Bürgerkonferenz tagte zur „Mobilität von morgen“

Graphic-Recording-Bild: Bürgerkonfernez 2019


Mobilität von morgen – zu einem Thema, das bewegt, haben sich über 400 Menschen am Samstag, 18. Mai, bei der diesjährigen Bürgerkonferenz ausgetauscht. Im Straßenbahndepot der BOGESTRA spielten und diskutierten sie Fortbewegungsmittel und -möglichkeiten von heute und vor allem von morgen für Bochum durch.
 

Bürgerkonferenz am 18. Mai 2019 +++ Foto: Lutz Leitmann / Stadt Bochum

Dazu hatte die Stadt 371 Bürgerinnen und Bürger eingeladen – statistisch für jede Bochumerin und jeden Bochumer stellvertretend einen. Gekommen sind 329 Gäste, eine hohe Zahl. „Es ist ein Thema, zu dem direkt jede und jeder eine Meinung hat“, eröffnete Oberbürgermeister Thomas Eiskirch, „und das wird nicht die selbe, nicht mal die gleiche sein. Die einen wünschen sich eine Radstadt, andere weiterhin eine Autostadt.“ Aufgabe der Stadt sei es jedoch, die vorhandene „Fläche“ möglichst gerecht, möglichst effizient und damit gut gemixt allen zur Verfügung zu stellen. Denn: Die Anforderungen an Mobilität wandeln sich mit der Zeit und mit dem Alter. „Wir sind von dem Thema alle ein Leben lang betroffen, aber nicht immer gleich“, unterstrich Thomas Eiskirch. Wer mit einem Kinderwagen unterwegs ist, hat eine andere Sicht auf Mobilität als Radfahrer oder Fahrgäste des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV).
 
Und unterwegs sind die Bochumerinnen und Bochumer viel: Zusammengezählt kommen sie täglich auf 9,7 Millionen Kilometer, ergab eine Studie der Stadt 2013. Umgerechnet sind dies 130 Erdumkreisungen am Tag oder 25 Mal der Weg zum Mond. Für die Stadt eine Dimension, die verpflichtet, sich mit der Mobilität von heute und von morgen auseinanderzusetzen. Das „Leitbild Mobilität“ – derzeit im Entwurf – zeigt, wie die Stadt den Mobilitätsmix der Zukunft mit weniger Emissionen schaffen möchte: mit breiteren und damit sicheren Gehwegen, mehr Mobilitätsstationen für Park & Ride und den Umstieg auf den ÖPNV, Radstreifen auf allen großen Ein- und Ausfahrtsstraßen, mit einem guten Flächennetz, Taktverdichtung und mobil verfügbaren Fahrplaninformationen bei Bussen und Bahnen. „Es geht uns um Lebensqualität – Bochum soll besser, grüner und lebenswerter werden“, übersetzte Stadtbaurat Dr. Markus Bradtke. „Wir verzichten bewusst auf ein Zielbild, das Verbote wie ein ,nicht mehr mit...‘ propagiert. Das ist nicht realistisch.“ Für den großen Wocheneinkauf am Freitag oder Samstag würden viele, gerade Familien, nach wie vor das Auto wählen wollen.
 
Dies ergab auch das Mobilitätsspiel zu den Alltagswegen, das die Gäste der Bürgerkonferenz in kleinen Gruppen in und neben den Straßenbahnen am Vormittag machten. „Ich nutze mein Auto nur, wenn ich große Sachen transportieren muss“, schilderte Marlies Nolte. Ansonsten ist die über 60-Jährige vorzugsweise mit ihrem Ticket 2000 unterwegs. Thomas Quinkert berichtete: „Es hängt viel an der persönlichen Situation.“ Für seinen früher nur drei Kilometer langen Weg zur Arbeit nahm er das Fahrrad. Seine Frau und er verkauften das Auto, kamen trotz zweier Kinder sieben Jahre ohne ein eigenes Auto aus. Stattdessen nutzten sie Fahrradanhänger und erste Car-Sharing-Angebote. „Doch dann bin ich von Bochum nach Dortmund versetzt worden und verliere seitdem täglich zwei Stunden Lebenszeit auf dem Weg zur Arbeit im Auto“, bedauerte der 60-Jährige. Mustafa Said Albayram verliert auch immer wieder Zeit, er ist auf das Semesterticket angewiesen. „Das gilt NRW-weit“, lobt der 22-jährige Student. „Die Anbindungen sind recht gut.“ Aber die Unpünktlichkeit im ÖPNV nervt ihn: „40 Minuten brauche ich zur Hochschule, wenn die Bahn pünktlich ist. Meist bin ich eine Stunde unterwegs, weil ich den Anschluss durch die Verspätung verpasse.“ Gemeinsam loteten die Gäste aus, unter welchen Bedingungen sie auf ein eigenes Auto verzichten könnten – und würden.
 
