bei der Betreuung und bei der konkreten Schulung. Ein wechselseitiger Austausch wurde initiiert. 

Hilfreich ist auch der Kontakt zu Germanistik-Lehrkräften und Studierenden in Donezk. Sie dolmetschen und übersetzen Briefe für Bochumer, die eine Patenschaft für leukämiekranke Kinder übernommen haben. Durch die starke Vernetzung ist aus der anfänglichen kleinen Gesellschaft ein enges Netz aus persönlichen Beziehungen geworden. 

Ein weiterer Schwerpunkt ist der "Fond für Wohltätigkeit und Sozialfürsorge". Der Leiter des Fonds war 1991 zu Gast in Bochum und lernte Waltraud Jachnow kennen. Kurzerhand bat er die rührige Gesellschaftsvorsitzende, alles zu schicken, was man brauchen kann, von der Wärmflasche bis zur Nähmaschine ... . Ein halbes Jahr später stand der Lkw vor der Tür. Seitdem fahren jedes Jahr fünf bis sechs Lastwagen von Bochum nach Donezk. 

Hilfe zur Selbsthilfe ist ihr Stichwort, und so wirkt Waltraud Jachnow als Schaltstelle, stellt Kontakte her, die sich denn verselbständigen können und zu einem dichten Netz der lebendigen Partnerschaft und Völkerverständigung führen - auch über 3.000 Kilometer und zwischen zwei so verschiedenen Sprachen.