Grußwort von Oberbürgermeister Thomas Eiskirch zum 10-jährigen Jubiläum der neuen Synagoge

Vor zehn Jahren, am 16. Dezember 2007, wurde die neue Synagoge in Bochum eingeweiht. Anlässlich der Feierlichkeiten am Mittwochabend (20. Dezember 2017) hielt Oberbürgermeister Thomas Eiskirch ein Grußwort:
 

Sehr geehrter Herr Rabinovich,
sehr geehrter Herr Lehrer,

liebe Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

gemessen an 500 Jahre Reformation feiern wir heute einen sehr viel bescheideneren Jahrestag. Das schmälert jedoch nicht unsere Freude, denn der Anlass ist ebenso außergewöhnlich und bemerkenswert.

Wenn ich mich an die Einweihung der neuen Synagoge am 16. Dezember 2007 erinnere, dann erinnere ich mich zugleich daran, wie froh und wie stolz wir darauf waren - und es heute immer noch sind -, dass es wieder eine Synagoge in unserer Stadt gibt. Dieses Gotteshaus ist ein starkes Zeichen und Ausdruck für die Normalität jüdischen Lebens in unserer Mitte. Seine Einweihung war ein Ereignis, zu dem die Bürgerinnen und Bürger Bochums und der Region maßgeblich beigetragen hatten. Ihre beeindruckende Spendenbereitschaft unterstrich ihren Wunsch nach einer neuen Synagoge.

Seit 10 Jahren nun hat die jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen mit diesem Haus ein neues Zentrum und damit einen Mittelpunkt gefunden, der sich zu einem festen Bestandteil im kulturellen und religiösen Leben Bochums entwickelt hat.

Diesen bedeutenden Anlass feiere ich gerne mit Ihnen gemeinsam und begrüße dazu besonders unter uns die Landtagsvizepräsidentin Carina Gödecke sowie den ehemaligen Bundestagspräsidenten und "weiterhin Bochumer Jungen" Prof. Dr. Norbert Lammert. Beide waren damals auch schon bei der Einweihung dabei.

Meine Damen und Herren,

jüdisches Leben in Bochum ist wieder selbstverständlich: Wir feiern heute 10 Jahre Synagoge in unserer Stadt. Und dennoch ist es schwierig, im Angesicht aktueller Begebenheiten, die wir alle mit großer Sorge beobachten, so richtig in Feierlaune zu kommen. Immer noch gibt es Antisemitismus in unserer Gesellschaft. Und in den vergangenen 1 bis 1 ½ Jahren ist er in unterschiedlichen Formen wieder viel spürbarer geworden. Bundespräsident Steinmeier hat dazu am vergangenen Freitag in Berlin zum Auftakt des Jubiläumsjahres 2018 "70 Jahre Staatsgründung Israel" unter anderem gesagt, ich zitiere: " (…) Keinen lauten Antisemitismus, keinen leisen, keinen alten und keinen neuen dürfen wir in Deutschland hinnehmen – Antisemitismus darf keinen Platz haben in dieser Republik!" Soweit der Bundespräsident.

Ohne Zweifel: Völkisches Gedankengut hat weder in unseren Parlamenten, in unserer Stadtgesellschaft, in unserer Nachbarschaft, in unseren Schulen oder in unserer Arbeitswelt etwas zu suchen! Wer trotzdem so denkt, dem antworten wir als Demokratinnen und Demokraten mit großer Mehrheit: Wir nehmen Antisemitismus egal in welcher Form nicht hin! Das gilt gleichermaßen für Rechts- und Linksextreme und das gilt ebenso für radikale Muslime.

Wir verurteilen Beleidigungen und Angriffe auf jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger – egal, von wem sie ausgehen. Und wir sind betroffen und tief beschämt, wenn Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Bochum, Herne und Hattingen Angst haben, öffentlich eine Kippa zu tragen. Wir wollen nicht, dass jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger ihren Glauben verstecken. Wir wollen, dass sie ihn angstfrei und offen unter uns leben können.

Die Lektionen unserer Geschichte sind bindend für jedes Mitglied unserer Gesellschaft - egal, ob hier geboren oder zugewandert! Um nochmals den Bundespräsidenten zu zitieren: "Es gibt Dinge, die gehören zu Deutschland. Und dazu gehört die Verantwortung vor unserer Geschichte. (…) Diese Verantwortung kennt keine Schlussstriche, nicht für Nachgeborene und auch nicht für diejenigen, die später hinzugekommen sind. Sie ist unverhandelbar – für alle, die in Deutschland leben und hier leben wollen!"

Meine Damen und Herren,

nach Kriegsende sind Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens nach Bochum zurückgekehrt, obwohl sie hier so unendlich viel Leid erfahren hatten. Zu ihnen gehörte der vor vier Jahren verstorbene Alfred Salomon. Zusammen mit anderen Überlebenden wirkte er maßgeblich daran mit, die jüdische Gemeinde in unserer Stadt wieder aufzubauen.

Zur Eröffnung der Synagoge äußerte Alfred Salomon seine Hoffnung, dass alles gut gehen möge. Seine Hoffnung wird uns immer eine Verpflichtung sein. Wenn jüdisches Leben heute wieder einen festen Platz in der Mitte der Stadt hat, der insbesondere auch junge Mitbürgerinnen und Mitbürger zur Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte einlädt, dann ist das mit ihm zu verdanken.

Diese Synagoge ist nicht nur Gebetshaus und Gemeindezentrum, sondern zugleich eine Begegnungsstätte für alle - Juden wie Nicht-Juden. Davon zeugen z. B. die vielen Konzerte und Lesungen, aber auch viele weitere Aktivitäten, die hier nahezu täglich Brücken zwischen den Menschen bauen, und deren Akzeptanz Mut macht. Dazu zählen nicht zuletzt die Sommerfeste oder das angeschlossene Restaurant "Matzen".

Ich wünsche mir für die Zukunft in unserer Stadt, dass unsere Gemeinschaft sich weiter verfestigt und wir weiterhin in gegenseitiger Achtung, Toleranz und guter Nachbarschaft sorgen- und angstfrei zusammenleben.

Ihnen allen ein herzliches Schalom.
Oberbürgermeister Thomas Eiskirch