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Lily Anggreny

Porträt von Frau Lily Anggreny, Sportlerin im Behindertensport, beim TV Wattenscheid 01, schwarz-weiß Aufnahme
Porträt von Frau Lily Anggreny, Sportlerin im Behindertensport, beim TV Wattenscheid 01

geboren am 15. September 1960,
erfolgreiche Sportlerin im Behindertensport
beim TV Wattenscheid 01,
Ehrenringträgerin 2004

Interviewtermin: 1. Februar 2005 

"Es war die Freiheit, die mich nach Deutschland trieb", sagt Lily Anggreny heute. 

Die gebürtige Indonesierin wollte der Strenge und Enge ihrer Indonesischen Heimat entkommen. Mit 19 Jahren kam sie zum Studium nach Bochum. Seitdem fühlt sie sich hier zu Hause. "In meiner Familie war ich damit Ausländerin", lächelt die aufgeschlossene zierliche Frau. Fröhlich und temperamentvoll erzählt sie aus ihrer Vergangenheit. Keines der zehn Geschwister versteht, dass sie das schöne Inselland verlassen hat. 

Nachdem sie für Deutschland mehrere Medaillen bei den Paralympics gewann, wurde sie 1994 deutsche Staatsangehörige. Unterstützt hat sie dabei noch Helmut Kohl, den sie in einem persönlichen Gespräch kennen gelernt hat. 

Geehrt wurde sie mit dem "Silbernen Lorbeerblatt" von den Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Roman Herzog. 

Lily Anggreny ist eine der erfolgreichsten Sportlerinnen im Behindertensport. 1992 gewann sie bei den Paralympics in Barcelona Gold, Silber und Bronze. Auch in Atlanta gewann sie eine Bronzemedaille. In Sydney hatte sie Pech. Ein Crash mit dem Renn-Rollstuhl sorgte für Schlagzeilen und Titel-Fotos. Er verhinderte aber auch die erfolgreiche Teilnahme an den Paralympics. Ein schwerer Unfall beim Berlin Marathon 1998 setzte Lily Anggreny außer Gefecht. Nach dem Zusammenstoß mit einem Inliner, musste ihre Schulter operiert werden. Sie durfte drei Monate lang den rechten Arm nicht benutzen. "Insgesamt war ich vier Monate hilflos, aber da ich so eine verrückte Sportlerin bin, habe ich zwei Monate danach wieder einen Weltrekord überboten", freut sich die Sportbegeisterte. Ihr Arzt habe damals gesagt, medizinisch sei das eigentlich unmöglich. Aber Lily Anggreny bestärkt das nur in ihrer Überzeugung: "Alles ist möglich, wenn man nur will." 

Mit dem Rennrollstuhl fuhr sie insgesamt acht Weltrekorde. Ihre Spezialität sind die längeren Distanzen über 5000, 10.000 Meter bis zum Marathon.
  Auch bei Weltmeistermeisterschaften und Europameisterschaften ist Lily Anggreny immer wieder erfolgreich: Seit 2002 nicht mehr mit dem Renn-Rolli, sondern mit dem Handbike im Radsport. Auf Anhieb belegte sie bei der deutschen Meisterschaft 2002 in der Einzelfahrt und im Straßenrennen den ersten Platz. Täglich drei Stunden Training sind Voraussetzung für den Erfolg. Ihr Arbeitgeber, der AWD, ist großzügig und hat Verständnis für das sportliche Engagement. Dort arbeitet sie im Sekretariat. 

Der Sport ist für Lily Anggreny zum wichtigen Teil ihres Lebens geworden. Angefangen hat alles, als sie nach Deutschland kam. Ihre Eltern, wohlhabende Geschäftsleute, begleiteten sie. Ein befreundeter Zahnarzt aus Sumatra hatte in Bochum studiert und ihnen die Stadt empfohlen. Die erste Erinnerung an Deutschland ist ein Sanitätshaus. "Das haben wir zuerst angesteuert, um für mich einen richtigen Rollstuhl zu kaufen", erzählt Lily Anggreny. Dann ging es zur Universität. Sie begann, Anglistik und Sinologie zu studieren und landete beim Rollstuhl-Basketball. "Ich musste mich entscheiden: Sport oder Studium", und sie lächelt verschmitzt. Steffi Graf sei reich geworden und habe nicht studiert, also wählte sie den Sport. "Ich bin damit nicht reich geworden, aber glücklich und selbstbewusst", sagt sie und die großen dunkelbraunen Augen in ihrem hübschen Gesicht strahlen. 

Elegant bewegt sie sich in ihrem Büro-Rollstuhl durch die Flure des modernen Bürokomplexes im Uni-Viertel. Eine selbstbewusste moderne Frau. Schon als Kind, später als Jugendliche hatte sie den Drang unter Leuten zu sein. "Ich wollte immer raus, wollte zu Freunden, etwas unternehmen." Aber das passte nicht zusammen mit der streng methodistisch-evangelischen Erziehung ihrer Eltern und ihrer Behinderung. In ihrem Heimatstädtchen im Landesinneren von Sumatra war eine Behinderung außergewöhnlich. Behinderte versteckten sich im Haus. Über einen holländischen Schulleiter hatte ihr Vater ihr einen Rollstuhl aus Holland einfliegen lassen. Als sie sich damit heraus traute, war klar, dass alle gucken würden, aber Lily Anggreny ließ sich nicht einschüchtern: "Ich dachte: die machen das einmal, zehnmal, vielleicht hundertmal, aber irgendwann guckt keiner mehr und dann habe ich gewonnen." 

Schon von ihrem Lehrer wurde sie als mutig bezeichnet. Der Schritt, alleine nach Deutschland zu gehen, belegt das. "ch war früher auch oft depressiv, aber der Sport hat mir sehr geholfen. Ich möchte, dass andere, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, auch etwas machen. Nicht nur warten, dass ihnen geholfen wird", sagt Lily Anggreny. Und lässt ihren Worten Taten folgen. Jeden Freitag trainiert sie mit behinderten Kindern in Langendreer. Sie selbst war als Kind immer mit nicht behinderten Kindern zusammen und meint, dass das die beste Hilfe war. "Ich empfand mich als Kind, nicht als Behinderte." 

"Gesunder Ehrgeiz gepaart mit großem Erfolg und sympathischer Ausstrahlung machen Lily Anggreny zu einem Vorbild nicht nur im Sport", heißt es anlässlich ihrer Auszeichnung mit dem Ehrenring der Stadt Bochum 2004.