In zehn großen Vortrags- und Diskussionsforen zu Schlüsselthemen vertieften die Konferenzgäste dann am Nachmittag Möglichkeiten, Chancen und Hindernisse für eine Mobilitätswende. Dabei ging es unter anderem um „Shoppen und liefern lassen“, „in der Freizeit entspannt unterwegs sein“ oder „smarte Mobility“. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem städtischen Baudezernat lieferten den Input, standen Rede und Antwort, sammelten Anregungen und Kritik zu den Themen und Projekten.
 
Das für das Schlussplenum ausgewertete Klimaspiel zur Mobilität zeigte: Bei täglich durchschnittlich drei Wegen würden allein die Gäste der Bürgerkonferenz mehr als eine halbe Tonne schädlicher Klimagase einsparen, wenn sie vom Pkw auf andere Fortbewegungsmittel umstiegen (und somit statt 1.061 nur 400 Kilogramm CO2 pro Tag verbrauchten). Jährlich für Bochum hochgerechnet wäre dies eine Ersparnis von 330.000 Tonnen CO2 (statt 530.000 Tonnen CO2 nur noch knapp 200.000 Tonnen).
 
Die zudem ermittelte Umstiegsbilanz der Bürgerkonferenz ergab: Während 62 Prozent „heute“ mit dem Privat-Pkw unterwegs sind und nur 38 Prozent die Alternativen dazu nutzen, könnten sich 87 Prozent vorstellen, „morgen“ umzusteigen auf einen Mix aus Rad, Bus und Bahn oder „Schusters Rappen“ und nur noch selten ihr Auto zu bewegen. „Bei Letzterem steckt klar das Thema ,gut durchmischtes Wohnquartier‘ dahinter, wo ich alles gut zu Fuß erledigen kann – da sind wir bei unseren aktuellen Planungen bereits dran“, so Stadtbaurat Dr. Markus Bradtke. „Insgesamt eine überraschend hohe positive Umstiegsbilanz. Das ist ein großes Potenzial, das wir ausschöpfen können bei unseren Verkehrs- und Wohnbauplanungen.“
 
Mit dem Ende der dritten Bürgerkonferenz beginnt nun direkt die Ausarbeitung der Vorschläge und Hinweise aus den Themenforen. „Welche Ideen sind umsetzbar, wo können wir was im Kleinen ausprobieren, wie für die ganze Stadt umsetzen“, skizzierte Oberbürgermeister Thomas Eiskirch, der das Format für mehr Bürgerbeteiligung 2017 initiiert hatte. „Die Bürgerkonferenz ist ein Fundus von guten Ideen“, stellt er fest. „Daher wird es auch im nächsten Jahr wieder eine geben.“
 
Infomesse zur Bochum Strategie
Auf der Mittelachse der Konferenzhalle informierte die Stadt über die Bochum Strategie, mit der sie die Stadt bis 2030 zukunftsweisend und immer im engen Austausch mit den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren in Bochum weiterentwickeln möchte. Sie machte schon umgesetzte Vorschläge der begonnenen Entwicklung und aus vorherigen Bürgerkonferenzen sicht- und anfassbar: so ein Modell aus dem Programm „1.000 Bänke“ –nur ein Beispiel von vielen. Denn allein von den 560 Vorschlägen aus der Bürgerkonferenz 2018 sind schon 80 Prozent ausgewertet. 44 Prozent sind in Umsetzung, 41 Prozent in Prüfung, drei Prozent bereits in Planung und sechs Prozent in einem Ideenspeicher.    
 

Schau zu E-Mobilität
In den Pausen nutzen die Gäste die Möglichkeit, sich auf einer kleinen Messe über E-Mobilität in Bochum zu informieren. Dazu reihte sich in der Halle alles mit Rädern und einem „E“ davor aneinander: vom aktuell gehypten Scooter – dem elektrifizierten „Tretroller“ – über das futuristische Lastenfahrrad eines großen deutschen Automobilherstellers bis hin zum Lieferwagen. Sichtbar machte die Ausstellung auch, wie vielfältig bereits die Stadtverwaltung und ihre Tochtergesellschaften „unter Strom“ unterwegs sind: so etwa mit einem Kehrichtwagen des USB, Werkzeug-Transporter der BOGESTRA und Mini-Dienstwagen der Stadtwerke.

(27. Mai 2019)
 


Animationsfilm: Mobil in Bochum - wie sieht der beste Mix aus?

Mobilität von morgen - das war das Thema der Bürgerkonferenz 2019. Wie sieht ein fairer, klimafreundlicher und urbaner Verkehrsmix aus, welche Voraussetzungen braucht ein flexibles, einfach zugängliches und allen offenstehendes System? Animationsfilm auf YouTube liefert einige Ideen.